Der Begriff Südtiroler Literatur bezeichnet Literatur aus Südtirol, die von Südtiroler Autoren in den drei Landessprachen Deutsch, Italienisch und Ladinisch verfasst wird. Je nach Sprache ist Südtiroler Literatur ein Teilbereich der österreichischen bzw. deutschen Literatur oder der italienischen Literatur. In der Regel geschieht die Betrachtung deutscher, italienischer und ladinischer Werke und Autoren getrennt voneinander. Das Ideal der Mehrsprachigkeit und Interkulturalität greift in der Praxis nur bedingt.
Deutschsprachige Literatur in Südtirol Mittelalter bis Erster Weltkrieg Der in karolingischer Zeit wirkende Arbeo von Freising, Verfasser des deutschen Abrogans, stammte aus Meran.Harald Wunder: Arbeo von Freising. In: Kurt Ruh u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begründet von Wolfgang Stammler, fortgeführt von Karl Langosch. Neuausgabe der 2. Auflage. Band 1. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 2010, Sp. 414–422. Für zahlreiche Dichter des Hochmittelalters wurde eine mögliche Herkunft aus dem heutigen Südtirol vorgeschlagen. So identifiziert etwa Friedrich Heinrich von der Hagen den Minnesänger Hawart mit einem gleichnamigen Ritter aus Antholz; mittlerweile wurde diese Deutung aber in Frage gestellt. Lange wurde auch die Möglichkeit diskutiert, dass Walther von der Vogelweide aus Lajen stammen könnte. Dies gilt in der heutigen Forschung als sehr unwahrscheinlich. Dasselbe trifft auf Leuthold von Seven zu, dessen Herkunftsort nicht wie lange gemutmaßt Säben, sondern Safenau in Kärnten sein dürfte. Auch die Heimat von Walther von Metze und Rubin wurde ebenfalls oft in Südtirol lokalisiert, bleibt letztlich aber unbeweisbar.
Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass der Spruchdichter Friedrich von Sonnenburg von der Sonnenburg in St. Lorenzen bei Bruneck stammt. Sicher belegt ist die Südtiroler Herkunft Oswalds von Wolkenstein, eines der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des Spätmittelalters. Er wurde auf Burg Schöneck bei Issing geboren und wirkte sein Leben lang in Südtirol. Oswald stammte aus dem Tiroler Adelsgeschlecht derer von Wolkenstein-Rodenegg.
Von großer Bedeutung für den gesamten deutschsprachigen Raum war das frühneuzeitliche moralphilosophische Werk Pluemen der Tugent (1411) des Bozner Amtmannes Hans Vintler, das auf Tommaso Gozzadinis Fiore di virtù (um 1230) basiert. Beachtlich sind auch die Übersetzungsleistungen des Brixner Bischofs Ulrich Putsch aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts.Hannes Obermair: Ulrich Putsch. In: Verfasserlexikon. Band 7 (1989), Sp. 924–928.
Eine wichtige Figur war auch der Sterzinger Vigil Raber, welcher sich um die Erhaltung und Fortführung der Tradition des Fastnachts- und Emmausspiels bemühte.Hannes Obermair: The Social Stages of the City. Vigil Raber and Performance Direction in Bozen/Bolzano (Northern Italy) – a Socio-historical Outline (PDF; 155 kB). In: Concilium Medii Aevi. Band 7, 2004, S. 193–208. Neben seiner Tätigkeit als Maler tat er sich vor allem als Sammler, Verleger, Dramaturg und Bearbeiter von Bühnenwerken hervor.
Zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert tauchen nur sporadisch literarische Zeugnisse aus Südtirol auf. Die Barockdichtung wird beispielsweise durch den Theaterautor Adam Purwalder und den Lyriker Michael Winnebacher vertreten. Für das 18. Jahrhundert sind der Dramatiker und Impresario Johannes Ulrich von Federspill und das von Johann Herbst verfasste Laaser Spiel vom eigenen Gericht, das den Jedermann-Stoff behandelt, zu nennen. Weitgehend vergessen sind auch die Theaterstücke und Epen Franz von Unterrichters.
Etwas lebendiger präsentiert sich die Südtiroler Literaturlandschaft des 19. Jahrhunderts. War Joseph Richters Frühwerk noch durch die deutsche Romantik geprägt, so wurde er später stark vom Jungen Deutschland beeinflusst. Der Theologe Beda Weber, der vor allem durch Beschreibungen der Südtiroler Kultur und Gesellschaft Bekanntheit erlangte, steht laut Ferruccio Delle Cave am Anfang einer „bis heute wirksame[n] Reihe von Landschaft- und Kulturtopographien Südtirols“. Auch der Orientalist Jakob Philipp Fallmerayer sorgte durch seine stilsicheren historischen und journalistischen Werke für neue Impulse, die sich auf die weitere Entwicklung der Südtiroler Literatur auswirkten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet sich in der zunehmend patriotisch gefärbten Tiroler Literatur eine Spaltung zwischen Alttirolern und Jungtirolern ab; diese Tendenz ist auch in Südtirol erkennbar. Die Alttiroler, z. B. Carl Domanig, Josef Seeber, Ferdinand von Scala und Bruder Willram, propagieren die Werte der christlichen Heimat, während die Jungtiroler wie etwa Arthur von Wallpach und der frühe Carl Dallago auf das allgemeine Deutschtum und die deutsche Nation setzten. Der Bozner Hans von Hoffensthal, dessen Werke sich durch impressionistische Situationsschilderungen und eine psychologische Figurenkonzeption auszeichnen, steht außerhalb dieser Strömungen. Hans-Georg Grüning bezeichnet ihn als „zarteres wenn auch resignierendes Gegenbild“ zu Alt- und Jungtirolern.
Von 1919 bis zu den 1960er-Jahren mini|Gedenktafel für den katholischen Priester und Dichter Reimmichl in Brixen. Gerhard Riedmann zufolge sei die Südtiroler Literatur von 1919 bis 1967 von der Kritik meist als „Heimat- und Gebrauchsliteratur mit volkspädagogischer Zielrichtung“ verstanden worden. Nachdem Südtirol infolge des Ersten Weltkriegs Italien angegliedert wurde, entwickelte sich die Südtiroler Literatur zunehmend in eine neue Richtung, die nicht mehr unmittelbar mit dem österreichischen Tiroler Literaturraum korrespondiert. Die Untersuchung des gesellschaftlichen Zusammenlebens von Deutschen und Italienern entwickelt sich bereits in dieser Zeit zu einem Thema, das die Südtiroler Literatur bis heute mitbestimmt. Albert von Trentini reflektiert etwa in seinem Roman Deutsche Braut (1921) die neue Diskrepanz zwischen Österreich und Italien, die er in einer interethnischen Liebesgeschichte verhandelt. Bezeichnenderweise kommt es schließlich zum politisch motivierten Bruch zwischen den Liebenden.
Nicht zuletzt durch die voranschreitende Italianisierung Südtirols im Faschismus und den daraus drohenden Identitätsverlust tendiert die Literatur der 1920er-Jahre zu Heimatidyllen und zur Idealisierung der eigenen Vergangenheit. Tradition und Volkstum wurden zu zentralen künstlerischen Themen. Vielfach spielen diese Werke im bäuerlichen Milieu, sie sind antimodern bzw. antiindustriell geprägt und setzen Motive und Anliegen der deutschen Heimatkunstbewegung fort, ohne direkt aus ihr hervorzugehen. Als bedeutendster Exponent dieser Richtung gilt der Romancier Joseph Georg Oberkofler. Erwähnenswert ist auch Maria Veronika Rubatschers religiös geprägtes Werk, welches das Schicksal Südtirols in einen heilsgeschichtlichen Kontext stellt und die faschistische Besetzung als Probe Gottes auffasst.
In den 1930er-Jahren nähert sich diese Heimatliteratur der völkischen Blut-und-Boden-Ideologie an. Riedmann erkennt etwa in Oberkoflers Roman Bannwald (1939), der u. a. die Frage nach dem ‚Lebensraum‘ verhandelt, deutliche völkische Tendenzen. Auch die Werke Luis Trenkers und Anton Bossi Fedrigottis greifen diese Themen ebenso auf wie eine Nähe zu faschistischen Ideologien. Seit 1920 erscheint außerdem der erfolgreichste Südtiroler Almanach, Reimmichl’s Volkskalender (bis 1924 Tiroler Kalender), der vom lange in Südtirol tätigen Priester und Volksdichter Sebastian Rieger alias Reimmichl herausgegeben wurde. Die konservativ-klerikale Ausrichtung des Kalenders deckte sich zeitweise mit der Blut-und-Boden-Ideologie. Noch deutlicher wird die Nähe zum Nationalsozialismus beim Meraner Josef Wenter. Er wurde vor allem durch seine Tierromane und -erzählungen bekannt, in welchen er faschistische Ansichten chiffriert. Laut Hans-Georg Grüning sei fast keiner der Südtiroler Schriftsteller der Zwischenkriegszeit im Bezug auf den Nationalsozialismus makellos geblieben.
Die Option von 1939, im Zuge derer sich die Südtiroler Bevölkerung für die Emigration ins Deutsche Reich oder den Verbleib in der nunmehr italienischen Heimat entscheiden musste, schlug sich auch in der Literatur nieder. Hubert Mumelters Erzählung „Das große Opfer“ (aus der Sammlung Das Reich im Herzen, 1941) handelt von der Unentschlossenheit eines Bauern, der sich schließlich für eine neue Zukunft im Deutschen Reich entscheidet. Später wird sich auch Joseph Zoderer in Wir gingen/Ce n’andammo (2005) mit den Erlebnissen seiner Familie in der Zeit der Option auseinandersetzen.
Anders als im restlichen deutschsprachigen Raum bedeutet das Kriegsende 1945 keine nennenswerte künstlerische Umorientierung. Riedmann sieht die Südtiroler Nachkriegsliteratur bis in die 1960er-Jahre als „affirmative Heimatliteratur“, welche Motive und Themen der Zwischenkriegszeit fortsetzt. Dies trifft beispielsweise auf das Romanwerk Otto Guems zu. Auch Johann Holzner bewertet das Kriegsende nicht als groben Einschnitt in der Entwicklung der Südtiroler Literatur, sondern als kurze Unterbrechung, nach welcher Autoren wie Oberkofler, Wenter und Bossi-Fedrigotti rehabilitiert wurden.Johann Holzner: „Alles an seinem rechten Platz. Zur Literatur in Tirol um 1945“. In: Sturzflüge. Nr. 17, 1986, S. 58f.; zit. nach Hans-Georg Grüning: Die zeitgenössische Literatur Südtirols. Probleme, Profile, Texte. Edizioni Nuove Ricerche, Ancona 1992, S. 70.
Dennoch gibt es bereits bald nach dem Krieg auch erste Tendenzen zur Annäherung zwischen den Sprachgruppen. So entwickelt zum Beispiel Hubert Mumelter, der sich in der Zwischenkriegszeit noch deutschnational präsentierte, in seinem Schaffen nach 1945 das Ideal eines „Rätischen Traums“. Diese Vision spielt auf das antike Volk der Räter an, welches im vorchristlichen Alpenraum ansässig war. Grüning beschreibt Mumelters Konzept als „Utopie eines dem Schweizer Modell folgenden Staatsgebildes in den Zentralalpen, in der die deutsche, ladinische und italienische Bevölkerung in friedlichem und fruchtbarem Kontakt zusammenleben“. Erstmals taucht der ‚Rätische Traum‘ in Mumelters Roman Maderneid (1948) auf. Auch Joseph Maurers teils zweisprachiges Werk und seine Übersetzungen aus dem Italienischen regten einen engeren Kulturkontakt an.
Ab dem Ende der 1960er-Jahre mini|Norbert C. Kaser (1947–1978) gilt als „Symbol- und Schlüsselfigur“ der modernen Literatur Südtirols. Foto: Klaus Gasperi. Ende der 1960er-Jahre zeichnete sich eine Trendwende in der intellektuellen Szene Südtirols ab. Wohl auch vor dem Hintergrund des Südtirol-Pakets von 1972, das eine eigenständige Entwicklung des Landes ermöglichte, wurden gesellschaftliche Traditionen vermehrt kritisch reflektiert. Nun versuchte man zunehmend, den eigenen Status als plurilinguistisches und plurikulturelles Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien in seiner gesellschaftlichen Fruchtbarkeit zu erfassen. Dazu trug auch die überregional orientierte Geschichtsschreibung Claus Gatterers bei, welche die Stellung Südtirols im 20. Jahrhundert neu untersuchte und das etablierte Geschichtsbild in Frage stellte. Gatterers vieldiskutiertes autobiographisches Werk Schöne Welt, böse Leut (1969) behandelt die gesellschaftlichen Verhältnisse in Südtirol im Wandel der Zeit.