Die digital-vernetzte Wissensgesellschaft – auch salopp-reduktiv als digitale Wissensgesellschaft bezeichnet – ist begrifflicher Ausdruck für eine Gesellschaftsformation in hochentwickelten Ländern, in der individuelles und kollektives Wissen und seine Organisation vermehrt zur Grundlage des sozialen, wirtschaftlichen und medialen Zusammenlebens werden, – eine Gesellschaftsformation, welche eine digitale Netzwerkinfrastruktur zur Basis fortlaufender weitergehender Entwicklungen in diversen Lebensbereichen macht. Die digitale Netzwerkinfrastruktur wird insbesondere verwirklicht durch das weltumspannende Internet und die daran andockenden verteilten lokalen Netzwerke.
Grundlegendes Daten, Information und Wissen „Information“ ist zu einem Schlüsselbegriff des digitalen bzw. virtuellen Zeitalters geworden, bewegt sich allerdings in einem latenten Spannungsverhältnis zum Begriff des „Wissens“.Wilfried Sühl-Strohmenger: Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Informationskompetenz. de Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025473-0, S. 3–11, darin auf S. 4. Der Zusammenhang zwischen „Information“ und „Wissen“ lässt sich näher, wie folgt, beschreiben:Rainer Kuhlen: Information. In: ders.: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. Teil 1: Handbuch zur Einführung in die Informationswissenschaft und -praxis. 5., völlig neu gefasste Ausg., Saur, München 2004, ISBN 3-598-11675-6, S. 3–20.
Noch anders ausgedrückt: Durch Einbindung von Daten in bestimmten Kontexten erhalten diese die Qualität von Informationen.Wilfried Sühl-Strohmenger: Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Informationskompetenz. de Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025473-0, S. 3–11, darin auf S. 5. Durch qualifizierten Umgang mit kodifizierter Information und Kommunikation unter Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien ergibt sich ein funktioneller MehrwertWilfried Sühl-Strohmenger: Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Informationskompetenz. de Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025473-0, S. 3–11, darin auf S. 6., der zu einem (zusätzlichen) Wissenserwerb führt, bei produktivem Einsatz zu höheren Wissensniveaus leiten kann. Voraussetzungen für den effizienten Wissenserwerb sind bestimmte Fähigkeiten im Umgang mit Informationssystemen, die sogenannte „Informationskompetenz“.Wilfried Sühl-Strohmenger: Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft. In: ders. (Hrsg.): Handbuch Informationskompetenz. de Gruyter Saur, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025473-0, S. 3–11.
Wissen aus sozialwissenschaftlicher Sicht Von sozialwissenschaftlicher Warte aus betrachtet, wird Wissen in unterschiedlichen Zusammenhängen verortet, mit einer gewissen Breite an Bedeutungen. Wissen kann sich beziehen auf Innovationen, auf den Stand der Produktivkräfte in einer gegebenen Phase gesellschaftlicher Entwicklung, auf eher individuelle Qualifikationen und Kompetenzen oder deren institutionalisiertes Pendant, den Beruf als typisches Bündel von Wissen und Qualifikationen. In der Managementlehre kennt man (in leichten Abwandlungen) ein mehrstufiges System der Begriffe Daten, Informationen und Wissen (siehe oben). Daten, als ungeordneter „Grundstoff“, können zu sinnvollen Informationen verdichtet werden, und diese können durch Reflexion letztlich einen Bestand an „Wissen“ begründen.Markus Hertwig: Digitalisierung der Wissensgesellschaft: Paradoxien des technologischen Wandels im Zeitalter von Crowdsourcing und Industrie 4.0. In: Wissensökonomie und Digitalisierung: Geschichte und Perspektiven. [Tagung „Meilensteine und Perspektiven der wissensbasierten Wirtschaft“ (2017: Chemnitz)] / Yaman Kouli et al. (Hrsg.). Springer VS, Wiesbaden , ISBN 978-3-658-22332-8, S. 129–156. Wissen kann eine Ressource sein, die – als Sammlung relevanter Informationen – im Handeln und auch zur Durchsetzung von (Profit-, Macht- und Herrschafts-) Interessen eingesetzt wird.
Wissen wird aber auch in gänzlich anderen Bedeutungen, nämlich als „Wissen um die kulturellen Selbstverständlichkeiten“ einer Gesellschaft oder eines sozialen Teilsystems, genutzt. Der Zusammenhang zwischen Wissen und dem Generieren von Wissen – was auf der einen Seite „Lernen“, auf der anderen „Innovation“ oder Forschung bedeuten kann – illustriert darüber hinaus die inhaltliche Breite des Gegenstands.
Aus der Sicht der soziologischen Systemtheorie offeriert Niklas Luhmann eine eigene Interpretation der Bedeutung von Wissen.Niklas Luhmann: Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie. 5. Aufl. (stw – Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 666), Suhrkamp Verl., Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-28266-2.Zum Folgenden siehe auch: Martin Heidenreich: Die Debatte um die Wissensgesellschaft. In: Stefan Böschen (Hrsg.): Wissen in der Wissensgesellschaft. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 978-3-531-13996-8, S. 25–51. Wissen sind für ihn kognitive Schemata, die als „wahr“ gelten, aber „veränderungsbereit“ sind. Es handelt sich also um Bedeutungszuschreibungen im Hinblick auf definierte Phänomene, die innerhalb eines sozialen Systems als zutreffend wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung ist jedoch nicht zwangsläufig stabil, sie kann sich ändern, und zwar dann, wenn – in Analogie zum Popper’schen Falsifikationismus – andere Deutungen auftauchen, die die bislang geltenden als „unwahr“ enttarnen (oder zumindest die Reichweite ihrer Geltungskraft einschränken) und selbst als neue Erkenntnis an die Stelle früherer „Wahrheiten“ treten.
Innovation als das Generieren von Wissen meint die Veränderung von Selbstverständlichkeiten, Routinen und Regeln, die vormals als selbstverständlich galten. Diese Innovationen werden in sozialen Interaktionen produziert, die als Voraussetzung für die Generierung von Wissen angesehen werden können. Eine solche Perspektive lenkt den Blick auf die sozialen Beziehungen als Kontext und Bedingung der Wissensproduktion. Die Orte dieser Wissensproduktion sind Organisationen, Unternehmen oder Innovationsnetzwerke, die zielgerichtet und mittels der Interaktion verschiedener Akteure Neuerungen produzieren und aneignen.Werner Rammert: Technik aus soziologischer Perspektive. Teil 2: Kultur – Innovation – Virtualität. Westdeutscher Verlag, Opladen 2000, ISBN 3-531-13499-X.Siehe auch: Uli Kowol, Wolfgang Krohn: Innovationsnetzwerke: Ein Modell der Technikgenese. In: Technik und Gesellschaft: Jahrbuch. () Bd. 8 (1995).Siehe auch: Ulrich Dolata: Unternehmen Technik: Akteure, Interaktionsmuster und strukturelle Kontexte der Technikentwicklung: ein Theorierahmen. Edition Sigma, Berlin 2003, ISBN 3-89404-500-0. Innovation ist aber nicht zwangsläufig zielgerichtet. Entgegen dem Mythos der „genialen Erfinderpersönlichkeit“ ist Technikgenese als sozialer Prozess zu verstehen. Gerade in und zwischen Unternehmen als Protagonisten der Innovation geht es um dauerhafte Kooperation und eine Langfristorientierung in den Beziehungen, in denen Vertrauen existiert und sich rekursive Schleifen der Wissensproduktion etablieren und festigen können.
Oft wird Wissen als Quelle von Wirtschaftswachstum und Wohlstand, als zentraler Produktionsfaktor (im Kanon von Rohstoffen, Kapital und Arbeit) verstanden, geht es doch augenscheinlich um einen „Kampf um Wissen“ (oder Innovationen), bei dem Macht und Abhängigkeiten und letztlich wirtschaftliches Wachstum und (zukünftiger) Wohlstand auf dem Spiel stehen.
Digitale Revolution
Der Prozess der Digitalen Revolution ist sowohl in Bereichen der Bildung, der Politik, der Kultur, der Wissenschaft als auch im Alltag integriert. Die genannten Bereiche müssen sich in Zukunft mit komplexen Problemlösungen auseinandersetzen. Bedeutende Begriffe, die man mit der zugehörigen Art von Gesellschaft assoziiert, sind Big Data, Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Digital Native etc.
Bildung und Digitalisierung
Weichenstellungen im Bildungsbereich und ein Sich-Einstellen auf mögliche soziale Veränderungen Mit der Einführung sowie Nutzung digitaler Medien im schulischen Kontext sind zugleich unterschiedliche Zielsetzungen sowie Hoffnungen und Erwartungen an diese gefolgt. Einerseits haben sich Möglichkeiten zur Erweiterung sowie Veränderung von Lehr-/Lernprozessen eröffnet, andererseits hat man das Potenzial zum Erwerb fachspezifischer und fachübergreifender Kompetenzen entdeckt. Besonders der Erwerb dieser fachspezifischen Kompetenzen wird zunehmend für Unternehmen zu einem wichtigen Anforderungsaspekt für zukünftige Mitarbeiter. Durch die Zunahme der Digitalisierung in den geschäftlichen Aktivitäten von Unternehmen kann es zu einem Wandel der Arbeitswelt kommen. Wie tiefgreifend der Wandel ausfällt, hängt wesentlich vom Tätigkeitsbereich ab. Der Druck an zukünftige Mitarbeiter, Wissen über moderne Kommunikations- und Informationstechnologien zu besitzen bzw. fortlaufend zu erneuern und anzuwenden, setzt eine Anpassungsbereitschaft an die Erfordernisse der Digitalisierung in der (auf die Arbeitswelt vorbereitenden) schulischen Bildung voraus.Andrea Hammermann, Oliver Stettes: Qualifikationsbedarf und Qualifizierung: Anforderungen im Zeichen der Digitalisierung. In: IW policy papers: aktuelle politische Debattenbeiträge aus dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln. 5. Jg., H. 3 (2016), S. ? (PDF)
Beispiel Deutschland Bemühungen zur Integration von Informationstechnologien gibt es in Deutschland seit den 1960er Jahren mit der Einführung des Faches Informatik. Dies konnte sich jedoch nicht großflächig durchsetzen. Ende der 1980er Jahre folgte eine verpflichtende Einführung einer informationstechnologischen Grundausbildung in der Sekundarstufe. Mitte der 1990er Jahre erhielten Schulen Zugang zum Internet; zusätzlich trug die Beliebtheit von tragbaren Geräten wie Laptops zu einer weiteren Entwicklung bei, dem mobilen Lernen. Dies wurde mit der Einführung von Smartphones sowie Tablets nochmals erweitert, mittlerweile gibt es Lernplattformen, digitale Schulbücher, OER (Open Educational Resources) und Cloud-Angebote. Diese Vielfalt besitzt das Potenzial, eine Veränderung der Lernmöglichkeiten herbeizuführen, besonders durch die „Bring-your-own-device-Lösung“. Hierbei verwenden Schüler ihre eigenen Geräte, sowohl innerhalb als auch außerhalb des schulischen Kontextes.
Vier zentrale Bereiche der Digitalisierung lassen sich im Bereich Schule erkennen, die für eine Weiterentwicklung von Schulsystemen relevant sein könnten. (Deren Identifizierung ist unter anderem auch das Ergebnis von Schwerpunkt-/Prioritätensetzungen zur Diskussion um die Digitalisierung in Schulen.):
a) die Vermittlung von Fertigkeiten im Umgang mit digitalen Medien,
b) die Nutzung digitaler Medien zur Verbesserung des fachlichen Lernens,
c) die Entwicklung und Umsetzung neuer Formen des Unterrichtes mit digitalen Medien,
d) die Förderung des Erwerbs „digitaler Kompetenzen“.
Die Politik Deutschlands hat sich in der Digitalen Agenda 2014/2017 mit diesem Thema befasst und hat „die Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ beschlossen. Damit ist ein strategischer Handlungsrahmen für eine „auf die digitale Welt vorbereitende Bildung“ in Deutschland erarbeitet worden, welcher fünf konkrete Handlungsfelder beinhaltet:
a) Vermittlung einer „auf die digitale Welt vorbereitenden Bildung“,
b) Ausbau leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen,
c) Schaffung eines zeitgemäßen Rechtsrahmens,
d) Unterstützung strategischer Organisationsentwicklung,Wolfram Horstmann: Zur Rolle von Bibliotheken in digitalen Forschungsinfrastrukturen. In: Achim Bonte, Juliane Rehnolt (Hrsg.): Kooperative Informationsinfrastrukturen als Chance und Herausforderung. Festschrift für Thomas Bürger zum 65. Geburtstag. de Gruyter Saur, Berlin , ISBN 978-3-11-058493-6, S. 93–109 (PDF).