mini|Gustav Siber: Zürcherin vom Lindenhof, 1910, Lindenhofbrunnen, Zürich Hedwig ab Burghalden ist eine Sagenfigur, die für die Wehrhaftigkeit der Zürcherinnen im Jahr 1292 steht.
Sage Eine populäre Version der zugrundeliegenden Sage stammt aus einem «geschichtlichen Lesebuch für die Mittelstufe» von Walter Oberholzer von 1965:
Historische Einordnung Die Sage geht auf den Historiografen und Mönch Johannes von Winterthur («Vitoduran») zurück, der sie in seiner ab 1340 entstandenen Chronik erzählte. Er datierte die Ereignisse dabei auf 1298, d. h. sechs Jahre nach der Schlacht bei St. Georgen. Als Albrecht in der Gegend von Winterthur zahlreiche Zürcher in Gefangenschaft vorgefunden habe, habe er sie, «teils um die Herzen derselben mit sich zu versöhnen, teils um sie zu seiner Unterstützung geneigt zu machen», freigelassen. Die Zürcher hätten sich nun aber durch «böses Treiben» hervorgetan, weswegen er die Stadt mehrere Tage lang belagerte. Über das Folgende bietet Johannes zwei leicht divergierende Versionen:
Die verzweifelten Zürcher Bürger steckten alle Frauen, «die Waffen tragen konnten und dort zahlreicher waren als an anderen Orten», in Waffen und stellten sie «mit Spiessen» auf den Lindenhof, wo sie gut gesehen werden konnten. Die feindlichen Soldaten vermeinten, ein Heer von vielen tausend Männern vor sich zu haben, und drangen in Albrecht, Friedensverhandlungen aufzunehmen, was dieser tat. Die Zürcher hatten mit ihrer List nicht nur beabsichtigt, die Feinde zu erschrecken, sondern auch, sie zu verhöhnen. Wegen «Mord und Gefangenschaft» waren die Männer in Zürich immer noch stark dezimiert und die Frauen «sozusagen» alleine zurückgeblieben. Angesichts der Belagerung waren sie zunächst ratlos. Ein «Greis, der wegen Alter und Schwäche in der Stadt zurückgelassen war», wies sie an, die besagte List zu vollführen.Die Chronik Johann’s von Winterthur. In’s Deutsche übersetzt von Bernhard Freuler, Pfarrer in Wülflingen. Ziegler, Winterthur 1866, S. 45 f. (archive.org).
In beiden Versionen sind es Männer, die die Frauen zur List anweisen. Johannes von Winterthur nannte keine Anführerin. Er bediente sich bei seiner Schilderung ferner aus der antiken Literatur, insbesondere aus der Bibel. Unter anderem schrieb er teilweise wörtlich aus dem Buch Judit ab.
Bernhard Freuler korrigierte 1866 das Jahr der Ereignisse auf 1292. Es sei «hier nur an das erste Erscheinen Herzog Albrechts in den schweizerischen Gegenden im Jahre 1292 zu denken, mit dem Vitoduran den zweiten Auszug gegen König Adolf 1298 irriger Weise vermischt».
Rezeption Der Name «Hedwig ab Burghalden» taucht erst im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung, auf, offenbar zum ersten Mal bei Johannes von Müller 1776, der berichtete: «Die Zürcherischen Frauenspersonen sollen diesen Heldinnen die Vortheile und Freyheiten zu verdanken haben, welche sie noch bis jetzt in Ansehung des Erbrechts geniessen.»Johannes Müller: Merkwürdiger Überbleibseln von Alterthümeren der Schweitz Vter Theil. 1776, S. 12 (google.ch). Im selben Band publizierte er eine an den Minerva-Typus angelehnte Radierung von «Hedwig ab Burg-Halden, gebohrne Krinnenbergerin und Heldenmüthige Anführerin des Züricherischen Frauenzimmers».
Müller bezog sich auf eine 1749 im Zürcher Neujahrsblatt erschienene Radierung von Johann Balthasar Bullinger, die den Titel «Das bewaffnete Frauenzimmer in Zürich, Ao. 1298» trug und der ein Gedicht beigegeben war. Eine weitere Radierung erschien 1824 zum Neujahrsblatt der Stadtbibliothek in Zürich und wird Franz Hegi zugeschrieben.
1910 wurde die von Gustav Siber geschaffene Bronzestatue einer der heldenhaften Zürcherinnen auf dem Lindenhofbrunnen platziert.
1923 malte Wilhelm Hartung das Fresko Zug der bewaffneten Zürcherinnen auf den Lindenhof 1292 auf der zum Lindenhof gewandten Seite des Hauses «Zum grossen Leoparden» in der Strehlgasse. Alle dargestellten Frauen tragen Harnisch und Helm, die vorderen drei auch Tartschen in den Zürcher Farben Blau und Weiss. Die zentrale Gestalt ist mit einem Schwert bewaffnet, alle übrigen mit senkrecht aufgepflanzten Lanzen. Über den Figuren schweben zwei Zürcher Fahnen und ein Gonfanon mit den drei Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius. Die Neue Zürcher Zeitung lobte das Werk kurz nach seiner Fertigstellung:
Hedwig ab Burghalden wurde im Jahr 2001 anlässlich der jährlichen Frauenehrung am Sechseläuten von der Gesellschaft zu Fraumünster geehrt.
Literatur Die Chronik Johann’s von Winterthur. In’s Deutsche übersetzt von Bernhard Freuler, Pfarrer in Wülflingen. Ziegler, Winterthur 1866, S. 45 f. (archive.org). Walter Oberholzer: Heimatkunde der Stadt Zürich. Verlag Schul- und Büromaterialverwaltung, Zürich 1965. Chonja Lee, Maya Burtscher: Sechs Beispiele in Zürich. In: Christoph Schenker, Michael Hiltbrunner (Hrsg.): Kunst und Öffentlichkeit. Kritische Praxis der Kunst im Stadtraum Zürich. 2007, S. 201–214. Andrea Trueb: Die weibliche Seite von Zürich. In: Aargauer Zeitung. 22. November 2009. Deborah Lacourrège: Ein Rundgang in Zürich. In: Coop Zeitung. 27. Juni 2016.
Einzelnachweise
Kategorie:Person (Zürich) Kategorie:Geboren im 13. Jahrhundert Kategorie:Gestorben im 13. oder 14. Jahrhundert Kategorie:Frau