Die Karwoche (frz. Originaltitel: La Semaine Sainte) ist ein 1958 erschienener historischer Roman des französischen Schriftstellers Louis Aragon. Er handelt von der Flucht des von ausländischen Mächten eingesetzten Königs Ludwig XVIII., seiner Anhänger und der königstreuen Truppen aus Paris vor dem aus Elba zurückgekehrten Napoleon in der Karwoche vom 19. bis 26. März des Jahres 1815.

Die französische Erstausgabe erschien bei Gallimard. Eine deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Hans Mayer erschien 1962 im (Ost-)Berliner Verlag Volk und Welt2. unveränderte Aufl. 1967, jedoch ohne das Nachwort von Hans Mayer, der 1963 von einem Besuch in der Bundesrepublik nicht in die DDR zurückgekehrt war; 3. Aufl. bei Volk und Welt und Reclam Leipzig 1973; 4. Aufl. 1984. und fast gleichzeitig als Lizenzausgabe im Biederstein Verlag in München 1961. 1961 erschien auch die erste englische Ausgabe unter dem Titel The Holy Week bei Hamish Hamilton in London.

Inhalt mini|Géricault trug 1814 die Uniform der Grauen Musketiere Ludwig XVIII. Obwohl der Roman auf detailliertem Faktenstudium beruht, stellt Aragon in einer Vorbemerkung fest: „Dies ist kein historischer Roman […] der Verfasser lehnt dafür [nämlich für die Ähnlichkeiten mit historischen Personen] im Namen unveräußerlicher Rechte der Einbildungskraft die Verantwortung ab“.

Der Urheber der chaotischen Zustände der Karwoche 1815, Napoleon, ist im Roman nur schattenhaft präsent. Geschildert wird allein die Wirkung seiner Rückkehr aus der Verbannung auf der Insel Elba auf seine Anhänger und Gegner, eine große Zahl historischer Figuren, die im Roman sämtlich etwa gleich detailliert und gleichrangig mit zahlreichen ungenannten Gestalten aller Stände behandelt werden. Eine stärker präsente Figur ist allein Théodore Géricault, der seine gerade begonnene Malerkarriere zugunsten einer Militärlaufbahn aufgegeben hat und – ohne sich über seine Gründe ganz im Klaren zu sein – den fliehenden König als berittener Musketier bis zur belgischen Grenze begleitet. Dort kommen ihm Zweifel an seiner eigenen Loyalität; er stellt am Ende des Romans fest, dass er Soldat geworden ist, nur um seinem König zur Flucht zu verhelfen.

Der Fluchtweg des Königs ist das organisierende Prinzip des Romans. Um diesen Hauptpfad herum entwickeln sich zahlreiche Nebenhandlungen und Umwege.Babilas 2002 mini|Leutnant Robert Dieudonné, hier als Mitglied der Kaisergarde Napoleons, dann Offizier Ludwig XVIII., 1814 wieder auf der Seite des Kaisers: eine Gestalt aus Die Karwoche. Gemälde von Géricault (1812).

Anfangs glaubt niemand an eine reale Bedrohung durch die Rückkehr Napoleons. Doch dann überschlagen sich die Nachrichten: Er rückt rascher als gedacht vor. Wo steht er? Schafft er es bis Paris? Truppenteile werden gegen Napoleon ausgesandt, um ihn aufzuhalten, laufen zu ihm über und heften sich wieder die blau-weiß-rote Kokarde der Revolution an. Einige der ruhmbedeckten ehemals bürgerlichen Marschälle Napoleons, die von ihm zu Herzögen und Fürsten erhoben wurden und nunmehr Ludwig XVIII. dienen, aber vom alten Erbadel misstrauisch beäugt werden, zaudern, auf welche Seite sie sich stellen sollen, insbesondere nachdem Marschall Ney, Herzog von Elchingen, „der Tapferste der Tapferen“, zu Napoleon übergelaufen ist. Schließlich schlagen sie sich auf die Seite des Königs, verfolgen dabei aber individuelle Pläne oder tauchen wieder unter.

Es herrscht allgemeines Rätselraten, ob der an der Gicht leidende König zur Flucht entschlossen ist – und wenn ja, wohin er sich in diesem Fall wenden würde. Truppen werden scheinbar planlos hin- und hergeschickt; viele Offiziere schwanken, ob sie sich Napoleon, in dem viele immer noch den Kaiser sehen, unter dem sie Karriere gemacht haben, entgegenstellen oder zu ihm überlaufen, den König ins Exil begleiten oder sich einfach aus dem Dienst davonmachen sollen. Generäle suchen vergeblich ihre Stäbe, der militärische Begleitschutz des Königs schwindet von Station zu Station. Die ursprüngliche üppige Farbigkeit der zunehmend verdreckten und durchnässten Uniformen zeigt, wie unzeitgemäß diese in einer bürgerlichen Welt und zumal auf der Flucht geworden sind. In dem Chaos der sich vermischenden Truppenteile verlieren die Uniformfarben jede Orientierungsfunktion.

Viele Bürger in den Dörfern und Städten, durch die der König zieht, versichern ihn ihrer Ergebenheit, leiden aber unter der Einquartierung seiner Entourage. Pferdebesitzer feilschen um den Preis von Ersatzpferden für die durch Gewaltritte geschwächte Kavallerie. Ermattete Kinderarbeiter, die 12 bis 14 Stunden am Tage in den Spinnereien gearbeitet haben, schauen den Truppenzügen verständnislos zu – die Industrialisierung zieht am Horizont herauf. mini|links|Ludwig XVIII. (im Volksmund Gros Louis – der „dicke Ludwig“) im Krönungsornat

In vielen erzählerischen Rückgriffen wird auf den Werdegang der Akteure (oder besser: der Betroffenen – Aragon nennt sie die „Statisten dieser Tragikomödie“) während der Revolution und unter dem Kaiserreich Bezug genommen. Sie alle stehen vor Entscheidungen, deren Folgen sie angesichts ihrer oft gespaltenen Loyalität und mangels genauer Informationen sorgsam abwägen müssen. Vor allem die Arbeiter fürchten die bei Napoleons Rückkehr drohenden Massenaushebungen.

Für die Offiziere steht der Name des ehemaligen Kaisers für militärischen Ruhm, aber auch für endlose Kriegszüge durch ganz Europa. Der König kann ihnen eventuell ein ruhiges Leben gewähren; vielleicht müssen ihm die Vertreter der feudalen Opposition aber auch ins Exil folgen. Doch niemand weiß, wohin sich Ludwig wenden wird. Dem jüngeren Bruder des Königs, dem ultraroyalistischen Grafen von Artois und späteren Karl X., der nach der Französischen Revolution wie Ludwig im englischen Exil gelebt hatte, wäre eine Wiederholung des Exils in dem liberalen Land unerträglich. Hingegen wäre für viele republikanisch gesinnte bürgerliche Offiziere ein Exil in England, das sie als aristokratisches Land wahrnehmen, schwer vorstellbar. Republikanisch gestimmte Offiziere, die zu Napoleon überlaufen, wünschen sich, dass er die Republik ausrufen möge, fürchten aber, dass er sich erneut zum Kaiser krönen lässt. Bürgerliche, die sich unter Napoleon hochgedient hatten, erwarten von Napoleons Rückkehr, dass sie wieder Positionen besetzen können, in die nach der Restauration des Königreichs der Adel eingerückt war. Und Kämpfer gegen die alte Aristokratie, die auf Napoleon setzen, müssen erleben, dass er den früheren Anführer der Revolutionsarmee, Ingenieur und Physiker Carnot bei seiner Ernennung zum Innenminister in den Grafenstand erhebt, also einen überzeugten Republikaner zum Aristokraten macht.

Gleichzeitig müssen sich die Fliehenden beider Seiten um ihre Familien, um ihr Eigentum oder ihre Geliebten kümmern. Allgemein grassiert die Angst vor einer Invasion der antinapoleonischen Koalition, also der Engländer, Preußen, Österreicher, Russen, die wie schon einmal die Vorräte der Bauern requirieren würden. Spitzel und Denunzianten versuchen mit Hilfe ihres Wissens alte persönliche Rechnungen zu begleichen. Der Autor lässt Géricault eine verschwörerische nächtliche Zusammenkunft von Handwerkern, Arbeitern und patriotischen Bürgern beobachten, die darüber streiten, ob man sich im Falle einer erfolgreichen Abschaffung des Koalitionsverbots, das unter Napoleon im repressiven Code pénal von 1810 festgeschrieben wurde, in Berufs- oder besser in Volksversammlungen organisieren solle. Sie erreichen jedoch keine Übereinkunft.

mini|links|Marschall Louis-Alexandre Berthier (1754–1817), effizienter Organisator der Napoleonischen Armee und Träger des von Napoleon 1802 gestifteten Ordens der Ehrenlegion, folgte Louis XVIII. auf der Flucht nach Belgien. Häufig – insbesondere im Kapitel XIII (Die Samenkörner der Zukunft) und im letzten Kapitel – greift der Autor künftigen Ereignissen vor, da die Zukunft „manchen Männern ein anderes Gesicht zu geben“ und selbst scheinbare Verräter zu rechtfertigen vermag.Aragon, Volk und Welt-Ausgabe 1967, S. 472. So bezieht er sich auf den „Bamberger Fenstersturz“ des Marschalls Louis-Alexandre Berthier, Fürst von Wagram, im Juni 1815 – ein Unfall, Selbstmord aus Verzweiflung über die bevorstehende Besetzung seines Vaterlandes oder Ermordung durch deutsche Patrioten? Alphonse de Lamartine, der dem König dient, trägt zu dieser Zeit seine ersten Gedichte vor, die er erst 1820 veröffentlichen wird. Der Republikaner Frédéric Degeorge wird sich später an der bürgerlichen Julirevolution von 1830 beteiligen, durch die die Bourbonen endgültig gestürzt werden und die zeitlich der ersten Arbeiterrevolte des Industriezeitalters, dem Aufstand der Seidenweber in Lyon vorausgeht. Und was für ein Mensch ist Charles Nicolas Fabvier, der Offizier der Kaisergarde, der von Napoleon für Spezialaufgaben im Ausland eingesetzt wird, 1815 unter dem zurückgekehrten König weiterdient, ihn auf der Flucht begleitet, sich aber weigert, Frankreich zu verlassen, nach der Niederlage von Waterloo die ausländischen Ivasionsheere auf eigene Faust bekämpft, um dann 1817 im Dienst des Königs einen ultraroyalistischen Aufstand niederzuschlagen, sich danach jedoch an einer Verschwörung gegen den König zu beteiligen und dann das Land verlassen zu müssen; der 1823 gegen die französische Besetzung der kurzlebigen spanischen Republik agitiert, dann im Freiheitskampf auf der Seite der Griechen und in der Revolution 1830 auf der Seite der französischen Arbeiter kämpft – bleibt er die gleiche Gestalt? Menschen werden zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Schlussfolgerungen aus solchen Biographien ziehen, die Aragon in drei oder vier rhythmisch gegliederten Riesensätzen zusammenfasst, welche sich über eine Seite erstrecken und mit vielen Fragen enden.Siehe z. B. Aragon, Volk und Welt-Ausgabe 1967, S. 477. Seine Erzählkunst besteht unter anderem darin, dass der Leser den Eindruck gewinnt, dass keiner der Akteure auch nur ungefähr zu wissen scheint, wohin die Geschichte ihn in der unmittelbaren Zukunft werfen wird. Dazu trug die Tatsache bei, dass Nachrichten oft nur mit tagelanger Verzögerung eintrafen. Aus den vielen Stimmen ergibt sich daher nirgends ein Gesamtbild der Situation, kein allwissender Erzähler hält die Faden zusammen.

mini|Charles Fabvier, während des Herrschaft der Hundert Tage Truppenführer Napoleons, hier als militärischer Gesandter im Osmanischen Reich (1848)