Als Champagnerkrieg (auch: deutsch-französischer Champagnerkrieg) wurde eine weltweit Aufsehen erregende Auseinandersetzung zwischen zwei Schaumweinherstellern zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt. Das französische Unternehmen Moët & Chandon führte einen zweijährigen Presse- und Rechtsstreit mit dem deutschen Konkurrenten Söhnlein & Co., Rheingauer Schaumweinkellerei Act. Ges. um eine bei einer Schiffstaufe im Jahr 1902 verwendete Schaumweinflasche. Die ursprünglich für die Schiffstaufe vorgesehene Flasche mit deutschem Rheingold-Sekt von Söhnlein war heimlich durch eine mit französischem Moët & Chandon-Champagner ersetzt worden.
Geschichte Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte im Jahr 1901 den Schiffskonstrukteur Archibald Cary Smith mit der Planung für einen neuen Schoner beauftragt, der als Rennyacht in der Lage sein sollte, an Schiffsregatten erfolgreich teilzunehmen. Die Meteor III wurde auf der Werft von Townsend & Downey auf Shooters Island in New York City gebaut.John C. G. Röhl, Die „Mission“ des Prinzen Heinrich in Amerika. In: Wilhelm II.: Der Weg in den Abgrund 1900–1941. ISBN 978-3-406-71784-0, C. H. Beck, 2017, S. 260 ff. Der Bau des Schiffes hatte bei der deutschen Presse bereits wegen des finanziellen Aufwandes und der Beauftragung einer US-Werft zu Kritik geführt.Jürgen Schwibode, Schonerjacht Meteor III: Die Segeljachten der letzten deutschen Kaiserfamilie, Arbeitskreis historischer Schiffbau e. V. Der Kaiser hatte die amerikanische Werft sowohl aufgrund deren Fertigkeit im Bau schneller Schiffe wie auch als „Versöhnungsgeste“ zwischen den beiden Ländern gewählt, da die aggressive deutsche Außenpolitik der letzten Jahre bei den Amerikanern Misstrauen geweckt hatte.Frederike Gerstner, Inszenierte Inbesitznahme: Blackface und Minstrelsy in Berlin um 1900, Szene & Horizont (Band 1), Dissertation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, ISBN 978-3-476-04517-1, J. B. Metzler, Stuttgart 2017, S. 233 f.
Mit der feierlichen Indienststellung seines neuen Schiffes wollte Wilhelm II. seine Sympathie mit den Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringen. Die Vertretung durch seinen Bruder, Prinz Heinrich, der anlässlich der Taufe eine „politische Propagandareise“ durch die USA absolvierte, sollte nach Vorstellung des Kaisers zu einer deutsch-amerikanischen Annäherung führen und so dem Entstehen einer allzu engen angloamerikanischen Allianz entgegenwirken.
mini|Prinz Heinrich von Preußen und Theodore Roosevelt während der Taufe der Yacht auf Shooters-Island, 25. Februar 1902 mini|Taufpatin Alice Roosevelt mini|Prinz Heinrich und Alice Roosevelt auf der für die Schiffstaufe errichteten Plattform. Vom Schiffsdeck hängt die von einer silbernen Halterung eingefasste Taufflasche an einer silbernen KetteGedenkset zum Stapellauf, Auktionsobjekt bei Vallejo Gallery, Newport Beach. mini|Stapellauf der Meteor am 25. Februar 1902
Schiffstaufe Am 25. Februar 1902 fanden Schiffstaufe und Stapellauf der Meteor statt. Prinz Heinrich war dazu als Vertreter des Kaisers auf der Yacht Hohenzollern nach Amerika gereist. Alice Roosevelt, die achtzehnjährige Tochter des amerikanischen Präsidenten, taufte den Neubau; eine weibliche Taufpatin war für zivile Schiffe üblich.Barbara Kaufhold, Deutsche Sektreklame von 1879–1918: Ihre Entwicklung unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Aspekten, Inaugural-Dissertation an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, 2002. Zur Festgesellschaft gehörten neben viel Prominenz und dem Ehepaar Roosevelt auch der Botschafter des Deutschen Reichs in den USA, Theodor von Holleben, Konteradmiral Friedrich von Baudissin und der Bürgermeister der Stadt New York, Seth Low. Das Ereignis wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.
Um 10:40 Uhr zerschlug Alice Roosevelt eine Schaumweinflasche an der Schiffswand und taufte das Schiff auf Englisch im Namen des deutschen Kaisers. Danach zertrennte sie mit einem kleinen Beil die Taue, die die Meteor hielten, so dass die Yacht von der Helling ins Wasser gleiten konnte. Prinz Heinrich überreichte ihr einen Blumenstrauß.
Im Anschluss an die Taufe waren die Gäste der Zeremonie von der Werft zu einem Essen eingeladen, das im geschmückten Schnürboden von Townsend-Downey stattfand. Die Menükarte zu dem Essen („Luncheon to the President of the United States and H.R.H. Prince Henry of Prussia“) zeigte die Zeichnung einer Flasche der Marke White Seal von Moët & Chandon sowie die Benennung der gereichten Getränke: White-Seal-Champagner-Punsch sowie White-Seal-Magnumflaschen. Der Präsident und der Prinz waren für eine kurze Zeit anwesend; es wurde mehrfach mit Champagner angestoßen.Henry Voigt, Compliments of George Kessler. In: The American Menu, 14. April 2012 (englisch). Danach setzten ausgewählte Teilnehmer zu einem weiteren Mittagessen auf die Hohenzollern über. Am Abend gab der Bürgermeister zu Ehren von Prinz Heinrich ein Bankett im Metropolitan Club.
Söhnlein-Marketing Die Rheingauer Schaumweinkellerei Söhnlein & Co. hatte bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die Bedeutung von Marken und Werbung erkannt. 1876 war Söhnlein Rheingold als erste Sektmarke in das deutsche Markenregister eingetragen worden., 26. Dezember 2016, Rhein-Westerwald (Media World). Ein Jahr vorher hatte Kaiser Wilhelm I. verfügt, dass zur Schiffstaufe beim Stapellauf deutscher Kriegsschiffe nur deutscher Sekt verwendet werden dürfe, die Marke Rheingold sei zu nutzen.
Im Vorfeld des Stapellaufs der Meteor hatten Vertreter von Söhnlein & Co. eine Immediatbitte an den Kaiser gerichtet, den Festsekt stellen zu dürfen, der der Kaiser entsprochen hatte. Das in Milwaukee ansässige deutsch-amerikanische Festkomitee zur Vorbereitung der Veranstaltung hatte entsprechend die Verwendung eines Söhnlein-Schaumweines angeordnet. Auch der deutsche Botschafter hatte auf diese Entscheidung hingewirkt. Die von Söhnlein zur Verfügung gestellte Magnumflasche der Marke Rheingold, für die von der deutschen Gemeinschaft in Milwaukee ein spezielles Lederetui mit silbernem Schloss angefertigt worden war, hatte die deutsche Botschaft mit Anweisung zur Verwendung an die den Taufakt organisierende amerikanische Schiffswerft liefern lassen. Auf dem Deckel des Etuis befand sich eine eingravierte Widmung:
In einer u. a. in der Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend (Ausgabe 14/1902) geschalteten Anzeige von Söhnlein & Co. wurde stolz die Verwendung des Rheingold-Sektes beim Festakt als „Taufsect der Kaiserlichen Schooner-Yacht Meteor, Taufe durch Miss Alice Roosevelt, Tochter des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika“ angekündigt. Zu Marketingzwecken hatte Söhnlein & Co. den Graphiker Emil Krupa-Krupinski beauftragt, eine vierteilige Korrespondenzkartenserie „Prinz Heinrich in Amerika“ zu gestalten. Die vier Postkarten waren mit Spruchbändern übertitelt, die die jeweils dargestellten Vorgänge beschrieben:
Nr. 1: „Der Empfang im Weissen Haus zu Washington, Prinz Heinrich betritt New York, 23. Februar“ Nr. 2: „Die Taufe der neuen Kaiseryacht Meteor auf Shooters Island am 25. Februar 1902“ Nr. 3: „Das grosse Festbankett der amerikanischen Presse zu Ehren des Prinzen 26. Februar 1902“ Nr. 4: „Huldigung der deutschen Vereine am Abend des 26. Febr. vor dem Hause des Deutschen Männergesangsvereins zu New York“
Karte Nr. 2 führte dazu die Aufschrift „Rheingold – Taufsect S. M. Schooneryacht Meteor u. der Schiffe der deutschen Kriegsmarine“.
mini|Der deutsche Botschafter in den USA, Theodor von Holleben
Skandal Bereits am Vorabend der Schiffstaufe war es zu einer Verstimmung der deutschen Gäste gekommen. Roosevelt hatte zu Ehren der deutschen Delegation am 24. Februar ein außergewöhnlich opulentes Herren-Bankett im East Room des Weißen Hauses gegeben. Zu diesem festlichen Abendessen wurde Champagner von Moët & Chandon ausgeschenkt.The Finance and commerce of New York and United States: containing exhaustive and comprehensive treatises on the financial, professional and commercial interests of New York and the United States, New York Tribune, 1903, S. 224. (englisch). Die werbewirksame Verwendung von Moët & Chandon hatte deren umtriebiger Importeur arrangiert, der auch als „Champagne King“ bekannte George Alexander Kessler.Leo A. Loubère, The Red and the White: The History of Wine in France and Italy in the Nineteenth Century. ISBN 978-0-87395-370-2, State University of New York Press, Albany 1978, S. 251. (englisch). Er stellte nicht nur Magnumflaschen der Moët & Chandon-Marken Brut Imperial und White Seal kostenfrei zur Verfügung, sondern hatte auch Einfluss auf die Herstellung der aufwändig mit Schleifen gestalteten Menükarte genommen, in der auf den französischen Champagner Bezug genommen wurde.
Am Tage nach der Schiffstaufe erschienen in der deutschsprachigen Presse zunächst – teilweise von Söhnlein & Co. initiierte – positive Artikel zu der Schiffstaufe, in denen auch die Verwendung des deutschen Sektes beim Taufakt angesprochen wurde.
Wie die Öffentlichkeit jedoch kurz darauf aus der französischen Presse erfuhr, war die Meteor mit französischem White-Star-Champagner getauft worden. In entsprechenden Artikeln und von Moët & Chandon geschalteten Anzeigen wurde von einem großen Erfolg für die Champagnermarke berichtet. Vertreter von Söhnlein & Co. widersprachen dieser Behauptung in veröffentlichten Erklärungen und baten Botschafter von Holleben um eine entsprechende Bestätigung. Zunächst bestätigte Holleben die Verwendung des deutschen Sektes.Translation from the German Newspaper, Die Welt, Theodore Roosevelt Center, Dickinson State University, North Dakota (englisch). Kurz darauf stellte sich aber heraus, dass Kessler nicht nur die von ihm vertretenen Champagnermarken beim Präsidentenbankett sowie dem Mittagessen auf der Werft untergeschoben hatte, sondern den vorgesehenen Taufsekt Rheingold kurz vor dem Stapellauf durch ein Produkt von Moët & Chandon hatte ersetzen lassen. Für den heimlichen Umtausch hatte Kessler dem Werftbesitzer USD 5.000Nach anderen Quellen erhielt der Werftbesitzer USD 6.000. Siehe z. B.: Barbara Kaufhold, Deutsche Sektreklame von 1879–1918: Ihre Entwicklung unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Aspekten. bezahlt. Holleben musste folgend einräumen, bezüglich des verwendeten Schaumweines getäuscht worden zu sein: Die Rheingold-Sektflasche in der von der Botschaft an die Werft gesandten Schatulle war kurz vor dem Stapellauf ohne sein Wissen ausgetauscht worden.
Dies löste in Deutschland eine Welle der Empörung aus und erregte die Gemüter auch anderer Nationen. Der Kaiser war so verärgert, dass er Holleben kurzzeitig nach Deutschland zurückbeordern ließ.Frank J. Prial, Wine Talk; A Bubbly History: Garters, Crowned Heads, Widows, 24. Dezember 1997, The New York Times (englisch).
Kessler, der in französischen und amerikanischen Zeitungen als cleverer Geschäftsmann beschrieben wurde, dem ein beeindruckender Coup gelungen sei, reiste später ebenfalls nach Berlin, um im Rahmen einer Privataudienz Oberhofmarschall August Graf zu Eulenburg die Vorgänge zu erklären. Am 30. März 1902 schrieb Eulenburg an Kessler, dass der Kaiser sich für überreichte Fotos zur Schiffstaufe bedanke, sie seien in das Hohenzollernmuseum überführt worden. Ebenso soll eine an den Kaiser gesandte Flasche Moët & Chandon an dieses Museum weitergegeben worden sein.