mini|Südfassade des Justizpalastes und Gerichtsplatz (2025) Der Justizpalast (auch Gerichtsgebäude genannt; italienisch Palazzo di Giustizia) ist ein zwischen 1939 und 1956 errichtetes rationalistisches Bauwerk in Bozen (Südtirol). Er befindet sich am Gerichtsplatz zwischen Italienallee und Duca-d’Aosta-Allee und beherbergt das Landesgericht Bozen sowie die örtliche Staatsanwaltschaft. Im Juli 2026 stürzte ein beträchtlicher Teil des Gebäudes ein.
Architektur Der Justizpalast wurde von Paolo Rossi de Paoli und Michele Busiri Vici im Stil des italienischen Rationalismus entworfen. In seiner heutigen Form verfügt er über vier oberirdische Stockwerke, die mittels Aufzügen und Treppen von beiden Seitenflügeln – dem östlichen Flügel des Landesgerichts und dem westlichen Flügel der Staatsanwaltschaft – aus zugänglich sind.
An der Längsseite des annähernd E-förmigen Grundrisses, die dem Gerichtsplatz zugewandt ist, befindet sich eine dem Zeitgeist entsprechend monumentale, aber schmucklose Fassade. Sie ist mit Travertin verkleidet, während die rückseitigen Wände Sichtziegelmauerwerk zeigen. Die konvexe Fassade des Gerichtsgebäudes ist auf die konkave Fassade der gegenüberliegenden Casa Littoria abgestimmt.Harald Dunajtschik, Aram Mattioli: Eroberung durch Architektur. Die faschistischen Um- und Neugestaltungsprojekte in Bozen. In: Petra Terhoeven (Hrsg.): Italien, Blicke: neue Perspektiven der italienischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55785-3, S. 87–106, hier S. 100–101.
Vom Gerichtsplatz führt ein breiter Treppenaufgang zum enormen Haupteingang im Hochparterre. Das untere Ende der Treppe ist von zwei Stelen flankiert, die auf jeweils fünf Medaillons die Köpfe prominenter Figuren der römischen und italienischen Rechtsgeschichte zeigen, darunter Julian, Cicero, Papinian und Modestin. Am oberen Ende befindet sich eine Kolonnade aus acht Pfeilern, die vom Hochparterre bis unter das Flachdach reichen und somit eine hohe, offene Vorhalle bilden. Der darüberliegende Architrav enthält eine lateinische Inschrift, die explizit auf das 1936 ausgerufene faschistische Kolonialreich verweist:
mini|Giebelrelief mit personifizierter Justitia
Über dem Haupteingang befindet sich ein von Alcide Ticò geschaffenes Giebelrelief, das Justitia zeigt, die römische Göttin der Gerechtigkeit. Auf einem Thron sitzend, hält sie eine Waage als Symbol der Gerechtigkeit. Flankiert wird sie von zwei Männern – links die legislative Gewalt mit einem Gesetzbuch, rechts die exekutive Gewalt mit einem Schwert. Eine Augenbinde trägt Justitia nicht – ihr unverdeckter Blick ist geradeaus auf das zentrale Element des Reliefs auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes gerichtet: Benito Mussolini, der auf einem Pferd reitend den römischen Gruß zeigt.
Auch über den Hochparterre-Fenstern außerhalb der Kolonnade sind Reliefs angebracht, die die am Giebelrelief bereits referenzierten Symbole Waage, Gesetzbuch und Schwert zeigen.
Geschichte Das Gebäudeensemble rund um den heutigen Gerichtsplatz ist Ausdruck der Entwicklungspläne, die das faschistische Regime seit den frühen 1930er Jahren für die Stadt Bozen hatte. Der ursprünglich nach Arnaldo Mussolini benannte Platz wurde zwischen 1939 und 1942 geschaffen und liegt direkt an der heutigen Italienallee, einst Julius-Cäsar-Allee, die eine zentrale Einfallstraße Bozens bildet. Gleichzeitig begann die Errichtung zweier Gebäude an gegenüberliegenden Enden des weitläufigen Platzes: die Casa Littoria, die als faschistisches Parteigebäude konzipiert war und mittlerweile vom örtlichen Finanzamt genutzt wird, sowie der Justizpalast. Zusammen mit der etwa zeitgleich errichteten Christkönigkirche jenseits der Italienallee sollten sie ein Ensemble bilden, das die totalitäre Bündelung von politischer, gerichtlicher und ideologischer bzw. religiöser Macht an einem Ort architektonisch zum Ausdruck bringt. Dies wird auch durch die oben beschriebene Inschrift über der Kolonnade unterstrichen.
Kriegsbedingt wurden die Bauarbeiten am Justizpalast 1942 eingestellt und erst 1951 wieder aufgenommen. Nach Kriegsende dienten der Gerichtsplatz und das noch unfertige Gerichtsgebäude zwischenzeitlich als Messegelände: Am 12. September 1948 wurde hier die erste Internationale Bozner Mustermesse der Nachkriegszeit abgehalten. In den 1950er Jahren übersiedelte der Messebetrieb in die Romstraße.Helmut Alexander: Startbahn Wirtschaft. Südtirol auf dem Weg zu Wachstum und Wohlstand. In: Gottfried Solderer (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. Band III: 1940–1959. Bozen: Raetia 2001. ISBN 88-72831520, S. 166.
Am frühen Abend des 15. September 1956 wurde der neue Justizpalast schließlich feierlich vom Staatspräsidenten Giovanni Gronchi eingeweiht und durch den Bischof gesegnet. An der Eröffnungszeremonie beteiligten sich zahlreiche hochkarätige Persönlichkeiten, darunter der Justizminister, die Präsidenten des Kassationsgerichtshofs, des Oberlandesgerichts und der Anwaltskammer, sowie diverse Richter des Landes- und Amtsgerichts.
Im Dezember 2017 ging der bis dahin staatliche Bau unentgeltlich an die Autonome Provinz Bozen über, die seitdem für den Unterhalt des Gebäudes aufkommt.
Teileinsturz 2026
mini|Die Gebäudemitte nach dem Einsturz im Juli 2026 mini|Das Gerichtsgebäude nach der Einrüstung im August 2026 Am 16. Juli 2026 kam es um kurz nach 6 Uhr morgens zum Einsturz des mittleren Traktes hinter dem Säulengang. Dabei wurden vier Stockwerke einschließlich des Schwurgerichtssaales zerstört. Eine Reinigungskraft erlitt leichte Verletzungen durch herabfallende Trümmer. Ersten offiziellen Angaben zufolge sollen die tragenden Säulen des kollabierten Gebäudeteils versagt haben, an denen wenige Wochen vor dem Unglück Sanierungsarbeiten aufgenommen worden waren.
Für die verschiedenen Justizbehörden wurden im August 2026 vorübergehend neue Büros gefunden, ehe – da sich der Bau als schwer sanierbar und ohnehin als für aktuelle Anforderungen zu knapp bemessen erweist – mittelfristig wohl ein völlig neues Justizzentrum an anderem Ort zu errichten sein wird. Für den Wiederaufbau des Altbaus wurde von fachlicher Seite für eine Kritische Rekonstruktion plädiert, die als „schöpferische Sicherung“ – etwa nach dem Vorbild der von Hans Döllgast wieder hergestellten Alten Pinakothek in München – zu erfolgen habe. Außerdem sei die Gelegenheit bei neuer Zweckbestimmung des Altbaus günstig, gerade hier angesichts des historisch-politischen Kontexts ein „Internationales Institut für Faschismusforschung“ einzurichten, das sich neben Faschismus und Nationalsozialismus allen Spielarten autoritärer und totalitärer Politikformen widme.
Zur Klärung der Verantwortung für den Einsturz des Altbaus wurden im August 2026 gegen die mit der Sanierung Beauftragten gerichtliche Ermittlungen eingeleitet.
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Einzelnachweise
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