Die k.u.k. Militär-Aëronautische Anstalt Fischamend war die größte Luftfahrtforschungsstätte der Donaumonarchie Österreich-Ungarn.
Das Areal umfasste ein Flugfeld, Luftschiffhallen mit Luftschrauben-Prüfanstalt, eine Gasanstalt zur Wasserstoffproduktion zur Füllung der Luftschiffe, ein Flugzeugwerk, Hangars, Schulungsräume, einen Wasserturm, Anschlussgleisanlagen an die Lokalbahn Wien–Preßburg, Wohnbauten für Mannschaften und Offiziere und ein Offizierskasino.
Das eingesetzte Personal umfasste 300 Offiziere und 5000 zivile und militärische Angehörige.Ausstellung „Die k.u.k. Militär-Aëronautische Anstalt Fischamend“ im HGM ZeltwegAusstellung „Bewegung in den Lüften“ in der Besucherwelt des Flughafens Wien im Frühjahr 2019
mini|Franz Hinterstoisser, Kommandant der k.u.k. Militär-Aëronautischen Anstalt in Fischamend
Entstehung Nachdem mit dem ursprünglichen Platz beim Wiener Arsenal das Auslangen nicht mehr gefunden werden konnte, begann 1908 die Suche nach einem neuen Standort für die Militär-Aëronautische Anstalt. Nach Pressenotizen des Ballonfahrers und Reichsratsabgeordneten Victor Silberer bekundeten etliche Gemeinden der Monarchie ihr Interesse.
1909 fiel die Wahl auf Fischamend. Unter Bürgermeister August Schütz bewarb sich der östliche Teil der heutigen Stadtgemeinde namens Markt-Fischamend – später zog auch Dorf-Fischamend, westlich der Fischa gelegen, erheblichen Nutzen aus der Entstehung.
Die Hauptleute Hinterstoisser und Hans Hauswirth handelten mit der Gemeinde Erwerb und Nutzung von Grundstücken aus und schlossen Verträge mit den für die Errichtung der erforderlichen Bauten und Infrastruktureinrichtungen in Frage kommenden Unternehmen. Das Flugplatzgelände, die erste Luftschiffhalle, ein Depot für Gasflaschen zur Ballonfüllung und ein Wachlokal deckten in dieser Phase die dringendsten Bedürfnisse.
Die Verlegung der k.u.k. Militär-Aëronautischen Anstalt vom Wiener Arsenal nach Fischamend war kein Ereignis von lokaler Bedeutung. Fast alle damaligen Medien – Zeitungen, Ansichtskarten und die aufstrebende Filmindustrie berichteten über dieses Ereignis. Erster Kommandant der Militär-Aëronautischen Anstalt in Fischamend war Franz Hinterstoisser.
Ausbau und Forschung Nach Fertigstellung der ersten Luftschiffhalle wurde mit der Aufmontierung des ersten der beiden zur Typenerprobung für die Luftschiffertruppen bestellten Motorballons, des M.I Parseval, begonnen. Um auch die erst im Entstehen begriffene Luftfahrtindustrie der Monarchie Erfahrung gewinnen zu lassen, wurden die auf deutschen und französischen Konstruktionen fassenden Lenkballone Parseval und M.II Lebaudy in Lizenz durch ein österreich-ungarisches Firmenkonsortium gefertigt.
Bis 1914 hatte ein reger Ausbildungs- und Erprobungsbetrieb mit Ballonen, Luftschiffen und Flugzeugen Platz gegriffen. Beispielsweise leitete Ferdinand Cavallar von Grabensprung – damals Kommandant der Versuchsabteilung – den Einbau der ersten österreichische Telefunken-Radiostation in das Etrich-Flugapparat Amazone sowie die Ausführung des europaweit ersten Fluges mit einwandfreier Bord-Boden-Funkverbindung.Die k.u.k. aeronautische Anstalt Fischamend. Early Aviation – exhibition 1. Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung in Fischamend, Juli bis August 2011. Luftfahrthistorikergruppe „Aviatischer Salon“ (Hrsg.), Wien 2011, ISBN 978-3-200-02309-3, S. 83.Reinhard Karl Borromäus Desoye: Die k.u.k. Luftfahrtruppe. Die Entstehung, der Aufbau und die Organisation der österreichisch-ungarischen Heeresluftwaffe 1912–1918. Hamburg 2000, ISBN 978-3-8324-2914-0, Kapitel „1.3. Der 3. Kurs vom 14. April bis 27. Oktober 1913:“ „Luftschifferkurs 1913, Aufstellung“, S. 30
Mit Flugzeugen und Lenkballons wurde probeweise Funkverbindung aufgenommen und die Landvermessung sollte durch das Photogrammetrie-Verfahren nach Theodor Scheimpflug revolutioniert werden.
Der Erste Weltkrieg brachte der Militär-Aëronautischen Anstalt, die aus vielen Außenstellen in der gesamten Monarchie entstanden war, eine massive Ausweitung in personeller, baulicher und kompetenzmäßiger Hinsicht. Bau, Modifikation und Reparatur von Flugzeugen gewannen an besonderer Bedeutung. Nicht mehr fronttaugliche Typen wurden zu Doppelsteuer-Schulflugzeugen umgebaut. Kurz vor Kriegsausbruch erfolgte ein Nachbau von Etrich-Tauben im damals noch kleinen Flugzeugwerk.
In neu errichteten, größeren Werkshallen wurden Flügel und Zellen verstärkt, Motoren überholt und repariert. Das Reparaturwerk konnte jede Art von Flugzeugbauteilen aus Holz oder Metall in höchster Qualität fertigen. Um die hohe Qualität in der gesamten Monarchie halten zu können, wurde gegen Ende des Krieges eine Ausbildungsstätte für Flugzeugmechaniker an die auch als Fliegerarsenal bezeichnete Militär-Aëronautische Anstalt angegliedert.
Ein wichtiger Fertigungszweig war die Herstellung von Luftschrauben. Schrittweise wurde die Herstellung durch Handarbeit mit höchsten Ansprüchen durch damalige Hochtechnologien mit modernen Messmethoden abgelöst. Mit einer Kopierfräsmaschine sollte die Herstellung von Luftschraubenrohlingen beschleunigt werden. Tausende Luftschrauben konnten mit einer Luftschrauben-Dekopiermaschine hergestellt werden.
Neben Fertigung, Instandsetzung, Übernahme und Verteilung von Luftfahrgeräten sowie der Gaserzeugung für die Ballonkompagnien, stellten Forschung und Entwicklung die wissenschaftlich-technischen Hauptaufgaben des Fliegerarsenals dar.
Aerodynamik-Koryphäen der Monarchie wie Knoller, Kármán und Petróczy und Ferdinand Porsche pflegten enge Verbindungen zum Fliegerarsenal, entwickelten hier ihre Theorien und bekamen ihre Prototypen gefertigt.
Eine bedeutende Forschungseinrichtung war der Luftschrauben-Prüfstand mit Windkanal. Gestützt auf die Aussagen von Knoller, Kármán und Asbóth wurde der Luftschrauben-Wirkungsgrad der k.u.k. Flugzeuge bei zum Teil geringerer Motorleistung entscheidend verbessert.
Das letzte große Projekt der Militär-Aëronautischen Anstalt in Fischamend war die Hubschrauberentwicklung. Beobachtungs-Fesselhubschrauber sollten Gas-Beobachtungsballons ersetzen.
Körting-Unglück und Untergang der Monarchie mini|Historischer Presseartikel zur Körting-Katastrophe
Bei der Körting-Katastrophe vom 20. Juni 1914 kollidierten bei photographischen Aufnahmen zum Zwecke der Landvermessung, nächst dem Fischamender Flugplatz, der Militärlenkballon Körting und ein Farman-Doppeldecker-Flugzeug. Nach diesem Luftschiffunglück mit neun Todesopfern, eine Woche vor der Ermordung des Thronfolgepaares in Sarajewo, ging die Ära der k.u.k. Luftschiffe zu Ende.
Mit dem Ende von Weltkrieg und Monarchie musste das k.u.k. Fliegerarsenal zerstört werden. Forschungsergebnisse kamen den Siegern zugute. Alle Einrichtungen wurden verkauft oder einer Nachnutzung zugeführt.
In Fischamend erinnern heute noch einige Bauten und Straßennamen an die Militär-Aëronautische Anstalt.
Luftschiffe und Luftschiffhallen 1908 entschloss sich das k.u.k. Kriegsministerium als letzte europäische Großmacht dazu, Luftschiffe zu beschaffen. Die Luftschifferstation in der Militär-Aëronautischen Anstalt Fischamend war ab Ende 1909 der Stationierungsort von vier militärischen und einem privaten Motorballon. Es entstanden zwei Luftschiffhallen. 1911 wurde die Entscheidung getroffen, sich für militärische Zwecke auf Flugzeuge und Beobachtungsballone zu beschränken. Nach der Körting-Katastrophe 1914 wurden die Luftschiffhallen für andere Zwecke genutzt. Militärluftschiff M.I Parseval
Die Konstruktion des ersten Luftschiffs der k.u.k. Luftschifferabteilung erfolgte auf Grundlage von Plänen des preußischen Majors August von Parseval. Seine Erstfahrt erfolgte am 26. November 1909. Diesem Event widmete der Fischamender Schuldirektor, Feuerwehr-Hauptmann und Musiklehrer Adolf Kaiser seinen Marsch „Zu den Sternen“.
Militärluftschiff M.II Lebaudy
Das von der Motor-Luftfahrzeuggesellschaft gelieferte Luftschiff wurde nach dem System der Franzosen Ing. Julliot und den Brüdern Lebaudy gebaut. Es war eine Gemeinschaftsproduktion der Österreichisch-Amerikanischen Gummiwarengesellschaft und der Daimler Motorengesellschaft – Erstfahrt am 30. Mai 1910.
Militärluftschiff M.III Körting
Seine Erstfahrt erfolgte am 1. Jänner 1911. Am 20. Juni 1914 kollidierte es mit einem Flugzeug und stürzte ab.
Militärluftschiff M.IV System Boemches
Seine Erstfahrt erfolgte am 16. April 1912.
Privat-Luftschiff Stagl-Mannsbarth
Die Konstruktion dieses seinerzeit größten Prallluftschiffs der Welt stammte von Ing. Hans Otto Stagl und Oblt. Franz Mannsbarth und sollte an das k.u.k. Militär veräußert werden. Es wurde durch die Österreichisch-Amerikanische Gummiwarengesellschaft und Daimler Motorengesellschaft hergestellt – Erstfahrt am 10. März 1911.
Körting-Luftschiffhalle
Die Körting-Luftschiffhalle mit Wachhäuschen und Ballongas-Flaschendepot war mit Fertigstellung im August 1909 das erste große Gebäude der Militär-Aëronautischen Anstalt. Sie diente den k.u.k. Luftschiffen Parseval, Lebaudy und Körting als Depot, Füllstation und Heimat.
Nach dem Körting-Luftschiffunglück wurde die Halle für andere Forschungsprojekte und als Luftfahr-Materialdepot verwendet. Von 1916 bis 1918 beherbergte sie den Propellerprüfstand samt horizontalem Windkanal.
Stagl-Mannsbarth-Luftschiffhalle
Da die in Fischamend vorhandene Körting-Halle zu klein war als auch in einem militärischen Bauwerk kein privates Luftschiff untergebracht werden durfte, wurde diese Halle für das Privatluftschiff Stagl-Mannsbarth erbaut. Für die Versorgung mit Wasserstoffgas wurde eine unterirdische Leitung von der Gasfabrik angelegt.
Das Privatluftschiff sollte der k.u.k. Militärverwaltung angedient werden – diese hatte sich 1911 jedoch gegen weitere Luftschiff-Beschaffungen entschieden. Um die Eigner von Halle und Luftschiff vor finanziellem Absturz zu bewahren, kaufte das Militär die Halle um sie als Luftschiffhalle für das k.u.k. Militär-Luftschiff M.IV Boemches und nach 1914 als Depot zu verwenden.
Mit dem Luftschiff Stagl-Mannsbarth wurden Versuche zur Aërophotogrammetrie und zum Passagierverkehr unternommen.
Gasfabrik Im 19. Jahrhundert verwendete man als Traggas für Ballone zumeist Leuchtgas. Um die Leistungsfähigkeit der k.u.k. Militärluftschiffe zu steigern, wurde bereits bei der Planung 1908 der Bau einer Wasserstofferzeugungsanlage als unumgänglich befunden.
1910 wurde die aus Kesselhaus, Energiezentrale, Wassergas und Wasserstoffgas-Anlage, Kamin und Gasometern bestehende Anlage fertiggestellt. Weiters wurden unterirdische Gasleitungen zu Kompressorstation und Luftschiffhallen errichtet.
Flugzeugwerk Die Flugzeugproduktion in Fischamend begann 1912 mit der Fertigung von Etrich Monoplanen. Die Beweggründe der k.u.k. Luftfahrtruppen, Luftfahrzeuge selbst herzustellen waren vielfältig. Für die gemeinsamen Streitkräfte der Monarchie Budgetmittel für Neuanschaffungen zu erhalten war immens schwierig, für Instandhaltung und Reparaturen standen üppig dotierte Budgets zur Verfügung. Im Misstrauen des Militärs gegenüber Privatwirtschaft und Industrie fußten Argumentationen für eine Fertigung in Fischamend. Persönliche Animositäten wie auch militärische Bedanken hinsichtlich Geheimhaltung waren maßgeblich.Ausstellung „Die k.u.k. Militär-Aëronautische Anstalt Fischamend“ im HGM Zeltweg
Fast alle k.u.k. Flugzeugtypen, Prototypen sowie deutsche und erbeutete Flugzeuge sind in Fischamend für Erprobungen und Versuche nachweisbar.
Etrich Monoplan (Fd) Bauarten 70. 71. 72. Etrich-Taube
Wegen strikter Geheimhaltung lassen sich über den genauen Fertigungsbeginn und Stückzahl keine exakten Aussagen treffen.
Lohner B.I (Fd) Bauart 73. An die Erfolge des Lohner Pfeilfliegers anknüpfend entwickelte Lohner für militärische Zwecke die Type B (Bauart 11.). Diese wurden von September 1912 bis Mai 1913 ausgeliefert. Sie bewährte sich im rauen Alltagsbetrieb nicht.