Ein Phonem (selten: Fonem; von „Laut, Ton, Stimme, Sprache“) ist die abstrakte Klasseauch: Gesamtheit, Bündel, Abstraktion, Typ. Nach Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. 2007, S. 84: „abstrakte Lautklasse“. aller Laute (Phone), die in einer gesprochenen Sprache die gleiche bedeutungsunterscheidende (distinktive) Funktion haben.

Beispiel: Das vordere, gerollte und das hintere, nicht oder jedenfalls weniger deutlich gerollte r sind zwei unterschiedliche Phone (Laute), die im Deutschen aber keinen Bedeutungsunterschied zwischen Wörtern ausmachen und daher nur Varianten (Allophone) des einen Phonems /r/ sind. Konkret: Manche Personen sprechen den ersten Laut des Farbworts „rot“ mit dem deutlich gerollten (vorderen, alveolaren – ), andere mit dem nicht oder jedenfalls weniger deutlich gerollten (hinteren, uvularen – ) r aus; jeder Hörer versteht darunter das gleiche Wort „rot“. Anders ist es, wenn man statt eines der möglichen r-Laute den Laut verwendet: Man erhält statt des Wortes „rot“ ein gänzlich anderes Wort, nämlich „tot“. Die beiden r-Laute gehören zu ein und demselben Phonem /r/, der genannte t-Laut zu einem anderen Phonem, nämlich /t/.

Das Phonem kann somit als die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit des Lautsystems einer Sprache definiert werden. Das Phonem ist nicht allein durch seinen Klang definiert, sondern durch seine Funktion. Phoneme sind somit Untersuchungsgegenstand der Phonologie, während die Einheiten der Phonetik (als Klangereignisse) Phone genannt werden. Beide sind zu unterscheiden von Graphemen, den kleinsten funktionstragenden graphischen Einheiten eines Schriftsystems (die auch in Alphabetschriften nicht immer genau einem Phon oder Phonem entsprechen).

Notierung Zur Notierung von Phonemen bedient man sich im Allgemeinen der Lautschrift-Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Vereinfachung: Da Phoneme nicht mit den Lauten identisch, sondern Positionen innerhalb einer Systematik sind, könnte man im Prinzip jedes beliebige Symbol für ein Phonem verwenden. Zur Unterscheidung werden Phoneme durch Schrägstriche und Phone in eckigen Klammern notiert.

Beispiel: „“ = das Phonem „a“; „“ = das Phon „a“

Phon und Phonem Phone gehören zu unterschiedlichen Phonemen, wenn der phonetische Unterschied in der jeweiligen Sprache einem Bedeutungsunterschied entspricht. Dies stellt man anhand von Wörtern fest, die sich nur in einem Laut unterscheiden. Wenn beide Wörter Unterschiedliches bedeuten, sind die untersuchten Laute Realisierungen unterschiedlicher Phoneme; ebendies ist mit „bedeutungsunterscheidend“ gemeint.

Beispiele: „Katze“ / „Tatze“; „Lamm“ / „lahm“; „Beet“ / „Bett“, „rasten“ (kurzes a) / „rasten“ (langes a).

Ergeben sich Bedeutungsunterschiede, werden die Wörter „Wortpaare“ oder „Minimalpaare“ genannt. Zu erwähnen ist hier auch, dass Phoneme nicht nur als Lautsegmente realisiert werden, sondern auch als suprasegmentale Eigenschaften von Silben oder Wörtern auftreten können. So bei den Tonsprachen, die verschieden hohe oder verlaufende Töne auf einer Silbe kennen, die eindeutig bedeutungsunterscheidend sind. Man spricht hier auch von Tonemen, die eine Untergruppe der Phoneme sind.

Mit Hilfe dieser sogenannten Minimalpaaranalyse lassen sich alle Phoneme einer Sprache systematisch erfassen und identifizieren: Führt das Ersetzen eines Lauts durch einen anderen zu einer Änderung (oder zum Verlust) der Bedeutung des Wortes, können beide Laute unterschiedlichen Phonemen zugeordnet werden. Bei Phonemen handelt es sich jedoch nicht um die Laute selbst; vereinfacht ausgedrückt kann man ein Phonem als eine Gruppe von Lauten auffassen, die von Muttersprachlern der jeweiligen Sprache als „ungefähr gleich“ empfunden werden. Es sind also von den Einzellauten (Phonen) einer Sprache abstrahierte Einheiten. Als solche sind sie keine physischen Laute im eigentlichen Sinn, sondern müssen durch entsprechende Allophone realisiert („hörbar gemacht“) werden.

Phoneme und distinktive Merkmale Die Phoneme sind keine Atome, sondern „kontrastieren in bestimmten Lauteigenschaften“.Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. 2007, S. 82. Die Lauteigenschaften, die ein Phonem von einem anderen unterscheiden, werden auch distinktive Merkmale genannt.

Wenn das Phonem als kleinste bedeutungsdifferenzierende Einheit bezeichnet wird, kann sich das also nur „auf kleinste in der Sequenz aufeinander folgende Einheiten“Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. 2007, S. 82 (Hervorhebung im Original). beziehen, während „eine Gliederung in noch kleinere simultan im Phonem gebündelte Merkmale“ damit nicht ausgeschlossen wird.

In phonologischen Theorien, die primär mit distinktiven Merkmalen arbeiteten, gibt es allerdings eigentlich keinen Bedarf für den Phonembegriff mehr, und Symbole wie „/p/“ werden nur als eine praktische Abkürzung für ein Merkmalbündel betrachtet.H. Gadler: Praktische Linguistik. 3. Auflage. 1998, S. 60.

Welche Lauteigenschaften distinktiv sind, erschließt sich nicht einfach aus dem Klang, sondern ist eine Eigenschaft, die durch die Grammatik einer Einzelsprache festgelegt wird. Beispielsweise beruht der Kontrast der deutschen Wörter „Bass“ und „Pass“ darauf, ob der mit den Lippen gebildete Verschlusslaut stimmhaft oder stimmlos ist. In einer Sprache wie dem Koreanischen etwa bildet jedoch derselbe Kontrast keine Minimalpaare (sondern ein und dasselbe Phonem wird stimmhaft ausgesprochen, wenn es zwischen zwei Vokalen steht und sonst stimmlos). Stattdessen benutzt das Koreanische die Behauchung (Aspiration) oder die gespannte Ausführung eines Verschlusslautes als distinktive Merkmale; minimale Kontraste sind z. B. [pal] „Fuß“ – [phal] „Arm“ – [ppal] „schnell“ (hierbei ist „ph“ als ein einziges phonetisches Zeichen für ein aspiriertes p und „pp“ als ein einziges phonetisches Zeichen für ein gespanntes p zu verstehen). Die Aspiration des Verschlusslautes „p“ liegt in dem deutschen Wort „Pass“ zwar vor, eine Aussprache ohne Hauch ergibt aber im Deutschen, anders als im Koreanischen, nie ein anderes Wort.

Phonem und unterschiedliche konkrete Realisierungen (Allophone) Gleichgültig, ob man Phoneme als das Ergebnis einer rein linguistischen Systematisierung oder als mentale Entitäten auffasst, in jedem Fall handelt es sich bei ihnen um Abstraktionen einer konkreten lautlichen Äußerung. Genauer handelt es sich um eine „Klasse von Lauten […], die alle distinktiven Eigenschaften gemeinsam haben, in den nicht-distinktiven dagegen differieren können.“Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2. Auflage. 2007, S. 83.

Dies bedeutet, dass sich konkrete Realisierungen von Phonemen erheblich voneinander unterscheiden können und dennoch ein und demselben Phonem zugeordnet werden. Die Realisierungen (Instanzen) eines Phonems werden auch Allophone genannt. Nach dem Gesagten können Allophone mitunter in verschiedenen Varianten auftreten.

Beispiel: So klingt zum Beispiel das // nach einem anders als nach einem , trotzdem handelt es sich um ein einzelnes Phonem. Gründe für mehr oder weniger frei variierende Realisierungen sind vor allem dialektale Unterschiede und Koartikulationseffekte – wie im Beispiel – sowie ganz allgemein Besonderheiten in der Artikulation eines Sprechers.

Für eine Reihe von Phonemen existieren jedoch phonologische Regeln, die in Abhängigkeit von der lautlichen Umgebung eines Phonems eindeutig festlegen, mit welchem Allophon es zu realisieren ist. Man spricht von (kontextgebundenen) kombinatorischen Varianten eines Phonems – im Gegensatz zu freien Varianten eines Phonems.Piroska Kocsány: Grundkurs Linguistik. Ein Arbeitsbuch für Anfänger. Fink, Paderborn 2010, S. 84.

Beispiel: Im Deutschen wird das Graphem <ch> manchmal im Bereich des harten Gaumens, also palatal artikuliert ([] – „ich“), manchmal aber auch weiter hinten im Bereich des weichen Gaumens ([] – „ach“). Es gilt die Regel, dass nur nach /a/, /o/, /u/ und /au/ steht, in allen anderen Fällen steht .

Entscheidend ist also einzig und allein die lautliche Umgebung, inhaltliche Unterschiede zwischen den Wörtern spielen keine Rolle.

Bei derartigen sogenannten kombinatorischen Varianten sind beide Allophone zumeist so verteilt, dass dort, wo das eine stehen muss, das andere nicht stehen darf und umgekehrt (komplementäre Distribution).

Beispiel: „dich“ ([d]) – „Dach“ ([]).

Führen solche Regeln dazu, dass ein eigentlich distinktives Merkmal seine bedeutungsunterscheidende Funktion verliert, spricht man von Neutralisation.

Beispiel: Die sogenannte Auslautverhärtung im Deutschen hat zur Folge, dass alle stimmhaften Obstruenten (, , , , , ) am Wortende (und auch wortintern am Silbenende) stimmlos ausgesprochen werden; der in anderen Positionen relevante Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Phonemen wird neutralisiert („Bund“ und „bunt“ wird zwar unterschiedlich geschrieben, aber identisch ausgesprochen ([])).

Auch Assimilationsprozesse führen häufig zu Neutralisation.

Phoneme sind also nicht bloß phonetisch bestimmt, sondern „linguistische Elemente, die durch ihre Stellung im sprachlichen System, durch ihre syntagmatischen und paradigmatischen Relationen, das heißt durch ihre Umgebung und durch ihre Substituierbarkeit, bestimmt sind“.H. Gadler: Praktische Linguistik. 3. Auflage. 1998, S. 59.

Definitionen verwandter Begriffe Distingem Phonem und Graphem werden auch unter der Sammelbezeichnung „Distingem“W. Ulrich: Linguistische Grundbegriffe. 5. Auflage. 2002, Distingem. zusammengefasst.

Graphem Das Phonem ist zu unterscheiden vom Graphem. Das Graphem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der geschriebenen Sprache. Einem Phonem können ein oder mehrere Grapheme entsprechen und umgekehrt, z. B. <m> – /m/, aber <sch> – / ∫/, <x> – /ks/.

Morphem Das Phonem ist zu unterscheiden vom Morphem. Das Phonem ist als kleinste bedeutungsunterscheidende, während das Morphem als kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheit definiert ist, da es einen semantischen Inhalt enthält. Die Phoneme /r/ und /t/ zum Beispiel unterscheiden die Lexeme (Wörter) „rot“ und „tot“ als Minimalpaar voneinander; sie selbst tragen keinerlei Bedeutung. Eine eigene Bedeutung haben dagegen die genannten beiden Wörter (Lexeme) und bilden jeweils ein Morphem. Ein Morphem besteht in der Regel aus einem oder mehreren Phonemen, die in der Schriftsprache als Grapheme notiert werden. Das Fehlen eines Phonems kann als Morphemform (Nullmorphem) bezeichnet werden, etwa wenn eine Flexionsform an der jeweiligen Stelle Phoneme enthält, eine andere dagegen nicht.

Phoneme, Phonemklassen, Phoneminventar, Phonemsystem Phoneme und Phonemklassen der deutschen Lautsprache Beispiele für deutsche Phoneme: /p/, /t/, /k/ (stimmlose Plosive) /m/, /n/, /ŋ/ (Nasale) /a:/, /a/, /e:/, /ɛ/ (lange und kurze Vokale) Umstritten ist der phonematische Status im Deutschen u. a. bei den Schwa-LautenSven Staffeldt: Zum Phonemstatus von Schwa im Deutschen. Eine Bestandsaufnahme. In: Studia Germanistica. 7, 2010, S. 83–96. (als PDF unter: http://www.sven-staffeldt.de/publikationen.html) (e-Schwa und a-Schwa), dem glottalen Verschlusslaut (auch Knacklaut, ), den Diphthongen (vokalische Doppellauten mit Gleitbewegung von einem Ausgangs- hin zu einem Endvokal) und den Affrikaten (Abfolge von Plosiv und Frikativ, die mit dem gleichen Organ gebildet werden). Am weitesten gehen die in der Forschungsliteratur anzutreffenden Anzahlen an Vokalphonemen auseinander (nämlich von 8 bis 26).Vgl. für eine kompakte Übersicht zum Phonemsystem des Deutschen auch Sven Staffeldt: Einführung in die Phonetik, Phonologie und Graphematik des Deutschen. Ein Leitfaden für den akademischen Unterricht. Stauffenburg, Tübingen 2010, S. 72–85, dort sind auch die Anzahlen im Vergleich zu finden.

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