Höflichkeitsform, auch Honorifikum bzw. Honorificum ( honorificus „ehrend“) oder Honorativ(um) ( honoratus „geehrt“), ist im weiteren Sinne eine spezielle Kommunikationsform zwischen Sprechenden oder Schreibenden und dem oder den jeweiligen Adressaten, manchmal auch bezüglich einer Drittperson,Vgl. Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0, Stichwort Honorativ, S. 284; Helmut Glück (Hrsg.): Metzler-Lexikon Sprache, 2. Ausgabe, Directmedia, Berlin 2000, Stichwort Honorativ. die Ehrung und Respekt zum Ausdruck bringen soll. Im engeren Sinne versteht man unter „Höflichkeitsform“ manchmal lediglich das Siezen, unter „Honorificum“ ein spezielles ehrendes Attribut.

Allgemeines Der Begriff höflich, der dem Substantiv Höflichkeit zugrunde liegt, wurde im 12. Jahrhundert als „hovelich“ in den deutschen Sprachschatz aufgenommenFriedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, Stichwort höflich. und bedeutet so viel wie „dem Hofe“ entsprechend, d. h. in Gepflogenheiten und Sprache dem Hofstaat nachempfunden. Höflichkeit in diesem ursprünglichen und weiteren Sinne kann sich auf viele Verhaltensweisen im täglichen Leben beziehen, so auf Gepflegtheit bei Kleidung und Essensmanieren, auf Gestik und Wortwahl, Grußformeln und Anreden. Höflichkeit in der mündlichen und schriftlichen Anrede äußert sich in vielen Sprachen in der pronominalen Anrede, im heutigen Standarddeutsch z. B. durch die Wahl von „Sie“ oder „Du“ sowie durch Namenszusätze wie Titel oder Stellung.

Die pronominale Höflichkeitsform „Sie“ ist durch ihre alltägliche Verwendung als Standard-Anredeform unter Erwachsenen seit 200 bis 300 Jahren (Beginn und Ausbreitung unterschiedlich) in ihrer ehemaligen ehrerbietenden Bedeutung abgeflacht. Sie hat daher zunächst nichts mehr mit spezieller „Höflichkeit“ im eigentlichen Sinne zu tun, sondern entspricht der gesellschaftlich erwarteten Norm für die Anrede fremder oder unvertrauter erwachsener Personen im schriftlichen und mündlichen Verkehr. Sie kann sogar gezielt eingesetzt werden, um Distanz und inhaltliche oder persönliche Abkehr zu demonstrieren. Im Gegenzug dazu kann die „Du“-Form neben Vertrautheit oder enger Verwandtschaft auch Achtung und Ehrerbietung zum Ausdruck bringen, so im religiös-kirchlichen Kontext. Sprachgewohnheiten und ihre Interpretationen sind in einem beständigen Fluss: So würde uns heute eine ehrfurchtsvolle Verwendung der „Sie“-Form von Kindern gegenüber ihren Eltern befremdlich und abweisend vorkommen, obwohl sie früher, als das Höflichkeits-Siezen noch jung und eine eher exklusivere Anredeform war, in gehobenen Kreisen durchaus von Kindern gegenüber ihren Eltern gebraucht wurde und Respekt und Achtung, Höflichkeit und Wohlerzogenheit bezeugte. In vielen Dialekten wurde manchmal als Pendant noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts die „Ihr“-Form verwendet. In anderen Sprachen werden sinngemäße Anredeformen durch Kinder auch heute noch verwendet, so in manchen Familien Frankreichs in Form des vous („Ihr“).

In verschiedenen Sprachen, Dialekten und sozialen Schichten gelten und galten unterschiedliche und vielfach zeitlich begrenzte Gepflogenheiten, die u. a. im Rahmen der Soziolinguistik untersucht werden. Manche Sprachen kennen beispielsweise gar keine Pronomina (und damit auch keine Diskussion über Du und Sie bzw. Du und Ihr), sondern drücken Höflichkeit in der Anrede durch Suffixe aus oder es werden ehrende Attribute an den Angeredeten oder Angeschriebenen gerichtet. Dies war früher auch im Deutschen so, wo häufig in der Anrede weder der Name der Person vorkam, noch ein „Herr“ oder „Frau“. In etlichen Sprachen und Kulturen war oder ist auch die Verwendung der 1. Person Singular der Personalpronomina („ich“) im Rahmen einer Mitteilung unhöflich oder gar tabuisiert. So sprach man in Persien vom 16. bis 19. Jahrhundert über sich als in haqir („dieser Arme“) oder bande („der Sklave“). Heutzutage kennen asiatische Sprachen vielfach besonders komplexe Höflichkeitssysteme, die uns fremdartig anmuten können, zumal sie bei mündlicher Verwendung auch mit einer Gestik und Körpersprache verbunden sind, die von derjenigen, die wir bei Anreden verwenden, stark abweicht.

Die Höflichkeitsform in der deutschen Sprache

Wahl des Pronomens

Anrede in der 2. Person Singular und in der 3. Person Plural (Du und Sie) In der deutschen Standardsprache wird die Höflichkeitsform heute durch die Anrede mit der großgeschriebenen grammatikalischen Pluralform „Sie“ und mit den davon abgeleiteten Formen der 3. Person Plural gebildet und hat die übrigen Formen (insbesondere die ehemals weit verbreiteten Formen „Ihr“ und „Er/Sie“) weitgehend verdrängt. Auch das entsprechende Verb steht im Plural. Die früher teilweise „schwülstigen“ Höflichkeits- und Ehrerbietungsfloskeln sind reduziert. Die Anrede mit „Sie“ heißt Siezen, die Anrede mit „Du“ Duzen.

Bis zur Rechtschreibreform 1996 gab es auch eine verbindliche Großschreibung und damit eine – allerdings nur schriftlich erkennbare – Höflichkeitsform des Duzens in Briefen. Ab dann sollte „du“ zunächst ausschließlich kleingeschrieben werden. Seit der vierten Revision der Rechtschreibreform 2006 können „Du“ und seine abgeleiteten Pronomina in Briefen aber wieder großgeschrieben werden, sodass hier die Angleichung an die Sie-Form gewahrt bleibt. Allerdings sind die geltenden Großschreibregeln nicht völlig symmetrisch, da das Wort sich (als Personal- oder Reflexivpronomen) bei Verwendung der Sie-Form stets klein zu schreiben ist: „Haben Sie sich verletzt?“ mit Kleinschreibung des „sich“. Jedoch orthographisch zulässig in Briefen ist: „Hast Du Dich verletzt?“

Anrede in der 2. Person Plural (Ihr) Die Anredeform mit „Ihr“ wird gelegentlich als Ihrzen bezeichnet und gilt entweder als veraltet oder als aus der jeweiligen Dialektform übernommen. Tatsächlich haben die Dialekte, die insbesondere in der Schweiz eine bedeutsame Rolle spielen, die ehemalige Ihr-Anrede vielfach bewahrt und in oberdeutschen Dialekten kommt Ihrzen teilweise durch auffällige Formen, wie „[d]ir“, „üüch“ bzw. „ös“ und „enk“ vor; Siezen ist dort gleichsam sprachlich falsch.Zur deutschsprachigen Schweiz siehe Sprachatlas der deutschen Schweiz, Band V, Karte 117 (Anrede gegenüber Ortsfremden). Ein „dir“ oder „ir“ (beides für ‚Ihr‘) sowie „üüch“ oder "öich" (beides für ‚Euch‘) wird beispielsweise im Berndeutschen verwendet, soweit nicht geduzt wird, auch von und gegenüber allen Amtspersonen. Aus dem Dialekt heraus gelangt Ihrzen dann mitunter, vor allem bei mündlicher Anwendung, in die (schweizerische) Hochsprache. Ähnliches gilt für das Niederdeutsche sowie das Friesische in Nordfriesland und auf Helgoland, wo generell neben dem Jiezen auch das Duzen unter alteingesessenen Einheimischen verbreitet, vielfach auch immer noch Standard ist.

Das Ihrzen kam im 12. Jahrhundert in Anlehnung an das Französische auf. Bis ins 18. Jahrhundert war es im ganzen deutschen Sprachraum auch in der Hochsprache üblich und begegnet uns vielfach noch in literarischen Werken, etwa in der Form:

„Habt Ihr den Wechsel erhalten, gnädiger Herr?“ (Anrede an einen gehobenen Bürgerlichen oder niederen Adel: 2. Person Plural, auch im weiteren Gespräch) „Haben Euer Gnaden wohl geruht?“ („Euer“ in der 2. Person Plural, das Verb jedoch in der 3. Person Plural; auch die Fortsetzung in Rede oder Brief geschieht hier in der 3. Person Plural) Das zweite dieser aus Anredeformen des 18. Jahrhunderts entnommenen Beispiele kann in abgewandelter Form sehr selten auch heute noch auftreten, etwa in Konstruktionen wie „Eure Eminenz“. Trotz der Verwendung der 2. Person Plural im Possessivpronomen „Eure“ sind im begleitenden Satz sämtliche Verben in die heutige Höflichkeitsform der 3. Person Plural zu setzen, außer es wird bewusst eine dialektnahe Sprache und Anrede gewählt.

Das „Ihr“ ist im angeführten Beispiel mit einem ergänzenden Attribut („gnädiger Herr“) versehen, das zusätzlichen Respekt zollt. Solche Attribute wurden nicht jedes Mal verwendet, sondern eher nur im ersten Satz einer neuen Anrede. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels im 19. und 20. Jahrhundert mit Verwendung des bürgerlichen „Sie“, das selbst bereits eine Erhöhung von Respekt und Höflichkeit darstellte, wurden Ergänzungen wie „gnädiger Herr“ oder „gnädige Dame“ zurückgedrängt. Lediglich die aus dem Mittelalter stammenden höfischen Anredeformen Herr und Frau werden weiterhin vor dem Nachnamen verwendet.

Anrede in der 3. Person Singular („Er“/„Sie“, „man“) Die heute nur noch vereinzelt dialektal oder humoristisch auftretende Anredeform „Er“/„Sie“ (Singular) wird zuweilen mit Erzen bezeichnet. Diese großgeschriebene Anrede in Anlehnung an die 3. Person Singular war im 17. Jahrhundert die höchste und im Briefverkehr vorherrschende Höflichkeitsform, bis sie im frühen 18. Jahrhundert durch das plurale „Sie“ ersetzt wurde und folglich im Rang herabsank. So redeten sich im Jahr 1810 die Edelknappen am bayerischen Königshof (Söhne adliger Häuser, die dort ausgebildet wurden) notgedrungen mit Er an, wie folgender aufschlussreicher Satz zeigt: „Uns einander zu duzen, war verboten; wir gewöhnten uns daher, einander Er zu heißen.“Autobiographie von August von Platen, Seite 44 der Ausgabe von 1896. In Lessings „Minna von Barnhelm“ von 1767 spricht der Diener eines Majors den Wirt betont vorwurfsvoll mit „Er“ an: „Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln könnte, so würde ich für so was heucheln; aber ich kann nicht; es muß raus: Er ist doch ein Grobian, Herr Wirt!“Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm, 1. Akt, 2. Szene. Die Verwendung des „Er“, bei Frauen des „Sie“ als 3. Person Singular, konnte also auch eine sprachlich elegant verpackte Geringschätzung des Gegenübers oder einen moderaten (gleichsam „höflichen“) Vorwurf zum Ausdruck bringen. Gezielt angewendet wurde diese Formulierung bei Bedarf von sozial höher gestellten oder Amts-Personen gegenüber Bürgern. Die Form (und auch die genannte Konnotation) kommt auch heute gelegentlich noch dialektal vor, z. B. im sogenannten Berliner Er: „Hatter denn ooch’n jült’jen Faahohsweis?“ („Hat er denn auch einen gültigen Fahrausweis?“), tritt aber auch in anderen Dialekten als Überbleibsel der Er/Sie-Anredeformen auf.

Selten, aber nicht ausgeschlossen, ist eine Anrede mit dem unbestimmten Pronomen man, speziell in Fragesätzen: „Hat man denn nichts gesehen?“ (Frage an einen Verkehrsteilnehmer zu einem Unfallgeschehen)

Anrede in der 1. Person Plural (Wir) Die „Wir“-Anrede ist in schriftlichen Darstellungen oder auch in Vorträgen als „Autoren-Wir“ verbreitet. Der Autor schreibt oder sagt weder „Sie“ noch „Ihr“, sondern „Wir“, indem er rhetorisch sich selbst gleichsam einbezieht, aber natürlich die Leser oder Zuhörer meint: „Nehmen wir mal an, …“ (statt „Nehmen Sie mal an, …“)

Beim Anfeuern einer Mannschaft mag der Trainer schon mal sagen: „Wir wollen kämpfen, wir schonen uns nicht, wir wollen siegen!“ Dieses rhetorische Einbeziehen der eigenen Person klingt etwas weniger schroff, als wenn er diese Aufopferung primär von der Mannschaft erwartet, denn natürlich meint er: „Ihr sollt kämpfen, ihr sollt euch nicht schonen.“

In anderem Zusammenhang wird die „Wir“-Form umgangssprachlich in einem lockeren bis scherzhaften Sinne oder auch als Übergang zwischen den Anredeformen „Sie“ und „Du“ bei ungezwungenen Kurzreden verwendet: „Wen suchen wir denn?“ „Wie geht es uns denn heute?“ und wird daneben etwa in der Babysprache gegenüber Kleinkindern angewandt.

Nicht-pronominale Höflichkeitsform Speziell im Restaurant wird in Fragesätzen die Formulierung „Möchte der Herr die Speisekarte sehen?“