mini|Norbert Moret (1984)
Norbert Moret (* 20. November 1921 in Ménières; † 17. November 1998 in Fribourg) war ein Schweizer Komponist der Neuen Musik, Pianist, Organist, Chorleiter und Musikpädagoge.
Leben Norbert Moret stammte aus einer katholischenMoret, der «die Nähe zu seinem intensiven, gelegentlich ekstatischen katholischen Glauben nie ablegte»; zit. aus Andres Briner: Wirkungstiefer Träumer. Zum Tod des Komponisten Norbert Moret. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. November 1998, S. 46 (Nachruf). Bauernfamilie in der Broye im Kanton Freiburg.
Moret entdeckte als Spätberufener die Musik erst als Jugendlicher im Kollegium St. Michael in Fribourg, dank seinem Lehrer Joseph Gogniat, Organist an der Kathedrale Fribourg. Sein Schlüsselerlebnis war, als er zum ersten Mal Bachs Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 hörte, kurz darauf komponierte er seine ersten drei Lieder. Während der Gymnasiumszeit beeindruckten ihn ausserdem Henri Duparc, später auch Claude Debussy und Maurice Ravel.Jean-Claude Poulin: Qu’attend la Suisse romande pour découvrir le compositeur Norbert Moret? In: Gazette de Lausanne. 14. März 1981, S. Samedi littéraire I.
Nach der Matura studierte er Klavier, Orgel, gregorianischen Gesang und Komposition am Freiburger Konservatorium, u. a. bei Louis Sauteur und Leo Kathriner.Rita Wolfensberger: Leben und Schaffen des Freiburger Musikers Norbert Moret. Der Kairos des Komponisten. Biographische Daten. In: Neue Zürcher Nachrichten. 26. April 1980, S. 5. Zwischen 1948 und 1950 hielt er sich in Paris auf, wo insbesondere Olivier Messiaen einen nachhaltigen Einfluss auf ihn ausübte und René Leibowitz ihn mit der Seriellen Musik vertraut machte. Bei Arthur HoneggerBernard Sansonnens: Arthur Honegger vu par Norbert Moret. Un homme profond. In: La Liberté. 29./30. Mai 1991, S. 19. schloss er mit Diplom ab, einer seiner Kommilitonen war Pierre Boulez.Bertil Galland: Fribourg, ghetto musical? In: Le Nouveau Quotidien. 27. Juni 1997, S. 19. Im darauffolgenden Jahr bildete er sich bei Paul Kletzki am Conservatoire de Lausanne weiter.Denise de Ceuninck: Norbert Moret. Un vrai créateur. In: L’Express. 29. November 1996, S. 32 (Interview). Danach konnte er dank einem Stipendium des Schweizerischer Tonkünstlervereins (STV/AMS, heute Sonart – Musikschaffende Schweiz) in Wien ein Praktikum beim Orchester der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler absolvieren und Dirigieren bei Clemens Krauss studieren.Luca Sabbatini: Norbert Moret, compositeur fribourgeois joué partout dans le monde. In: Le Nouveau Quotidien. 16. Februar 1992, S. 29.
Nach seiner Rückkehr aus Wien folgten über 20 Jahre, in denen Moret weitgehend unbeachtet komponierte. Später wurde seinem Umfeld, vor allem dem einflussreichen Abbé Pierre Kaelin und dem Leiter des Freiburger Konservatoriums Aloys Fornerod, vorgeworfen, Moret wegen ihrer Ablehnung der Neuen Musik nicht gefördert zu haben. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass Moret lange nach seinem Weg gesucht hat, ohne zunächst eine eigene Sprache zu finden, und es auch aus Schüchternheit nicht wagte, mit seinen Kompositionen an die Öffentlichkeit zu treten. So komponierte er zuerst Serielle Musik, vernichtete die Kompositionen aber wieder.Norbert Moret: «Ma musique!» In: Journal de Genève. 23./24. März 1985, S. 23. Er habe seine Kompositionen sogar seinen Freunden nicht vorgestellt, lediglich die Organisten Bernhard Billeter und Luigi Ferdinando Tagliavini, zu dieser Zeit Professor für Musikwissenschaft an der Universität Freiburg, habe er zu Rate gezogen.Andres Briner: Wirkungstiefer Träumer. Zum Tod des Komponisten Norbert Moret. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. November 1998, S. 46 (Nachruf).
Seinen Lebensunterhalt verdiente Moret in dieser Zeit als Lehrer, zunächst als Gesangs- und Französischlehrer an der SekundarschuleFin d’année scolaire à l’école secondaire des garçons. In: La Liberté. 18. Juli 1966, S. 9. (er war zudem Präsident des Corps professoral secondaire fribourgeoisAvec le corps enseignant secondaire fribourgeois. In: L’Express. 9. Juni 1964, S. 17.), dann von 1965 bis 1983 als Musiklehrer am Kantonalen Lehrerseminar (heute Pädagogische Hochschule Freiburg). Zudem war er von 1950 bis 1974 Leiter des gemischten Chors der Kirche Saint-Pierre in Fribourg.Todesanzeigen. In: La Liberté. 21. November 1998, S. 30.
1972 war er überzeugt, zu seiner persönlichen Sprache jenseits jeden von ihm abgelehnten Akademismus gefunden zu haben, und legte endlich seine Kompositionen Heinrich Sutermeister vor, der sich von ihnen sehr angetan zeigte. Der grosse Durchbruch, vorerst in der deutschsprachigen Schweiz, erfolgte dann 1974 mit Germes en éveil, einem kammermusikalischen Werk für Sopran, Flöte, Chor und zwei Schlagzeuger (nach Gedichten von Thérèse Loup), das am 75. Fest des Schweizer Tonkünstlervereins in Amriswil aufgeführt wurde. Mit einem Schlag galt Moret nun in der Deutschschweiz als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. In der französischsprachigen Schweiz dauerte es allerdings noch fast weitere zehn Jahre, bis Moret wirklich wahrgenommen wurde, bis zur Uraufführung der Tragiques im Oktober 1983 in Genf.Jean-Claude Poulin: Création de «Tragiques» de Norbert Moret. In: Gazette de Lausanne. 1. Oktober 1983, S. 16 (Vorschau). mini|links|Norbert Moret (1978)
Nach dem Tonkünstlerfest in Amriswil wurde auch der Dirigent und Mäzen Paul Sacher auf Moret aufmerksam. Mit seiner und der Unterstützung des mit ihm befreundeten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch widmete sich Moret nun ganz der Komposition, die Werke folgten sich in raschem Rhythmus. Sacher beauftragte ihn mit Hymnes de silence (ein Konzert für Streichorchester, drei Posaunen, vier Schlagzeuger und Orgel, das 1978 in Basel eine höchst erfolgreiche Uraufführung erlebte), einem Doppelkonzert für Violine und Violoncello, Visitations (ein Konzert für Sopran, Mezzosopran, Tenor, Schlagzeug, Klavier, Orgel, Regal und Positiv), der Sacher-Serenade für Bassklarinette, Vibraphon, Positiv und Regal, einem Tripelkonzert für Flöte, Oboe und Harfe sowie mit einem Rostropowitsch gewidmeten Konzert für Violoncello und Orchester. Moret hatte schon das ebenfalls von Sacher in Auftrag gegebene Two Love Poems für Sopran und Violoncello für Rostropowitsch und seine Frau Galina Pawlowna Wischnewskaja komponiert, wurde aber mit der Sopranistin nicht einig («sie verlangte zu viele Höhen»), und bei der von 1981 auf 1984 verschobenen UraufführungRostropovitch enthusiastisch. In: Neue Zürcher Nachrichten. 28. März 1981, S. 8. sang dann Phyllis Bryn-Julson. Weitere Aufträge folgten von Schweizer Radio DRS für Temps, ein Konzert für Bariton und zwei Trompeten, von der Pro Helvetia zum 500-Jahr-Jubiläum der Zugehörigkeit des Kantons Freiburg zur Eidgenossenschaft (Mendiant du ciel bleu), vom Kanton Neuenburg (Neuinterpretation von Visitations) aus Anlass zu 700 Jahren Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft, von der Association des amis de l’Orchestre de la Suisse Romande (Tragiques), von den Settimane musicali Ascona (En rêve), vom Orchestre de Chambre de Lausanne (Trois pièces und Mendiant du ciel bleu, suite et fin zu seinem 50-jährigen Bestehen), von der Société de Musique de La Chaux-de-Fonds zu ihrem 100-jährigen Bestehen (Divertimento), von Radio Suisse Romande (Trompetenkonzert), von der Association des orgues de la Collégiale de Neuchâtel zur Einweihung der neuen Orgel (Orgelkonzert), von der niederländischen Gitarristin Suzanne Mebes (Sensations), von Samuel Schneider (Hornkonzert für seinen Sohn Bruno Schneider) u. a.
Norbert Moret komponierte 65 Instrumental- und Vokalwerke.Jean-Claude Bolliger: Hommage à Norbert Moret. In: L’Express. 2. Dezember 1998, S. 39. Er gewann mehrere Preise, darunter 1983 den angesehenen Komponistenpreis des Schweizer Tonkünstlervereins, und wurde 1990 zum Ehrendoktor der Universität Freiburg ernannt.Moret Norbert. Musinfo, Hochschule Luzern – Musik. Seine Werke wurden von weltbekannten Künstlern wie Paul Sacher (Hymnes de silence), Seiji Ozawa und Anne-Sophie Mutter (Violinkonzert En rêve), Heinz Holliger und Aurèle Nicolet (Tripelkonzert für Flöte, Oboe, Harfe und Streichorchester) sowie Mstislaw Rostropowitsch (Cellokonzert) aufgeführt.
Seine Musik gilt als klangsinnlich und zeichnet sich durch musiksprachliche Emotionalität aus, sie reflektiert seine starke Naturverbundenheit und seine Herkunft aus ländlicher Umgebung. In vielen Werken zeigt Moret eine Faszination für Perkussionsinstrumente (besonders deutlich in Visitations und Mendiant du ciel bleu mit je über hundert Schlaginstrumenten).
Familie 1948 heiratete Moret Germaine Louise Fivaz (1920–2015). Der Ehe entstammten drei Töchter, Anne-Laurence (* 1950, verheiratet mit dem ehemaligen Novartis-Manager Daniel Vasella), Fabienne (1954–2010) und Catherine (* 1957)Germaine Fivaz. In: Geneanet., ebenfalls Organistin. Einer seiner zwei Brüder war der Sandoz-Manager Marc Moret (1923–2006).
Auszeichnungen 1983: Komponistenpreis des Schweizer Tonkünstlervereins (STV/AMS)Preis für Norbert Moret. Tonkünstlerverein würdigt Freiburger Komponist. In: Freiburger Nachrichten. 25. April 1983, S. 7. 1983: Europäischer Preis für Komposition 1990: Ehrendoktor der Universität Freiburg 1990: Preisträger der JubiläumsstiftungZur UBS Kulturstiftung. Website der UBS. 18. November 2016. der SBGUne grande banque soutient les arts et la culture: trois lauréats en 1990. Musique et patrimoine à l’honneur. In: La Liberté. 12./13. Januar 1991, S. 17.
Werke (ab 1966) (siehe ) Psaume 85 (1966) für Tenor, Chor, 2 Trompeten und Orgel (Uraufführung [UA] Fribourg 1966: Charles Jauquier, Tenor; Francis und René Schmidhäusler, Trompeten; Georges Phillot, Orgel; gemischter Chor der Kirche Saint-Pierre Fribourg) Konzert für Streicher, Trompete und Klavier (1970, keine offizielle UA) Germes en éveil (1973) für Sopran, Flöte, Chor und 2 Schlagzeuger; nach den drei Gedichten Elle, Guerre und Soleil-Feu von Thérèse Loup (UA Amriswil 1974: Catherine Graf, Sopran; Chœur de la Radio Suisse Romande unter André Charlet) Gastlosen (1974) für Orgel; gewidmet Luigi Ferdinando Tagliavini (UA Fribourg 1975: Franz Seydoux, Orgel) Toi (1974) für Sopran und Klavier; nach Gedichten von Thérèse Loup (UA Fribourg 1975: Kathrin Graf, Sopran; Rainer Boesch, Klavier) Couleurs de temps changées (1975) für Klavier (UA London 1975: Hedy Salquin, Klavier) Rituels (1975) für Cembalo (UA Zürich 1976: Martin Derungs, Cembalo) Cinq pièces (1976) für Sopran, Klavier und Blechblasinstrumente (2 Trompeten, 2 Posaunen) (UA Genf 1977: Ingrid Frauchiger, Sopran; Otto Seger, Klavier; Quatuor de cuivre de St-Jean) Hymnes de silence (1976–1977) für Streichorchester, Orgel, 3 Posaunen und 4 Schlagzeuger (UA Basel 1978: Heiner Kühner, Orgel; Sinfonieorchester Basel unter Paul Sacher) Temps (1977–1978) für Bariton, Streichorchester und 2 Trompeten (UA Bern 1978: Philippe Huttenlocher, Bariton; Francis und René Schmidhäusler, Trompeten; Berner Musikstudio unter Räto Tschupp) Suite à l’image du temps (1979) für 2 Streichorchester (UA Zürich 1980: Zürcher Kammerorchester unter Edmond de Stoutz) Two Love Poems. Scènes lyriques (1978–1980) für Sopran, Violoncello und Orchester; nach den Gedichten My love und With my inebriate soul von Walt Whitman aus Leaves of Grass (die UA war für März 1981 in Zürich geplant, fiel aber wegen Erkrankung der damals noch für den Part vorgesehenen Ehefrau Mstislaw Rostropowitschs Galina Wischnewskaja aus und wurde erst 1984 in Basel in anderer Besetzung nachgeholt: Phyllis Bryn-Julson, Sopran; Mstislav Rostropowitsch, Violoncello; Sinfonieorchester Basel unter Paul Sacher)