mini|Ausgabe von 1928 Romancero gitano (Zigeunerromanzen) ist eine Gedichtsammlung von Federico García Lorca. Hintergrund In den 1920er Jahren breitete sich, ausgehend von Frankreich, der Surrealismus auch in Spanien aus. Künstler in Spanien fanden in ihm eine Ausdrucksform gegen den Druck einer überkommenen katholischen Moral und feudale Machtstrukturen unter der Diktatur von Miguel Primo de Rivera. Durch seine Freundschaft mit Salvador Dalí und Reisen nach Katalonien in den frühen 1920er Jahren gewann Federico García Lorca Zugang zu dieser Kunstrichtung.

Lorca war ein profunder Kenner der literarischen Tradition Spaniens und speziell seiner andalusischen Heimat. Er kannte die traditionellen mittelalterlichen Romances, die sich im siebzehnten Jahrhundert unter dem Einfluss von Lope de Vega, Luis de Góngora und anderer in eine lyrische Richtung entwickelten.

Eine Romance hat achtsilbige Verse mit assonantem Reim. Sie bietet dem Dichter große Freiheit, weil sie unreine statt perfekter Reime gestattet. Traditionell erzählte die Romance historische Begebnisse, häufig mit dem Ziel, nationale Werte zu bewahren oder zu propagieren. Leser und Hörer erwarteten eine lineare Geschichte über eine bedeutende Person oder ein besonderes Ereignis aus der Geschichte, die mit den vorherrschenden Werten im Einklang stand. Es handelt sich um eine spezifisch spanische Form der dramatischen Dichtung. Romancero gitano bricht mit dieser Tradition. Schon der Titel ist ein Oxymoron: Während Romance auf die Form verweist, die am meisten in spanischer Geschichte verwurzelt ist, ist der Gitano nach gängigem Verständnis nomadisch und ohne überlieferte Geschichte. Er steht für ein marginalisiertes Volk. García Lorca untergrub die traditionelle affirmative Funktion der Heldenerzählung, indem er über namenlose Antihelden aus diesem Volk schrieb. Die experimentellen surrealistischen Inhalte der Gedichte vertiefen diesen Bruch. Mit der Wahl der traditionellen, populären Form lockte García Lorca auf neue Pfade.

Inhalt Die Gedichte Der Romancero besteht aus folgenden 18 Gedichten: TitelÜbersetzungWortnahe Übersetzung. Auf eine Wiedergabe von literarischen Übersetzungen wird wegen des Urheberrechts verzichtet.Widmung1Romande de la luna, lunaRomanze an den Mond, den MondA Conchita García Lorca2Preciosa y el airePreciosa und der WindA Damaso Alonso3ReyertaHeftiger KampfA Rafael Méndez4Romance sonámbuloSomnambule RomanzeA Gloria Ginery a Fernando de los Ríos5La monja gitanaDie Gitana-NonneA José Moreno Villa6La casada infielDie untreue EhefrauA Lydia Cabreray a su negrita7Romance de la pena negraRomanze von der schwarzen TrauerA José Navarro Pardo8San MiguelGranadaSankt MichaelGranadaA Diego Bigas de Dalmau9San RafaelCórdobaSankt RaphaelCórdobaA Juan Izquierdo Croselles10San GabrielSevillaSankt GabrielSevillaA Don Agustín Viñuales11Prendimiento de Antoñito el Camborio en el camino de SevillaDie Verhaftung von Antoñito el Camborio auf dem Weg nach SevillaA Margarita Xirgu12Muerte de Antoñito el CamborioDer Tod von Antoñito el CamborioA José Antonio Rubio Sacristán13Muerto de amorTod aus LiebeA Margarita Manso14Romance del emplazadoRomanze vom VorgeladenenPara Emilio Aladrén15Romance de la Guardia Civil españolaRomanze von der spanischen Guardia CivilA Juan Guerrero,Cónsul general de la poesía16Martirio de Santa OlallaMartyrium der Heiligen EulaliaA Rafael Martínez Nadal17Burla a Don Pedro a caballoRomance con lagunasSpott über Don Pedro auf dem PferdRomanze mit LagunenA Jean Cassou18Thamar y AmnónTamar und AmnonPara Alfonso García Valdecasas Die spanischen Originaltexte sind seit Ende 2006 gemeinfrei und im Internet verfügbar.Beispielsweise in

Themen Federico García Lorca selbst beschrieb sein Buch mit den Worten:

Dabei vermittelte er ein idealisiertes Bild des Landes und der Gitanos. Er bezeichnete sie als das erhabenste, tiefsinnigste und aristokratischste Volk seiner Heimat, und nennt diese folgerichtig país gitano. Dieses idealisierte „Altarbild Andalusiens“ umspannt die Themen des Landes vom natürlichen bis zum mythischen und religiösen, von der Gegenwart bis zur Historie. Die Gedichte erzählen von der Landschaft, ihrer Flora und Fauna, ihren Bewohnern und ihren gewalttätigen Auseinandersetzungen, Treuebrüchen und Abrechnungen.

Zudem werden die römische, die jüdische, die christliche und in spärlichen Anspielungen auch die moslemische Tradition des Landes in den Gedichten thematisiert:

Der Bezug zu Rom äußert sich im Gedicht San Rafael. Es beschreibt die monumentale Schönheit der Brücke, die Kaiser Augustus erbauen ließ, und nimmt Bezug zum römischen Gott Neptun. In Martirio de Santa Olalla treten römische Soldaten in ihren Rüstungen, ein Konsul, Zenturionen, Statuen und die Göttin Minerva auf den Plan. Das Gedicht beruht auf Prudentius’ Erzählung von der Folter der heiligen Eulalia. Die gelassene Akzeptanz des Todes, die beispielsweise in dem Gedicht Romanze del emplazado thematisiert wird, gemahnt an den römischen Philosophen Seneca. Jüdische Themen finden sich in Thamar y Amnon, dem Gedicht von der inzestuösen Liebesbeziehung der beiden Kinder König Davids, und wiederum in San Rafael, wo der Erzengel Raphael den Tobias auf seiner langen Reise leitet. Am meisten sticht jedoch das christliche Element hervor. Das Motiv der Passion ist zahlreich vertreten, beispielsweise in Reyerta und in San Gabriel. Antoñito el Camborio erleidet, wie Jesus, Festnahme und Tod. Die Erzengel stehen den Todgeweihten bei, die Heilige Jungfrau und der heilige Josef heilen Gitanos, die von der Guardia Civil verwundet wurden, und es mangelt nicht an Anspielungen auf andere christliche Heiligenmythen.

Schauplatz der Geschichten sind die großen andalusischen Städte Córdoba, Sevilla und Granada. Im Bergland von Cabra, bei Córdoba, spielt sich die Messerstecherei im Gedicht Reyerta ab, und von dort kommt auch der verwundete Reisende in Romance sonámbulo. In den Gässchen des Albaicín unterdrückt die junge Nonne in La monja gitana ihre erotischen Bedürfnisse und ihre Sehnsucht nach Freiheit. In den Olivenhainen von Jaén, den tierras aceitunas, spielt die Romance de la pena negra. Antoñito el Camburio stirbt an den Ufern des Guadalquivir. Der Ort der Handlung in den anderen Gedichten ist meist nicht so eindeutig, aber stets ist der andalusische Orts- oder Landschaftscharakter ein wesentliches Element.

Zentrale Handlungsträger sind die Gitanos. García Lorca zeichnet Klischees ihrer Lebensweise: das Schmiedehandwerk, die Hingabe an Gesang und Tanz, ihre enge Beziehung zu Pferden und ihre Vorliebe für Schmuck. Er zeichnet sie als Träger einer primitiven, naturverbundenen Kultur, unterdrückt und marginalisiert von einer Zivilisation, deren ausführender Arm die Guardia Civil ist. Aus dem Konflikt zwischen Naturverbundenheit und Zivilisation ergeben sich die großen Themen seiner Gedichte: das Streben nach Freiheit, das Leiden, die Gewalt, die Liebe und der Tod. Die Freiheitsliebe und der Instinkt des Gitano, der sich gegen die aufgezwungenen Regeln sträubt, führen in Verbindung mit der aufgezwungenen Sesshaftigkeit zwangsläufig zu einem tragischen Ende. Gewaltausbrüche sind unter diesen Umständen alltäglich. Das geht so weit, dass in den Gedichten für den Gitano der gewaltsame Tod als der einzig natürliche erscheint.

Die Liebe hat im Romancero gitano eine einseitige Ausprägung: fast ausschließlich steht der Aspekt des männlichen sexuellen Begehrens im Vordergrund. Die Frau ist passiv. Gleichzeitig ist die Liebe eine Trägerin der Frustration, mit einer starken Bindung an den Tod. Diese äußert sich deutlich in den Gedichten Romance sonámbulo und Muerte de amor. Gleichzeitig finden sich zahlreiche homoerotische Anspielungen in seinen Gedichten, beispielsweise in den Gedichten San Gabriel und San Miguel:

Un bello niño de junco, anchos hombros, fino talle, piel de nocturna manzana, boca triste y ojos grandes, nervio de plata caliente, ronda la desierta calle. Ein schöner Knabe schlank wie Schilf, breite Schultern, schmale Taille, die Haut wie Apfel in der Nacht, trauriger Mund und große Augen, Sehne aus heißem Silber, streunt in der verlassenen Straße. San Miguel lleno de encajes en la alcoba de su torre, enseña sus bellos muslos ceñidos por los faroles. Sankt Michael, in Spitze gehüllt, im Alkoven seines Turmes, zeigt seine schönen Schenkel gegürtet mit Laternen.

Symbolismus Federico García Lorcas Dichtung ist radikal symbolistisch. Zu den Symbolen im Romancero Gitano existiert eine große Menge an Literatur mit teilweise unterschiedlichen Interpretationen. Gängige Interpretationen einiger häufig erscheinender Symbole sind:

Der Mond als Symbol des Todes und der Erstarrung. Der Wind als Symbol des männlichen erotischen Begehrens. Der Brunnen als Symbol der unterdrückten Leidenschaft, die keine Erfüllung findet. Das Pferd als Symbol der zügellosen Leidenschaft, die den Gitano zu Tode bringt. Die Farbe Grün als Symbol des verbotenen Begehrens, der Frustration und der Sterilität.

Mehrere Interpreten sehen in dieser Symbolik eine Übereinstimmung mit Elementen der analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung.

Übersetzungen Das ausschließliche Recht zur Übersetzung von García Lorcas Werken hatte Enrique Beck. Dessen Übertragung des Romancero gitano ins Deutsche erschien im September 1938 im Schweizer Verlag Stauffacher unter dem Titel Zigeunerromanzen mit einem Vorwort von Vicente Aleixandre. Nach Becks Tod ging das Übersetzungsrecht an die Heinrich Enrique Beck-Stiftung in Basel über. Diese Übersetzungen stießen seit den 1950er Jahren auf Kritik; Enrique Beck wurde literarische Inkompetenz und seinen Übersetzungen Plumpheit vorgeworfen. Im Jahr 2000 lenkte die Stiftung schließlich ein und ließ auch andere Übersetzungen zu.

2002 erschien bei Suhrkamp eine zweisprachige Ausgabe des Romancero gitano mit Übersetzungen von Martin von Koppenfels und einem Essay Gewaltakt und Verklärung im Anhang. 2007 veröffentlichte der Reclam-Verlag eine zweisprachige Auswahl von Gedichten García Lorcas, übersetzt von Gustav Siebenmann, darunter fünf Gedichte aus dem Romancero gitano. 2008 gab die Heinrich Enrique Beck-Stiftung eine zweibändige Auswahl von Gedichten in der Übersetzung von Enrique Beck heraus.

Rezeption Der Romancero gitano, 1928 veröffentlicht, wurde zu einem Massenerfolg, der den bis dahin wenig bekannten Lyriker Federico García Lorca auf einen Schlag berühmt machte. Die Gedichtsammlung hatte einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Dichtung Spaniens und Lateinamerikas und wurde zu einem der erfolgreichsten Lyrikbände der Weltliteratur.

Die Leser mochten den Rhythmus und die lyrische Natur der Gedichte, viele konnten ganze Romances von ihm rezitieren, ohne dass sie in der Lage gewesen wären, sie zu erklären. Martin von Koppenfels führt dies einerseits auf das große historische Prestige zurück, das die spanische Romance mit ihrer sieben Jahrhunderte alten Geschichte genießt. Andernfalls wäre es „... undenkbar (...), dass ein Zeitgenosse von Dada und Surrealismus am Vorabend der Weltwirtschaftskrise mit Zigeunerromanzen Furore macht.“ Andererseits liege Lorcas Erfolgsgeheimnis darin, dass er genüsslich mit der traditionellen Form spiele und klassische Klischees wie den Zigeunermythos bediene. Entgegen Lorcas Beteuerung, sein Werk sei anti-pittoresk und anti-folkloristisch, bediene er „das gesamte Carmen-Inventar, egal ob es sich um Tamburine, Messer, Kastagnetten, Kartenlegerei oder den Kult der Jungfräulichkeit handelt“.

Gerade dieses Spiel mit der alten Form und den surrealistischen Inhalt rief aber auch Kritiker auf den Plan. Auf der einen Seite waren dies die Avantgardisten, die kategorisch den Bruch mit dem Althergebrachten forderten. Luis Buñuel urteilte:

Der junge Salvador Dalí schrieb an Federico García Lorca einen anzüglichen Liebesbrief, den er mit einem Verriss seiner Dichtung verband: