mini|Fresko von Paul Bodmer im Kreuzgang des Fraumünsters Die Gründungslegende des Fraumünsterklosters erzählt anhand der Geschichte «Der leuchtende Hirsch», wie es zur Gründung der Zürcher Benediktinerinnenabtei Fraumünster kam. In ihrem Mittelpunkt steht neben einem Hirsch der fränkische König Ludwig der Deutsche, ein Enkel Karl des Grossen, und seine Töchter Hildegard und Bertha, die um die Mitte des 9. Jahrhunderts auf der Burg Baldern auf dem Albis gelebt haben sollen.

Legende Erste Erwähnung Die Legende ist erstmals nicht in schriftlicher Form, sondern durch ein Wandbild bezeugt. Aus der Zeit der Äbtissin Elisabeth von Wetzikon (1270–1298) stammte ein Fresko, das oberhalb der sogenannten Grabnische der Äbtissinnen am Südquerhaus des Fraumünsters auf der rechten Seite die Schwestern Hildegard und Bertha und den Hirsch zeigte. In der Reformationszeit wurde es übertüncht. Um 1850 wurde es wiederentdeckt, freigelegt und von Franz Hegi in Bleistiftskizzen und Aquarellkopien abgezeichnet. Danach wurde es wieder übermalt und 1911–1912 endgültig zerstört. Einem Antrag von Rudolf Rahn, dieses «Denkmal zürcherischer Geschichte» zu erhalten, wurde nicht entsprochen.

Bei den Renovationsarbeiten in den 2000er Jahren wurde eine Bildtafel an die Stelle gesetzt, an der das ursprüngliche Fresko war. Oben sind die beiden Schwestern mit dem Hirsch abgebildet, unten die Übertragung eines Teils der Reliquien von Felix und Regula vom Grossmünster ins Fraumünster anlässlich der Kirchenweihe im Jahr 874.Regine Abegg, Christine Barraud Wiener: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Neue Ausgabe II.I. Die Stadt Zürich II.I: Altstadt Links der Limmat, Sakralbauten. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2002, S. 54–56.

Schriftliche Versionen mini|Gründungslegende aus der Chronik des Christoph Silberysen: Die Schwestern werden auf ihrem Weg von einem Hirsch begleitet mini|Zweiter Teil: Die Engel mit dem Seil. Links der Wellenberg und weiter hinten das Grendeltor Die älteste schriftliche Version der Legende schrieb um 1510 der Zürcher Chorherr Heinrich Brennwald nieder.Regine Abegg, Christine Barraud Wiener: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Neue Ausgabe II.I. Die Stadt Zürich II.I: Altstadt Links der Limmat, Sakralbauten. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2002, S. 56.Heinrich Brennwald: Schweizerchronik I. Hrsg. von Rudolf Luginbühl. Basel 1908, S. 81. online Brennwalds Wortlaut übernahm 1576 Abt und Chronist Christoph Silberysen in seiner Schweizerchronik:

In heutigem Deutsch:

Die Legende vom leuchtenden Hirsch fand später unter verschiedenen Titeln Eingang in zahlreiche Sagensammlungen. Sie unterscheiden sich wohl in Ausführlichkeit und Erzählweise, teilen aber alle die Elemente von Brennwalds «Ursage»: Der König und seine Töchter, die Burg Baldern, der Hirsch, der die Schwestern bei ihren Ausflügen begleitet, die Stelle bei der Au, das anfängliche Missfallen des Vaters, das vom Himmel fallende Seil, der Bau des Klosters.

Historischer Hintergrund Personen mini|Gründungsurkunde der Fraumünsterabtei im Staatsarchiv des Kantons Zürich Wie in den meisten Sagen vermischen sich auch in dieser Geschichte historische Tatsachen mit fantastischen Elementen. Hier besteht der wahre Kern darin, dass am 21. Juli 853 König Ludwig der Deutsche das Fraumünster gründete, indem er ein schon bestehendes kleines königliches Eigenkloster seiner Tochter Hildegard übertrug. Mit der in der Sage erwähnten Cappel dürfte dieses kleine Kloster gemeint sein. Die Gründungsurkunde wurde in der königlichen Kanzlei in Regensburg ausgestellt; sie ist die älteste schriftliche Urkunde im Staatsarchiv des Kantons Zürich.Staatsarchiv Zürich Auch sei Ludwig tatsächlich sehr fromm gewesen und habe Interesse an theologischen Fragen gezeigt.Wilfried Hartmann: Ludwig der Deutsche. Darmstadt 2002, S. 22, 218–222.

Hingegen ist nicht nachgewiesen, dass König Ludwig tatsächlich jemals auf der Burg Baldern gelebt hat. Wäre diese tatsächlich eine Königspfalz gewesen, wäre das wohl dokumentiert. Auch von einem Aufenthalt seiner Töchter Hildegard und Bertha auf der Baldern ist nichts bekannt. Hildegard war seit 844 Äbtissin des Klosters Münsterschwarzach bei Würzburg. Nach der Gründung des Fraumünsters wurde sie dort 853 die erste Äbtissin, in Münsterschwarzach folgte ihr die jüngere Schwester Bertha im Amt. Sie war es auch, die nach Hildegards frühem Tod – sie wurde keine 30 Jahre alt – im Jahr 856 oder 859 im Fraumünster ihre Nachfolgerin als Äbtissin wurde.

Das Motiv des leuchtenden Hirsches findet sich auch bei Ida von Toggenburg, die auf dem Weg von ihrer Klause zu einer Kirche ebenfalls von einem Hirsch mit leuchtendem Geweih begleitet worden sein soll.Heiligenlexikon.de

Geografie Der Hirsch soll die beiden Schwestern biss jnn die Aw zwüschen dem See unnd der Aa vortrůg zů einer Cappel begleitet haben, wo dann das Kloster errichtet wurde, so berichtet die Sage. Dieser Standort lag ausserhalb des römischen Siedlungsgebietes auf einem isolierten und durch Überschwemmungen bedrohten Areal.Regine Abegg, Christine Barraud Wiener: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Neue Ausgabe II.I. Die Stadt Zürich II.I: Altstadt Links der Limmat, Sakralbauten. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2002, S. 15. Durch Öffnungen im Moränenwall, der den Zürichsee im Norden abschliesst, flossen damals zeitweise einige Arme der Sihl über das Gebiet des heutigen Paradeplatzes und Münsterhofs nach Südosten in den Zürichsee. Das Areal muss dementsprechend sumpfig gewesen sein. Ausschlaggebend für den Standort könnte die Nähe des am gegenüberliegenden Ufer der Limmat stehenden Chorherrenstifts Grossmünster gewesen sein; an der Grabstätte der Stadtheiligen Felix und Regula soll schon im 8. Jahrhundert eine von Karl dem Grossen gegründete Propstei gestanden sein.

Der Schriftsteller und Journalist Georg Clemens Kohlrusch erwähnt 1856 in seinem Schweizerischen Sagenbuch eine den Heiligen Stephanus und Cyriacus geweihte Kapelle, zu der die beiden Schwestern jeweils gegangen seien. Eine solche ist jedoch urkundlich nicht erwähnt, hingegen stand eine Stephanskirche dort vor der Stadtmauer, wo heute an der Bahnhofstrasse der Coop-City/St. Annahof steht, also nicht so weit vom Fraumünster entfernt.Stadt Zürich Städtebau Das grüne Seil, das vom Himmel gefallen war, soll einer weiteren Legende nach bis zur Reformation im Fraumünster über dem Hochaltar gehangen sein. Heinrich Bullinger hingegen berichtet, es sei neben anderem «Narrenwerk» in einem Sarg gelegen und soll, nicht über vier bis fünf Klafter lang (ca. 8 Meter), später im Haus des Bürgermeisters Diethelm Röist als Glockenseil verwendet worden sein.Georg Clemens Kohlrusch: Sagenbuch, S. 307.

Weitere bildliche Darstellungen mini|hochkant|Flagge der Gesellschaft zu Fraumünster Der Maler Paul Bodmer stellte 1924–1934 in seiner Bemalung des Fraumünsterkreuzgangs auch die Gründungslegende dar. Am Westportal der Kirche – nur unter Infrarot sichtbar – sind die Schwestern und der Hirsch abgebildet. Der schlechte Zustand lässt keine Datierung zu.Regine Abegg, Christine Barraud Wiener: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Neue Ausgabe II.I. Die Stadt Zürich II.I: Altstadt Links der Limmat, Sakralbauten. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2002, S. 79. Die 1988 gegründete Gesellschaft zu Fraumünster bezog die Legende in ihr Wappen ein, das einen weissen Hirsch auf blauem Grund mit drei Lichtern im Geweih zeigt.

Literatur Heinrich Brennwald: Schweizerchronik I. Hrsg. von Rudolf Luginbühl. Basel 1908, S. 81. Karl Werner Glaettli: Zürcher Sagen. Verlag Hans Rohr, Zürich 1959. Meinrad Lienert: Erzählungen aus der Schweizer Geschichte. Marix Verlag, Wiesbaden 2009 Walter Oberholzer: Heimatkunde der Stadt Zürich. Verlag Schul- und Büromaterialverwaltung, Zürich 1969, S. 8–9. Peter Ziegler: Sagen und Legenden rund um den Zürichsee. Gut Verlag, Stäfa 2012.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Sage aus der Schweiz Kategorie:Geschichte der Religion (Zürich) Kategorie:Hirsch in der Kunst