Der Keep ist der Hauptturm einer mittelalterlichen Burg des englischen Kulturkreises, der Wohn- und Wehrfunktion miteinander vereinigt. Seine kontinentale Entsprechung ist der französische Donjon.

Bezeichnung Im Mittelalter wurden die großen Haupttürme der englischen Burgen schlicht als tower (Turm) bezeichnet, der Begriff keep wurde erst später auf diesen Bautypus angewandt. Keep stammt wie zahlreiche andere Begriffe der Burgenkunde in dieser Form aus dem 19. Jahrhundert. Die moderne englische Forschung geht zunehmend dazu über, die großen Haupttürme der heimischen und kontinentaleuropäischen Burgen wieder mit der historisch belegbaren Bezeichnung great tower anzusprechen. Auch die französische Forschung bevorzugt mittlerweile den Terminus tour maîtresse zur Benennung eines Hauptturmes einer Burganlage. Besonders in der populärwissenschaftlichen Literatur hat sich dieser Wandel jedoch noch nicht durchgesetzt.

Der anglonormannische und englische Wohnturm mini|Der Keep von Orford Castle

Während der normannischen Invasion des angelsächsischen Englands ab 1066 wurden neben zahlreichen hölzernen Turmhügelburgen, den sogenannten Motten, auch die ersten großen steinernen Wohn- und Wehrtürme des französischen Donjontyps auf der Insel errichtet. Da auch die weitere Entwicklung des englischen Lehnswesens große Gemeinsamkeiten mit französischen Verhältnissen aufwies, kam es hier wie dort zu einer ähnlichen Entwicklung der Adelsburg. Die großen Burganlagen waren fast immer ungeteilt in der Hand einzelner, mächtiger Feudalherren oder des Königs. Die Anlagen dienten meist als Garnisonsburgen, hatten also eine relativ zahlreiche Besatzung und dementsprechende Ausmaße. Kern dieser „Ritterkasernen“ war meist der Keep. Das Innere des Turmbaus beherbergte eine repräsentative, oft zweistöckige Halle, die dem Burgherrn und seinen Rittern als komfortabler Wohnraum diente. Die aufwändige Innenausstattung und seine monumentale Außenwirkung machten den Keep zu einem wichtigen Statussymbol.

Es kommen sowohl rechteckige als auch runde Grundrissformen vor. Eine für den englischen Keep besonders charakteristische Form hat einen gedrungenen, kubischen Baukörper über quadratischem Grundriss und wird von vier schlanken Ecktürmen flankiert (beispielsweise in Rochester Castle). Die Ausmaße dieser Haupttürme übertreffen – entsprechend ihrer französischen Vorbilder – die der mitteleuropäischen Bergfriede häufig. Vor allem nehmen sie in der Regel aufgrund ihres Innenausbaus eine wesentlich größere Grundfläche ein. Der fortifikatorische Wert der Keeps und Donjons wird in der modernen Burgenforschung unterschiedlich bewertet.

Eine besondere Form des Keeps ist der shell keep (eng. shell = Hülle), ein Keep mit einem offenen kleinen Innenhof, vergleichbar den mitteleuropäischen Mantelmauerburgen. Ein solcher shell keep ist beispielsweise der Kernbau der Königsburg Windsor Castle. Wie die meisten anderen shell keeps (shell enclosures) wurde auch dieser Wehrbau auf einem älteren Turmhügel errichtet. Solche Anlagen wurden ursprünglich nur selten dauerhaft bewohnt, sie dienten eher als Zitadellen innerhalb einer Burganlage. Während die shell keeps in Windsor und Durham später weitgehend verändert wurden, haben sich besonders in Restormel, Carisbrooke und Berkeley Castle typische Vertreter dieser Sonderform erhalten.

Kleinere Keeps mit einem Durchmesser von bis zu 10 Metern werden in der Fachliteratur gelegentlich als solar keeps bezeichnet.

Ein Keep liegt meistens im Inneren oder am Rand der Kernburg. Ein stark befestigtes Torhaus wird von einigen Autoren auch als gate keep bezeichnet. Solche Torhäuser waren vor allem im 13. Jahrhundert verbreitet, z. B. in Harlech Castle. In seltenen Fällen steht der Hauptturm außerhalb der Kernburg, etwa in Flint Castle und Raglan Castle.

Entwicklung mini|Belegt die Ableitung des englischen keeps vom normannischen Donjon: Der Donjon der Burg Chambois (Normandie) mini|links|Gilt als ältester keep bzw. great tower der Britischen Inseln: Der Kernbau von Colchester Castle (Essex) mini|Der shell keep der Burg von Restormel (Cornwall) mini|Goodrich Castle (Herefordshire) mini|hochkant|Die in den White Tower zu London integrierte St-Johns-Kapelle mini|Wurde ursprünglich ohne Keep angelegt: Die Burg Ludlow (Shropshire). Neben dem Tor erhebt sich das nachträglich ausgebaute gatehouse

Während der normannischen Invasion Englands wurden die kontinentalen Befestigungskonzepte auf die Insel übertragen. Die hölzernen Aufbauten der zahlreichen Turmhügelburgen wurden teilweise bereits in der Normandie vorgefertigt und mussten nur noch zusammengebaut werden.

Die ersten steinernen Wohntürme des französischen Donjontyps entstanden als königliche Stützpunkte und Residenzen. Wilhelm der Eroberer begann bereits kurz nach der Eroberung Englands mit dem Bau des White Tower (um 1078) in London. Dieser frühe Keep blieb für etwa 100 Jahre das richtungweisende Vorbild für zahlreiche Nachfolgebauten. Noch etwas älter ist der Keep in Colchester (Essex, um 1076). Als älteste Steinburg der britischen Hauptinsel gilt allerdings Chepstow Castle (Monmouthshire), deren Baubeginn auf etwa 1067/71 datiert wird. Hier erlaubte der König einem seiner wichtigsten Gefolgsleute, William FitzOsbern, eine repräsentative befestigte Halle zu errichten.

Die frühen königlichen Keeps Englands veranschaulichen die Funktion dieser frühen Steintürme: Sie dienten als Stützpunkte königlicher Macht und signalisierten der einheimischen Bevölkerung, dass die Normannen eine dauerhafte Herrschaft über die Insel anstrebten. Wie ihre kontinentalen Gegenstücke, die Donjons Frankreichs, vereinigten die monumentalen Bauwerke wehrtechnische Aspekte mit praktischen und repräsentativen Funktionen. Die Abmessungen sind dementsprechend: Der Keep in Colchester wurde über einer Grundfläche von 46 × 33,5 Metern errichtet und war ehemals etwa 27 Meter hoch. Der White Tower in London ist mit 36 × 32,6 Metern etwas kleiner, war aber in etwa gleich hoch.

Die frühen englischen Wohntürme wurden oft durch Zwischenwände in zwei oder mehrere große Räume unterteilt, so dass etwa die Halle, die Privaträume (solar) des Burgherren und ein Kapellenraum auf der gleichen Ebene lagen.

Der höhere normannische Adel begann etwas später damit, die hölzernen Palisaden um die Plateaus der Motten durch steinerne Ringmauern zu ersetzen. Im Zentrum dieser einfachen shell keeps bzw. shell enclosures standen anfangs weiterhin Holzbauten, die später mit steinernen Wohntürmen überbaut wurden, oder an die Mantelmauer wurden rückwärtig Gebäude angebaut. Noch vor dem Jahr 1000 entstanden auch die ersten steinernen Ringmauern um die Vorburgen der alten Holz-Erde-Burgen. Nach dem Ausbau ihrer Burgen versuchten einige der normannischen Barone gegen die Königsmacht zu rebellieren.

Im Domesday Book (1086) werden etwa 60 normannische Burgen erwähnt. Tatsächlich dürfte es damals bereits wesentlich mehr Anlagen gegeben haben. Ungefähr die Hälfte aller in diesem Grundbuch genannten Burgen war unter königlicher Kontrolle. Diese Stützpunkte wurden oft an der Stelle der sächsischen burghs errichtet, die wiederum die einheimische Bevölkerung vor den Angriffen dänischer Wikinger schützen sollten.

Einige moderne Burgenforscher interpretieren die Burgen, Donjons, Keeps und auch Bergfriede Europas heute mehr als Macht- und Statussymbole denn als Wehrbauten. Gerade die englischen Verhältnisse zeigen aber, dass sie auch konkreten militärischen Zwecken zu dienen hatten. Im normannischen England kam es nur zu wenigen offenen Feldschlachten mit den nach mehr Unabhängigkeit strebenden Baronen, allerdings zu zahlreichen Belagerungen ihrer und der königlichen Burgen.

Ebenso wird die Funktion der europäischen Keeps, Donjons und auch Bergfriede als letzte Zuflucht bei Belagerungen angezweifelt. Besonders ab dem 13. Jahrhundert entstanden in England einige Burgen, die vollständig auf den great tower als Macht- und Statussymbol verzichten. Andere Autoren gehen deshalb davon aus, dass man absichtlich der Burgbesatzung keinen Rückzugsort zur Verfügung stellen wollte, da sie sonst nicht mehr gezwungen gewesen wäre, die gesamte Burg mit vollem Einsatz zu verteidigen. Dieses Fehlen eines Keeps lässt sich bereits im frühen normannischen Burgenbau beobachten Ludlow (Shropshire), Richmond (North Yorkshire). In Ludlow wurde das gatehouse (Torhaus) erst nachträglich zum great tower ausgebaut.

Ein bis heute erhaltenes Dokument eines – erfolglosen – Rückzuges in einen great tower ist der runde Eckrisalit des Keeps der Burg Rochester (Kent). König Johann Ohneland belagerte hier 1215 während des First Barons War ein Kontingent Aufständischer. Die Rebellen verließen sich auf Entsatz aus der Hauptstadt London und verschanzten sich deshalb im Turm. Der König konnte die Straßenverbindungen zur Burg blockieren und so das Eintreffen der gegnerischen Truppen verhindern. Auch die städtische Brücke über den Medway wurde deshalb niedergebrannt. Ein Ausfall der Besatzung unter der Führung Robert Fitzwalters blieb erfolglos. Schließlich befahl Johann die Unterminierung des Hauptturmes, dessen stadtseitige Ecke zum Einsturz gebracht werden konnte. Später reparierte man die Beschädigungen in zeitgemäßen Formen. Die übrigen Turmecken werden deshalb noch durch die ursprünglichen rechteckigen Risalite verstärkt.

Wie in Frankreich wurden die ersten Steintürme Englands und auch Irlands über quadratischen oder rechteckigen Grundrissen angelegt und entsprechen ihren kontinentalen Vorbildern noch stärker als spätere Bauten. Der erste runde great tower Englands hat sich nur als Fundament erhalten. Der Durchmesser dieses Rundturmes bei New Buckenham (Norfolk) betrug 20 bis 21,5 m. Einige Autoren meinen, die runde Form sei gewählt worden, um den Türmen höhere Stabilität gegen Unterminierungsversuche zu verleihen oder den Einsatz von Belagerungsmaschinen zu erschweren. Allerdings wurden quadratische oder rechteckige Haupttürme noch bis ins 15. Jahrhundert errichtet. Wahrscheinlich spielten hier andere Gesichtspunkte eine Rolle, etwa die Beschaffenheit des lokalen Steinmaterials oder der persönliche Geschmack der Bauherren. Auch die wenigen polygonalen Keeps entstanden wohl eher aus persönlichen Vorlieben der Auftraggeber.

Der bekannteste englische Keep ist der, allerdings in späterer Zeit stark veränderte, White Tower in London. Die regionale Sonderentwicklung des normannischen Donjontyps zeigt sich hier besonders deutlich. In den Turm ist als besonderer Bauteil die „St.-Johns-Kapelle“ einbezogen. Der Keep vereinigt also im Gegensatz zur Einraumdisposition der meisten französischen Donjons eine repräsentative Halle, Wohnräume und die Kapelle in einem Baukörper. Eine ähnliche Konzeption zeigt etwa auch der größere, um 1090 entstandene Keep in Colchester (Essex). Hier wurden mehrere große Zimmer um die zentrale Halle gruppiert.

Diese Sonderentwicklung dürfte auf normannische Besonderheiten in der Raumaufteilung zurückzuführen sein. Bereits der auf 1123 datierbare Donjon der Burg von Falaise (Département Calvados) zeigt die Erweiterung des Hauptraumes im Obergeschoss durch Gänge und Abseiten, die hauptsächlich in den Ecken lagen. Vor 1189 entstand auch der Donjon von Chambois (Département Orne), der ebenfalls kleine Nebenräume besaß. Diese Bauideen wurden nach der Invasion offenbar nach England importiert und dort weiterentwickelt.

Da die Halle und die Gemächer meist im selben Geschoss lagen, entwickelte sich der sogenannte hall keep, ein breit ausladender und relativ niedriger Wohnturm. Hierdurch konnten alle Ansprüche einer repräsentativen adeligen Palastwohnung mit den notwendigen wehrtechnischen Erfordernissen vereint werden.

Wales mini|Der runde keep der walisischen Burg Pembroke mini|Skenfrith Castle