mini|3D-Rekonstruktion der Villenanlage (Blickrichtung Norden) Die Gallo-römische Villa von Reinheim liegt im Ortsteil Reinheim der saarländischen Gemeinde Gersheim, in der Siedlungskammer Bliesbruck-Reinheim. Die Villa liegt auf dem Gelände des Europäischen Kulturparks Bliesbruck-Reinheim. Die aus Hauptgebäude und Wirtschaftshof bestehenden Villenanlage des längsaxialen Typs nimmt eine Fläche von rund sieben Hektar ein. Genutzt wurde die Anlage zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert. Sie zählt zu den größten Villen des längsaxialen Typs in Südwestdeutschland und Nordwestfrankreich.
Zerstörungen durch Sand- und Kiesabbau Von den 1950er bis in die 1970er Jahre hinein, fand in dem Gebiet auf deutscher wie auch auf französischer Seite der Abbau von Sand und Kies statt. Im Zuge dieses Abbaus wurden Teile der Anlage, größtenteils undokumentiert, abgegraben. Betroffen hiervon ist der Nordteil des Wirtschaftshofes. Während bei Nebengebäude 13 im Jahr 1964 nach seiner Entdeckung eine Notgrabung stattfand, wurde das Nebengebäude 12 vollständig undokumentiert abgebaggert. Seine Existenz ist aber durch Augenzeugenberichte gesichert. Nach der Notgrabung wurde das Nebengebäude 13 ebenfalls komplett abgebaggert. Die Mauer mit der zu postulierenden Toranlage, die den Wirtschaftshof (pars rustica) vom Wohnbereich mit dem Hauptgebäude (pars urbana) abtrennte, sowie Teile des dem Hauptgebäude vorgelagerten Ziergartens wurden ebenfalls undokumentiert abgetragen. Von der Mauer hat sich lediglich ein Teil am Nebengebäude 6 erhalten. Im Anschluss wurde ein Kiesweiher angelegt, der sich über die Fundstelle des Nebengebäudes 13 und einen Teil des Hofareals erstreckt.Andreas Stinsky: Die Villa von Reinheim. Ein ländliches Domizil der gallo-römischen Oberschicht. Nünnerich-Asmus Verlag & Media, 2016, ISBN 978-3-945751-20-6.
Entstehung Nach archäologischem Befund entstand die Villenanlage in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Sie wurde etwa 300 Meter von dem an einer Durchgangsstraße gelegenen römischen Vicus von Bliesbruck, in einer Talniederung an dem Fluss Blies errichtet. Die Nähe zum Vicus, der in seiner Blütezeit im 2. und 3. Jahrhundert mit 1.500 bis 2.000 Einwohnern, einen städtischen Charakter innehatte und ein Umschlagplatz für regionale Erzeugnisse war, die Lage an der Durchgangsstraße und der mit Flößen und flachen Kähnen schiffbaren Blies sowie die fruchtbaren Böden der Umgebung stellten hervorragende Voraussetzungen für die Entwicklung der Villa und den Wohlstand ihrer Besitzer dar. Wer die Erbauer und späteren Besitzer der Villa waren, ist nicht überliefert. Errichtet wurde die Villenanlage mitten in einer Nekropole der späten Bronze- und Eisenzeit. Im Laufe der 300-jährigen Nutzung wurden in mehreren Bauphasen An- und Umbauten an der Villenanlage vorgenommen.Florian Sărăţeanu-Müller: Die gallo-römische Villenanlage von Reinheim. In: Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde. (= Saarpfalz. Blätter für Geschichte und Volkskunde. Sonderheft). Saarpfalz-Kreis, 2000, .Florian Müller: Die Villenanlage von Reinheim – die Baugeschichte einer Großvilla vom längsaxialen Typus . Publikationen der Universität des Saarlandes, 2016. (online)
mini|Der etwa zwei Meter tiefe Schacht zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, der in Bauphase 1 im Gebäude des späteren Ostflügels des Hauptgebäudes angelegt wurde
Bauphase 1 In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts wurde ein kleineres Hauptgebäude (der spätere Ostflügel der Villa) errichtet, das über ein nach Osten ausgerichtetes Hofareal, von dem archäologisch nur Teile nachgewiesen sind, errichtet wurde. Zur Versorgung mit Wasser diente ein einfacher, auf etwa 90 datierter Holzkastenbrunnen. In einem Raum wurde ein etwa zwei Meter tiefer Schacht angelegt, der am wahrscheinlichsten zur Aufbewahrung von Lebensmittel diente.
Bauphase 2 mini|Das rekonstruierte Wasserbecken an der Nordseite des Hauptgebäudes Ungefähr Mitte des zweiten Jahrhunderts erfuhr das Hauptgebäude umfangreiche Erweiterungen. An das ehemalige Hauptgebäude wurde ein Mitteltrakt angebaut und an dessen Westseite ein Anbau, der die gleiche Grundfläche wie das alte Gebäude, das nun den Ostflügel darstellte, innehatte. Das neue Hauptgebäude hatte damit die Form des Buchstaben H. Zu dieser Zeit wurde ein drei Meter breites und 40 Meter langes Wasserbecken an der Nordseite des neuentstanden Mitteltraktes erbaut. Dieses Becken, das weder Zu- noch Abläufe besaß, diente zu rein dekorativen Zwecken und nicht zur Wasserversorgung des Gebäudes. Das Wasserbecken hatte auf der dem Gebäude abgewandten Seite schräg verlegte Wandplatten. In dieser Bauphase entstand auch das Bad im Westflügel des Hauptgebäudes. An den Südseiten der beiden Flügel sowie am Mitteltrakt wurde in dieser Bauphase eine Portikus errichtet.
Bauphase 3 Mit dieser Bauphase Anfang des dritten Jahrhunderts erreichte die Villenanlage ihre größte Ausbaustufe. Das Gesamtareal der Villenanlage betrug nun sieben Hektar. Die Grundfläche des Hauptgebäudes betrug rund 2.550 m². Das Erdgeschoss verfügte über 50 Räumlichkeiten, die zum Teil über eine Hypokaustanlage verfügten. Das Wasserbecken an der Nordseite wurde verfüllt und an der Nord- und Südseite des Mitteltraktes entstand jeweils eine neue Portikus. Das Haupthaus wurde durch eine Mauer mit Toranlage vom Wirtschaftshof abgetrennt. Zwischen Toranlage und Hauptgebäude wurde ein überdachter Säulengang angelegt, der durch eine als Ziergarten angelegte Anlage zum Hauptgebäude führte. Die weiteren Flächen im Westen, Osten und Norden des Hauptgebäudes wurden durch Mauern in einzelne Parzellen unterteilt. Um den 300 Meter langen und 135 Meter breiten Wirtschaftsbereich wurde eine Mauer angelegt und im Süden ein Torhaus als Zugang errichtet. An der Ost- und Westseite der Mauer wurden je sechs Nebengebäude errichtet. Der Abstand zwischen den Gebäuden betrug jeweils nicht mehr als rund 40 Meter. Die Nebengebäude selbst standen außerhalb der von der Mauer eingefassten Fläche. Nur jeweils die Fassade der Nebengebäude, mit einem Zugang, war in die Mauer integriert.
Bauphase 4 In der letzten Bauphase, die sich an die Germaneneinfälle in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts anschließt, wurden einige Räume des Hauptgebäudes, insbesondere der Mitteltrakt und zwei Nebengebäude zu Werkstätten umgebaut. Im Mitteltrakt erfolgte ebenfalls die Einrichtung einer Küche. Auch in einigen der Nebengebäuden wurden nun Werkstätten eingerichtet.
Anlage mini|Übersichtsplan der Villenanlage Bei der Anlage handelt sich um eine Villenanlage des längsaxialen Typs. Dies bedeutet, dass dem Wohngebäude (pars urbana) ein längsaxialer Wirtschaftshof (pars rustica) vorgelagert ist. Eine solche Bauweise ist in den gallischen und germanischen Provinzen anzutreffen, nicht aber im römischen Kerngebiet. Dort sind Wohngebäude und Wirtschaftsgebäude in einem zusammenhängenden Komplex untergebracht. Die längsaxiale Bauweise geht wahrscheinlich auf gallische und germanische Bautraditionen zurück, wie Funde solcher Anlagen schon aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen. Die Anlage ist fast exakt in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. Sie gliedert sich in ein Hauptgebäude, das aus einem Mitteltrakt und zwei Seitenflügeln besteht und das durch eine Mauer und eine kleine Toranlage vom Wirtschaftshof abgegrenzt war, sowie dem Wirtschaftshof, der von einer Mauer umgeben war. Von der kleinen Toranlage führte ein überdachter Säulengang durch einen, dem Hauptgebäude vorgelagerten, Ziergarten, zum Eingang des Mitteltraktes. Im Norden des Mitteltraktes befand sich ein Wasserbecken, welches im 2. Jahrhundert verfüllt wurde. Etwa zehn Meter von der Mitte der Nordseite des Mitteltrakts entfernt stand vermutlich ein Monument, von dem lediglich das 2,5 × 2,5 Meter große Fundament erhalten ist. Reste des Monumentes sind nicht erhalten. Rechts und links der Mauer des Wirtschaftshofes befanden sich je sechs Nebengebäude. Der eigentliche Baukörper der Nebengebäude befand sich außerhalb des Wirtschaftshofes. Nur jeweils die Fassade, mit einem Zugang zum Wirtschaftshof, befand sich zwischen der Mauer. Damit war die gesamte Fläche des Wirtschaftshofes frei von jeglicher Bebauung. Die Mauer selbst diente nicht zu Verteidigungszwecken, sondern dazu, den Zugang Unbefugter zum Wirtschaftshof zu verhindern. Den Zugang zum Wirtschaftshof bildete eine Toranlage im Süden der Anlage. Die das Hauptgebäude umgebenden Flächen waren durch Mauern in unterschiedliche Parzellen unterteilt. Auf welche Weise diese Parzellen genutzt wurden, ist nicht bekannt.
Hauptgebäude Während der Zeit seiner größten Ausbaustufe maß das Hauptgebäude 80 × 62 Meter und bedeckte eine Fläche von etwa 2.550 m². Im Erdgeschoss verfügte es über 50 Räume. Die Räume des Obergeschosses sind archäologisch nicht mehr nachweisbar. Im Süden und Norden befand sich jeweils am Mitteltrakt und an den beiden Gebäudeflügeln eine Portikus. Das gesamte Gebäude verfügte im Innenbereich über Decken und Wandmalereien, unter anderem über einen feinen Musterrapport.
Mitteltrakt Ob der ungefähr 557 m² große Mitteltrakt als großer überdachter Raum oder als Innenhof angelegt war, lässt sich heute nicht sicher sagen, da die Erdschichten in diesem Bereich durch den Einsatz von modernen Pflügen zu stark gestört wurden. Reste eines Estrichbodens sowie die 70 cm starken Mauern lassen allerdings vermuten, dass eine Überdachung vorhanden war. An der Nord- und Südseite befand sich jeweils eine Portikus. Vor der Portikus an der Nordseite war ein 40 Meter langes und drei Meter breites Wasserbecken zu Zierzwecken angelegt, welches im 2. Jahrhundert wieder verfüllt wurde.
Ostflügel mini|Die Portikus an der Südseite des Hauptgebäudes sowie ein Teil des dahinterliegenden Ziergartens. Die Säulen sind Rekonstruktionen mini|Hypokaustum im Südtrakt des Westflügels mini|Frigidarium im Badetrakt des Westflügels Der Ostflügel ist der älteste Teil des Hauptgebäudes. Errichtet im 1. Jahrhundert hatte er vor dem Bau des Mitteltraktes und des Westflügels die Funktion des Hauptgebäudes. An der Nordseite befindet sich der einzige Ausgang des gesamten Hauptgebäudes, der in die hinter der Anlage gelegene Freifläche führt. Archäologische Funde legen nahe, dass sich im Ostflügel unter anderem eine Schmiede befunden hat. Einer der im Süden gelegenen Räume verfügte über eine Hypokaustenanlage. Der daneben liegende Raum diente vermutlich als Treppenhaus in das Obergeschoss. In einem der Räume befand sich ein später verfüllter, rund zwei Meter tiefer Schacht, der am ehesten als Aufbewahrungsort für Lebensmittel gedeutet werden kann. Drei Räume im Mittelteil, die nachträglich angelegt wurden und den ursprünglich großen Raum des Mitteltraktes symmetrisch unterteilen, sowie zwei Räume im Südteil verfügten über Estrichböden. An den Innenseiten des Nord- und Westtraktes befand sich jeweils eine Portikus.
Westflügel mini|Badetrakt im Westflügel des Hauptgebäudes mini|Nebengebäude 8 mini|Das im Jahr 2007 rekonstruierte Nebengebäude 1 mini|Das im Jahr 2012 rekonstruierte Nebengebäude 6 mini|Das im Jahr 2006 rekonstruierte Torhaus im Süden des Wirtschaftshofes