mini|Ein Snookertisch

Die Geschichte der Billardvariante Snooker begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Sportart wahrscheinlich in Britisch-Indien von Neville Francis Fitzgerald Chamberlain aus dem Black Pool oder aus dem Spiel Pyramids entwickelt wurde. Nachdem sich das Spiel bei den in Indien stationierten britischen Soldaten großer Beliebtheit erfreute, wurde es in den 1880er-Jahren auch in Großbritannien eingeführt. Die Popularität stieg ständig, sodass in den 1910er-Jahren erste höhere Breaks gespielt und erste Turniere wie die English Amateur Championship ausgetragen wurden. 1927 folgte die erste Snookerweltmeisterschaft. Bis in die 1940er-Jahre dominierte Joe Davis dieses Championat. Ab 1946 verzichtete er auf weitere Teilnahmen und stellte damit die Berechtigung der Weltmeisterschaft infrage, woraufhin die stark gestiegene Popularität des Snookers abnahm.

Die folgenden Jahrzehnte waren spielerisch vor allem durch Fred Davis und John Pulman geprägt; ein von den Spielern organisiertes Turnier löste nach einem Streit mit dem damaligen Weltverband die Weltmeisterschaft ab. Später wurde die auch wegen gesunkener Popularität des Sports zeitweise eingestellte Weltmeisterschaft in Form von Herausforderungsduellen wiederbelebt. Nachdem 1968 mit der World Professional Billiards & Snooker Association ein neuer Weltverband gegründet und kurz darauf die WM wieder im K.-o.-System ausgetragen wurde, begann 1969 die BBC mit der Übertragung des Snookerturniers Pot Black, wodurch die Beliebtheit des Sports rapide zunahm. In den 1970er-Jahren wurde die TV-Übertragung auch dank neuer Turniere wie dem Masters weiter verstärkt, während sportlich gesehen das Jahrzehnt vor allem durch Ray Reardon, John Spencer und Publikumsliebling Alex Higgins geprägt wurde. In den 1980er-Jahren wurde der Snookersport weiter professioneller, was sich beispielsweise in den ersten offiziell anerkannten Maximum Breaks zeigte, während weiterhin der Sport immer beliebter wurde und durch Matchroom Sport auch weltweit verschiedene professionelle Snookerturniere ausgetragen wurden.

Während Steve Davis die 1980er-Jahre dominierte, übernahm diese Rolle in den 1990er-Jahren Stephen Hendry, der mit Jimmy White einen weiteren Publikumsliebling als stärksten Gegner hatte. 1992 wurde die Profitour für alle Spieler gegen ein Eintrittsgeld geöffnet, während Hendry von dem aus Ronnie O’Sullivan, John Higgins und Mark Williams bestehenden goldenen Jahrgang ebenfalls abgelöst wurde. 1998 wurde die World Confederation of Billiard Sports als Billardweltverband offiziell vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends fiel durch das Tabakwerbeverbot eine Haupteinnahmequelle des professionellen Snookers weg, sodass der Snookersport zu schrumpfen begann. Erst die Übernahme der WPBSA und später von World Snooker durch Barry Hearn 2009/2010 verbesserte die Lage des Snookers allmählich, beispielsweise durch die Steigerung der Zahl der Turniere mit Einfluss auf die Snookerweltrangliste von sechs auf über zwanzig.

Vorgeschichte

Snooker ist eine Variante des Billardspiels, das wahrscheinlich seinen Ursprung in dem Rasenspiel Krocket hat. Während des 17. Jahrhunderts wurde Billard auf taschenlosen Tischen in Europa gespielt. Durch verschiedene Weiterentwicklungen der Queues, beispielsweise durch das Verändern der Form ebenjener oder durch das Hinzufügen eines Pomeranze genannten Lederplättchens an der Spitze des Queues, wurden Billardvarianten wie English Billiards oder verschiedene Poolbillardvarianten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und seinen Kolonien immer beliebter. Nach und nach gab es verschiedene, immer besser werdende Spieler, sodass sie immer höhere Breaks und immer neuere Stöße spielten beziehungsweise entwickelten, bis seitens der Offiziellen versucht wurde, dies durch Regeln zu begrenzen.

Entwicklung und erste Jahre Chamberlain als Erfinder des Snookers mini|links|hochkant|Neville Francis Fitzgerald Chamberlain (1856–1944)

Die heute allgemein akzeptierte und am weitesten verbreitete Geschichte über die Erfindung des Snookersports basiert auf einem am 19. März 1938 in The Field erschienenen Artikel, in dem der britische Oberleutnant Neville Francis Fitzgerald Chamberlain behauptete, das Snookerspiel entwickelt zu haben. Damit reagierte der zu diesem Zeitpunkt bereits 82 Jahre alte Chamberlain auf einen in derselben Zeitung erschienenen Artikel, nach dem Snooker in der Royal Military Academy Woolwich erfunden worden sei. Chamberlains Behauptung wurde ein Jahr später von dem Autor Compton Mackenzie in der Zeitung The Billiard Player unterstützt, der Chamberlains Version als „unumstößlichen Beweis“ bezeichnete. Gemäß dieser Version diente Chamberlain 1875 im damaligen 1th (North Devonshire) Regiment of Foot in der damals zu Britisch-Indien gehörenden Stadt Jabalpur. Auf einem Billardtisch in einem dortigen Offizierskasino habe er mit dem Spiel Black Pool experimentiert, das mit fünfzehn Roten und einer Schwarzen gespielt wird, indem er zusätzlich farbige Bälle dem Spiel hinzufügte.

Später diente Chamberlain in einem anderen Regiment in einer Hill Station in Ootacamund, in deren Club erstmals Snookerregeln aufgeschrieben und ausgehängt wurden. Wahrscheinlich 1885 machte ein englischer English-Billiard-Spieler mit Chamberlain und dem Snookerspiel Bekanntschaft, das er anschließend in Großbritannien verbreitete. Dieser Spieler wird häufig mit John Roberts Jr. identifiziert.

Kritik und andere Versionen mini|hochkant|Spielaufbau des Pyramids

Einer der frühesten Nachweise für eine dem modernen Snookersport ähnliche Sportart ist ein Brief eines Captain Sheldrick vom 2. Februar 1886, der von einem in einem Club in Rangun – das damals zu Britisch-Indien gehörte und damit unter Kontrolle der britischen Armee stand – gespielten Spiel namens Snookers berichtete, das ebenfalls mit fünfzehn, in einer Dreiecksform angeordneten roten Bällen sowie je einer Gelben, Grünen, Braunen und Schwarzen gespielt wurde. Im Gegensatz zum modernen Snooker wurde zudem Snookers als eine Art Glücksspiel gespielt, was seine damalige Popularität erklären könnte. Erste Nachweise für ein snookerähnliches Spiel in Großbritannien gibt es aus den Jahren 1887 und 1889, in denen jeweils von einem Spiel mit dem Namen Snooker’s Pool gesprochen wird, das als „amüsante Variante des Spiels Pyramids“ bezeichnet wird. Dabei lag gemäß dieser beiden Quellen das Urheberrecht auf die Regeln des Sports zu dieser Zeit bei dem Billardtischhersteller Burroughes & Watts, während ebenso ein unbedeutender Profispieler namens John Dowland Regeln entwickelt haben soll. Ebenjenem John Dowland wurde kurze Zeit später mehrfach auch die Erfindung der Sportart zugeschrieben, was aber durch die Quellenlage und fehlende Beweise über Dowlands Einfluss auf den Snookersport vor dem von Chamberlain als nicht nachweisbar gilt.

Sowohl Sheldricks Snookers als auch das in Großbritannien beschriebene Snooker’s Pool weisen eine große Ähnlichkeit mit dem modernen Snooker auf, was allerdings nicht auf die Variante zutrifft, deren Erfindung Chamberlain sich zuschreibt. In dem Brief an die Zeitung The Field behauptete er, dass er dem häufig gespielten Black Pool zunächst einen weiteren farbigen Ball und später weitere unterschiedliche Bälle zufügte. Allerdings wurde Black Pool nach anderen Quellen mit einer größeren Menge an Leuten gespielt, die jeweils ihren eigenen farbigen Spielball hatten, mit dem sie zunächst versuchten, die gegnerischen Spielbälle und dann die „neutrale“ Schwarze zu lochen. Das war in Bezug auf Chamberlains Version insofern ein Problem, als weder ein alleiniger Spielball noch die große Anzahl roter Bälle existierten. Im Gegensatz zu Black Pool hatte das ebenfalls zu dieser Zeit bereits gespielte Pyramids, das unter diesem Namen bei den Quellen aus Großbritannien sowie als Shell-Out im Brief von Captain Sheldrick jeweils erwähnt wird, sowohl die aus 15 Roten bestehende „Pyramide“ als auch einen alleinigen Spielball, weshalb es wahrscheinlich ist, dass Snooker aus Pyramids anstatt aus dem Black Pool hervorging.

mini|hochkant|Ein Gebäude der Royal Military Academy Woolwich

Nachdem Chamberlain sich selbst als Erfinder des Snookers bezeichnet hatte, unterstützten ihn verschiedene Militärs mit Briefen, in denen sie ihre Erinnerungen zumeist aus einem Zeitraum zwischen 1884 und 1886 schilderten. Allerdings ist das beschriebene Spiel dem von Captain Sheldrick beschriebenen, auf Pyramids basierenden Snookers ähnlich. Da sich binnen dieser Zeit das Spiel nicht derart weiterentwickelt haben kann, ist es unwahrscheinlich, dass das von Chamberlain 1875 entwickelte Spiel mit diesem identisch ist. Zudem sagte Chamberlain später aus, dass sich sein 1875 entwickeltes Spiel schnell ausbreitete und beliebt war, allerdings soll es dem Central-India-Horse-Regiment, dem Chamberlain von 1876 bis 1878 und später ab 1884 angehörte, unbekannt gewesen sein. Als Chamberlain erneut dem Regiment beitrat, warb er für ein neues Spiel namens Snooker und Snookers, das eben dem von Captain Sheldrick beschriebenen Spiel ähnelte. Der Snooker-Historiker Peter Ainsworth spekuliert daran anschließend, ob Chamberlain das von ihm erfundene Spiel um 1980 mit Sheldricks Spiel „ausgetauscht“ haben könnte.

Vor Chamberlains Behauptung zur Erfindung des Snookersports gab es Spekulationen darüber, ob Snooker von einem Colonel Snooker der Royal Artillery in der englischen Royal Military Academy Woolwich entwickelt wurde. Allerdings gibt es keine Beweise dafür, dass Snooker vor Mitte der 1880er-Jahre in Großbritannien und speziell in London bekannt war oder gar gespielt worden war. Zudem spricht sowohl gegen eine Erfindung in der Royal Military Academy Woolwich als auch gegen eine Erfindung in Ootacamund vor der Ankunft von Chamberlain, dass beide Orte häufig von externen Personen besucht wurden und somit sich das Spiel jeweils ausgebreitet hätte, ohne dass Chamberlain damit in Verbindung gebracht worden wäre. Gemäß Chamberlain führten er, Oberstleutnant George T. Pretyman – im Übrigen ein Absolvent der Royal Military Academy Woolwich – und Hauptmann Ian Hamilton zusammen das Spiel in Ootacamund ein, wobei sich Hamilton selbst später davon ausnahm. Der Zeitpunkt der Einführung muss zwischen Chamberlains Ankunft und Mitte Januar 1882 gewesen sein, als die dort stationierten Militärs zu einer Reise durch Indien aufbrachen. Es gibt keine Beweise dafür, dass jenes Snooker vor der vermuteten Erfindung von Chamberlain oder Pretyman gespielt wurde. Dennoch bleibt unklar, warum insbesondere Chamberlain – Pretyman starb 1917 im Alter von 72 Jahren – so lange gewartet hatte, bis er seine Version bekanntgab.

Ära Joe Davis und Niedergang mini|hochkant|Joe Davis (1901–1978), circa 1920