Parteivorsitzender (in der Schweiz Parteipräsident, bei bürgerlichen Parteien in Österreich auch Parteiobmann bzw.Vgl. etwa Walter Müller: Klagenfurter Obmann der Grünen wird eine „Parteiobfrau“. In: Der Standard. 10. Februar 2016. Parteiobfrau), bei Parteien, in denen er eher als primus inter pares auftritt, auch Parteisprecher (vergl. Bundessprecher), ist der leitende Parteifunktionär, der als Vorsitzender eine politische Partei nach außen repräsentiert und faktisch oft auch führt. In der Fach- und auch Alltagssprache wird die Bezeichnung Parteichef synonym oder als Oberbegriff verwendet.So gibt die ISCO 08 in der deutschen Fassung unter 1114 Leitende Bedienstete von Interessenorganisationen die beiden Bezeichnungen Parteichef und Parteivorsitzender als Beispiel. ISCO 08 Gemeinsame deutschsprachige Titel und Erläuterungen auf Basis der englischsprachigen Version 1.5a vom April 2011. Stand der Bearbeitung: April 2011, S. 14 (pdf, statistik.at) Er ist Mitglied des jeweiligen Parteivorstandes.

Mögliche Parteiorganisationen Parteiorganisationen ohne (politisch relevanten) Vorsitzenden Parteien benötigen nicht zwingend einen Parteivorsitzenden. Insbesondere in Staaten mit Mehrheitswahlrecht haben sich die Parteien vielfach aus Zusammenschlüssen von Wahlorganisationen auf Wahlkreisebene gebildet. Im jeweiligen Wahlkreis formierte sich vor der jeweiligen Wahl ein Unterstützerkreis des lokalen Kandidaten. Gleichgesinnte Abgeordnete schlossen sich zu Fraktionen zusammen. Eine eigene Parteiorganisation und damit Parteivorsitzende gab es zunächst nicht. Historische Beispiele für derartige Parteiorganisationen sind die Tories und Whigs im Vereinigten Königreich. Auch die ersten deutschen Parteien – z. B. die Nationalliberale Partei und die Deutsche Zentrumspartei – entstanden zunächst durch ihre Fraktionen. Ab den 1870er Jahren entwickelten sich allmählich Parteistrukturen, die von den Fraktionen unabhängig waren. Die Rolle des Parteichefs (wenn ein solcher überhaupt benannt wurde) blieb aber bis ins 20. Jahrhundert hinein überwiegend unbedeutend. Der jeweilige Fraktionsvorsitzende war der eigentliche Führer der Partei.

Dies ist nach wie vor so der Fall im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zwar besitzen die Parteien dort formell Vorsitzende (Chairmen), doch diese haben hauptsächlich administrative Aufgaben und spielen politisch keine nennenswerte Rolle. Ihre Aufgaben entsprechen daher eher denen der „Geschäftsführer“ europäischer Parteien. Die politische Führung ist hingegen im UK dem Party Leader (entweder Premierminister oder Oppositionsführer), in den USA den Parteiführern im Senat und Repräsentantenhaus sowie, falls er der Partei angehört, dem Präsidenten überlassen. Allgemein spielen die Parteien in beiden Ländern als solche nur eine untergeordnete Rolle und sind hauptsächlich für die Organisation des Wahlkampfes (sowie in den USA des Nominierungsparteitags) zuständig.Nils Müller: Das Parteiensystem der USA – Ein Überblick, ISBN 978-3-656-03591-6, S. 8 ff.

Parteiorganisationen mit einem (politisch relevanten) Vorsitzenden Parteivorsitzende werden – meist zusammen mit ihren Stellvertretern – auf Parteitagen gewählt, im Regelfall für die maximal zulässige Wahlperiode von zwei Jahren. Die Parteichefs von größeren Parlamentsparteien haben häufig noch weitere hohe Funktionen in Personalunion, wie Regierungschef, Minister oder Fraktionsvorsitzender (in Österreich: Klubobmann). In der Schweiz sind solche Doppelfunktionen selten.

Viele Staaten haben ein Parteiengesetz, das den groben Rahmen für politische Parteien absteckt und oft auch die teilweise Finanzierung der Partei- und Bildungsarbeit (Parteiakademie etc.) durch öffentliche Gelder regelt. In diesem Fall gilt die Verantwortung des Parteichefs und des Finanzreferenten nicht nur parteiintern, sondern auch gegenüber dem Staat und seinem Strafrecht. Die parteiinterne Verantwortung ist durch die Sitzungen des Parteivorstands (bzw. des Präsidiums) und durch periodische Parteitage und die auf ihnen erfolgende „Entlastung“ gegeben. Für die innere Organisation der Partei und die regulären Kontakte zu den Mitgliedern ist jedoch nicht der Vorsitzende, sondern der Parteisekretär oder Generalsekretär zuständig.

Im Regelfall haben Parteichefs schon eine „Parteikarriere“ hinter sich, die sie für ein späteres hohes Parteiamt wie das des Vorsitzenden in Stellung bringt. Die Karriere beginnt vielfach als Studentenfunktionär oder in einer Funktion bei der Parteijugend, bei einer kirchlichen Organisation oder in einer Gewerkschaft.

Parteiorganisationen mit Doppelspitze in Deutschland Aus Proporzgründen verfügen manche Parteien über zwei gleichberechtigte Parteivorsitzende, eine sogenannte Doppelspitze. In Deutschland wird dieses Prinzip von Bündnis 90/Die Grünen bereits seit der Parteigründung umgesetzt: Qua Satzung besteht eine Doppelspitze nach Geschlecht, in frühen Jahren der Partei waren auch die beiden konkurrierenden Parteiflügel Fundis und Realos an der Parteispitze abgebildet. Zeitweise amtierten dann bis zu drei gleichberechtigte Bundessprecher. Auch die Partei Die Linke verfügt seit 2010 über eine Doppelspitze, die nach Geschlecht und Herkunft aus Ost- und Westdeutschland zusammengesetzt ist. Die AfD und SPD haben ebenfalls eine Doppelspitze, welche verschiedene Parteiflügel repräsentieren.

Parteivorsitzende von im Bundestag der Bundesrepublik Deutschland vertretenen Parteien Partei Vorsitzende100pxFriedrich Merz100pxMarkus Söder100pxLars Klingbeil100pxBärbel Bas100x100pxFelix Banaszak 125x125pxFranziska Brantner150x150pxLuigi Pantisano 170x170pxInes Schwerdtner100pxTino Chrupalla100pxAlice Weidel

Die folgende Aufstellung beschränkt sich auf Parteien die im 21. Deutschen Bundestag und dort mindestens in Gruppenstärke vertreten sind.

Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU) Parteivorsitz Amtszeit Öffentliche Ämter während der Zeit des Parteivorsitzes BemerkungenKonrad Adenauer1950–1966Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB), Bundeskanzler (1949–1963), Bundesminister des Auswärtigen (1951–1955)EhrenvorsitzenderLudwig Erhard1966–1967MdB, Bundeskanzler (1963–1966)EhrenvorsitzenderKurt Georg Kiesinger1967–1971MdB, Bundeskanzler (1966–1969)EhrenvorsitzenderRainer Barzel1971–1973MdB, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Oppositionsführer)Erfolgloser Kanzlerkandidat von CDU und CSU bei der Bundestagswahl 1972Helmut Kohl1973–1998Mitglied des Landtags Rheinland-Pfalz und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (bis 1976), MdB (ab 1976), Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Oppositionsführer) (1976–1982), Bundeskanzler (1982–1998)Ehrenvorsitz ruhend ab 2000Wolfgang Schäuble1998–2000MdB, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Oppositionsführer)Angela Merkel2000–2018MdB, Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Oppositionsführerin) (2002–2005), Bundeskanzlerin (2005–2021)Merkel verzichtete auf einen angedachten Ehrenvorsitz.Annegret Kramp-Karrenbauer2018–2021 Bundesministerin der Verteidigung (ab 2019)Armin Laschet2021–2022Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (2017–2021), MdB (ab 2021)Erfolgloser Kanzlerkandidat von CDU und CSU bei der Bundestagswahl 2021 Friedrich Merzseit 2022MdB, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Oppositionsführer) (2022–2025), Bundeskanzler (ab 2025)Merz wurde am 17. Dezember 2021 als erster Vorsitzender in einer Mitgliederbefragung bestimmt und wurde am 22. Januar 2022 auf dem CDU-Parteitag bestätigt. Kanzlerkandidat von CDU und CSU für die Bundestagswahl 2025.

Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) Parteivorsitz Amtszeit Öffentliche Ämter während der Zeit des Parteivorsitzes BemerkungenJosef Müller1946–1949Mitglied des Bayerischen Landtags (MdL), Staatsminister der Justiz und Stellvertreter des Bayerischen Ministerpräsidenten (ab 1947)Hans Ehard1949–1955MdL, Bayerischer Ministerpräsident (bis 1954), Staatsminister der Finanzen (1950), Staatsminister für Verkehrsangelegenheiten, Post- und Telegraphenwesen (1951–1952), Präsident des Bayerischen Landtags (ab 1954)Hanns Seidel1955–1961MdL, Bayerischer Ministerpräsident (1957–1960)Franz Josef Strauß1961–1988MdB (bis 1978), Bundesminister der Verteidigung (bis 1963), Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag (1963–1966), Bundesminister der Finanzen (1966–1969), MdL und Bayerischer Ministerpräsident (ab 1978)Erfolgloser Kanzlerkandidat von CDU und CSU bei der Bundestagswahl 1980; im Amt verstorbenTheo Waigel1988–1999MdB, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag (bis 1989), Bundesminister der Finanzen (1989–1998)EhrenvorsitzenderEdmund Stoiber1999–2007MdL, Bayerischer Ministerpräsident (1993–2007), MdB (2005)Erfolgloser Kanzlerkandidat von CDU und CSU bei der Bundestagswahl 2002; EhrenvorsitzenderErwin Huber2007–2008MdL, Staatsminister der FinanzenHorst Seehofer2008–2019Bayerischer Ministerpräsident (2008–2018), MdL (2013–2018), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat (2018–2021)EhrenvorsitzenderMarkus Söderseit 2019MdL, Bayerischer Ministerpräsident (seit 2018)

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Parteivorsitz Amtszeit Öffentliche Ämter während der Zeit des Parteivorsitzes BemerkungenKurt Schumacher1946–1952Vorsitzender des Zonenbeirats der Britischen Besatzungszone (1946), MdB und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag (Oppositionsführer) (ab 1949)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 1949; Erfolgloser Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten (1949); im Amt verstorbenErich Ollenhauer1952–1963MdB und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag (Oppositionsführer)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei den Bundestagswahlen 1953 und 1957; im Amt verstorbenWilly Brandt1964–1987Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und Regierender Bürgermeister von Berlin (bis 1966), Bundesminister des Auswärtigen und Stellvertreter des Bundeskanzlers (1966–1969), MdB (ab 1969), Bundeskanzler (1969–1974), Präsident der Sozialistischen Internationale (ab 1976)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei den Bundestagswahlen 1961 und 1965; Ehrenvorsitzender; Friedensnobelpreis 1971Hans-Jochen Vogel1987–1991MdB und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag (Oppositionsführer)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 1983Björn Engholm1991–1993Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (bis 1993)Designierter Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 1994; Rücktritt von allen Ämtern wegen der SchubladenaffäreRudolf Scharping1993–1995Mitglied des Landtags Rheinland-Pfalz und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (bis 1994), MdB und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag (Oppositionsführer) (ab 1994)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 1994Oskar Lafontaine1995–1999Mitglied des Landtags des Saarlandes und Ministerpräsident des Saarlandes (bis 1998), MdB und Bundesminister der Finanzen (ab 1998)1999 Rücktritt von allen Ämtern wegen Differenzen innerhalb der Bundesregierung; später Vorsitzender der Partei Die Linke (2007–2010)Gerhard Schröder1999–2004MdB und Bundeskanzler (1998–2005)Franz Müntefering2004–2005MdB und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen BundestagMatthias Platzeck2005–2006Mitglied des Landtags Brandenburg und Ministerpräsident von BrandenburgKurt Beck2006–2008Mitglied des Landtags Rheinland-Pfalz und Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1994–2013)Franz Müntefering2008–2009MdBSigmar Gabriel2009–2017MdB, Bundesminister für Wirtschaft und Energie (2013–2017), Stellvertreter der Bundeskanzlerin, Bundesminister des Auswärtigen (2017–2018)Martin Schulz2017–2018MdB (ab 2017)Erfolgloser Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 2017Andrea Nahles2018–2019MdB und Vorsitzende der SPD-Fraktion im Deutschen BundestagErste weibliche SPD-Parteivorsitzende.