mini|Die Moritzkirche (gelb markiert) auf einem Plan von Spandau 1728 mini|Das Gebäude von Süden vor dem Abriss, 1920

Die Moritzkirche war ein Kirchengebäude in Spandau. Es wird 1461 erstmals erwähnt, war aber sicher älter und wird in neueren Forschungen als möglicherweise älteste Kirche auf dem heutigen Berliner Stadtgebiet angesehen, die um das Jahr 1200 entstanden sein könnte.Maritta Tkalec: Womöglich Berlins ältestes Gotteshaus. Funde im Zuge der Altstadtsanierung in Spandau legen eine Neubewertung der Kirche des Heiligen Mauritius nahe. In: Berliner Zeitung, Nr. 220, 21. September 2020, Seite 8.Maritta Tkalec: Sensationsfund in Spandau. Archäologen finden Fundamente aus der Gründungszeit Berlins um 1200. Die vergessene Moritzkirche erinnert an den Kult um den Heiligen Mauritius, einen „Mohren“. In: Berliner Zeitung, Nr. 129, 7. Juni 2023, Seite 3. Seit 1806 wurde das Gebäude als Kaserne genutzt, bis es 1920 abgerissen wurde. Die Kirche trug das Patrozinium des heiligen Mauritius. Sie lag zwischen dem südlichen Ende der Jüdenstraße und der Stadtmauer, heute Viktoriaufer.

Geschichte Entstehungszeit Die Entstehungszeit der Kirche ist unter Historikern umstritten. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts suchte das Erzstift Magdeburg seine Macht im Gebiet östlich der Elbe weiter auszudehnen. In dieser Zeit gab es eine verbreitete Verehrung des heiligen Mauritius; der Heilige war Schutzpatron des Erzbistums Magdeburg, und der Magdeburger Dom trägt das Mauritius-Patrozinium. So nehmen die Historiker mittlerweile (Stand: Juni 2023) an, dass in Spandau eine Kirche zu Ehren von Mauritius gebaut wurde. Spandau war damals eine bedeutende Handelsstadt. Die Kirche wird im Zusammenhang mit anderen historischen Quellen als „Zeichen der frühen Missionsbestrebungen der Magdeburger in der Mark Brandenburg gedeutet.“

Eine erste gesiegelte Urkunde über die Existenz der Kirche stammt aus dem Jahr 1461, als der Presbyter Martinus Brunne aus seinem väterlichen Erbteil einen neu erbauten Altar zu Ehren der Jungfrau Maria und der Heiligen Andreas, Laurentius und Antonius in der Kirche zu St. Mauritii stiftete, an der er selber Kleriker war.Text der Urkunde: „pro fundatione et dedicatione cuisdam novi altaris sub vocabulo et honore gloriose virginis Marie, genitricis dei, sancti Andree, apostoli, sancti Laurentii, martiris, et beati Anthonii, confessoris, in loco ecclesie parochialis sancti Mauritii opidi Spandow iam constructi“, nach Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Köln / Weimar / Wien 1996, S. 85 Anm. 31.Joachim Pohl weist darauf hin, dass Otto Kuntzemüller (Urkundliche Geschichte der Stadt und Festung Spandau. 1881, Nachdruck 1928/29, S. 247.) und Hans-Herbert Möller (Die ehemalige Moritzkirche in Spandau. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 15. Band, Berlin 1962, S. 59–70, hier S. 63) eine 1640 geschriebene Übersetzung der Urkunde durch den Spandauer Prediger Christian Schnee zu Grunde legen, wo das „neu erbaut“ fälschlicherweise auf die Kirche und nicht auf den Altar bezogen ist. Wie schon oben dargestellt, liegen die Anfänge des Kirchengebäudes jedoch sicherlich früher. Hans-Herbert Möller hält es für möglich, dass ursprünglich nur der östliche Teil bestanden haben könnte, der Anfang oder Mitte des 15. Jahrhunderts nach Westen auf die doppelte Größe erweitert wurde.Hans-Herbert Möller: Die ehemalige Moritzkirche in Spandau. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 15. Band, Berlin 1962, S. 59–70, hier S. 64.

Die Kirche wird in Quellen der Jahre 1461, 1500 und 1543 auch „ecclesia parochalis“ ‚Pfarrkirche‘, „alte“ oder „gewesene Pfarrkirche“ genannt; für Joachim PohlDas Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Köln / Weimar / Wien 1996, S. 86. wird in diesen Dokumenten „die Erinnerung an diesen vergangenen Zustand“, dass St. Moritz als Pfarrkirche gedient hatte, „bewußt gepflegt“. Frühere Quellen sind nicht bekannt, so dass eine Beurteilung sehr schwierig ist. Unter Historikern ist umstritten, ob es sich um die älteste Pfarrkirche Spandaus, eine zweite Pfarrkirche neben der St.-Nikolai-Kirche oder um eine Klosterkirche des Benediktinerinnenklosters gehandelt hat. Eine Funktion als Klosterkirche setzt voraus, dass das 1239 gegründete Nonnenkloster, das außerhalb der Stadtmauern unmittelbar südlich am später so genannten „Potsdamer Thor“ lag, ursprünglich im Westen nahe dem mittelalterlichen Stadtkern gebaut worden sei; als es nach Stadterweiterung und Bau der Stadtmauer von 1319 innerhalb des Mauerrings zu liegen kam, sei es in den Süden verlegt worden, weil es wegen der Ordensregeln außerhalb der Stadt liegen musste. Somit stamme die Moritzkirche als Klosterkirche am ursprünglichen Ort des Klosters aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Diese These wurde von Albert LudewigAlbert Ludewig: Betrachtungen zu Merians Stadtbildern in baugeschichtlicher Hinsicht unter besonderer Berücksichtigung des Stiches ‚Die Stadt vnd Festung Spandow‘. In: Monatsblätter der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, 48. Jahrgang (1943), S. 17–25. vertreten, wird aber von Hans-Herbert Möller entschieden bezweifelt, der eine Entstehung des Gebäudes gegen Ende des 14. Jahrhunderts annimmt, und zwar nicht als Klosterkirche.Hans-Herbert Möller: Die ehemalige Moritzkirche in Spandau. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 15. Band, Berlin 1962, S. 59–70, hier S. 60–64. Gunther Jahn hält einen Bau der Kirche am Anfang des 15. Jahrhunderts für „sehr wahrscheinlich“.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 187–193, hier S. 187.

Joachim Pohl hält ebenfalls die These Ludewigs für verfehlt, da bereits 1251 eine eigene Klosterkirche mit dem Patrozinium der heiligen Maria (und nicht des heiligen Mauritius) schriftlich genannt wird, die beim Kloster südlich der Stadt lag. Er geht von einer noch früheren Entstehungszeit der Moritzkirche aus, nämlich dem 13., womöglich schon dem 12. Jahrhundert, und sieht in St. Mauritius die erste Pfarrkirche Spandows nach der Christianisierung. Die Christianisierung ging in der slawisch-deutschen Übergangszeit der Mark Brandenburg vom Erzstift Magdeburg aus und brachte die Mauritius-Verehrung mit sich, wie etwa auch in Mittenwalde und Jüterbog. Um das Jahr 1240 übertrugen die Benediktinerinnen, so Pohl, den Status der Pfarrkirche auf die von der Spandauer Bürgerschaft wieder hergerichtete Marktkirche (ecclesia forensis) St. Nikolai, um der Bürgerschaft die Entwicklung dieser zu einer repräsentativen Stadtkirche mit Pfarrrechten zu ermöglichen, und die Moritzkirche wurde zur Nebenkirche. Jedenfalls ist in einer Urkunde von 1323 St. Nikolai als einzige Spandauer Pfarrkirche bezeugt. Der Küster von St. Nikolai versorgte die Moritzkirche mit und erhielt dafür jährlich 24 Groschen. Die Kirchenvorsteher der Moritzkirche waren ausweislich mehrerer Urkunden aus dem 15. und 16. Jahrhundert vermutlich identisch mit denen der Nikolaikirche und gehörten gleichzeitig dem Stadtrat an.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Köln / Weimar / Wien 1996, S. 87–91, 399 f. (Küster und Vorsteher), 561 (Marienpatrozinium der Klosterkirche).

Ein Zusammenhang mit dem Benediktinerinnenkloster bestand darin, dass die Äbtissin das Kirchenpatronat über die Kirchen in Spandau und Umgebung hatte, die Verantwortung für die Gottesdienste trug und somit die Vorgesetzte der Pfarrer und sonstigen Kleriker auch an der St.-Nikolai-Kirche und ihren Nebenkirchen war.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 1996, S. 92.399. Im Jahr 1500 beschwerten sich die Hüfner von Spandau beim Kloster über „säumig gehaltenen Gottesdienst“ an St. Moritz – gemäß einer Stiftung sollte mittwochs und freitags eine heilige Messe gefeiert werden – und verweigerten bis zur Abstellung des Problems die Entrichtung ihrer Spenden.Hans-Herbert Möller: Die ehemalige Moritzkirche in Spandau. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. 15. Band, Berlin 1962, S. 59–70, hier S. 64. Neue Schuhmachermeister hatten gemäß den Vorschriften ihrer Spandauer Zunft von 1485 eine Abgabe von zwei Pfennigen an die Moritzkirche zu leisten.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau und die kirchlichen Einrichtungen der Stadt Spandau im Mittelalter. Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 1996, S. 399. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts werden neben dem Marienaltar von 1461 zwei weitere Altäre genannt, die mit einer Altarstiftung ausgestattet waren: ein Johannesaltar, der  Schock Einkommen brachte, und ein mit  Schock und 18 Groschen dotierter Schützenaltar.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 187–193, hier S. 191.

16.–19. Jahrhundert Überblick Auch nach Einführung der Reformation in Spandau 1539 und dem Einbau eines Kornbodens 1545/46 wurden in der evangelisch gewordenen Moritzkirche wohl gelegentlich weiterhin Predigten gehalten, obgleich die Bedeutung der Kirche zurückging. Weil das Nonnenkloster mit der Reformation zum Aussterben verurteilt wurde, wurde auch der Moritzkirche die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Das Klostervermögen und das Patronat über die Kirchen fielen an das Amt Spandau. 1552 wendete der Stadtrat drei Groschen für eine Reinigung der Kirche auf.Joachim Pohl: Das Benediktinernonnenkloster St. Marien zu Spandau. S. 399 (Reinigung), zum Ganzen: 533 f., 555 und: Felix Escher: Frömmigkeit und kulturelles Leben in Spandau vor der Reformation. S. 147; Joachim Pohl: (Berlin-)Spandau. Benediktinerinnen. In: Klaus Neitmann (Hrsg.): Brandenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte und Kommenden bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Band II. Berlin-Brandenburg 2007, S. 1182.11877. Eine Glocke musste auf Befehl des Kurfürsten Joachim II. nach Hennigsdorf abgegeben werden, eine zweite ging 1656 an den Kommandanten der Zitadelle, wo sie noch am Ende des 18. Jahrhunderts als Uhrglocke genutzt wurde. Als Ersatz bekam die Moritzkirche zwei kleinere Glocken, von denen sie eine 1716 als Torglocke an die Nikolaikirche abgab.Gunther Jahn: Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 187–193, hier S. 192.