mini|Rekonstruierter Verlauf der beiden Wasserleitungen ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain, die zusammengenommen das ʿAin-Zubaida-System bilden. ʿAin Zubaida () ist der heute allgemein übliche Name für die beiden historischen Wasserleitungen ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain, die Mekka bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit Wasser versorgten. Während die ʿAin ʿArafāt Wasser aus dem Wādī Naʿmān heranführte und dabei die ʿArafāt-Ebene durchfloss, bezog die ʿAin Hunain ihr Wasser aus einer Anzahl von Quellen in der Nähe des Ortes asch-Scharā'iʿ. Die beiden Leitungen werden deswegen als ʿAin Zubaida bezeichnet, weil angenommen wird, dass sie schon im 9. Jahrhundert von Zubaida bint Dschaʿfar, der Gemahlin des abbasidischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd, angelegt wurden. Allerdings ist die einzige Wasserleitung, bei der durch zeitgenössische Quellen belegt ist, dass sie von Zubaida erbaut wurde, die ʿAin al-Muschāsch. Der Name ʿAin Zubaida wurde erstmals im späten 17. Jahrhundert verwendet und bezeichnete zunächst die ʿAin-ʿArafāt-Leitung. Um diese Leitung instand zu halten, wurde im späten 19. Jahrhundert die ʿAin-Zubaida-Kommission gegründet, die international zusammengesetzt war und in den verschiedenen islamischen Ländern Spenden für die notwendigen Baumaßnahmen sammelte. Da die ʿAin-Zubaida-Kommission auch Reparaturen an der ʿAin-Hunain-Leitung vornahm, erhielt der Name ʿAin Zubaida im Laufe der Zeit eine zweite Bedeutung als Sammelbezeichnung für beide Wasserleitungen. In den 1950er Jahren ging die Zuständigkeit für das ʿAin-Zubaida-System auf die ʿAin-Zubaida-Verwaltung über, die in den 1970er Jahren die alten Kanäle durch eine Druckrohrleitung ersetzte. Während der 1980er Jahre wurde die Wasserversorgung Mekkas zunehmend auf Wasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen umgestellt. In den frühen 2000er Jahren durchgeführte Untersuchungen zur Reaktivierung des ʿAin-Zubaida-Systems haben bisher noch zu keinen Ergebnissen geführt.
Begriffsgeschichte „ʿAin Zubaida“ als Bezeichnung für die ʿAin ʿArafāt Der Name ʿAin Zubaida ist zum ersten Mal in der mekkanischen Chronik Manāʾiḥ al-karam fī aḫbār Makka wa-l-bait wa-wulāt al-ḥaram von ʿAlī as-Sindschārī (gest. 1713) belegt. Der Autor zitiert hier den mekkanischen Geschichtsschreiber Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī (gest. 1582) mit der Aussage, dass in der Zeit des abbasidischen Kalifen al-Mutawakkil die ʿAin ʿArafa repariert worden sei und diese Leitung die ʿAin Zubaida sei.ʿAlī ibn Tāǧ ad-Dīn as-Sinǧārī: Manāʾiḥ al-karam fī aḫbār Makka wa-l-bait wa-wulāt al-ḥaram. Ed. Ǧamīl ʿAbdallāh Muḥammad al-Miṣrī. 6 Bde. Ǧāmiʿat Umm al-Qurā, Mekka, 1419/1998. Bd. II, S. 163. Digitalisat Zwar zitiert as-Sindschārī hier den früheren Autor in verfälschender Weise – Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī identifiziert die Leitung an der betreffenden StelleQuṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. Ed. Ferdinand Wüstenfeld. Brockhaus, Leipzig, 1857. S. 129. Digitalisat gar nicht als ʿAin Zubaida, sondern als ʿAin al-Muschāsch –, doch erfreute sich der von as-Sindschārī verwendete Name ʿAin Zubaida als Bezeichnung für die ʿAin ʿArafāt in der nachfolgenden Zeit zunehmender Beliebtheit.
Das erste offizielle Dokument, in dem der Name ʿAin Zubaida als Bezeichnung für die ʿAin ʿArafāt verwendet wird, ist eine osmanisch-türkische Urkunde aus dem Jahre 1796, in der die Kosten über die Reparatur von Schäden abgerechnet werden, die eine Überschwemmung im März 1794 an den Kanälen und Kontrollschächten der Leitung und an diversen anderen Einrichtungen in ihrer Umgebung angerichtet hatte. Die ʿAin ʿArafāt wird in dem Dokument als „das ʿAin Zubaida genannte Wasser von ʿArafāt“ (ʿAyn-ı Zübeyde taʿbīr olunan Māʾ-i ʿArafāt) erwähnt.Yılmaz: Belgelerle Osmanlı Devrinde Hicaz. 2008, Bd. I, S. 77. Der Name ʿAin Zubaida erscheint sogar noch früher in einer osmanischen Urkunde aus dem Jahre 1763. Darin wird berichtet, dass der Scherif von Mekka Musāʿid in einem Schreiben mitgeteilt habe, dass die Kanäle der nach Mekka führenden ʿAin-Zubaida-Leitung trotz einer Reinigung, die kurz vorher stattgefunden hatte, kein Wasser mehr lieferten. Der Mutasarrif von Dschidda ʿAlī Pascha wird in dem Schreiben beauftragt, sich zum acht Stunden entfernten Ausgangspunkt der Leitung zu begeben, ihre Kanäle freizulegen und zu überprüfen, ob sich ihr Wasser mit der ʿAin ʿArafāt vereinigen lässt.Yılmaz: Belgelerle Osmanlı Devrinde Hicaz. 2008, Bd. I, S. 62f. Die Tatsache, dass in dem Dokument neben der ʿAin Zubaida die ʿAin ʿArafāt als eine separate Leitung genannt wird, weist aber darauf hin, dass zu dieser Zeit der Name ʿAin Zubaida zumindest von osmanischer Seite noch nicht als ein Synonym für ʿAin ʿArafāt verstanden wurde.
mini|Die ʿAin-Zubaida-Leitung nach Ibrāhīm Rifʿat Bāšā (1925), oben der Verlauf vom Karā'-Berg nach Muzdalifa, unten der Verlauf von Muzdalifa nach Mekka In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte aber ʿAin Zubaida den alten Namen ʿAin ʿArafāt im offiziellen Sprachgebrauch fast vollständig verdrängt. Der osmanische Gelehrte Eyüb Sabrī Paşa (gest. 1890), der 1884 ein umfassendes Werk über die Geschichte Mekkas verfasste, gibt zu diesem Namenswechsel die folgende Erklärung: Zwar sei der eigentliche Name der Leitung, deren Wasser so wohlschmeckend wie das Wasser von Taksim in Istanbul sei, ʿAin ʿArafāt, doch habe man sie deswegen als ʿAin Zubaida bezeichnet, weil sie das auserlesene Werk (es̱er-i bergüzīde) der Bemühungen Zubaidas sei.Eyüb Ṣabrī Paşa: Mirʾātü l-ḥaremeyn. 1. Mirʾātü Mekke. Baḥrīye Maṭbaʿası, Istanbul, 1884. S. 731. Eyüp Sabrī beschreibt den Verlauf der ʿAin-Zubaida-Leitung folgendermaßen: vom Wādī Naʿmān aus führte sie zum ʿArafāt-Kaffeehaus (Arafāt Kahvesi), von dort zum Dschabal ar-Rahma in der ʿArafāt-Ebene, von dort über Hūma, Hāsira, dem neuen Bāzān-Becken über die ʿĀbidīya-Brücke nach Muzdalifa und von dort zum Bi'r-Zubaida-Brunnen am Ende des Gebiets von Mafdschar. Der Bi'r-Zubaida-Brunnen war die letzte Station der Leitung vor Mekka.Eyüb Sabri Paşa: Mirʾātü l-ḥaremeyn. 1. Mirʾātü Mekke. 2018, S. 918f.
Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Name ʿAin Zubaida noch von einigen Autoren als Synonym für die ʿAin ʿArafāt verwendet. So erklärt zum Beispiel der mekkanische Lokalhistoriker ʿĀtiq ibn Ghaith al-Bilādī in seinem 1980 veröffentlichten Buch über die historischen und archäologischen Sehenswürdigkeiten Mekkas, dass der Ausgangspunkt der ʿAin Zubaida das Wādī Naʿmān sei und sie von dort aus die ʿArafāt-Ebene passiere, das ʿUrana-Tal in Richtung al-Chatm durchquere und dann nach Minā und Mekka hinabführe.al-Bilādī: Maʿālim Makka at-taʾrīḫīya wa-l-aṯarīya. 1980. S. 197. Das entspricht ziemlich genau dem Verlauf der ʿAin ʿArafāt.
„ʿAin Zubaida“ als Oberbegriff für ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain Im Laufe der Zeit erhielt der Name ʿAin Zubaida eine zweite weitere Bedeutung, indem er zu einer zusammenfassenden Bezeichnung für beide Leitungen ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain wurde. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits im 19. Jahrhundert ab, als die ʿAin-Zubaida-Kommission die ʿAin Zubaida in zwei Teile teilte. Der äußere Teil umfasste die Kanäle von Wādī Naʿmān bis zum Zubaida-Brunnen (Biʾr Zubaida) in der Nähe Mekkas, der innere Teil das System der Leitungen in Mekka selbst, zu dem auch neun Zisternen gehörten. Alle Zuläufe, die den inneren Teil der ʿAin Zubaida mit Wasser versorgten, konnten somit als Teil des ʿAin-Zubaida-Systems interpretiert werden. Eyüp Sabrī selbst berichtet davon, dass schon 1846/47 ein indischer Pilger namens Elmās Āghā den Wasserfluss der ʿAin Zubaida dadurch verstärkte, dass er eine neue Quelle namens ʿAin az-Zaʿfarān freilegte und deren Wasser der ʿAin-Zubaida-Leitung zuleitete.Eyüb Sabri Paşa: Mirʾātü l-ḥaremeyn. 1. Mirʾātü Mekke. 2018, S. 912. Die ʿAin az-Zaʿfarān gehört eigentlich zu den Zuläufen der ʿAin Hunain. Außerdem spricht Eyüp Sabrī von Hunain als der zweiten Quelle der ʿAin Zubaida (Ayn-ı Zübeyde'nin ikinci menbaʿı).Eyüb Sabri Paşa: Mirʾātü l-ḥaremeyn. 1. Mirʾātü Mekke. 2018, S. 917. Dies zeigt, dass er das Leitungsnetz der ʿAin Hunain als Teil der ʿAin Zubaida betrachtete.
mini|Teilstück der ʿAin-Hunain-Leitung an der König-Faisal-Straße Die Ausweitung des Namens ʿAin Zubaida auf die ʿAin Hunain hatte auch damit zu tun, dass man diese Leitung historisch ebenfalls auf Zubaida zurückführte. Eyüb Sabrīs Zeitgenosse, der osmanische Offizier Süleyman Şefik Söylemezoğlu, der 1890 für Sultan Abdülhamid II. ein geographisches Werk über den Hedschas verfasste, behandelte dort unter der Überschrift ʿAin Zubaida die Geschichte beider Wasserleitungen, wobei er den Schwerpunkt auf die ʿAin Hunain legte.Süleyman Şefik Söylemezoğlu: Hicaz Seyahatnâmesi. Hrsg. von Ahmet Çaycı und Bayram Ürekli. İz Yayıncılık, Istanbul, 2012. 144. Als zusammenfassende Bezeichnung für beide Wasserleitungen erscheint der Name ʿAin Zubaida auch in dem Ende 1957 abgefassten Abriss al-Ḫulāṣa al-mufīda ʿan ʿAin Zubaida („Der nützliche Abriss über die ʿAin Zubaida“) von Muhammad Nūr Qamar ʿAlī, dem damaligen Chef der Wasserverteilungsbehörde in Mekka. Er behandelt in diesem Abriss, der in das Buch at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm („Die solide Geschichte für Mekka und das edle Gotteshaus“) von Muhammad Tāhir al-Kurdī (gest. 1980) aufgenommen wurde, die Geschichte beider Leitungen von ihrer Erbauung bis ins 20. Jahrhundert.al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, S. 406. Hierbei bezeichnet er die ʿAin Hunain sogar als die „ursprüngliche ʿAin Zubaida“ (ʿAin Zubaida al-aṣlīya).al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, S. 411.
Mit Hinblick darauf, dass die ʿAin Hunain in der Tat die ältere Leitung zur Wasserversorgung Mekkas war, gingen einzelne westliche Autoren wie Christiaan Snouck Hurgronje sogar so weit, den Namen ʿAin Zubaida nicht als Sammelbezeichnung für beide Leitungen, sondern lediglich als Synonym für die ʿAin Hunain zu betrachten, wobei sie die Kontinuität zur von Zubaida angelegten ʿAin al-Muschāsch herausstellten.Christiaan Snouck Hurgronje: Mekka. Band I: Die Stadt und ihre Herren. Martinus Nijhof, Den Haag, 1888. S. 8. Digitalisat Eldon Rutter, der in den 1920er Jahren Mekka besuchte, stellte in seiner Beschreibung der Heiligen Stätten Arabiens ebenfalls eine Beziehung zwischen ʿAin Zubaida und ʿAin Hunain her, sah darin allerdings keine Synonyme, sondern erklärte, dass die Quelle, aus der das Wasser der ʿAin Zubaida komme, ʿAin Hunain heiße.Eldon Rutter: The holy cities of Arabia. Putnam, London, New York, 1928. Bd. II, S. 55. Digitalisat Diese Angabe wurde von R.B. Winder in die Encyclopaedia of Islam übernommen.R.B. Winder: Makka. 3. The Modern City in The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. III, S. 152–180. Hier S. 179b.
Eine populäre Fehlvorstellung Muhammad Tāhir al-Kurdī berichtet in seiner Geschichte Mekkas, dass es zu seiner Zeit die irrige Auffassung gab, dass die ʿAin Zubaida Wasser über das Festland aus Baghdad heranführte. Hierbei handelt es sich jedoch nur um eine Verwechslung mit dem von ihr angelegten Pilgerweg Darb Zubaida, der den Irak mit Mekka verband und mit Brunnen und Becken zur Sammlung des Regenwassers ausgestattet war.al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, S. 412f.
Die ʿAin-Zubaida-Kommission Erste Kommission