mini|Reste der ʿAin-ʿArafāt-Leitung, hier die ʿĀbidīya-Brücke zwischen der ʿArafāt-Ebene und Muzdalifa mini|Rekonstruierter Verlauf der beiden Wasserleitungen ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain mini|Der Verlauf der ʿAin-ʿArafāt-Leitung, hier als ʿAin Zubaida bezeichnet, von der ʿArafāt-Ebene bis nach Mekka in einer Karte von Eldon Rutter von 1928 Die ʿAin ʿArafāt () oder ʿAin ʿArafa war eine Freispiegelleitung, die wahrscheinlich vom späten 10. Jahrhundert an die Haddsch-Pilger in der Ebene von ʿArafāt mit Wasser versorgte und in den 1560er-Jahren nach Mekka verlängert wurde. Danach war die Leitung ungefähr 28 Kilometer lang. Ihr Ausgangspunkt war ein Wasserlauf in Naʿmān, einem Wadi zwischen Mekka und at-Tā'if. Die Verlängerung nach Mekka in den 1560er Jahren durch den Osmanischen Staat erfolgte, um die mekkanische Wasserversorgung, die bis dahin fast vollständig von der ʿAin Hunain abhängig war, auf eine breitere Basis zu stellen. Von dieser Zeit an bis zum frühen 20. Jahrhundert bildete die ʿAin ʿArafāt die wichtigste Grundlage der Wasserversorgung Mekkas. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wird die ʿAin ʿArafāt auch ʿAin Zubaida genannt, in der Annahme, dass diese Leitung ursprünglich von Zubaida bint Dschaʿfar erbaut wurde. Allerdings dient dieser Name auch als Oberbegriff für die beiden historischen Wasserleitungen von Mekka – ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain – zusammen. Ein weiterer Name, der gelegentlich für die ʿAin-ʿArafāt-Leitung verwendet wird, ist ʿAin Naʿmān, weil ihr Wasser vom Wādī Naʿmān herkam.Muḥammad Ṭāhir al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. Dār Ḫiḍr, Beirut, 2000. Bd. V, S. 406 Digitalisat

Geschichte der Leitung bis zu ihrer Verlängerung nach Mekka Die Zubaida-Tränke in der ʿArafāt-Ebene Zwar wird seit Mitte des 16. Jahrhunderts allgemein angenommen, dass die Leitung, die das Wasser der Quelle im Wādī Naʿmān in die ʿArafāt-Ebene beförderte, bereits von Zubaida bint Dschaʿfar, der Gemahlin Hārūn ar-Raschīds, angelegt worden sei,So zum Beispiel schon bei Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al-Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 336. doch ist von einem solchen Bauprojekt Zubaidas in keinem der älteren arabischen Werke die Rede. Weder al-Masʿūdī (gest. 957) noch die mekkanischen Lokalhistoriker al-Azraqī (gest. 837) und al-Fākihī (Ende 9. Jhdt.), die alle ausführlich über die von Zubaida angelegte Wasserleitung ʿAin al-Muschāsch berichten, erwähnen, dass sie eine zweite nach ʿArafāt führende Leitung angelegt habe.Ġubāšī: al-Munšaʾāt al-māʾīya li-ḫidmat Makka al-Mukarrama. 2016, S. 76f. Al-Azraqī erwähnt allerdings eine Zubaida-Tränke (siqāyat Zubaida), die sich zwischen Muzdalifa und der ʿArafāt-Ebene befand.al-Azraqī: Aḫbār Makka wa-mā ǧāʾ a fī-hā min al-āṯār. Ed. ʿAbd al-Malik Ibn Duhaiš. Maktabat al-Asadī, Mekka, 2003. S. 796. Digitalisat Ob das Wasser dieser Tränke aber durch eine Wasserleitung herangeführt wurde, wird nicht erwähnt. Die Tränke scheint bis in das späte 15. Jahrhundert weiter bestanden zu haben. In dieser Zeit bezeichnete ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Fahd den Muzlima-Brunnen zwischen ʿArafāt-Ebene und Muzdalifa als „Anlage Zubaidas“ (ʿamal Zubaida).ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Fahd: Bulūġ al-qirā. 2005, S. 392f.

Erste Nachrichten über eine Wasserleitung nach ʿArafāt Der erste Autor, der eine in die ʿArafāt-Ebene führende Wasserleitung erwähnt, ist der persische Reisende Nāsir-i Chusrau (gest. zwischen 1072 und 1076). Er schreibt in seinem Safarnāma, dass ein Fürst von Aden, den man den Sohn des Schād-dil nannte, eine unterirdische Wasserleitung bauen ließ und dafür viel Geld ausgab. Das Wasser, das von einem fernen Berg herangeführt wurde, wurde in ʿArafāt gestaut, wo man Saatfelder und Gemüsegärten anlegte, die damit bewässert wurden. Außerdem hatte man ein Becken angelegt, in dem sich das Wasser sammelte. Wasserträger brachten es von hier nach Mekka und verkauften es dort. In den Tagen des Haddsch wurden in der ʿArafāt-Ebene noch weitere Becken gefüllt, damit die Pilger genügend Wasser hatten.Safarnāme: das Reisetagebuch des persischen Dichters Nāṣir-i Ḫusrau. Übersetzt von Uto von Melzer. Leykam, Graz, 1993. S. 80, 90.

Der irakische Historiker Muhammad Karīm Ibrāhīm asch-Schamrī vermutet, dass mit dem bei Nāsir-i Chusrau genannten Sohn des Schād-dil der nubische Emir al-Husain ibn Salāma gemeint ist, der von 983 bis 1011 im Dienste der Ziyādiden über den Jemen herrschte. Von ihm ist bekannt, dass er Ende des 10. Jahrhunderts einen Pilgerweg vom Jemen nach Mekka anlegte, den er mit zahlreichen Brunnen ausstatten ließ.Muḥammad Karīm Ibrāhīm aš-Šamrī: „Al-Ḥusain ibn Salāma an-Nūbī wa-dauru-hū fī tārīḫ al-Yaman al-islāmī“ in Maǧallāt al-Qādisīya li-l-ʿulūm al-insānīya 13/2 (2010) 15–35. Hier S. 22f. Wie der jemenitische Autor ʿUmāra al-Yamanī (gest. 1174) berichtet, führte ein Zweig dieses Pilgerweges von at-Tā'if aus über Naʿmān nach ʿArafāt.ʿUmāra al-Yamanī: Taʾrīḫ al-Yaman. Ediert und übersetzt von Henry Cassels Kay in Yaman, its early medieval history. Edward Arnold, London, 1892. Arab. Text S. 9, engl. Übers. S. 12. Digitalisat

Ibn Hilāl as-Sābi' und der angebliche Bau einer Leitung von ʿArafāt nach Mekka Der syrische Geschichtsschreiber Sibt Ibn al-Dschauzī (gest. 1256) erwähnt in seiner Weltchronik Mirʾāt az-zamān fī tawārīḫ al-aʿyān, dass im Jahre 466 der Hidschra (= 1073/74 n. Chr.) ein Perser mit dem Namen Abū n-Nadīr al-Istarābādhī in Mekka auftrat, der im Auftrag des Kerman-Seldschuken Sultān-Schāh Geld verteilte und verschiedene Baumaßnahmen durchführte. Dazu habe auch gehört, dass er das Wasser von ʿArafāt nach Mekka leitete, und zwar in Qanāten, die bereits Zubaida angelegt hatte, die aber verschwunden waren und in Trümmern lagen. Sibt Ibn al-Dschauzīs Quelle für diese Information war der irakische Geschichtsschreiber Muhammad Ibn Hilāl as-Sābi' (gest. 1087), der ein Supplement zur Geschichte at-Tabarīs verfasst hatte, das die Jahre 448 bis 479 der Hidschra abdeckte.Sibṭ Ibn al-Ǧauzī: Mirʾāt az-zamān fī tawārīḫ al-aʿyān. Dār ar-Risāla al-ʿĀlamīya, Beirut, 2013. Bd. XIX, S. 280 Digitalisat

Die beiden mekkanischen Geschichtsschreiber al-Fāsīal-Fāsī: al-ʿIqd aṯ-ṯamīn fī tārīḫ al-balad al-amīn. 1998, Bd. III, S. 164. und ʿUmar Ibn FahdʿUmar Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. Bd. II, S. 276. haben später diese Angabe von Sibt Ibn al-Dschauzī übernommen, allerdings den Namen des Mannes korrigiert, der die Baumaßnahmen durchführte. Nach einer Inschrift, die sie in der Umgebung von Mekka fanden, hieß er Abū n-Nasr Ibrāhīm ibn Muhammad al-Istarābādhī. Angesichts der späteren vergeblichen Versuche (siehe unten), die Leitung Zubaidas zu finden, hält es der moderne saudische Wissenschaftler Ghubāschī indessen für ausgeschlossen, dass al-Istarābādhī wirklich eine Wasserleitung von ʿArafāt nach Mekka gelegt hat. Er meint, dass al-Istarābādhī dies nur versucht habe, der Versuch jedoch gescheitert sei. Eine andere Möglichkeit ist, dass al-Istarābādhī in Wirklichkeit die Leitung ʿAin al-Muschāsch wiederherstellte, von der durch zeitgenössische Berichten bezeugt ist, dass sie von Zubaida angelegt worden ist.

Der Neubau der Leitung von Naʿmān durch Dschamāl ad-Dīn al-Isfahānī Offensichtlich geriet die alte nach ʿArafāt gelegte Leitung schon bald wieder in Vergessenheit, denn Ibn al-Athīr (gest. 1233), der davon berichtet, dass um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Leitung von Naʿmān nach ʿArafāt angelegt wurde, beschreibt diese Leitung als einen völligen Neubau. Erbauer dieser neuen Leitung war Dschamāl ad-Dīn al-Isfahānī (gest. 1164), der Wesir von ʿImād ad-Dīn Zengi, dem Begründer der Zengiden-Dynastie. Er legte dafür zunächst Wasseranlagen (maṣāniʿ li-l-māʾ) in der ʿArafāt-Ebene an und leitete dann das Wasser durch eine unterirdische Wasserleitung aus Kalk (kils) von Naʿmān heran. Er wandte dafür viel Geld auf und zahlte auch den Leuten von Naʿmān Geld dafür, dass sie das Wasser während des Aufenthalts der Pilger in ʿArafāt durch die Leitung laufen ließen. Für die Menschen, so vermerkt Ibn al-Athīr abschließend, war dies eine große Erleichterung (rāḥa ʿaẓīma).Ibn al-Aṯīr: at-Tārīḫ al-bāhir fī daulat al-Atābakīya (bi-l-Mauṣil). Ed. ʿAbd-al-Qādir Aḥmad Ṭulaimāt. Dār al-Kutub al-Ḥadīṯa, Kairo, 1963. S. 128. Digitalisat Wie aus dem Bericht hervorgeht, war die Wasserleitung nur während der Tage des Haddsch in Betrieb. Der mekkanische Geschichtsschreiber ʿUmar Ibn Fahd, der den Bau der Leitung durch al-Isfahānī ebenfalls erwähnt, datiert das Ereignis auf die Jahre 551/52 der Hidschra (= 1156/57 n. Chr.) und ergänzt, dass die Araber, die sich den Entzug des Wassers bezahlen ließen, zu den Banū Saʿīya gehörten.ʿUmar Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. Bd. II, S. 518.

Reparaturen im 12. und 13. Jahrhundert Die Wasserleitung von Naʿmān nach ʿArafāt trocknete im Laufe der Zeit immer wieder aus und wurde reparaturbedürftig, wobei es verschiedene auswärtige Herrscher waren, die die Instandsetzungsarbeiten durchführen ließen. Der ägyptische Gelehrte Ibrāhīm Rifʿat Pascha gibt in seinem Buch Mirʾāt al-ḥaramain den Text einer arabischen Inschrift wieder, in der erwähnt wird, dass der Kalif an-Nāsir li-Dīn Allāh im Jahre 584 (= 1188/89 n. Chr.) die ʿAin ʿArafāt durch seinen Amīr al-haddsch Mudschīr ad-Dīn Taschtigin reparieren ließ. Leider erwähnt er nicht den Ort, an dem er diese Inschrift sah.Ibrāhīm Rifʿat Bāšā: Mirʾāt al-ḥaramain. 1925, Bd. I, S. 214f.

Im Jahre 594 (= 1197/98 n. Chr.) oder 595 (1198/99) ließ dann der Herrscher von Erbil, Muzaffar ad-Dīn Gökbüri aus der Dynastie der Begteginiden, die ʿArafāt-Leitung zusammen mit dem Becken in der ʿArafāt-Ebene instand setzen, wobei er sich durch einen Scheich namens Abū l-ʿAbbās al-Hadramī ibn ʿAlī al-Irbilī vertreten ließ.ʿUmar Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. Bd. II, S. 564. Nach Ibn Challikān (gest. 1282) war Muzaffar ad-Dīn der erste, der das Wasser in der Nacht vor dem Wuqūf zum Berg von ʿArafāt fließen ließ, was ihn viel Geld kostete. Er ließ auf dem Berg auch Wasseranlagen und eine Türbe für sich bauen.Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān wa-anbāʾ abnāʾ az-zamān. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Dār Ṣādir, Beirut n. d. Bd. IV, S. 117. Digitalisat – Engl. Übers. MacGuckin De Slane. London 1843. Bd. II, S. 538f. Digitalisat Die Reparatur der Leitung von 594 ist auch durch eine Inschrift dokumentiert, deren Wortlaut Ibrāhīm Rifʿat Pascha in seinem Buch Mirʾāt al-ḥaramain zitiert.Ibrāhīm Rifʿat Bāšā: Mirʾāt al-ḥaramain. 1925, Bd. I, S. 215. Nach Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī ließ Muzaffar ad-Dīn die Leitung erneut im Jahre 605 (= 1208/09 n. Chr.) reparieren.Quṭb ad-Dīn an-Nahrawālī: Kitāb al- Iʿlām bi-aʿlām bait Allāh al-ḥarām. 1857, S. 337.

Eine weitere Reparatur von ʿArafāt-Leitung und ihren Becken erfolgte um die Mitte der 1230er Jahre, nachdem sie 20 Jahre lang zerfallen und außer Betrieb waren, durch den Emir Iqbāl ibn ʿAbdallāh asch-Scharābī (gest. 1255), einen Mamluken des abbasidischen Kalifen al-Mustansir (reg. 1226–1242). Die Vollendung der Reparatur und der erste Wasserdurchfluss fanden Ende Rabīʿ II 633 (= Anfang Januar 1236) statt. Der mekkanische Geschichtsschreiber Taqī ad-Dīn al-Fāsī (gest. 1429) teilt mit, dass er diese Information einer Bauinschrift entnommen habe, die er selbst in der ʿArafāt-Ebene am Dschabal ar-Rahma sah.Taqī ad-Dīn al-Fāsī: al-ʿIqd aṯ-ṯamīn. 1998, Bd. III, S. 204f. Qutb ad-Dīn an-Nahrawālī gibt an, dass al-Mustansir die Leitung insgesamt drei Mal habe reparieren lassen, das erste Mal im Jahre 625 (= 1228 n. Chr.), dann in den Jahren 633 (= 1235/36) und 634 (= 1236/37). Auch er will diese Informationen einer Bauinschrift in der Nähe des Dschabal ar-Rahma entnommen haben.

Desgleichen scheint al-Mustansirs Nachfolger al-Mustaʿsim (reg. 1242–1258) seine Aufmerksamkeit der ʿArafāt-Leitung zugewandt zu haben. Er ließ sie im Jahre 641 (= 1243/44) durch seinen in Mekka weilenden Diener asch-Schihāb Raihān reparieren.ʿUmar Ibn Fahd: Itḥāf al-warā bi-aḫbār Umm al-Qurā. Bd. III, S. 60.

Reparaturen im 15. Jahrhundert