mini|Sulaimān al-Bārūnī' 1908 Sulaimān al-Bārūnī (, ab 1916 Sulaimān al-Bārūnī Pascha; geboren 1870 oder 1872 in Tripolitanien, Osmanisches Reich; gestorben 30. April oder 1. Mai 1940 in Mumbai, Britisch-Indien) war ein ibaditischer Religionsgelehrter, Militärführer und Politiker berberischer Abstammung.

Sulaimān al-Bārūnī spielte bis Ende 1921 eine entscheidende Rolle im Widerstand der libyschen Bevölkerung gegen die italienische Besatzung während und nach dem Italienisch-Türkischen Krieg. Zwischen 1912 und 1913 fungierte er als Regierungschef des kurzlebigen Tripolitanischen Staates (1912–1913) und von 1918 bis 1920 war er eines der vier Oberhäupter der Tripolitanischen Republik. Von 1927 bis 1928 war er Premierminister des de facto unabhängigen Imamats Oman und später von 1938 bis 1939 Innenminister des Sultanats Maskat und Oman. Zur Zeit des Osmanischen Reiches war al-Bārūnī von 1908 bis 1912 Abgeordneter des Osmanischen Unterhauses, und von 1914 bis 1922 Senator im Osmanischen Senat, der Hey'et-i Aʿyân.

Herkunft und Familie Sulaimān al-Bārūnī stammte aus einer traditionellen ibaditisch-berberischen Familie aus dem Nafusa-Gebirge mit Zweigen auf der Insel Djerba und im M'zabTal.Baldinetti in Guardians of Faith in Modern Times. 2009. S. 96. Der Familienname al-Bārūnī wird auf Imam Abū Hārun Mūsā ibn Hārūn zurückgeführt, einen ibaditischen Gelehrten, der Ende des 10. Jahrhunderts und Anfang des 11. Jahrhunderts n. Chr. im Nafusa-Gebirge lebte. Aus Abū Hārūn sei dabei die dialektale Variante al-Bārūnī entstanden.Abū l-Yaqẓān: Sulaimān al-Bārūnī Bāšā fī aṭwār ḥayātihi. 1957. S. 9f. Sein Vater ʿAbdallāh b. Yahyā al-Bārūnī (geboren vor 1823; gestorben 16. April 1913) war ein lokal angesehener Religionsgelehrter, Dichter und Lehrer in der Zaouia Bachābcha nahe Yafran. Er saß der Halqat al-ʿazzāba, dem ibaditischen Gelehrtenrat, des Nafusa-Gebirges als Scheich vor.as-Sulaibī in al-Azhār al-Riyāḍīya fī aʾimma wa-mulūk al-Ibāḍīya. 2005. S. 10.Laura Veccia Vaglieri: al-Bārūnī, Sulaymān. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band I. S. 1070f.Peterson in Law, Personalities and Politics of The Middle East. 1987. S. 128.Martin H. Custers: Al-Ibāḍiyya – a bibliography. Band 2: Ibāḍīs of the Maghrib (incl. Egypt). Hildesheim: Georg Olms Verlag. ²2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. S. 105.

Das Nafusa-Gebirge in Tripolitanien im heutigen Libyen wird als al-Bārūnīs Geburtsregion bezeichnet, wobei einige Quellen die Stadt Dschādū, ehemals Fasātū, im Munizip al-Dschabal al-Gharbi als genauen Geburtsort angeben, während andere das Dorf KabawBârûnî, Süleyman Paşa In: Türkiye Diyânet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Autor unbekannt. Istanbul: Diyanet Vakfı-Verlag. 1992. Band V. S. 92. im Munizip Nalut nennen.

Sulaiman al-Bārūnī hatte mindestens zwei Brüder. Yahyā al-Bārūnī diente in der Zeit der Tripolitanischen Republik, 1918–1922, als Kaymakam und Vize-Präsident des Schūrā-Gremiums des kurzlebigen Staates. Ein weiterer Bruder, Ahmad al-Bārūnī, war ebenfalls Religionsgelehrter und hatte das Amt des Qādī von Nalut und ar-Ruḥaibāt inne.

Al-Bārūnī war mit Amīra bint al-Hāddsch Saʿīd verheiratet. Er hinterließ zwei Söhne, Ibrāhīm und Saʿīd, sowie zwei Töchter Zaʿīma und ʿAzīza. Sein Sohn Ibrāhīm (geb. 1911) war als Lehrer und Berater des omanischen Bildungsministeriums tätig, sowie zwischenzeitlich Angestellter am irakischen Königshof. Im Mai 1947 kehrte die Familie al-Bārūnī nach Libyen zurück und ließ sich in Tripolis nieder. Seine Tochter Zaʿīma al-Bārūnī (1910–1976) wuchs in Istanbul auf und war nach dem Tod ihres Vaters und der Rückkehr der Familie al-Bārūnī nach Libyen ebenfalls Schriftstellerin. Im unabhängigen Libyen leitete sie das Büro zur Bekämpfung des Analphabetismus und gründete die Nationale Frauenallianz.Katrina Anderson Yeaw: Women, Resistance and the Creation of New Gendered Frontiers in the Making of Modern Libya, 1890-1980. Washington, D.C.: Georgetown University. 2018. Dissertationsschrift. S. 288.

Leben Auch zu al-Bārūnīs Geburtsdatum existieren unterschiedliche Angaben. Während die meisten Publikationen 1870Ḫair ad-Dīn az-Ziriklī: al-Aʿlām. Band 3. 15. Auflage. Beirut: Dār al-ʿilm lil-malāyīn. 2002. S. 129.Peterson in Law, Personalities and Politics of The Middle East. 1987. S. 127.Ghazal in International Journal of Middle East Studies. 2010. S. 116. als Geburtsdatum benennen, ist vereinzelt auch von 1872Bernard Nantet: Le Sahara. Histoire, Guerres et Conquêtes. Paris: Tallandier. 2013. S. 224.Ghazal in Global Muslims in the Age of Steam and Print. 2014. S. 45.Ronald Bruce St. John: Historical Dictionary of Libya. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield. ⁵2014. 5., überarbeitete Auflage. S. 38. die Rede.

Jugend und Studium Nach einer religiösen Unterweisung in seiner Heimat studierte al-Bārūnī ab 1887 an der Universität Ez-Zitouna in Tunis, wo unter anderem reformorientierte Gelehrte wie Muhammad an-Nachlī und ʿUthmān al-Makkī zu seinen Lehrern gehörten. In Tunesien knüpfte al-Bārūnī enge Kontakte zu politischen Aktivisten und Anhängern des Nationalismus, darunter ʿAbd al-ʿAzīz ath-Thaʿālbī.

Im Jahre 1893 begab er sich nach Kairo, wo er drei Jahre lang an der Al-Azhar Universität studierte. Dort lebte er in einer ibaditischen Gemeinschaft und wurde von zwei Lehrern von der Insel Djerba, ʿUmar al-ʿAuwām und Ramadān ibn Yahyā al-Lainī, unterrichtet.Ghazal in Global Muslims in the Age of Steam and Print. 2014. S. 46.Martin H. Custers: Al-Ibāḍiyya – a bibliography. Band 2: Ibāḍīs of the Maghrib (incl. Egypt). Hildesheim: Georg Olms Verlag. ²2016. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. S. 123. 1896 begab er sich nach Beni Isguen ins algerische M'zab-Tal, um sich vom ibaditischen Gelehrten Muhammad ibn Yūsuf Atfaiyasch und dessen Neffen Abū Ishāq Ibrāhīm Atfaiyasch unterrichten zu lassen.Ghazal in First World War Studies. 2016. S. 84

Gefängnisaufenthalt und Zeit in Ägypten Nach seiner Rückkehr nach Tripolitanien 1899 wurde Sulaimān al-Bārūnī wegen des Verdachts subversiver Aktivitäten von den osmanischen Behörden verhaftet, jedoch nach etwas mehr als zwei Monaten wieder freigelassen. Nach einer erneuten Festnahme 1901 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, subversive Aktionen gegen den Sultan Abdülhamid II. ausgeführt und die Gründung eines berberisch geprägten Emirats im Nafusa-Gebirge, mit der Wiedereinführung eines ibaditischen Imams, geplant zu haben.Ghazal in Global Muslims in the Age of Steam and Print. 2014. S. 47. Al-Bārūnī, dem erst nach der Jungtürken-Revolution 1908 Kritik am osmanischen Sultan nachzuweisen ist, plädierte auf seine Unschuld und wurde dabei von Muhammad ibn Yūsuf Atfaiyasch unterstützt. Der mozabitische Gelehrte erreichte nach etwa einem Jahr und insgesamt sieben Briefen an Abdülhamid II. die Freilassung al-Bārūnīs im Jahre 1902. Daraufhin gründete al-Bārūnī 1904 in Yafran seine eigene Madrasa und Bibliothek. Allerdings wurde seine Strafsache im selben Jahr erneut aufgerollt und al-Bārūnī zu einer erneuten Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt.

Nach Verbüßen seiner Gefängnisstrafe und einer Rehabilitierung ging al-Bārūnī 1906 nach Ägypten, wo er eine Tätigkeit als Verleger aufnahm. Anstatt sich wie angeordnet nach Istanbul zu begeben, rief er in Kairo sein eigenes Verlagshaus, al-Matbaʿa al-Bārūnīya beziehungsweise Matbaʿat al-Azhār al-Bārūnīya, ins Leben. Dort legte er zwischen August 1907 und April 1908 die Zeitung al-Asad al-Islāmī auf. Die Verbreitung seiner Zeitung wurde sowohl in den osmanischen Provinzen, als auch im französischen Einflussgebiet im Maghreb verboten.

Er veröffentlichte als Verleger vor allem ibaditische Werke, welche er teilweise selbst edierte oder neu auflegte. Auf osmanischen Einfluss hin wurde seine Tätigkeit als Verleger in Ägypten schließlich gestoppt.aṣ-Ṣulaibī in al-Azhār al-Riyāḍīya fī aʾimma wa-mulūk al-Ibāḍīya. 2005. S. 10f.

Osmanischer Abgeordneter Nach der Jungtürkenrevolution 1908 wurde al-Bārūnī in das wiedereröffnete Osmanische Abgeordnetenhaus gewählt, wo er seine Heimatregion al-Dschabal al-Garbi vertrat. Al-Bārūnī begab sich daraufhin nach Istanbul, wo er als einer von zunächst acht libyschen Abgeordneten an der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses am 17. Dezember 1908 teilnahm.Simon: Libya between Ottomanism and nationalism. 1987. S. 42. Muhammad ʿAlī as-Salībī gibt an, dass al-Bārūnī nicht gewählt, sondern von Sultan Abdülhamid II. zum Abgeordneten ernannt wurde.aṣ-Ṣulaybī in al-Azhār al-riyāḍīya fī aʾimma wa-mulūk al-Ibāḍīya. 2005. S. 11. In der Türkei stand er in engem Kontakt mit dem späteren irakischen König Faisal I. und dem Abgeordneten aus Basra, Tālib an-Naqīb.

Im April 1912 wurde al-Bārūnī als Abgeordneter wiedergewählt, das osmanische Abgeordnetenhaus jedoch bereits im August 1912 – in al-Bārūnīs Abwesenheit – wieder aufgelöst.

Widerstand gegen die italienische Besatzung als Militärführer Nachdem im Spätsommer 1911 die italienischen Vorbereitungen zu einer Okkupation Libyens bekannt wurden, reiste al-Bārūnī gemeinsam mit dem Libyer Farhāt az-Zāwī sowie den osmanischen Militärs Enver Pascha und Mustafa Kemal in seine Heimat Tripolitanien, um einen bewaffneten Widerstand lokaler und osmanischer Truppen gegen die bevorstehende Invasion vorzubereiten.Katrina Anderson Yeaw: Women, Resistance and the Creation of New Gendered Frontiers in the Making of Modern Libya, 1890-1980. Washington, D.C.: Georgetown University. 2018. Dissertationsschrift. S. 13ff. Ihm gelang es zunächst, etwa 50 ihm loyale Stammesführer und circa 1.000 Kämpfer zu versammeln.Simon: Libya between Ottomanism and nationalism. 1987. S. 190.Jamil M. Abu-Nasr: A history of the Maghrib in the Islamic period. London: Cambridge University Press. ³1987. 3., überarbeitete Auflage. S. 320f. Über die ibaditische Gemeinschaft auf der Insel Djerba konnten Waffen nach Tripolitanien gebracht werden.Ghazal in First World War Studies. 2016. S. 85.

Nach der italienischen Landung am 11. Oktober 1911 in Tripolitanien kam es am 23. Oktober nahe Tripolis zu ersten Guerilla-Angriffen der Truppen al-Bārūnīs auf italienische Stellungen. Der ibaditische Anführer wurde damit zu einem der Hauptakteure des Italienisch-Türkischen Kriegs.

Sulaymān al-Bārūnī erhielt hierbei Unterstützung unterschiedlicher ethnischer und konfessioneller Gruppen. So schlossen sich neben Kämpfern der Tuareg und Tubu auch Sudanesen und Stämme aus der Nähe des Tschadsees der Armee al-Bārūnīs an.Simon: Libya between Ottomanism and nationalism. 1987. S. 188ff. Der algerische Sufi-Scheich des Qādirīya-Ordens Mohamed El Hachemi Chérif unterstützte seinen Dschihad ebenfalls finanziell und mit der Entsendung von 350 Kämpfern. Hinzu kamen außerdem Truppen des libyschen Sanūsīya-Ordens. Auch Frauen aus den Reihen der ibaditischen Berber und der Tuareg sollen in der Widerstandsarmee gekämpft haben.ʿAbd al-Baqī Miftaḥ: Adwāʾ ʿalā aš-šayḫ ʿAbd al-Qādir al-Ǧilānī wa-intišār ṭarīqatuhu. Beirut: Dar al-Kotob al-Ilmiyah. 2014. S. 304f.Simon: Libya between Ottomanism and nationalism. 1987. S. 191. Im Laufe des Krieges konnten al-Bārūnī und az-Zāwī gemeinsam mit den Osmanen gut 20.000 bis 30.000 Mann starke Truppen gegen Italien mobilisieren.Katrina Anderson Yeaw: Women, Resistance and the Creation of New Gendered Frontiers in the Making of Modern Libya, 1890-1980. Washington, D.C.: Georgetown University. 2018. Dissertationsschrift. S. 14f.