mini|Das Treffen der Könige Eduard VII. (vorn) und Alfons XIII. (dahinter) am 8. April 1907 in Cartagena bereitete die britisch-spanische Übereinkunft vor. mini|Antonio Maura (links) mit Alfons XIII. mini|Als der eigentliche Urheber des Notenaustauschs galt Jules Cambon Als Pakt, Entente, Übereinkunft, Konvention bzw. Abkommen von Cartagena () werden identische diplomatische Noten bezeichnet, die am 16. Mai 1907 zeitgleich zwischen Großbritannien und Spanien sowie zwischen Frankreich und Spanien ausgetauscht wurden. Die darin enthaltenen Vereinbarungen (Acuerdos de Cartagena) bzw. Erklärungen (Declaraciones de Cartagena) garantierten bzw. anerkannten und bestätigten einander und vor allem Spanien vage den jeweiligen Besitzstand und die Interessenssphären an den mittelmeerischen und atlantischen Küsten Europas und Afrikas, während Spanien den beiden Entente-Mächten zusicherte, den Frieden bzw. den Status quo aufrechterhalten zu helfen. Der Notenaustausch trug dazu bei, Spanien aus dem Umfeld des Dreibundes zu entfernen und der Triple Entente anzunähern.
Hintergrund Bis 1902 hatte Spanien unter der Regentschaft der Königsmutter Maria Christina gestanden und war von Kabinetten regiert worden, die eine wohlwollendere Haltung zu Österreich, Italien und Deutschland als zu Frankreich angestrebt hatten. Bismarck hatte zwar Spaniens Wunsch auf Aufnahme in den Dreibund abgewiesen, Spanien hatte sich aber durch ein Abkommen mit Italien der Mittelmeerentente angeschlossenRichard Konetzke: Die iberischen Staaten von 1875 bis zum I. Weltkrieg (1875-1917), In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte, Band 6, Seiten 518f und 533. Union Verlag Stuttgart 1973, ohne allerdings Verbündete für die Verteidigung seiner Kolonien in Übersee gefunden zu haben. Die fernen Überseekolonien waren infolge des Spanisch-Amerikanischen Krieges an die USA sowie an Deutschland verloren gegangen, und auch an den Kanaren sowie an Fernando Póo und Spanisch-Guinea zeigten Deutschland bzw. Großbritannien Interesse.Enrique Rosas Ledezma: Las «Declaraciones de Cartagena» (1907) - Significación en la política exterior de España y repercusiones internacionales. Cuadernos de Historia Moderna y Contemporánea 2/1981, Madrid 1981 (PDF)Pedro María Egea Bruno: Los Acuerdos de Cartagena y el Statu Quo en el Mediterráneo. In: Cartagena Histórica 22/2008, Seiten 26–37. Editorial Áglaya, Cartagena 2008 (PDF)Foreign Office: British Documents on the Origins of the War 1898-1914, Teil 7 (The Agadir crisis), Seiten XIX-XXII und 4–51. H.M. Stationery Office, London 1932Документы XX века: Картахенские соглашения 1907 и 1913 годов Spanien suchte Kompensationen in Marokko, um das es mit Deutschland und Frankreich rivalisierte.
Nach dem Erreichen seiner Großjährigkeit waren von Spaniens König Alfons XIII. Regierungen eingesetzt worden, die sich um eine (Wieder-)Annäherung an Frankreich (und Großbritannien) bemühten. Schon 1903 hatte Ministerpräsident Francisco Silvela dem französischen Botschafter in Madrid, Jules Cambon, einen Anschluss Spaniens an die Französisch-Russische Allianz vorgeschlagen, wenn die Alliierten Spaniens verbliebenen Besitzstand garantierten.K. A. Hamilton: Great Britain, France and the origins of the Mediterranean Agreements of 16 May 1907, In: David John Moss, Cedric James Lowe: Shadow and Substance in British Foreign Policy, 1895-1939, Seiten 115–150. University of Alberta, Alberta 1984 Die Nachfolgeregierungen hatten sich in der für Spanien besonders wichtigen Marokko-Frage 1904 mit Frankreich und 1906 auf der Algeciras-Konferenz auch mit Großbritannien abgestimmt. Zudem war Alfons seit 1906 verheiratet mit einer Nichte des britischen Königs Eduard VII., der bei den Königshäusern Europas um Unterstützung für die britisch-französische Entente cordiale und (angeblich) für eine Isolierung Deutschlands warb.Richard von Kralik: Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit von 1815 bis zur Gegenwart Fünfter Band (1900 bis 1913), Seiten 368, 407, 733 Verone, Nikosia 2017Bernhard Schwertfeger: Die Belgischen Dokumente zur Vorgeschichte des Weltkrieges 1885-1914, Dritter Band (Die Politik König Eduards VII. und die Marokkokrise 1905–1907), Seiten 23f, 27ff, 190–196, 212ff, 216–219. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1925 (vgl. Bernhardt Schwertfeger: Amtliche Aktenstücke zur Geschichte der Europäischen Politik 1885-1914, Erster Ergänzungsband, Belgische Aktenstücke 1905-1914, Seiten 74–81 und 92–101. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1925)
Großbritannien ging es vor allem aber auch um die Anerkennung seiner Herrschaft über GibraltarFernando García Sanz: Between Europe and the Mediterranean - Spanish-Italian Relations 1898-1922, In: Raanan Rein (Hrsg.): Spain and the Mediterranean Since 1898, Seiten 37–45. Routledge, New York 2013, während Frankreich die Errichtung eines deutschen Flottenstützpunkts auf den Balearen verhindern wollte. Britische Unterhändler wie Francis Bertie und Staatssekretär Charles Hardinge hatten bereits seit Dezember 1906 Vorverhandlungen mit dem spanischen Botschafter in London, Wenceslao Ramírez de Villaurrutia, geführt. Auch Jules Cambon, dessen Bruder Paul Cambon zur gleichen Zeit französischer Botschafter in London war, verhandelte spätestens seit Januar 1907 mit Vertretern der spanischen Regierung. Von Alfons war im Januar 1907 Antonio Maura zum spanischen Ministerpräsidenten ernannt worden. Zunächst hatte der britische Außenminister Edward Grey ein (dem französisch-spanischen Abkommen ähnliches) britisch-spanisches Abkommen angestrebt, später dann hatten der französische Außenminister Stéphen Pichon und der französische Premierminister Georges Clemenceau ein dreiseitiges Abkommen favorisiert. Alfons wiederum schlug ein rein britisch-spanisches Abkommen vor, in welchem Großbritannien sich zum Schutz des spanischen Besitzstandes verpflichte, dafür aber im Kriegsfall die spanischen Häfen nutzen dürfte. An dem von Alfons am 16. März selbst eingebrachten Vorschlag, die Neutralität Spaniens vertraglich festzuschreiben, drohten die Verhandlungen zunächst zu scheitern. Cambon präsentierte am 25. März einen die spanischen Wünsche berücksichtigenden Kompromissvorschlag, in dem Harding am 28. März auch die britischen Wünsche unterbringen konnte.
Vom 8. April bis 10. April 1907 trafen Eduard, die Königin, Seelord John Fisher und Hardinge im spanischen Cartagena mit Alfons, Maura, Villaurrutia, Außenminister Manuel Allendesalazar und Marineminister José Ferrándiz zusammen. Madrid erschien für den Besuch zu unsicher.
Inhalt Die am 16. Mai 1907 von den Unterhändlern in Cartagena getroffenen spanisch-britischen und spanisch-französischen Vereinbarungen waren Absichtserklärungen, keine Abkommen. Obwohl eindeutig formulierte Garantien und Verpflichtungen ebenso vermieden wurdenDouglas M. Gibler: International Military Alliances, Band 2 (1648–2008), Seite 218. CQ Press, Washington 2008 wie konkrete Nennungen von Besitzungen, so verbürgte Spanien auf diese Weise Großbritannien den Besitz Gibraltars und Maltas sowie Frankreich den Besitz Algeriens und Tunesiens. Im Gegenzug sprachen sich Großbritannien und Frankreich für die Beibehaltung der spanischen Herrschaft über die Balearen und im westlichen Mittelmeer sowie über die Kanaren und den atlantischen Küstengebieten Afrikas aus. Spanien verpflichtete sich, keine Inseln oder Häfen an andere Mächte abzutreten oder auch nur zu verpachten. Die drei Mächte erkannten zudem gegenseitig ihre jeweiligen Ansprüche und Interessen in Marokko bzw. Nordafrika an. Entsprechende identische Noten wurden zwischen dem britischen Außenminister Edward Grey und dem spanischen Botschafter in London, Wenceslao Ramírez de Villaurrutia, sowie zwischen dem französischen Außenminister Stéphen Pichon und dem spanischen Botschafter in Paris, Fernando León y Castillo, ausgetauscht. Die Noten wurden den Regierungen Deutschlands, Russlands, Österreich-Ungarns, Italiens, Portugals, Japans und der USA vorgelegt. Pichon versicherte, dass die Vereinbarungen allein auf Konsultationen über ein gemeinsames Vorgehen zur Aufrechterhaltung des Status quo im Mittelmeer sowie im östlichen Atlantik abzielten und friedlicher Natur seien.
Veröffentlichte Noten Edward Greys Note an de Villaurrutia Note von de Villaurrutia an Edward Grey Note von León y Castillo an Stéphen Pichon Stéphen Pichons Note an León y Castillo
Vermutete Nebenabsprachen In den kurzen Noten deutete nichts auf eine Militärkonvention oder ein Bündnis hin. Dennoch mutmaßten belgische Diplomaten (Jules Greindl, Charles Lalaing), spanische Abgeordnete, spanische Zeitungen und später auch deutsche Weltkriegsapologeten, dass die unmittelbar nach den Verhandlungen von Spanien aufgenommenen Marinekredite im Zusammenhang zu geheimen Zusatzklauseln standen, die über die vereinbarte Konsultationen im Krisenfall hinausgingen. Demnach sollte sich Spanien verpflichtet haben, seine größeren Häfen so auszubauen und zu befestigen, dass sie im Verteidigungsfall starke britische und französische Flottenverbände aufnehmen können sowie eine für den Schutz dieser Häfen ausreichende Flotte aufzubauen und zu unterhalten. Vor allem die Teilnahme von Seelord Fisher und Marineminister Ferrándiz an den Verhandlungen deutete darauf hin.Antonio de la Vega Blasco: El Plan de Escuadra Maura-Ferrándiz, In: XXXVII Jornadas de Historia Maritíma, Ausgabe 57, Seite 22. Instituto de Historia y Cultura Naval, Madrid 2008 (PDF)Agustín Rodríguez González: Vida y obra de un marino regeneracionista - el almirante Ferrándiz, In: XXXVII Jornadas de Historia Maritíma, Ausgabe 57, Seite 62. Instituto de Historia y Cultura Naval, Madrid 2008Francisco Javier Álvarez Laita: Implicaciones industriales del Plan de Escuadra Maura-Ferrándiz, In: XXXVII Jornadas de Historia Maritíma, Ausgabe 57, Seite 80. Instituto de Historia y Cultura Naval, Madrid 2008
Tatsächlich legte die Regierung Maura bereits am 1. Juni 1907 ein nach Ferrándiz benanntes Flottenbauprogramm auf, das am 7. Januar 1908 bewilligt sowie im April 1908 durch ein weiteres Aufrüstungsprogramm ergänzt wurde und auch den Ausbau der Kriegshäfen Cartagena, Ferrol und Mahón vorsah.GlobalSecurity.org: The Spanish Navy 1899-1918 - The Great WarWilliam L. Langer: Tribulations of Empire - The Mediterranean Problem, In: Council on Foreign Relations: Foreign Affairs, Teil 15, Nummer 4, Seite 652f. New York 1937 Einige der neuen Schiffe sollten in britischen Werften gebaut werden und Spanien sollte für den Kauf dieser Schiffe britische bzw. französische Kredite aufnehmen können. Eigens für den Bau der übrigen Schiffe wurde 1909 ein spanisch-britisches Gemeinschaftsunternehmen, die Sociedad Española de Construcción Naval (SECN), mit Werften in Ferrol und Cartagena gegründet.Francisco Javier Álvarez Laita: Retornos industriales de las inversiones de los planes de escuadra, In: Revista de Historia Naval, Nummer 122, Seiten 9–30. Instituto de Historia y Cultura Naval, Madrid 2013 ()José Antonia Ocampo Aneiros: La Historia Maritima en el Mundo - La historia vivida - La Sociedad Española de Construcción Naval, In: Revista de Historia Naval, Nummer 129, Seiten 101–104. Instituto de Historia y Cultura Naval, Madrid 2015 (PDF)Joseph Harrison, Alan Hoyle: Spain's 1898 Crisis - Regenerationism, Modernism, Postcolonialism, Seite 63ff. Manchester University Press, Manchester 2000 Großbritannien sagte zudem Hilfe beim Ausbau der Hafenbefestigungen zu.
Folgen mini|König Alfons mit Präsident Poincaré 1913 in Cartagena vor dem (im Rahmen des Ferrándiz-Programms) neugebauten Schlachtschiff España