Die feministische Literaturkritik (englisch Feminist literary criticism) ist eine Form der Literaturkritik, bei der es darum geht, hegemoniale Machtverhältnisse in Texten, aber auch im Literaturbetrieb im Allgemeinen, aufzudecken. Es handelt sich bei der feministischen Literaturkritik nicht um ein einheitliches Interpretationskonzept oder eine eigenständige Methode, sondern die verschiedenen Verfahren werden von der Fragestellung nach „männlicher“ Vorherrschaft geeint.Tilmann Köppe, Simone Winko: Literaturwissenschaftlicher Feminismus und Gender Studies. In: Thomas Anz (Hrsg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 2: Methoden und Theorien. J. B. Metzler, Stuttgart 2007, S. 358–360, hier: S. 358.
Geschichte Die Auseinandersetzung mit der systematischen Unterdrückung der Frau durch die patriarchale Gesellschaft begann bereits im Feminismus der ersten Welle. Als Schlüsseltexte für spätere Theorien gelten vor allem Simone de Beauvoirs Le Deuxième Sexe (deutsch Das andere Geschlecht) und Virginia Woolfs A Room Of One’s Own (deutsch: Ein Zimmer für sich allein). Die feministische Literaturkritik als eigenes Feld entstand in der zweiten Welle des Feminismus der 1970er-Jahre. Dabei lassen sich zwei verschiedene Strömungen an unterschiedlichen Entstehungsorten und mit unterschiedlichen Herangehensweisen unterscheiden.
Angloamerikanische Schule Durch die zunehmende gesellschaftliche Resonanz der Frauenbewegung fanden in den 1970ern die sogenannten Women’s Studies Einzug in die amerikanischen Bildungseinrichtungen. Aus der Kritik an gesellschaftlicher Ausgrenzung und Unterdrückung von Frauen entstand der „feminist literary criticism“. Hierbei geht es um die Einbeziehung spezifisch weiblicher Erfahrungen als Gegensatz zur traditionellen Wissenschaft der entsubjektivierten Objektivität. Die vorherrschenden Denksysteme werden als patriarchale und unterdrückende Strukturen entlarvt und ein Gegenentwurf des subversiven und selbstermächtigenden Schreibens und Lesens wird entworfen. Der „feminist literary criticism“ stellt kein einheitliches theoretisches Modell dar, sondern ist vielmehr eine revisionistische Perspektive: Literatur wird aus weiblicher Sicht betrachtet.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 305.
Elaine Showalter Als eine der Gründermütter des „feminist literary criticism“ gilt die Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter. Sie etablierte den Begriff „Gynokritik“, womit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Frauen als Autorinnen gemeint ist. In der Gynokritik geht es um eine Literaturkritik, die auf einer spezifisch weiblichen Erfahrung beruht. Laut Showalter ist die bisherige Literaturgeschichte aufgrund des Phallogozentrismus männlich dominiert. Sie strebt mit der Gynokritik daher die Rekonstruktion einer weiblichen Literaturtradition an. In Folge von Showalters Bemühungen wurden viele Autorinnen (und andere Künstlerinnen) wiederentdeckt und die Diskussion um die Literaturgeschichtsschreibung wurde entfacht.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 305–306. Showalter versucht mit der Gynokritik außerdem eine spezifisch weibliche Ästhetik und Poetik herauszufiltern, was insofern problematisch ist, da so die Zweiteilung in „männliche“ und „weibliche“ Literatur fortgeschrieben wird, nur dass Frauen nun an der Klassifizierung beteiligt sind. Die Gynokritik läuft demnach Gefahr essentialistisches und binäres Denken zu reproduzieren. Nichtsdestotrotz war Showalters Ansatz bis in die 1990er-Jahre sehr produktiv.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 306. Kritik an Showalters Ansatz kommt auch aus den African-American Studies, die der Gynokritik vorwerfen die ausschließende Literaturwissenschaft und -geschichte insofern fortzuführen als dass hier nur der weiße Standpunkt betrachtet und nicht auf unterschiedliche Positionierungen und Diskriminierungsmerkmale eingegangen wird. Auch aus dem europäischen Feminismus kommt Kritik an der anglo-amerikanischen Schule. Der empirisch kulturwissenschaftliche Ansatz gilt bei den poststrukturalistischen Feministen, die vor allem in Frankreich sehr aktiv waren, als theoriefern und unwissenschaftlich.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 307.
Französische Schule Während die feministische Literaturkritik in den USA stark von der politischen Frauenbewegung geprägt war, bildete sich die europäische Strömung aus den Theorien des Poststrukturalismus. Besonders in Frankreich beschäftigten sich viele Theoretiker mit dem „weiblichen Schreiben“ (siehe auch écriture féminine). Ausgehend von Jacques Derridas Dekonstruktion wird im Poststrukturalismus der Glaube an festgelegte Bedeutungen aufgegeben. Die Sprache gilt nicht länger als geschlossenes System, sondern die Uneindeutigkeit sprachlicher Zeichen, sowie die gleichzeitige An- und Abwesenheit von Bedeutung wird aufgedeckt (siehe différance). Zu den wichtigsten Vertreterinnen des französischen Feminismus gehören Hélène Cixous, Luce Irigaray und Julia Kristeva. Diese Theoretikerinnen wenden die poststrukturalistische Methode an, um zu zeigen, dass die hegemoniale Denk- und Sprachtradition männlich dominiert ist – das „Weibliche“ wird ausgeschlossen und bleibt daher aufgrund des Dualismus, der „weiblich“ nur in der Abgrenzung von „männlich“ definieren kann, immer auch das „Andere“ (other). Die französischen Theoretiker üben Kritik am binären Ordnungssystem und am Denken in Oppositionen und setzen sich für einen Diskurs der Differenz ein. Wichtig ist die Bewusstmachung der Ambivalenz von Sprache.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 307.
Toril Moi Vor allem der anglo-amerikanische Feminismus kritisierte die poststrukturalistisch geprägte Literaturwissenschaft als zu abstrakt und zu abgehoben von der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In ihrem Werk Sexual/Textual Politics versuchte Toril Moi 1985 durch eine Bestandsaufnahme der zweiten Welle des Feminismus die Theorien des französischen Feminismus zugänglicher zu machen. Gleichzeitig kritisiert sie den anglo-amerikanisch geprägten Ansatz Elaine Showalters; diese würde sich zu sehr auf den Inhalt der Texte konzentrieren, die sprachlichen und stilistischen Merkmale würden ihr dabei entgehen. Das subversive Potenzial von Literatur sieht Moi hingegen, in Anlehnung an Kristeva, im Bruch mit der symbolischen Sprache.Opfermann, Susanne: „Der feministische Blick auf Literatur“. In: Gerhard, Ute / Rauscher, Susanne / Wischermann, Ulla (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band 2 (1920–1985). Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2010, S. 303–332, hier: S. 323–324. Unter anderem durch den Einfluss Toril Mois nimmt der Poststrukturalismus in den 1980ern zunehmend Einfluss auf den anglo-amerikanischen Feminismus. Lag anfangs noch der Fokus auf der Konstitution weiblicher Subjektivität und Identität, wird nun das Subjekt an sich in Frage gestellt – es kommt zu einer Auflösung.Gürtler, Christa: „Feministische Literaturkritik oder: Lesen Frauen anders?“. In: Schmidt-Dengler, Wendelin / Streitler, Nicole Katja: Literaturkritik. Theorie und Praxis. Innsbruck: Studien Verlag 1999, S. 95–108, hier: S. 97.
Methoden Die feministische Literaturkritik, die infolge auch zu einer Kritik am Kanon an sich wird, ermöglicht durch ihre „re-vision“, durch ihren „neuen“ Blick, die Erkenntnis, dass alles was bisher als allgemeingültig akzeptiert wurde, ein Produkt des männlichen Blickwinkels (male gaze) ist. Die feministische Literaturkritik beschäftigt sich mit der Sichtbarmachung dieser Hierarchien, wobei es hierbei kein einheitliches Interpretationskonzept, sondern verschiedene Methoden gibt.Schwenk, Karin: Politik des Lesens. Stationen der feministischen Kanonkritik in den USA. Berlin: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1996, S. 132.Köppe, Tilmann / Winko, Simone: „Literaturwissenschaftlicher Feminismus und Gender Studies“. In: Anz, Thomas (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Band 2. Methoden und Theorien. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler 2007, S. 358–360, hier: S. 358.
Widerstand gegen den Text Am Anfang der feministischen Literaturkritik stand der prinzipielle Widerstand gegen den Text. Judith Fetterley erkannte 1978: „the first act of the feminist critique must be to become a resisting rather than an assenting reader“Fetterley, Judith: The Resisting Reader. A Feminist Approach to American Fiction. Bloomington und London: Indiana University Press 1978, S. xxii.. Dieser früher Ansatz der feministischen Literaturkritik weist die Autorität des Textes zurück – es wird gegen den Strich gelesen. Die Kritik kommt aus der subjektiven Perspektive der Leserin, wodurch nicht nur bisherige Beurteilungsschemata infrage gestellt werden, sondern auch die Subjektivität und das weibliche Subjekt an sich aufgewertet werden soll.Schwenk, Karin: Politik des Lesens. Stationen der feministischen Kanonkritik in den USA. Berlin: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1996, S. 112–113.
Frauenbilder innerhalb des Textes – the male gaze Diese Art der Kritik richtet sich gegen die eindimensionale Darstellung von weiblichen Figuren innerhalb von Texten. Dabei geht es darum literarische Werke unterschiedslos auf realistische Frauenbilder zu untersuchen, um so auf die weibliche Unterdrückung – auf Misogynie, Marginalisierung und Opferrolle –, die aus dem männlichen Blick resultiert, hinzuweisen.Schwenk, Karin: Politik des Lesens. Stationen der feministischen Kanonkritik in den USA. Berlin: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1996, S. 114–115. Als besonders problematisch sieht diese Art der feministischen Literaturkritik die Stereotypisierung von Frauen in Extrempaare. Die Frau als Konstrukt der „Heiligen“ oder der „Hure“ bildet eine Randposition eines Systems, in dessen Zentrum das Männliche steht. Während es durchaus auch stereotype männliche Figuren gibt, stehen diesen – im Gegensatz zu der zweigeteilten weiblichen Identität – eine Vielfalt an Alternativen gegenüber.Schwenk, Karin: Politik des Lesens. Stationen der feministischen Kanonkritik in den USA. Berlin: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1996, S. 118–119.
Sichtbarmachen der spezifisch weiblichen Erfahrung