mini|Stolperstein für Erna Leonhard mini|Rezitationsabend 1937
Erna Feld, geborene Erna Edna Hirschfeld, verheiratete Leonhard (geboren 23. Juni 1893 in Werl; gestorben wahrscheinlich 13. März 1943 in Auschwitz), war eine deutsche Rezitatorin, Hörfunkautorin und Schauspielerin. Sie trat unter dem Künstlernamen Erna Feld auf, ab 1936 wird sie unter dem Namen Erna Leonhard, auch Leonhard-Feld oder Leonhard (Feld), geführt. In der Zeit der Weimarer Republik war sie an Rezitationsabenden und Hörfolgen beteiligt. Ihr Name ist heute vor allem wegen ihrer Dichterlesungen im Jüdischen Kulturbund und anderen jüdischen Organisationen bekannt, die sie während der Zeit des Nationalsozialismus abhielt, unter anderem mit Gedichten von Gertrud Kolmar und Nelly Sachs, mit denen sie auch persönlich befreundet war. Erna Feld wurde als Jüdin nach Auschwitz deportiert und ermordet, ein Stolperstein erinnert heute an sie.
Leben Erna EdnaZweiter Vorname nach dem Gedenkbuch des Bundesarchivs: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945, online. Hirschfeld kam aus einer jüdischen Familie. Ihr Vater war der Lehrer und Kantor der jüdischen Gemeinde in Werl, Robert Hirschfeld (1871–1937), ihre Mutter hieß Henriette, geborene Gutfeld (1868–1944). Sie hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester namens Lucia (1895–1955) und einen 16 Jahre jüngeren Bruder, der Hans Hermann hieß (1909–1996). 1897 wurde Robert Hirschfeld wegen einer schweren Augenkrankheit, die zur fast völligen Blindheit führte, von der jüdischen Gemeinde entlassenDiese Angabe Hans Hermann Hirschfelds lässt sich bestätigen durch Rudolf Preising: Zur Geschichte der Juden in Werl. Nachrichten aus dem Werler Stadtarchiv, Heft 1. Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1971, S. 48. Online. und die Familie zog nach Berlin, wo Hirschfeld, der dort das Lehrerseminar besucht hatte, alte Bekannte hatte und sich bessere Chancen für eine Berufstätigkeit erhoffte.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story. 1996. Verfügbar online auf der Seite des Center for Jewish History, S. 3.
Erna Hirschfeld besuchte in Berlin die Jüdische Mädchenschule und ging danach auf eine Handelsschule, wie es ihr Vater verlangt hatte. Dort lernte sie unter anderem Maschineschreiben und Stenografie. Ihr Wunsch war es jedoch, Schauspielerin zu werden, und nach dem Abschluss der Handelsschule konnte sie eine Schauspielschule besuchen. Sie hatte daraufhin auch einige Engagements und nahm für ihre Schauspiel- und Rezitationstätigkeit den Künstlernamen Erna Feld an.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 12–13.
1922 wurde Erna Feld schwanger und bekam am 5. April 1923 in Wernigerode einen Sohn, den sie Leonor nannte. Nach den Erinnerungen ihres Bruders war der Vater des Kindes ein Schriftsteller namens Rudolf Leonhard, der sie auch heiratete – gemäß Hans Hermann Hirschfeld auf starken Druck ihres Vaters hin –, es kam aber bald wieder zur Scheidung. Eine Identität mit dem Autor und Lektor Rudolf LeonhardAngenommen etwa auf der Seite der Stolperstein-Initiative Eichkamp: Erna Leonhard, Leonor Leonhard. Gestützt wird diese Angabe durch die computergenealogische Datenbank GEDBAS, vgl. die Einträge zu Rudolf Leonhard und Erna Hirschfeld; hier heißt es, dass die Ehe am 23. Juli 1923 geschlossen und am 3. November 1927 geschieden wurde. Belege dafür sind jedoch nicht angegeben. ist möglich, bislang aber nicht abzusichern. So wird diese Ehe in den spärlichen biografischen Schriften zu diesem Schriftsteller nicht erwähnt,Wolfgang Emmerich erwähnt im Artikel Leonhard, Rudolf der Neuen Deutschen Biographie, online, eine gesicherte und eine vermutete Ehe, beide jedoch zu anderen Zeiten und mit anderen Frauen. und das Biographische Lexikon der Theaterkünstler führt den Vornamen und die Identität des Ehepartners als unbekannt.Feld, Erna. In: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Hansjörg Schneider, Henning Rischbieter (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933-1945. Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1: A–K. Saur, München 1997, S. 239. Jedenfalls aber trug Leonor den Familiennamen seines Vaters, hieß also Leonor Leonhard. Das Geld, das Erna Feld mit Schauspielerei, Rezitation und Hörfunkbeiträgen verdiente, genügte nach den Erinnerungen ihres Bruders nicht zum Lebensunterhalt, obwohl sie wieder bei den Eltern eingezogen war. Sie nahm daher auf der Basis ihrer Handelsschulausbildung Sekretariatsarbeiten an.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 13–14.
In der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete Feld als Sekretärin, zunächst bei der Selbsthilfegruppe der jüdischen Blinden in Deutschland, einer nach der Ausstoßung der Juden aus dem Reichsdeutschen Blindenverband entstandenen Organisation, in der ihr Vater Leitungstätigkeiten ausübte. Ihre letzte Stelle war bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Diese Tätigkeiten ermöglichten es ihr auch, in Berlin-Westend, zuletzt in der Siedlung Eichkamp, eine kleine Wohnung für sich und Leonor zu mieten,Stolperstein-Initiative Eichkamp: Erna Leonhard, Leonor Leonhard. Online. als die Eltern 1933 in eine kleinere Wohnung umziehen mussten.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 14, S. 48–49, S. 70.
1937 starb ihr Vater Robert Hirschfeld. Im September 1942 wurde ihre Mutter Henriette Hirschfeld nach Theresienstadt deportiert; sie verhungerte dort im Januar 1944. Erna Leonhard musste im November 1940 mit ihrem Sohn in ein sogenanntes Judenhaus in der Gervinusstraße 20 (Berlin-Charlottenburg) umziehen.Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.: Zwangsräume. Gervinusstr. 20. zwangsraeume.berlin. Am 12. März 1943 wurde sie mit den meisten verbliebenen Angestellten der Reichsvereinigung nach Auschwitz verbracht, zusammen mit ihrem Sohn Leonor. Wahrscheinlich gleich nach der Ankunft am 13. März 1943 wurden sie und ihr Sohn in der Gaskammer ermordet.Stolperstein-Initiative Eichkamp: Erna Leonhard, Leonor Leonhard. Online. Der Ankunftstag lässt sich bestimmen nach dem Eintrag von Yad Vashem: Transport 36 from Berlin, Berlin (Berlin), City of Berlin, Germany to Auschwitz Birkenau, Extermination Camp, Poland on 12/03/1943. Gudrun Dähnert, eine Freundin von Nelly Sachs, erinnerte sich: „Als sie abtransportiert wurde, warf sie eine Karte aus dem Fenster, die uns erreichte. Es stand darauf: ‚Wir fahren, aber die Sonne scheint‘.“Gudrun Dähnert: Wie Nelly Sachs 1940 aus Deutschland entkam. Mit einem Brief an Ruth Mövius. In: Sinn und Form, Jg. 61 (2009), Heft 2, S. 226–257, hier: S. 237. Hans Hermann Hirschfeld erwähnte, dass Leonor eine Postkarte an „Onkel Albert in Leipzig“ habe schreiben können, aber dann nichts mehr.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 78. Ernas Schwester Lucia war mit ihrem Mann nach Meran gezogen. Sie zog sich in die Schweiz zurück, als die Wehrmacht auch Italien besetzte, und wanderte später in die USA aus. Ihr Bruder Hans Hermann wurde 1943 nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert, überlebte beide Lager und emigrierte in die USA.Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 63–64 (die Schwester in Meran); S. 68 (Tod des Vaters); S. 76 (Deportation der Mutter); S. 78 (Deportation von Erna); S. 80 (Deportation des Bruders nach Theresienstadt); S. 95 (Tod der Mutter); S. 98 (Deportation des Bruders nach Auschwitz); S. 140 (Auswanderung des Bruders); S. 155 (Auswanderung und Tod der Schwester).
Werk und Rezeption In mehreren Einträgen in Kürschners Deutschem Literatur-Kalender von 1930 bis 1937/1938 unter dem Namen „Leonhard, Erna (Pseudonym Erna Feld)“ wird die Tätigkeit Felds zusammengefasst als „Schauspielerin, Rezitatorin, Lehrerin für Schauspiel- und Vortragskunst“ sowie „Funkautorin“; 1939 ist ihr Name verschwunden.Siehe Jg. 45 (1930), Sp. 723; Jg. 46, Sp. 820; Jg. 47 (1934), Sp. 485; Jg. 48 (1937/1938). Die Bezeichnung als „Funkautorin“ findet sich erst in Jg. 48. Für die Weimarer Republik lassen sich diese Tätigkeiten einigermaßen dokumentieren, in der Zeit des Nationalsozialismus ist nur noch Rezitation belegt.
Kaiserreich und Weimarer Republik Über Erna Felds Tätigkeit als Schauspielerin in der Weimarer Republik ist wenig bekannt. Das Biographische Lexikon der Theaterkünstler nennt ein Engagement im Berliner Luisentheater während des Ersten Weltkriegs sowie eines für 1931/1932 an der Gastspielbühne Berliner Volkstheater. Ihr Bruder erinnert sich an weitere Engagements an Theatern in Gleiwitz und Ratibor.Feld, Erna. In: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Hansjörg Schneider, Henning Rischbieter (Hrsg.): Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933-1945. Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1: A–K. Saur, München 1997, S. 239; Hans Hermann Hirschfeld: My Life Story, S. 13.
Wesentlich besser dokumentiert ist ihre Tätigkeit als Rezitatorin. Bereits 1922 las sie auf einem Vortragsabend Gedichte von Henriette Hardenberg.Henriette Hardenberg: Dichtungen, hrsg. von Hartmut Vollmer. Arche, Zürich 1988, S. 158 und 176 (Herausgeberkommentar). An der von Franz Konrad Hoefert begründeten Reihe „Junge Dichter vor die Front!“ (ab 1922), die dem Publikum noch ungedruckte Werke lebender Dichter zugänglich machen sollte,Zu dieser Reihe siehe Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, Jg. 45 (1930), Literarische Vereine und Stiftungen, Sp. *250. war sie beteiligt, etwa mit einem „Brecht-Abend“ 1924, dessen Thema Hoefert und Feld allerdings kurzfristig ändern mussten; sie füllten den Abend mit „Werken anderer junger Dichter“.Vossische Zeitung, 15. Dezember 1924, S. 2, online; Werner Hecht: Brecht-Chronik. Suhrkamp, Frankfurt 1997, S. 179. Feld selbst gründete und leitete die Vortragsreihe „Mündliche Buchkritik“.Kürschners Deutscher Literatur-Kalender, Jg. 45 (1930), Sp. 723 sowie die folgenden Jahrgänge. Dort hielt beispielsweise 1927 Arnold Zweig einen Vortrag über Bertolt Brechts Hauspostille und Lion Feuchtwangers Pep, Erna Feld rezitierte Szenen aus Brechts und Feuchtwangers Bühnenwerken, und Guido K. Brand stellte Neuerscheinungen vor.-ei-: Mündliche Buchkritik. In: Vossische Zeitung vom 18. November 1927, Beilage „Das Unterhaltungsblatt“. Online. Bei einer weiteren Veranstaltung der Reihe im Jahr 1930 rezitierten Hoefert, Feld und Leo Menter unter anderem Texte von Feuchtwanger, Ernest Hemingway, Heinrich Mann, Joseph Roth und Elizabeth Russell. Es sprachen Guido K. Brand und Heinz Stroh.Ankündigung in Die Weltbühne, 26. Jg. (1930), Nr. 50 (9. Dezember), S. 886, online. 1931 las Feld „Poesie gefangener Menschen – Prosa des Strafvollzugs“, ebenfalls in der Weltbühne angekündigt.Die Weltbühne, 27. Jg. (1931), Nr. 9 (3. März), S. 335. Online. Dazu kamen zahlreiche Auftritte bei Veranstaltungen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die sich seit 1925 in Ankündigungen und Berichten der CV-Zeitung nachweisen lassen, unter anderem bei einem „Tag der Frauen“ im Januar 1925.Ein Tag der Frauen, CV-Zeitung vom 23. Januar 1925, S. 64. Die CV-Zeitung ist vollständig digitalisiert und in der Judaica-Sammlung der Universität Frankfurt aufruf- und durchsuchbar.