mini|Eine Manuskriptseite aus der Rechtssoziologie innerhalb von Wirtschaft und Gesellschaft Wirtschaft und Gesellschaft (abgekürzt oft WuG) ist ein soziologisches Werk Max Webers und wurde 1921 und 1922 in vier Lieferungen postum von seiner Frau Marianne als 3. Abteilung des Grundrisses der Sozialökonomik veröffentlicht. Seit der vierten Auflage aus dem Jahr 1956 trägt es den Titel Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriß der verstehenden Soziologie.
Wirtschaft und Gesellschaft gehört neben Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus von 1904 zu den wichtigsten Texten Webers und zählt zu den bedeutendsten Klassikern der Soziologie. Seine Bedeutung erstreckt sich auf die Wirtschafts-, Religions-, Rechts-, politische, Herrschafts-, Verwaltungs- und Stadtsoziologie.
Aufbau Wirtschaft und Gesellschaft ist ein kompiliertes Werk, das erst nach Webers Tod aus mehreren Textkonvoluten zusammengesetzt wurde. Zwei Entstehungsphasen lassen sich unterscheiden, eine ältere von 1909 bis 1914 und eine jüngere von 1918 bis 1920. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellte Weber die Arbeit an Wirtschaft und Gesellschaft zunächst ein. In der zweiten Phase wollte er das vorliegende Material umarbeiten, was er bis zu seinem Tod nur noch teilweise verwirklichen konnte.
Der erste Teil des Werkes entstand in seiner veröffentlichten Form zwischen 1918 und 1920. Er enthält Webers soziologische Kategorienlehre, in der er in vier Kapiteln Grundbegriffe, Grundkategorien des Wirtschaftens, die Typen der Herrschaft sowie Stände und Klassen erörtert. Dieser Teil erschien als erste Lieferung 1921. Er wurde von Weber noch selbst druckfertig redigiert und ist daher in allen fünf Auflagen identisch aufgebaut.
Weber hatte sich mit der Kategorienlehre bereits zwischen 1909 und 1913 beschäftigt, ein für Wirtschaft und Gesellschaft bestimmtes Manuskript zu diesem Themenbereich aus der ersten Entstehungsphase ist nicht erhalten. Als Resultat seiner damaligen Überlegungen kann jedoch der 1913 separat veröffentlichte Kategorienaufsatz gelten.Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie, in: Logos 4 (1913), 253–294 und in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 7. Auflage, Tübingen 1988, 427–474, voraussichtlich in MWG 1/12.
Teil 1 Die Wirtschaft und die gesellschaftliche Ordnung und Mächte (in der 1. Auflage) Soziologische Kategorienlehre (in der 4. und 5. Auflage) 1–180 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Soziologische Grundbegriffe 1–30 2 Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens 31–121 3 Die Typen der Herrschaft 122–176 4 Stände und Klassen 177–180
Am (jetzigen) zweiten (zwischenzeitlich zweiten und dritten) Teil schrieb Weber zwischen 1909 und 1913 und ließ in diesen Teil viele seiner bisherigen Arbeiten einfließen. Er kam jedoch nach 1918 nicht mehr selbst zur endgültigen Überarbeitung der einzelnen Abschnitte. Augenscheinlich wird dies unter anderem an uneinheitlichen Begrifflichkeiten sowie uneinheitlicher Schreibweise, z. B. die Verwendung der Schreibweise „bureaukratisch“ wie auch „bürokratisch“. In den verschiedenen Auflagen wurden die Inhalte unterschiedlich aufbereitet. Es wurden teilweise Webersche Manuskripte ergänzt oder herausgenommen und z. T. Überschriften abgeändert, was mitunter Gegenstand von Diskussionen der Fachwelt war.
In der ersten Auflage (1921/2) ist der Aufbau folgendermaßen:
Teil 2 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung 181–600 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Wirtschaft und Gesellschaft im allgemeinen 181–193 2 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung 194–215 3 Ethnische Gemeinschaftsbeziehungen 216–226 4 Religionssoziologie (Typen religiöser Vergemeinschaftung) 227–363 5 Markt 364–367 6 Die Wirtschaft und die Ordnungen 368–385 7 Rechtssoziologie (Wirtschaft und Recht) 386–512 8 Die Stadt 513–600 Teil 3 Typen der Herrschaft 603–817 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Herrschaft 603–612 2 Politische Gemeinschaften 613–618 3 Machtgebilde. „Nation“ 619–630 4 Klassen, Stand, Parteien 631–641 5 Legitimität 642–649 6 Bureaukratie 650–678 7 Patrimonialismus 679–723 8 Wirkung des Patrimonialismus und des Feudalismus 724–752 9 Charismatismus 753–757 10 Umbildung des Charisma 758–778 11 Staat und Hierokratie 779–817 – Register 818–840
Die zweite und druckgleiche dritte Auflage sind wie folgt aufgebaut:
Teil 2 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung 181–600 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Wirtschaft und Gesellschaft im allgemeinen 181–193 2 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung 194–215 3 Ethnische Gemeinschaftsbeziehungen 216–226 4 Religionssoziologie (Typen religiöser Vergemeinschaftung) 227–363 5 Markt 364–367 6 Die Wirtschaft und die Ordnungen 368–386 7 Rechtssoziologie (Wirtschaft und Recht) 387–513 8 Die Stadt 514–601 Teil 3 Typen der Herrschaft 603–817 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Herrschaft 603–612 2 Politische Gemeinschaften 613–618 3 Machtgebilde. „Nation“ 619–630 4 Klassen, Stand, Parteien 631–641 5 Legitimität 642–649 6 Bureaukratie 650–678 7 Patrimonialismus 679–723 8 Wirkung des Patrimonialismus und des Feudalismus 724–752 9 Charismatismus 753–757 10 Umbildung des Charisma 758–778 11 Staat und Hierokratie 779–817 Anhang Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik* 818–869 – Register** 870–892
*: Hierbei handelt es sich um den ersten Teil einer von Max Weber geplanten Soziologie der Musik.Vorwort Marianne Webers zur zweiten Auflage. **: Nicht um die Inhalte des Anhanges Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik erweitert.
Die Inhalte sind in der vierten Auflage (1956) wie folgt gegliedert:
Teil 2 Die Wirtschaft und die gesellschaftliche Ordnung und Mächte 181–876 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen in ihrer prinzipiellen Beziehung 181–198 2 Wirtschaftliche Beziehungen der Gemeinschaften (Wirtschaft und Gesellschaft) im allgemeinen 199–211 3 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in ihrer Beziehung zur Wirtschaft 212–233 4 Ethnische Gemeinschaftsbeziehungen 234–244 5 Typen religiöser Vergemeinschaftung (Religionssoziologie) 245–381 6 Die Marktgemeinschaft 382–385 7 Wirtschaft und Recht (Rechtssoziologie) 387–513 8 Politische Gemeinschaften 514–540 9* Soziologie der Herrschaft 541–876 Anhang Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik 877–928 – Verzeichnisse 929–1033
*: Unter der Überschrift Typen der Herrschaft von der ersten Auflage von 1921/2 bis zur dritten Auflage 1947 noch als eigenständiger Teil 3 ausgegliedert. Was zuvor ein Kapitel in Teil 3 war, ist nun ein Abschnitt des 9. Kapitels von Teil 2. Wie auch bei den übrigen Kapiteln, differieren die Überschriften jedoch zum Teil. Darüber hinaus hat Winckelmann weitere bisher nicht enthaltene Manuskripte als Textmontage (es handelt sich also nicht um einen authentischen Webertext) unter dem Titel Die rationale Staatsanstalt und die modernen politischen Parteien und Parlamente (Staatssoziologie) (S. 815–868) eingefügt, was auch Gegenstand der Kritik der Fachwelt war.Allgemeine Hinweise der Herausgeber der Max Weber-Gesamtausgabe.
In der fünften Auflage (seit 1972 [bis 2002]) ist der Aufbau wie folgt:
Teil 2 Die Wirtschaft und die gesellschaftliche Ordnung und Mächte 181–868 Kapitelnr. Überschrift Seiten 1 Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen 181–198 2 Wirtschaftliche Beziehungen der Gemeinschaften (Wirtschaft und Gesellschaft) im allgemeinen 199–211 3 Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in ihrer Beziehung zur Wirtschaft 212–233 4 Ethnische Gemeinschaftsbeziehungen 234–244 5 Religionssoziologie (Typen religiöser Vergemeinschaftung) 245–381 6 Die Marktvergesellschaftung 382–385 7 Rechtssoziologie 387–513 8 Politische Gemeinschaften 514–540 9 Soziologie der Herrschaft 541–868 – Verzeichnisse 869–943
Entstehung Weber sollte zunächst als Herausgeber für das von Paul Siebeck, dem Verleger des Archivs für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, geplanten Sammelwerkes Grundriß der Sozialökonomik fungieren. Später entwickelte Weber ein neues Gesamtkonzept, wählte einen neuen Titel und arbeitete zur Erstellung unter anderem mit Edgar Jaffé, Robert Michels, Joseph Schumpeter, Werner Sombart und seinem Bruder Alfred Weber zusammen.
Nach Verzögerungen der Abgabe der einzelnen Beiträge weitete Weber den von ihm zu schreibenden Anteil erheblich aus. Der unter dem Titel „Wirtschaft und Gesellschaft“ geplante dritte Teilabschnitt des Grundrisses der Sozialökonomik sollte ursprünglich aus den beiden Teilen „Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte“ von Weber sowie „Entwicklungsgang der wirtschafts- und sozialpolitischen Systeme und Ideale“ von Eugen von Philippovich bestehen. Weber arbeitete dann von 1909 bis zu seinem Tod 1920 an seinem Teil, konnte jedoch nur dessen ersten Teilabschnitt fertigstellen, der 1921 erschien.
Editionsgeschichte Nachdem Max Weber am 14. Juli 1920 verstorben war, publizierte seine Witwe Marianne Weber 1921 zunächst die von ihrem Mann noch selbst eingereichte überarbeitete 1. und 2. Lieferung unter dem (Abteilungs-)Titel Wirtschaft und Gesellschaft als 1. Halbband der 3. Abteilung von Grundriß der Sozialökonomik.
1922 folgten im 2. Halbband die nicht mehr überarbeiteten 3. und 4. Lieferungen ihres Mannes. Beide Halbbände zusammengenommen stellen die 1. Auflage von Wirtschaft und Gesellschaft dar.
1925 folgte eine ebenfalls von Marianne Weber herausgegebene durchgesehene und um den Anhang „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“ (1911 von Max Weber verfasst) ergänzte 2. Auflage. 1947 gab Marianne Weber eine weitere Auflage heraus. Obgleich diese inhaltlich unverändert, lediglich ein Nachdruck der 1925er Auflage war, wird sie (anders als spätere Nachdrucke jüngerer Auflagen) als 3. Auflage bezeichnet.
Nach dem Tod Marianne Webers 1954 wurde das Werk dann ab 1956 von dem Privatgelehrten Johannes Winckelmann herausgegeben. Die veröffentlichten („vollständigen“) Ausgaben wurden editorisch teils erheblich nachbearbeitet. Innerhalb der Soziologie wird diese Edition immer noch – teils auch kritisch – erörtert. Winckelmanns Ausgabe löste den Zusammenhang von Webers Text mit der Reihe Grundriß der Sozialökonomik und stellte ihn separat unter den Titel Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriß der verstehenden Soziologie; dieser Titel wurde seitdem für alle weiteren Auflagen beibehalten. 1972 gab Winckelmann eine erneut revidierte, 5. Auflage heraus. Diese wurde 1976, 1980, 1985 und nach Winckelmanns Tod (November 1985) noch weitere Male 1990, 1995 und 2002 jeweils unverändert nachgedruckt, jeweils (anders als der unveränderte Nachdruck der 2. Auflage) weiterhin als „5. Auflage“.
Alle diese Ausgaben präsentieren Webers Manuskripte zu Wirtschaft und Gesellschaft als zusammenhängendes oder zumindest kompilierbares Werk. Diese Voraussetzung wurde von der Weber-Forschung anhand eingehender textkritischer Analysen inzwischen als unzutreffend erwiesen.
Seit 1999 erscheinen die Texte Webers zu Wirtschaft und Gesellschaft im Rahmen der Max Weber-Gesamtausgabe. Zugrunde liegen dabei die vier Lieferungen Max Webers sowie die zwischenzeitlich seit der 2. Auflage mitabgedruckte, ursprünglich im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik unter dem Titel „Die Stadt“ veröffentlichte Abhandlung. Sie erscheinen als separierte Bände:
Band 1/22-1: Wirtschaft und Gesellschaft – Gemeinschaften, Band 1/22-2: Wirtschaft und Gesellschaft – Religiöse Gemeinschaften, Band 1/22-3: Wirtschaft und Gesellschaft – Recht, Band 1/22-4: Wirtschaft und Gesellschaft – Herrschaft, Band 1/22-5: Wirtschaft und Gesellschaft – Die Stadt.
Band 1/23: Wirtschaft und Gesellschaft. Soziologie. Unvollendet 1919–1920.