Der Begriff Digitalisiertes Bildungswesen bezeichnet die Gesamtheit der Optionen, im sekundären, tertiären und im quartären Bildungssektor in spezifischen Lernszenarien Digitaltechnologien einzusetzen. Die am häufigsten vorkommenden Beispiele für Lernszenarien sind die (unten näher vorgestellten) acht Szenarien „Anreicherung“, „Integration“, „Online-Lernen“, „Interaktion und Kollaboration“, „Offene Bildungspraxis“, „Spiel und Simulation“, „Personalisierung“ und „Selbststudium“. In digitalen Lernszenarien kommen vielfältige Instrumente unterschiedlich entwickelter Virtualität, wie Augmented oder Mixed reality, zum Einsatz.
In Bildungssystemen mit einem hohen Digitalisierungsgrad werden zahlreiche Formen des E-Learnings angewendet, bei denen elektronische oder digitale Medien in den Lernprozess eingebunden werden. Weitere Instrumente sind digitale Lernrouten und digitale Lernzonen, welche im quartären Bildungssektor arbeitsplatzintegriertes Lernen praktisch möglich machen. Dabei werden modulare Systeme mit offenen Plattformarchitekturen des Lern- und Videomanagements (LMS/VMS) verwendet. Diese drücken sich insbesondere durch ihre Option der „Integration“ im Sinne des unten angeführten Lernszenariums und Skalierbarkeit aus. Zu den weiteren Bestandteilen digitaler Lernszenarien gehören digitale Kommunikations- und Lernsoftware sowie Autorenhardware- und Softwarelösungen, primär zur Erstellung von Computer-Aided-Design-Daten (CAD).Claudius Terkowsky: E-Learning by Design. Vom Entwerfen neuer digitaler Bildungslandschaften. In: Michael Simon, Thomas Hengartner, Timo Heimerdinger, Anne-Christin Lux (Hrsg.): Bilder. Bücher. Bytes. Zur Medialität des Alltags (Mainzer Beiträge zur Kulturanthropologie/Volkskunde. Band 3). Waxmann Verlag, Münster. New York, München, Berlin 2009, ISBN 978-3-8309-2179-0, S. 231–236.
Digitale Lernszenarien Digitale Lernszenarien aggregieren digitale Lernelemente und -formate. Einige Formate sind nicht miteinander kompatibel, andere können miteinander kombiniert werden.
Nicht miteinander kompatibel sind: Anreicherung Integration Online-Lernen
Mit anderen Lernszenarien kombinierbar sind: Interaktion und Kollaboration Offene Bildungspraxis Spiel und Simulation Personalisierung Selbststudium.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 61–62.
Anreicherung Das Lernszenario der Anreicherung ist ein Einstieg in digitalisierte Lernformen. Konventionellen Lehrveranstaltungen werden digitale Medien hinzugefügt, so dass die Lernenden digitalisierte Lernressourcen und Lernplattformen nutzen, um sich mit dem Lernstoff vertieft auseinanderzusetzen. Beispiele hierfür sind digitale Lernlektüren, Skripte, Aufzeichnungen, Lernprogramme, Tests oder das Einbinden von digitalen Tafeln.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 63.
Integration Wenn konventionelle Phasen des Lernens in Präsenz und des Lernens abseits des Lehrorts (vor allem des zeitlich synchronen Lernens) sich gegenseitig ergänzen oder alternieren, entstehen hybride Lernformen im Lernszenario der Integration. Diese sind eng verbunden mit der Methode „Flipped Classroom“, bei welcher die Vermittlung des Lehrinhalts zunächst durch Online-Medien stattfindet und dieser in Präsenzphasen vertieft wird. Eine Vermischung kann beim Hybridlernen nur dadurch zustande kommen, dass Phasen, in denen die Grundlagen zu Hause erarbeitet werden, sich („asynchron“) zeitlich mit solchen abwechseln, in denen Grundlagen am Lehrort erarbeitet werden. Die Methode „Flipped Classroom“ kann nicht zeitgleich mit den Methoden „Anreicherung“ und „Integration“ praktiziert werden.
Die digitalisierten Lernphasen, welche aufwändige digitale Lernmedien, wie Audio- oder Video-Podcasts, enthalten, können durch den Einsatz von Online-Tutoren oder Moderatoren ergänzt werden. Der Grad der Virtualität ist im Lernszenario der Integration deutlich höher als im Lernszenario der Anreicherung. Durch die Verwendung von Blended Learning-Methoden können Lernorte, -zeiten und -geschwindigkeiten von den Lernenden selbst gewählt werden. Lehrende setzen auf cloudbasierte Audio-Tools, wie VoiceThread, sowie Videoproduktion, wie iMovie oder Dropcam, um wichtige Bestandteile, wie Stimmmodulation oder Körpersprache aufzuzeichnen.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 65–68.
Online Lernen Angebote, welche mindestens fast vollständig online genutzt werden und entsprechend nur geringe oder keine Präsenzphasen beinhalten, fallen unter das Lernszenario Online Lernen. Beispiele hierfür sind E-Lectures, Online-Seminare, Massive Open Online Courses (MOOCs), Videokonferenzen, Anwendung von Kollaborationssoftware, die Nutzung von Foren, Chats oder Social Media. Die Zielgruppe bezieht sich hierfür vor allem auf Weiterbildungsinteressierte, da sich diese Instrumente optimal mit ihrer Berufstätigkeit kombinieren lassen und jüngere Lernende noch relativ stark die (idealerweise analoge) persönliche Ansprache durch Lehrende benötigen. Gegenüber dem Lernszenario der Integration oder Annäherung weist Online-Lernen das höchste Maß an Virtualität auf.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 69–70.
Allerdings ist dieses Lernszenario durch die Erstellung, Koordination, Pflege und Nachbereitung des Contents recht arbeitsaufwendig und mit einem hohen Kostenaufwand verbunden. Besonders häufig werden die Angebote in strukturschwachen oder Flächenländern sowie in Ländern mit hohen Bildungskosten angewendet. In Deutschland gibt es allerdings Probleme mit einem rechtskräftigen Assessment und Leistungsnachweisen.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe „Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien“ koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 70–73.
Interaktion und Kollaboration Wenn Online-Lernphasen mit Präsenzphasen kombiniert werden, kommt in diesen hybriden Lernformen häufig das Lernszenario der Interaktion und Kollaboration zur Anwendung.
In diesem Lernszenario finden sowohl Onlinedienste, wie Messenger, Social Media, Wikis, Podcasts etc., als auch Kollaborationsanwendungen zur simultanen Interaktion Verwendung, z. B. Peer Learning, gemeinsame Erarbeitung von Case Studies oder Problemstellungen. Der hohe Grad der Interaktion und Kollaboration erlaubt auch einen lernzielorientierten Unterricht entsprechend der Bloomschen Taxonomie.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe „Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien“ koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 73–74.
Offene Bildungspraxis Die offene Bildungspraxis ist eng verknüpft mit Open Educational Resources (OER) d. h. der Nutzung frei zugänglicher Lernmaterialien und -medien. Neben dem freien Zugang ist die Ermöglichung kollaborativer und flexibler Lernprozesse elementar. Größter Vorteil des Szenarios ist die schnelle und unkomplizierte Verwertung von Lernmaterialien.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 76.
Spiel und Simulation Ein großer Vorteil digitalisierter Spiele besteht darin, dass 34,3 Millionen Deutsche (darunter nicht nur Minderjährige und junge Erwachsene) Computer- und Videospiele spielen, so dass Planer des Szenariums bei den meisten Lernenden von Vorkenntnissen im Hinblick auf Spieltechniken ausgehen können.
Das Szenario beinhaltet verschiedene Formen der Gamification bzw. des Game Based Learnings (GBL), wobei es zu einer Synthese des Erwerbs von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie digitalisierten interaktiven Lernspielen und Simulationen kommt. Dafür gibt es verschiedene Beispiele. Massively Multiplayer Online Games, Rollenspiele, gestenbasierte Spiele, Online-Planspiele usw., sowie interaktive Visualisierungen in verschiedenen „Realitäten“ mit verschiedenen Ausgabegeräten, wie Head-Mounted Displays (VR-Helme, Datenbrillen), Tablets usw. Gamification kann die Lernmotivation und -produktivität signifikant steigern, da sie Lernaufgaben zur Herausforderung werden lassen und erzielte Lernleistungen belohnt werden.
Simulationen haben den Vorteil, dass sie gesundheitsgefährdende und kostenintensive Szenarien risikolos abdecken können. Dies kann beim Umgang mit Gefahrstoffen, gefährlichen oder sehr verantwortungsvollen Situationen der Fall sein. Zudem können bestimmte Umwelt- und Ausnahmeszenarien dargestellt werden, welche in der Wirklichkeit nur schwer oder nicht zu trainieren sind.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe "Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien" koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 81–84.
Personalisierung Beim Lernszenario der Personalisierung werden Lernformate an individuelle Lernbedarfe angepasst. Adaptive Lernumgebungen, wobei sowohl Lernmaterialien als auch Aufgaben an den einzelnen Bedürfnissen des Lernenden abgestimmt werden, übernehmen eine gesonderte Rolle. Auch Learning Analytics, d. h. die Messung, Sammlung und Auswertung von Daten über Lernfortschritte zur Herausbildung von Stärken, Schwächen, Leistungsprognosen und Lernbarrieren, kommen dabei, z. B. in Form eines intelligenten Tutorensystems, zum Einsatz. So kann man dem Verfehlen von Lernzielen vorbeugen und Abbruchquoten verringern.Klaus Wannemacher, Imke Jungermann, Julia Scholz, Hacer Tercanli, Anna von Villiez: Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Im Auftrag der Themengruppe „Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien“ koordiniert vom CHE im Hochschulforum Digitalisierung. (Arbeitspapier Nr. 15.). Edition Stifterverband – Verwaltungsgesellschaft für Wissenschaftspflege, Essen 2016, . S. 84–86.
Selbststudium