Die Sexualwissenschaft oder Sexualforschung (auch Sexologie bzw. Sexuologie) befasst sich mit der Lehre vom Geschlechtsleben, der Sexualität im weiteren und im engeren Sinne.Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch. 13./14. Auflage, 1927, „Sexuologie“ Die Arbeitsschwerpunkte liegen neben der empirischen Forschung bei den physiologischen, psychischen und soziokulturellen Aspekten der Sexualität sowie der Entwicklung von pädagogischen und therapeutischen Angeboten.Bibliographisches Institut, F. A. Brockhaus AG (Hrsg.): Meyers Lexikon online. „Sexualwissenschaft“, Version vom 2. Oktober 2008 23:02 Uhr, ehemals unter: lexikon.meyers.de/beosearch/permlink.action?pageId=48309913&version=2 Sexualwissenschaftler kommen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, oft haben sie beruflich einen medizinisch-psychologischen Hintergrund.

Sexualwissenschaft als Disziplin Als multidisziplinär ausgerichtete Wissenschaft und entsprechend der vielfältigen Grundberufe von Sexualwissenschaftlern haben sich psychologisch-theoretische, naturwissenschaftlich-empirische und sozialwissenschaftliche Strömungen entwickelt, die sich mit der Sexualität des Menschen befassen und der Berufsgruppe zahlreiche Tätigkeits- und Aufgabenfelder ermöglichen, um sich den psychischen und soziokulturellen Aspekten der Sexualität, aber auch ihren physiologischen Grundlagen zu widmen.

Einzelwissenschaft Zum Gegenstand der Sexualwissenschaft gehören unter anderem die sexuelle Entwicklung des Menschen, sein Sexualverhalten, Fragen der Sexualerziehung sowie Ursachen, Genese und Therapie von Sexualstörungen. Selten erwähnt, wenn auch nicht unwesentlich, sind die sexualpolitischen Stellungnahmen, beispielsweise bei der Gesetzgebung in Deutschland oder der EU. der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Abgerufen am 9. Februar 2014.

Im Mittelpunkt der Sexualwissenschaft stehen die biologisch-sexuellen, die erotischen und die sozialen Bedingungen der menschlichen Intimbeziehungen. Das Interesse gilt sowohl dem sogenannten „normalen“ Verhalten – das, was jeweils als soziale Norm erachtet wird – als auch dem außergewöhnlichen Verhalten. Die Unterscheidung fällt aber immer vor dem Hintergrund sich beständig wandelnder gesellschaftlich-kultureller und politischer Normen. Jede Sexualforschung ist letztendlich subjektiv und kann sich nicht auf eine vermeintliche Objektivität beziehen. Dies macht sie risikoanfällig, eröffnet aber zugleich auch Chancen. Nach Volkmar Sigusch denkt eine seit den 1960er Jahren entstandene kritische Sexualwissenschaft „vom Widerspruch her, geht beidem nach, Licht und Schatten, auch in sich selbst“.Hans-Martin Lohmann: Geschichte der Sexualität – Vom Widerspruch her gedacht (Buchbesprechung: Volkmar Sigusch, Geschichte der Sexualwissenschaft, Campus Verlag 2008), Frankfurter Rundschau Online, Version vom 18. Juni 2008 12:15 Die Hauptaufgaben sieht er darin, den Wandel, den man in der Kultur und in den persönlichen Verhältnissen beobachten kann, zu erforschen und danach für die Störungen und Suchtformen Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln.Sex – »Neue Störungsformen« – Interview mit Volkmar Sigusch, Die Zeit, Nr. 30, 17. Juli 2008. Die Sexualwissenschaft hat immer ein praktisches, oft aber auch ein gesellschaftspolitisches Interesse.

Bezugswissenschaften Als Einzelwissenschaft ist die Sexualwissenschaft zugleich multidisziplinär ausgerichtet. Sie bezieht sich auf die Erkenntnisse zahlreicher anderer wissenschaftlicher Disziplinen. Dazu gehören die Medizin im Allgemeinen, aber auch Andrologie, Gynäkologie, Urologie, Infektiologie, Innere Medizin, Psychosomatik und Psychiatrie im Besonderen, daneben Psychologie, Psychotherapie und Biologie, aber auch Ethologie, Ethnologie, Anthropologie und Soziologie, Pädagogik und Kulturwissenschaft. Überdies werden auch Erkenntnisse aus Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft und Rechtsmedizin herangezogen. Teilweise haben sich einzelne Vertreter dieser Disziplinen speziellen sexualwissenschaftlichen Fragestellungen gewidmet.

Studium und Tätigkeit Noch ist in Deutschland ein Studium der Sexualwissenschaft im Hauptfach mit einer Ausnahme nicht möglich.

Nach ihrem Studium anderer wissenschaftlicher Disziplinen haben sich Sexualwissenschaftler auf verschiedene Weise spezialisiert, in den Anfängen meist autodidaktisch durch das Studium der einschlägigen Literatur und durch kollegialen Austausch. Mit Gründung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS), der ältesten Fachgesellschaft in Deutschland, wurde die Fortbildung von Sexualwissenschaftlern seit 1950 erstmals organisiert und systematisiert, nachdem das erste sexualwissenschaftliche Institut – von Magnus Hirschfeld gegründet – von den Nationalsozialisten zerschlagen worden war. Seitdem haben sich neben Fachkongressen zunehmend Fort- und Weiterbildungsangebote etabliert, beispielsweise am sexualwissenschaftlichen Institut des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Die Hochschule Merseburg bietet mit ihrem Master-Studiengang Angewandte Sexualwissenschaft ein postgraduales Studium an. Daneben wird ein berufsbegleitender sogenannter Weiterbildungsmaster Sexologie angeboten, der einen berufsqualifizierenden Hochschulabschluss voraussetzt.

Seit dem Wintersemester 2022/23 bietet auch die privat geführte „Medical School Berlin“ einen eigenständigen, akkreditierten Masterstudiengang „Sexualwissenschaft“ an, der vier Semester dauert.

Sexualwissenschaftler sind in verschiedenen Organisationsstrukturen tätig an Universitäten, in Kliniken und Beratungsstellen, in Weiterbildungsinstituten und/oder als niedergelassene Psychotherapeuten in privater Praxis. Je nach individueller beruflicher Ausrichtung beteiligen sie sich an Forschung und Lehre, an der Theorienbildung, an Intervision und Supervision, an der Entwicklung pädagogischer und therapeutischer Konzepte, sowie an Gender Studies oder der Behandlung von Patienten mit sexuellen Funktionsstörungen oder Perversionen.

Geschichte Vorläufer und Anfangsbedingungen Vorläufer der Sexologie gab es in der griechischen und römischen Antike, als Philosophen wie Platon (428–348 v. Chr., gr.) und Aristoteles (384–322 v. Chr., gr.) und Ärzte wie Hippokrates von Kos (460–370 v. Chr., gr.), Soranos von Ephesos (ca. 100 n. Chr., röm.) und Galenos (129–216 n. Chr., röm.) Fragen der Sexualerziehung, Sexualgesetzgebung, Sexualethik, der sexuellen Reaktionen und Funktionsstörungen, der Fortpflanzung und Empfängnisverhütung diskutierten. Gemeinsam hatten sie, dass sie sich um theoretisches Wissen, also objektive, rationale Einsicht in biologische und soziale Tatsachen und Vorgänge bemühten – dies im Gegensatz zu Werken, welche die ‚Liebeskunst‘ beschrieben und Anleitungen zum praktischen Tun, zu einem subjektiven und persönlichen Erleben, wie etwa der Ars amatoria von Ovid (43 v. Chr. – 17 n. Chr., röm.) oder dem Kamasutra von Mallanaga Vatsyayana (etwa 250 n. Chr.).Erwin J. Haeberle: Berlin und die internationale Sexualwissenschaft – Einführungsvortrag für das Magnus-Hirschfeld-Kolloquium am 14. Mai 1993, Humboldt-Universität zu Berlin – Fachbereich Kultur- und Kunstwissenschaft & Institut für Wissenschaftsphilosophie und Humanontogenetik, Öffentliche Vorlesungen, Heft 9 (PDF-Version)

Arabische und jüdische Wissenschaftler wie Abu Bakr Muhammad Ibn Zakariya ar-Razi, Avicenna, Averroes, Maimonides und andere setzten die wissenschaftliche Tradition fort.Haeberle: Chronologie – Mittelalter, Archive for Sexology, Abruf: 13. Oktober 2003. In der Renaissance machte die wissenschaftliche Tradition auch in Europa wieder wesentliche Fortschritte und Leonardo da Vinci wurde zum Vater der modernen Anatomie. Er beschrieb dabei auch die inneren Sexualorgane, Coitus und Schwangerschaft und lieferte davon genaue anatomische Zeichnungen. Danach veröffentlichte der Anatom Andreas Vesalius das erste exakte Lehrbuch der menschlichen Anatomie, Gabriele Falloppio beschrieb erstmals die Eileiter und verfasste die erste gesicherte Beschreibung der Syphilis, Reinier de Graaf beschrieb als erster die Ovarialfollikel und die weibliche Ejakulation, Caspar Bartholin der Jüngere die Scheidenvorhofdrüse, William Cowper die Cowper-Drüse, 1642 schrieb der römische Arzt J. B. Sinibaldus mit Genanthropoeia ein umfassendes Lehrbuch, das auch die sexuelle Anatomie und die erotische Stimulation behandelte und 1677 sah Antoni van Leeuwenhoek erstmals eine Spermazelle unter dem Mikroskop.Haeberle: Chronologie – Frühe Neuzeit, Archive for Sexology, Abruf: 13. Oktober 2008.

Carl von Linné führte 1735 mit dem Werk Systema Naturæ sein heute veraltetes Klassifizierungssystem von Pflanzen nach dem Charakter und der Anzahl ihrer Fortpflanzungsorgane ein, den methodus sexualis (→ Sexualsystem der Pflanzen). Es beeindruckte Gelehrte und wurde von Moralisten heftig angegriffen, da es z. B. bei der gleichen Blüte die Kohabitation eines männlichen Staubgefäßes mit mehreren weiblichen Stempeln beschreibt. Es wurde als Verleumdung Gottes angesehen, der unmöglich eine solche Unkeuschheit hätte erschaffen können, und Lehrer wurden beschworen, das System nicht im Schulunterricht zu erwähnen.Haeberle: Chronologie – Das 18. Jahrhundert, Archive for Sexology, Abruf: 13. Oktober 2008.

Vorstufen einer Neuordnung des Wissens auf diesem Gebiet waren die ausufernden Antimasturbations-Kampagnen ab dem 17. Jahrhundert. An der dabei hervorgebrachten Literatur lässt sich ablesen, wie sehr die moderne Erfindung der Sexualität einherging mit ihrer Regulierung und Disziplinierung durch „schwarze Pädagogik“. Der Quacksalber und Schriftsteller John Marten veröffentlichte in England 1712 sein Pamphlet Onania, welches nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde. Darin wurde behauptet, dass exzessive Masturbation vielfältige Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose verursachen könne. Gleichsam als Bibel der Antimasturbations-Kampagne kann die ab 1760 in unzähligen Auflagen verbreitete Schrift L’Onanisme des Lausanner Arztes Simon-Auguste Tissot gelten. Für die nächsten 150 Jahre wurde die Angst vor dem „Masturbationswahnsinn“ zu einem beherrschenden Thema der Gesundheitsvorsorge und der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen. Etwas später widmeten sich deutsche Pädagogen wie J. Oest und J. H. Campe dem Kampf gegen die sexuelle Selbstbefriedigung.

Der Genfer Pädagoge Jean-Jacques Rousseau veröffentlichte 1762 seinen einflussreichen Erziehungsroman Émile oder Über die Erziehung, indem er die Bewahrung sexueller Unschuld bei Kindern und Jugendlichen verlangt. Der schottische Chirurg John Hunter veröffentlichte 1786 in seinem Buch A Treatise on the Venereal Disease („Abhandlung über venerische Krankheiten“) zum ersten Male eine ausführliche wissenschaftliche Sexualtherapie gegen Impotenz. Die englische Schriftstellerin Mary Wollstonecraft veröffentlichte 1792 ihr Buch A vindication of the rights of woman, worin sie weibliche Gleichberechtigung sowohl im privaten Bereich als auch im öffentlichen Leben forderte und die angeblich ‚natürliche‘ weibliche Geschlechtsrolle als Produkt einer patriarchalischen Ideologie entlarvte.

Im Jahr 1798 veröffentlichte der englische Geistliche Thomas Malthus sein Essay über das Prinzip der Bevölkerung, in dem er vor einer Übervölkerung des Planeten warnte. 1822 veröffentlichte Francis Place Illustrations and Proofs of the Principle of Population, wo er sich für Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung aussprach. Im Laufe des 19. Jahrhunderts sind weitere bedeutende Vertreter dieser Forderungen: Charles Bradlaugh, Annie Besant, Charles Knowlton, Charles Robert Drysdale und Alice Drysdale Vickery.Haeberle: Das 19. Jahrhundert, Archive for Sexology, Stand: 13. Oktober 2008. Von Karl Marx wurden wesentliche Postulate malthusianischer Konzeption kritisiert.Martha E. Gimenez: