Kino in Hamburg skizziert die Entstehung und Entwicklung der Lichtspieltheater in der Freien und Hansestadt Hamburg.

Seit 1900 existierten in Hamburg etwa 500 Lichtspieltheater. Gegenwärtig ist Hamburgs Kinolandschaft von einer großen Bandbreite an Spielstätten gekennzeichnet. Sie setzt sich aus einigen großen Kinozentren, über mehrere große Kinos und einer Vielzahl kleinerer, regionaler und kommunaler Kinos zusammen, die ein breites Spektrum an Filmgenres, von Erstaufführungen, Blockbustern bis hin zu Filmkunst, Spezial- und Nischenprogrammen präsentieren. Im Jahr 2020 gab es in der Stadt 26 ortsfeste Kinos mit 90 Vorführsälen für 20 bis 1000 Zuschauer, mit zusammen etwa 20.595 Sitzplätzen. Dazu kommen temporäre Freiluftspielstäten wie das Open-Air-Schanzenkino im Sternschanzenpark oder das St. Pauli Sommerkino auf dem Heiligengeistfeld.

Geschichte mini|Ein Edison Kinetophon um 1895 Im Dezember 1895 zeigten die Gebrüder Skladanowsky auf dem Hamburger Dom etwa 15-minütige Filmprogramme auf ihrem Bioscop und nach dem Ende des Winter-Doms anschließend fünf weitere Tage lang im Concerthaus Ludwig. Bereits im Mai 1896 eröffnete die Deutsch-Österreichische Kinetoskop GmbH einen eleganten Vorführraum mit fünf Kinetoskopautomaten am Hamburger Gänsemarkt. Kurz darauf folgte ein Kinetophon-Salon im Heckels Concert-Saal in der Große Bleichen, bei dem neben dem Film auch ein dazugehöriger Ton von einer Phonographenwalze wiedergegeben werden konnte. All diese Vorführgeräte konnten jedoch nur von jeweils einem Zuschauer zur Zeit betrachtet werden. Im gleichen Jahr 1896 eröffnete die Korbow & Co. einen permanenten Kinobetrieb in der Hamburger Kaiser-Wilhelm-Straße, die dort Filme und eine Art früher Wochenschau mit einem Kinetoskop auf eine Leinwand projizierte. Korbow gastierte damit auch an anderen Standorten wie in den großen Bierhallen auf St. Pauli, Barmbek und Harburg. Die Eintrittspreise lagen wie auch bei den vorangegangenen Automatenvorführungen bei 50 Pfennigen je Vorführung. In der Folge wurden immer neue Kinetoskope in Gaststätten und Etablissements in Betrieb genommen. Ab 1896/97 wurde Aufführungen sogenannter Lebender Photographien feste Programmpunkte vieler Hamburger Varieté-Theater wie der Flora, dem Tivoli oder dem Hansa-Theater, wie es eine Zeitungsanzeige aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 24. Januar 1896 ausweist.

Das erste „echte“ Lichtspieltheater eröffnete der Hamburger Kinounternehmer James Henschel 1905 mit dem Helios-Theater in der Großen Bergstraße zeitgleich mit dem Hamburger Dom – damals noch auf dem Gänsemarkt. Allerdings blieben in Dom-Zeiten nicht nur im Helios die Besucher aus, was das Helios nicht lange überstand. Von dauerhafterem Erfolg war das von Eberhard Knopf im Jahr 1906 am Spielbudenplatz 19 eröffnete Lichtspielhaus mit 667 Sitzplätzen. Bereits seit etwa 1900 führte Knopf auch in seinem benachbarten Bierausschank Filme auf. Immer mehr Wirte sahen in Filmvorführungen einen lukrativen Zusatzverdienst. Am 28. Mai 1905 versuchte der für die innere Ordnung Hamburgs zuständige Senator Schröder mit umfangreichen Polizeiverordnungen den Betrieb der aus Sicht der Obrigkeit suspekten Kinos zu regulieren, in deren Dunkelheit er konspirative Versammlungen befürchtete. In der Folge wurden 1911 die Spielbetriebe über eine neu eingeführte Lustbarkeitssteuer genau erfasst und mit der Abtrennung des Filmvorführrechts von der Schankerlaubnis eine klare Abgrenzung beider Gewerbe geschaffen. Die Kinobetreiber wehrten im November 1911 einen Versuch der Stadt ab, Kinobesuche von Kindern zu verbieten. 1912/13 eröffnete Henschel mit dem Belle-Alliance-Theater das erste Großkino mit mehr als 1000 Plätzen und leitete eine Professionalisierung der Hamburger Kinolandschaft ein. Es kamen weitere repräsentative große Häuser wie das Lessing Theater, Blumenburg oder das Passage-Theater dazu, was zu Lasten kleinerer Spielorte ging. In der Zeit des Ersten Weltkriegs wurden ausländische Filme seitens den Ordnungsbehörden verbannt, jedoch zogen patriotische und Propagandafilme stetig Publikum sowie Soldaten in die Häuser, so dass Hamburger Kinos von den Kriegsfolgen relativ unbeschadet blieben.

Nach dem 1. Weltkrieg

Nach dem Krieg blühte die Filmwirtschaft auf, die Zahlen der Kinos und Besucher nahmen zu. Während der kurzen politisch liberalen Phase nach der Novemberrevolution stieg die Zahl der Kinoproduktionen zwar zahlenmäßig, jedoch nicht in der Qualität ihrer Inhalte. Filme mit zweideutigen und erotischen Inhalten wurden nach kurzer Zeit mittels Zensur und Reichslichtspielegesetz wieder eingedämmt. Die beginnende Rezession und damit verbundene Inflation brachte Kinobetreiber wie deren Angestellte in Bedrängnis. Eintrittspreise waren für viele nicht mehr erschwinglich, zudem belastete die steigende Steuerlast, wie der Vergnügungssteuer, die wirtschaftliche Lage der Lichtspielhäuser. Die Gründung der UFA 1924 setzte einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen den großen Kinobetreibern wie Emelka, UFA, Henschel und Schauburg in Gang, der wieder zu Lasten kleiner Häuser ging. Mit Tonfilmen konnte Ende der 1920er Jahre wieder mehr Besucher gewonnen werden, doch folgte auf den vorangegangenen Konkurrenzkampf, dem Überangebot an Kinos und nicht zuletzt der Weltwirtschaftskrise ein erstes großes Kinosterben mit rückläufigen Besucherzahlen.

Anders als bei vorangegangenen Regierungen erkannten Nationalsozialisten das propagandistische Potential von Filmtheatern und banden sie fest in ihre Politik ein. Mit der Gründung der Reichsfilmkammer und der Zwangseingliederung von Filmindustrie und Kinos wurde Einfluss auf Filmproduktionen und Programme genommen. Kinos im Besitz jüdischer Eigentümer wurden durch Boykotte von Filmverleihen oder Zwangsverkäufe arisiert. In Hamburg betraf dies vor allem die dominierenden Lichtspielhäuser des Henschel-Konzerns, Hermann Urich Sass’ und Manfred Hirschels, sowie einige kleinere Häuser. Die Kinoprogramme wurden auf die ideologische Parteilinie gebracht und setzten sich zunächst aus Unterhaltungsfilmen zusammen, erst in den späteren Kriegsjahren dominierten zunehmend Durchhalte- und Propagandafilme. 1934 florierten Kinobetriebe wieder und die Besucherzahlenstiegen auf 12 Mio. verkaufte Karten. Kinogebäude wurden renoviert und vereinzelt neue gebaut wie die Langenhorn-Lichtspiele 1936, oder der Olympia-Palast und die Alstertal-Lichtspiele 1938. In den 1940er Jahren wurden ausländische Produktionen aus den Kinos verbannt und Propagandafilme immer präsenter. Lediglich das von einem 14.000 Mitglieder starken Verein getragene Urania-Kino konnte sich bis 1942 als unabhängiges Kino behaupten. Ab 1943 schränkten Luftangriffe den Kinobetrieb ein und Leuchtreklamen mussten verdunkelt und Vorführungen häufiger unterbrochen werden. Die Spielzeiten wurden auf den Nachmittag vorverlegt und Programme mussten zunächst um 23:00 Uhr, später schon um 21:00 Uhr beendet sein. 1942 erreichte Hamburg mit 117 Kinos und über 32 Mio. Karten einen neuen Rekord. Nach den schweren Bombardierungen im Juli 1943 waren nur noch 21 Kinos spielbereit. Zur Hebung der Moral der Bevölkerung kam Kinobetrieben eine privilegierte Rolle zu, weswegen sie offen gehalten wurden. Ausgebombte Kinos verlegten ihren Spielbetrieb in Behelfsräume und Sprechbühnen wurden kurzerhand zu Kinosälen umfunktioniert. Im April 1945, kurz vor der Befreiung Hamburgs waren noch 49 Kinos und Behelfskinos im Betrieb, nach dem Einmarsch der Briten am 3. Mai 1945 wurden alle Kinos beschlagnahmt und geschlossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nur wenige Häuser wurden ausschließlich zur Unterhaltung der britischen Besatzungstruppen geöffnet. Erst am 27. Juli 1949 erhielten erste Kinos die Betriebsgenehmigung für die deutsche Bevölkerung. Die Nachkriegsjahre waren von extremer Mangelwirtschaft geprägt, Kinobetreiber arbeiteten in ausgebombten und notdürftig hergerichteten Gebäuden, mit improvisierter Bestuhlung oder in Ausweich- oder Notquartieren, wie Schulhallen oder in umfunktionierten LKW-Anhängern als Wanderkino. Häufig wurde Kinogästen auferlegt Heizmaterial wie Holz, Kohlen oder Briketts bei ihrem Besuch mitzubringen. Allmählich öffneten aufgebaute Kinos und vereinzelt gab es komplette Neubauten. Aufwändige Außenwerbung, oder gar Leuchtreklamen waren weiterhin verboten und die Spielzeiten streng reglementiert. Aufgeführt wurden als unbedenklich freigegebene Vorkriegsfilme und nur wenige Neuproduktionen aus dem Ausland. politische Bildungsprogramme, wie in der amerikanischen Besatzungszone vorgeschrieben, gehörten hier nicht zu den Pflichtprogrammen, jedoch als Vorprogramm Wochenschauen und andere Informationsprogramme aus aller Welt gezeigt. Der Betrieb war wenig einträglich, zudem belasteten hohe Abgaben die Rentabilität der Kinos und die Eintrittspreise waren für viele Hamburger noch unerschwinglich. Mit der Währungsreform 1948 verteuerten sich kurzzeitig die Eintrittspreise.

Mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren erlebten Kinos einen neuen Boom, in kurzer Zeit wurden in nahezu allen Stadtteilen große repräsentative Lichtspielhäuser mit modernster Technik eröffnet, Säle mit mehr als 1000 Sitzplätzen waren nicht selten und es wurden die neuesten in- und ausländische Produktionen aufgeführt. So war das Savoy das erste Kino Europas, das mit Todd-AO-Technik ausgestattet war, am Hauptbahnhof verkürzte das Bali mit seinem Non-Stop-Programm den Zugreisenden die Wartezeit und immer mehr Kinos stellten auf Breitleinwand- und Mehrkanaltontechnik um. Noch bestand die Kinolandschaft überwiegend aus Einzelbetrieben und wenigen Gesellschaften, die mehrere Kinos betrieben. Die Zahlen der Kinos, Sitzplätze und Besucher erreichten neue Rekorde. 1957 hatten die 174 Hamburger Lichtspielhäuser zusammen 90.000 Plätze und konnten mehr als 37 Mio. zahlende Besucher begrüßen, bei etwa 1,7 Mio. Einwohnern der Stadt. Jedoch leitete in diesem Jahr die allgemeine Verbreitung von Fernsehgeräten in privaten Haushalten einen massiven Einbruch der Besucherzahlen ein, da sich die abendlichen Freizeitaktivitäten aus den Kinos in die heimischen Wohnzimmer verlagerten. Der Prozess startete zunächst mit unrentabel gewordenen Vorstadtkinos in den Randbereichen der Stadt und setzte sich allmählich in Richtung Stadtzentrum fort. Die freigewordenen Räumlichkeiten wurden umgehend von Supermärkten besetzt, da sie für die neu entstandenen SB-Märkte optimale bauliche Bedingungen boten. Kinos im Umfeld der Reeperbahn, wie das Knopf’s retteten sich 1969 durch Umstellung des Programms auf Sexfilme. 1971 erreichte das Kinosterben schließlich erste renommierte Häuser in der Innenstadt.