Die Judenverfolgung in Schleswig-Holstein ereignete sich im Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945.
Allgemeines Während 1925 in Deutschland noch 563.733 Personen oder 0,9 % der Bevölkerung sich zu einer jüdischen Religionsgemeinschaft zugehörig fühlten, ging der Anteil unter dem Einfluss national-sozialistischer Verfolgung bereits bis zur Volkszählung vom 16. Juni 1933 auf 499.682 (0,8 %) zurück. 1939 hatte, trotz der inzwischen erfolgten territorialen NS-Expansion des Deutschen Reiches, die Zahl der Juden in Deutschland nochmals drastisch auf 233.973 (0,34 %) abgenommen, obwohl seit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 die rassistisch erweiterte NS-Definition des sogenannten Geltungsjuden den Kreis der behördlich als Juden erfassten Personen erheblich erweiterte und nicht mehr auf Mitglieder jüdischer Gemeinden beschränkte (siehe Arisierung). Nach der Volkszählung vom 17. Mai 1939 hatten Juden unter Strafandrohung detailliert auf sogenannten Ergänzungsbögen anzugeben, ob zu ihren Vorfahren auch noch ein oder zwei jüdische Großelternteile zählten. Aufgrund dessen stufte der NS-Staat diese Personen entsprechend als Volljude (Rassejuden) oder Halbjude ein.
Judentum in Schleswig-Holstein Jüdisches Leben in Schleswig-Holstein ist seit 600 Jahren überliefert, was eine Urkunde vom 1. Februar 1424 aus Lauenburg belegt.Frank Goldenstein: "Kleine Sensation": 600 Jahre jüdisches Leben in Schleswig-Holstein bei ndr.de vom 29. Januar 2024 Die Existenz jüdischer Gemeinden ist erst seit etwa 400 Jahren nachgewiesen.Betzholz, Dennis (2021): |1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - Schleswig-Holstein tut viel, genug kann es vermutlich nie sein, Kieler Nachrichten, KN-online, 4 November 2021 (Titel der Printausgabe lautet: Mahnende Wort in der Synagoge - 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: Ministerpräsident eröffnet Festjahr mit 130 Veranstaltungen) Das Judentum Schleswig-Holsteins war bis zur Emanzipation überwiegend kleinstädtisch.Juden in Schleswig-Holstein. Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, https://www.geschichte-s-h.de/juden-in-schleswig-holstein/ Auch in Schleswig-Holstein gab es im 19. Jahrhundert zunächst eine leichte Verbesserung der Lage der Juden und zwar im Rahmen ihrer Emanzipation durch das Staatsgrundgesetz für Schleswig-Holstein vom 15. September 1848, das allerdings nur bis 1851 gültig war.Hier und im Folgenden: Rainer Hering: Judenverfolgung als Thema der Landesgeschichte. In: Landeszentrale für Politische Bildung: Zum Gedenken – 6.12.2011: 70. Jahrestag der Deportation der Juden aus Schleswig-Holstein. Hintergrund. Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein, Kiel 2011, S. 10–21. Diese Emanzipation galt nach weiteren Anläufen in Lübeck (1848/52), Schleswig (1854) und Holstein (1863) mit der deutschen Reichsgründung 1871 formal als abgeschlossen.
Schleswig-Holstein war eine abseits der Metropolen gelegene jüdische „Diaspora in der Diaspora“. Dies lag zunächst an den restriktiven Ansiedlungsbedingungen für Juden und später an der peripheren Lage und der überwiegend landwirtschaftlichen Struktur des Landes.Ulf Christen: Ämter als Handlanger der Nazis - eine Studie soll die Rolle der Finanzbehörden bei der Ausplünderung der jüdischen Vevölerung beleuchten. Kieler Nachrichten, 23. Oktober 2023 Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Schleswig-Holstein 1939 insgesamt 1742 jüdisch-stämmige Menschen, davon 755 sog. Volljuden (Rassejuden), 473 Jüdische Mischlinge 1. Grades und 514 Jüdische Mischlinge 2. Grades. Von den Volljuden galten 575 als Glaubensjuden, 136 als Angehörige evangelischer Landes- oder Freikirchen, und 7 als Römisch-katholische Christen.Jüdische Bevölkerung in Deutschland am 17.5.1939. Statistik des Deutschen Reichs, Band 552,4, Berlin 1944. Die Juden und jüdische Mischlinge im Deutschen Reich und in den Reichsteilen nach der Abstammung und der Religionszugehörigkeit, Deutsches Reich, Übersicht 1a, S. 4/6.
In den Großstädten lag der Anteil der Juden relativ höher als auf dem Lande, was nicht nur auf der vergleichsweise höheren Attraktivität des Stadtlebens beruhte, sondern auch die jahrhundertelange behördliche Gängelung der Judenansiedlung widerspiegelte. Berlin wies zum Beispiel einen jüdischen Anteil von 3,8 %, Frankfurt am Main 4,7 %, Breslau 3,2 %, Köln 2,0 %, Hamburg 1,5 %, Hannover 1,1 % und Kiel 0,2 % auf. Generell gab es ein Süd-Nord-Gefälle des Anteils der Juden an der Gesamtbevölkerung Deutschlands.Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945. Das Bundesarchiv, Koblenz In den beiden Großstädten Schleswig-Holsteins, Lübeck und Kiel, konzentrierten sich dementsprechend 64 % der jüdischen Bevölkerung, die übrigen Juden verteilten sich auf über 123 kleinere Städte und Dörfer.Goldberg, Bettina (2016), S. 29
Verfolgung in Schleswig-Holstein In Schleswig-Holstein wohnten 1933 mit etwa 1900 Menschen relativ wenig Juden. Sie bildeten nur 0,13 % der schleswig‐holsteinischen Gesamtbevölkerung oder 0,34 % aller Juden des Deutschen Reiches.Goldberg, Bettina (2016), S. 29 Innerhalb eines Jahrzehnts verminderte sich der Anteil angesichts zunehmend massiveren Verfolgung weiter. Im November 1942 lebten in Schleswig-Holstein nur noch 59 Juden, und zwar auf 18 Orte verteilt. Über 1.600 waren schon deportiert worden, die meisten von ihnen wurden ermordet. Somit hatte das NS-Regime sein Ziel erreicht, Schleswig-Holstein „judenrein“ zu machen.Jüdisches Leben Schleswig-Holstein nach 1945. das virtuelle Museum, vimuinfo, Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte und Public History, Schleswig Nach dem Krieg befanden sich in Schleswig-Holstein nach der Volkszählung vom 29. Oktober 1946 – bedingt durch die Fluchtbewegungen – wieder insgesamt 949 Personen jüdischen Glaubens (Israeliten), davon 464 in Vertriebenenlagern (D.P.-Lager).Jüdische Bevölkerung in Deutschland am 29.10.1946. [Volks- und Berufszählung vom 29. Oktober 1946 in den vier Besatzungszonen und Groß-Berlin, Volkszählung Tabellenteil, Berlin-München 1949. Tabl. VI. Die Bevölkerung nach der Religionszugehörigkeit, (a) Deutschland, Besatzungszonen, Länder und Gebietskörperschaft Groß-Berlin, S. 100–101].
Finanzverwaltung und Enteignung Die schleswig-holsteinische Finanzverwaltung, insbesondere unter der Leitung des Oberfinanzpräsidenten Richard Giese beteiligte sich aktiv an der Enteignung und dem Raub jüdischen Vermögens. Der Oberfinanzpräsident war für die Umsetzung und Überwachung finanzpolitischer Maßnahmen zuständig, darunter die Reichsfluchtsteuer, die Judenvermögensabgabe, oder die sogenannte Arisierung von Unternehmen. An der Arisierung und dem Vermögen der Deportierten bereichert sich nicht nur der Staat, sondern auch weite Kreise der Bevölkerung. Selbst nach dem Krieg erfolgte oft keine oder nur unzureichende Entschädigung der Opfer.Ulf Christen: Ämter als Handlanger der Nazis - eine Studie soll die Rolle der Finanzbehörden bei der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung beleuchten. Kieler Nachrichten, 23. Oktober 2023Goldberg, Bettina (2016), S. 45
Beispiel des Kieler Rabbiners Arthur Posner
Unter den jüdisch Verfolgten, die versuchten aus Deutschland zu fliehen, war die Familie des Kieler Rabbiners Arthur Bernhard Posner. Deren Tochter Rachel machte noch im Dezember 1932, kurz vor der Auswanderung der Familie nach Israel, ein Foto aus dem Fenster ihrer Kieler Wohnung am Sophienblatt 60. Das Foto zeigt den auf dem Fensterbrett stehenden Chanukkaleuchter der Familie Posner vor dem Hintergrund des gegenüberliegenden Gebäudes der NSDAP-Kreisleitung mit Hakenkreuzflagge. Es erhielt im 21. Jahrhundert weltweit Aufmerksamkeit als Symbol der Zuversicht auf das ewige Fortbestehen des Judentums trotz des nationalsozialistischen Vernichtungswillens.
Einzeltäter der Judenverfolgung in Schleswig-Holstein Fritz Barnekow, Leiter des Judenreferat II B 5 der Kieler Gestapo (1941–1943); einer der Hauptorganisatoren der schleswig-holsteinischen Judendeportationen (ab 1941). Franz von Baselli, 1931 Ortsgruppenleiter von Pinneberg, wurde als Nachfolger von Dr. Adolph Herting in Schleswig mit dem Amt des Bürgermeisters (1934–1936) belohnt. Im Januar 1936 zum Gauamtsleiter für Kommunalpolitik bestellt trug er wesentlich dazu bei, dass nationalsozialistische Verwaltungsgrundsätze entsprechend der 1935 revidierten Gemeindeordnung in allen Kommunen des Landes umgesetzt wurdenSchartl, Matthias (2003): Eine Clique Alter Kämpfer - Aufstieg und Fall regionaler NSDAP-Eliten in Stadt und Landkreis Schleswig. In: Demokratische Geschichte (DG), Band 15 (2003), S. 161–221, Malente: Beirat für Geschichte in der Gesellschaft für Politik und Bildung Schleswig-Holsteins e.V., S. 195 Heinz Behrens, geboren 7. Juli 1903 in Vegesack bei Bremen. Er trat 1928 in die NSDAP ein und erhielt das goldene Parteiabzeichen. 1940 wurde Behrens Nachfolger von Albert Malzan als Gauwirtschaftsberater in Schleswig-Holstein. Das Amt legte er nieder, als er 1941 zur Energieversorgung Ostland GmbH in Riga wechselte. Während des Krieges war er erst Direktor der Energieversorgung für das Baltikum und später für alle eroberten sowjetischen Ostgebiete. Von März 1943 bis Kriegsende war er Direktor der Abteilung Energiewirtschaft bei der Reichswerke AG für Berg- und Hüttenbetriebe „Hermann Göring“ und arbeitete in Berlin-Halensee. Nach der Inhaftierung 1945 sowie anschließender Internierung und Entnazifizierung arbeitete er in Kooperation mit Dr. Gottfried Cremer in der BAK (Betriebswissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Keramik). Beide hatten bereits während des Krieges in den Hermann-Göring Werken zusammengearbeitet.Reichswerke Hermann GöringInternierungslager: Zeitzeugen - Heinz Behrens. MOOSBURG-Online, , accessed: 7 September 2022 Hans Bernsau, Kreisgeschäftsführer der NSDAP im Kreis Schleswig (1926–1931), ab 1931 Geschäftsführer des NSDAP-Bezirks „Nord-Ost“Schartl, Matthias (2003): 167 Heinrich Blum, Schulrat, ab 1925 Kreisleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, kommissarischer NSDAP-Bürgermeister in Schleswig 1933 und Angehöriger der Alten Garde der NS-Granden in Schleswig. Kurz nach der Okkupation des Baltikums durch die Wehrmacht beauftragte ihn Gauleiter Hinrich Lohse in der Zivilverwaltung des Reichskommissariats Ostland mit dem Amt eines Oberregierungs- und SchulratsSchartl, Matthias (2003): 173, 183–1985 Peter Börnsen, amtierte von Januar 1933 bis 1945 als NSDAP-Kreisleiter in Eckernförde und von 1939–1942 als Vertreter des im Kriegseinsatz befindlichen Schleswiger Kreisleiter Dr. Georg Carstensen. 1932 wurde er in den preuß. Landtag gewählt und gehörte 1933–1945 dem Reichstag an. Nach Kriegsende wurde er 37 Monate interniert und 1949 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Im Revisionsverfahren wurde die Strafe auf drei Jahre abgemildertSchartl, Matthias (2003): 167