mini|rechts|Abendveranstaltung auf dem Kirchentag in Nürnberg, Juni 2023, mit Dagmar Pruin, der Präsidentin von Brot für die Welt Der 38. Deutsche Evangelische Kirchentag fand vom 7. bis zum 11. Juni 2023 im mittelfränkischen Nürnberg und in der Metropolregion Nürnberg statt.Kirchentag 2023: Herzlich willkommen in Nürnberg, www.kirchentag.de. Das Motto lautete: „Jetzt ist die Zeit“, in Anlehnung an das Bibelwort „Die Zeit ist erfüllt …“ . Der Kirchentag war politische Diskussionsveranstaltung, Kulturfestival und religiöses Ereignis in einem. Zentrale gesellschaftliche Themen wurden mit den Spitzen der deutschen Politik und führenden Theologen diskutiert.Homepage von Domradio https://domradio.de, abgerufen am 29. Juni 2023
Geschichte Nach 1979 fand damit der Evangelische Kirchentag zum zweiten Mal in Nürnberg statt. Außerdem war der Deutsche Katholikentag 1931 in Nürnberg veranstaltet worden.
Organisation und Ablauf mini|rechts|Motto des 38. Kirchentags: Jetzt ist die Zeit
Rechtsträger Rechtsträger war der Trägerverein „38. Deutscher Evangelischer Kirchentag Nürnberg 2023 e. V.“. Der Trägerverein ist für alle wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Belange zuständig. Gastgeber war die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern.
Präsidium Kirchentagspräsident war Thomas de Maizière.Präsident:innen, www.kirchentag.de. Er erhoffte sich vom Glaubensfestival eine Art „gemeinsames Lagerfeuer“, bei dem man versuche, in Nürnberg „ein Gemeinschaftsgefühl“ zu erzeugen .Homepage der Süddeutschen Zeitung https://www.sueddeutsche.de, abgerufen am 21. Juni 2023.
Politik Politische Prominente besuchten bzw. waren Teil des Programms am Kirchentag:
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz, Außenministerin Annalena Baerbock, Wirtschaftsminister Robert Habeck, Familienministerin Lisa Paus, Arbeitsminister Hubertus Heil, die Vizepräsidentinnen des Bundestages Katrin Göring-Eckardt und Petra Pau, der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, Renate Künast und die Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, Winfried Kretschmann, Manuela Schwesig und Markus Söder. Nach verschiedenen Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahren war im Jahr 2023 kein AfD-Politiker eingeladen worden.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier postulierte im Sinne der Kirchentagslosung, jetzt sei „auch Zeit für Waffen“.Homepage https://www.nd-aktuell.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Auch ehemalige Politiker besuchten die Veranstaltungen, etwa der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein und die ehemaligen Ministerinnen Renate Schmidt und Annegret Kramp-Karrenbauer.
Themen Etwa 2000 Veranstaltungen an 120 Veranstaltungsorten vor allem in der Nürnberger Innenstadt, im Messezentrum Nürnberg und in Fürth sind durchgeführt worden.Evangelischer Kirchentag: große Vorfreude auf das Megaevent in Nürnberg, abgerufen am 14. März 2023. Beim Abend der Begegnung am 7. Juni präsentierten sich rund 140 Vereine, Gemeinden und Initiativen aus ganz Bayern mit eigenen Ständen in der Nürnberger Altstadt.
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm von der gastgebenden Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern brachte seine Wünsche zum Ausdruck, „dass von diesem Kirchentag ein Signal der Hoffnung für die ganze Gesellschaft ausgeht. Einer Hoffnung, die sich nicht abwendet von der Welt, sondern mit klaren Orientierungen für die Zukunft verbunden ist.“Homepage des RND, abgerufen am 11. Juni 2023
Während des Kirchentages wurden insbesondere drei politische Themen kontrovers diskutiert: die schwelende Debatte zur deutschen Flüchtlingspolitik über die Reform des EU-Asylrechts, der Pazifismus in Zeiten eines russischen Angriffskrieges, sowie der Klimaschutz.
Das dritte Thema führte zu mehreren Protestaktionen der „Letzten Generation“ während des Kirchentags in Nürnberg. Lokale Organisationen bildeten eine Menschenkette in der Innenstadt.dpa: Kirchentag: Menschenkette für mehr Klimaschutz. In: süddeutsche.de vom 9. Juni 2023 - online abrufbar
Friedensethik Manche Medien vermissten die frühere Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1995–1999) und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann und verstanden das so, „dass ihre klare Haltung gegen Waffenlieferungen an die Ukraine dort nur eine Feigenblattfunktion gehabt hätte“.Homepage https://www.nd-aktuell.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Voten gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine gab es zwar auch auf dem Kirchentag, sie blieben jedoch in der Minderheit. Nach Meinung von Beobachtern habe sich mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine offenbar vor allem die Stimmung im Publikum geändert.Homepage https://www.nd-aktuell.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Der CDU-Chef und Katholik Friedrich Merz warnte vor Kompromissen gegenüber Putin: „Die Annäherung an den Aggressor ist der falsche Weg.“ Genau so, wie eine Appeasement-Politik auch im Umgang mit Nazi-Deutschland falsch gewesen sei, so sei sie das auch heute.Homepage der https://taz.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Für den Altbundespräsidenten Joachim Gauck verbindet sich das Christsein auch „mit dem Beistand für Opfer“ und er ergänzte: „Das ist das, was ich gelernt habe aus unserer Geschichte.“Homepage des Bayerischen Rundfunks https://www.br.de, abgerufen am 24. Juni 2023
Das ethische Dilemma der Kirche wurde sichtbar: Christlich motivierter Pazifismus verpflichtet zur Gewaltlosigkeit. Andererseits gilt auch die Solidarität mit Bedrängten und Verfolgten.
„Auflösen lässt sich dieses Dilemma nicht – aber zur Sprache bringen.“Homepage der Tagesschau https://www.tagesschau.de, abgerufen am 20. Juni 2023
Künstliche Intelligenz mini|rechts|Gottesdienst mittels einer Künstlichen Intelligenz, St. Paul in Fürth
In der Fürther Paulskirche hielt eine künstliche Intelligenz (KI) erstmalig an einem Kirchentag einen Gottesdienst ab. Das bedeutete, dass die KI von Liturgie und Musik bis zur Lesung und Predigt alles eigenständig auf Basis der eigenen Programmierung gestaltet hatte. Die einzige Vorgabe der Organisatoren war das Motto des Kirchentags: „Jetzt ist die Zeit“. Dabei wurde der Gottesdienst mittels mehrerer Avatare auf der Leinwand in die Kirche übertragen, in der die Avatare die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Glaubens und dem Bekenntnis zu Jesus predigten bzw. ausführten. Im Anschluss des Gottesdienstes wurde eine Diskussion angeboten, zur Bewertung des Gesehenen. Das Ergebnis fiel größtenteils negativ aus. Die Fürther Nachrichten betitelten die Berichterstattung in der Online-Vorausgabe mit der Überschrift: Aseptisches Wortgeraspel. In der Printausgabe wurde der Titel etwas abgeschwächter formuliert: Die Künstliche Intelligenz übernimmt St. Paul.Reinhard Kalb: Die Künstliche Intelligenz übernimmt St. Paul. In: Fürther Nachrichten vom 10. Juni 2023, S. 35 (Druckausgabe)
Interreligiöser Dialog mini|hochkant|Der Neutestamentler Wolfgang Kraus als Referent auf dem Kirchentag 2023 Auf dem Kirchentag 2023 gab es Orte des interreligiösen Dialoges.
Im Zentrum Juden und Christen wurde die Tradition des Lehrhauses und der jüdisch-christliche Dialog praktiziert. Referenten waren unter anderem Wolfgang Kraus und Amy-Jill Levine.
Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland war mit einem Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“ vertreten. Pastafari verwandelten Wasser in Bier oder vollzogen mit einem Föhn rituelle Enttaufungen – zur allgemeinen Verblüffung, wie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen feststellte.
Geschlechtergerechtigkeit Ein Arbeitskreis zu Feminismus hatte es sich auf dem Kirchentag zur Aufgabe gemacht, die liturgische Sprache im Gottesdienst zu optimieren. Ein „Feministisches Andachtskollektiv“ im Geist Feministischer Theologie vermittelte beim Kirchentag Möglichkeiten des geschlechtergerechten Sprechens über G*tt. Die alternative Version einer Gottesdiensteröffnung von Pfarrerin Lena Müller, der Referentin, lautete:
Die Dreifaltigkeit würde auf diesem Weg ganz ohne männliche Begriffe abgebildet: „Da hab ich dann irgendwie ein bisschen mehr Bock auf meinen Gottesdienst.“Homepage der taz https://taz.de, abgerufen am 29. Juni 2023
Demokratie Der Soziologe Hartmut Rosa fasste beim Podium „Wir müssen die Demokratie umbauen“ das Ringen um tragfähige Demokratie zusammen: „Demokratie gibt jedem eine Stimme. Aber die nützt nichts, wenn wir nicht auch bereit sind, die Stimmen der anderen zu hören. Individuelle Freiheit ist … wenig wert, wenn wir so tun, als wäre sie unser alleiniges Recht und dabei die globalen und gesellschaftliche Verantwortung ignorieren, die jede:r einzelne trägt.“Homepage der Evangelischen Akademie Thüringen mit einem Rückblick von Annika Schreiter, http://www.ev-akademie-thueringen.de, abgerufen am 21. Juni 2023 Rosa hat vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Spaltungen für eine neue politische Kultur geworben. Im Streit etwa um die Coronaimpfung, Waffenlieferungen oder Gender-Themen beobachte er eine demokratieschädliche Polarisierung, sagte Rosa in Nürnberg. Andersdenkende würden zunehmend als Idioten, Verräter oder nicht zurechnungsfähig wahrgenommen. „Wir müssen die politische Kultur ändern. Wir brauchen einen neuen Wir-Sinn“, forderte der Wissenschaftler von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.Soziologe dringt auf neuen "Wir-Sinn" auf der Homepage https://www.evangelisch.de, abgerufen am 28. Juni 2023
Fazit Kirchentagspräsident Thomas de Maizière sagte zum Abschluss des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages, die Zeiten seien schwierig, trotzdem müsse man zuversichtlich sein: https://www.swr.de, abgerufen am 11. Juni 2023 Als etwas Besonderes bezeichnete es de Maiziere, dass der Nürnberger Kirchentag imstande gewesen sei, einen vertrauensvollen Rahmen zu schaffen für Menschen wie für schwierige und heikle Themen.Homepage https://domradio.de, abgerufen am 14. Juni 2023
Die Veranstalter des Kirchentages zeigten sich zufrieden angesichts voller Messehallen, Kirchen und dichtem Gedränge in der Innenstadt. Die Menschen seien dankbar gewesen für etwas, „das es selten gibt in unserem Land: Gemeinsam singen und beten und dann hinterher politisch diskutieren“, meinte de Maizière.Homepage https://www.mdr.de, abgerufen am 20. Juni 2023
„Die Stimmung war gelöst, die Herzen offen, der Verstand klar“, bilanzierte de Maizière am Ende der fünf Tage. „Wenn es gelingt, die harten und strittigen Themen auf diese Weise zu bearbeiten, dann hat dieser Kirchentag unserem Land gedient.“Homepage https://www.wiwo.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Oberbürgermeister Marcus König, Nürnberg, sprach angesichts der vollen Plätze und der guten Stimmung in seiner Stadt von einem „Sommermärchen des Glaubens 2023“.https://www.kirchentag.de/service/aktuelles/juni/kirchentagsabschluss-in-nuernberg Homepage www.kirchentag.de, abgerufen am 11. Juni 2023
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm resümierte, er habe beim Nürnberger Kirchentag die „Kirche der Zukunft“ erlebt. Der Kirchentag sei eine „Krafttankstelle“ für den weiteren Weg nicht allein nur der Kirche, sondern auch der Gesellschaft.Homepage des Bayerischen Rundfunks https://www.br.de, abgerufen am 22. Juni 2023
Kulturprogramm und Konzerte mini|Das Sinfonieorchester Kiew in der Meistersingerhalle
Beim Kirchentag waren mit Konzerten anwesend: Fritz Baltruweit, Judy Bailey, Clemens Bittlinger, Martin Buchholz, Eugen Eckert und die Band Habakuk, John Kameel Farah, Siegfried Fietz, Martin Pepper, David Plüss, Andi Weiss und weitere Musiker.
Mit Aufführungen zu hören waren unter anderem Helge Burggrabe, Julia Jentsch und Pierre Stutz.
Im Kabarettprogramm traten unter anderem Abdelkarim, Duo Camillo und Bodo Wartke auf. Eckart von Hirschhausen hielt eine Bibelarbeit.
Workshops gab es unter anderem zur Zukunft des Singens mit Peter Bubmann.