Margret Antonie Boveri (* 14. August 1900 in Würzburg; † 6. Juli 1975 in Berlin) war eine deutsche Historikerin, Publizistin und Journalistin.
Boveri schrieb u. a. für die renommierten Tageszeitungen Berliner Tageblatt unter Paul Scheffer, die Frankfurter Zeitung und – nach deren Verbot – für Das Reich. Ihr Leben war durch zahlreiche historische Brüche gekennzeichnet. In der Zeit des Nationalsozialismus kam sie zunächst mit der Gestapo in Berührung. Als feindliche Auslandskorrespondentin in den USA interniert, kehrte sie während des Zweiten Weltkrieges in das nationalsozialistische Deutsche Reich zurück und trat teilweise durch nationalsozialistisch geprägte Presseartikel hervor. Nach Kriegsende setzte sie sich vor allem für die Wiedervereinigung Deutschlands ein. Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählten so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Wilhelm Conrad Röntgen, Theodor Heuss, Ernst Freiherr von Weizsäcker, Freya von Moltke, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Armin Mohler, Gottfried Benn und Uwe Johnson.
Leben Kindheit Margret Boveri wurde als Tochter des deutschen vergleichenden Anatomen bzw. Zoologen Theodor Boveri und der amerikanischen Biologin Marcella Boveri, geborene O’Grady, in Würzburg geboren. Sie wuchs dort als behütetes Einzelkind in einer zur bürgerlichen Oberschicht zählenden Akademikerfamilie auf. Ihr Vater war als Professor für Biologie Leiter des Zoologischen Instituts der Julius-Maximilians-Universität Würzburg am Pleicherring (heute Röntgenring). Ihre Mutter legte als erste Frau ihr Abschlussexamen am Massachusetts Institute of Technology ab und verzichtete für die Dauer der Kindeserziehung auf ihre wissenschaftliche Karriere. Die Familie wohnte unweit der Universitätsgebäude zunächst in einer Sechs-Zimmer-Wohnung in einem Etagenblock in der Pleicherglacisstraße 8 (ab 1915 Bismarckstraße genannt), einer von Akademikern bevorzugten ruhigen Wohnstraße. In ihrer frühen Jugendzeit erfolgte ein Umzug in eine noch größere Wohnung im 1. Stock des Hauses Bismarckstraße 1. Als Kleinkind wurde Margret von ihren Eltern auf mehrere Auslandsreisen mitgenommen. So bei mehreren Besuchen der Verwandtschaft ihrer Mutter in den USA in den Jahren 1902, 1905 und 1909. Anlässlich zweier Aufenthalte ihres Vaters am Zoologischen Institut von Neapel besuchte sie dort 1911 und 1913 die internationale Schule.
Das durch das Elternhaus sowie ihr soziales Umfeld vermittelte Bild von der Andersartigkeit bestimmter Bevölkerungsschichten und die Distanz, die man zu diesen sogenannten „niederen“ Schichten zu wahren hatte, prägte ihre Erziehung in Kindheit und Jugend. Hinzu kam – im katholisch geprägten Würzburg außergewöhnlich – die atheistische Einstellung ihrer Eltern. Um nicht mit „gewöhnlichen“ Kindern durch den Besuch der örtlich zuständigen Schule im wenig vornehmen Pleicher Viertel, von ihr auch „Professorenviertel“Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 289. genannt, in Berührung zu kommen, erhielt Margret Boveri Privatunterricht. Neben der Vorbereitung für den Besuch einer höheren Schule gehörte auch der obligatorische Klavierunterricht zu ihrer Ausbildung.
Der Tod des Vaters am 15. Oktober 1915 bedeutete einen gravierenden Einschnitt in ihr bislang unbeschwertes Leben. In den autobiographischen Aufzeichnungen Verzweigungen bezeichnete sie diesen Verlust als „Amputation I“. mini|Boveri-Schlösschen in Höfen bei Bamberg Die Ferienzeit verbrachte die Familie regelmäßig in Höfen bei Bamberg, wo die Großeltern ihres Vaters ein Seehaus genanntes Schlösschen besaßen. abgerufen am 24. November 2014. Der Verkauf eines Großteils der zum Anwesen gehörenden Liegenschaften zum 1. Januar 1918 stellte für Boveri die „Amputation II“ dar.
Mangels eines Gymnasiums für Mädchen besuchte sie seit 1917 die städtische Sophienschule, eine seit 1900 bestehende höhere Mädchenschule, die vierjährige Realgymnasialkurse als Vorbereitung für das Abitur anbot. In dem während ihrer Zeit an der Sophienschule gegründeten „Deutsch-Nationalen-Jugendbund“ engagierte sich Boveri als Führerin.
Als der bisherige Eigentümer des von ihrer Mutter bewohnten Mietshauses dieses nach Ende des Ersten Weltkrieges verkaufte, kündigte der neue Eigentümer die von den Boveris genutzte Wohnung in der Beletage. Der Verlust dieser mit ihren gesamten Kindheits- und Jugenderinnerungen verbundenen Wohnung bedeutete für sie die „Amputation III“. Verschärft wurde die Situation noch durch die aufreibende Suche nach einer neuen Bleibe für ihre verwitwete Mutter in Zeiten einer allgemeinen Wohnungsnot und der Unterkunft in wesentlich bescheideneren Mietwohnungen wie in der Bohnesmühlgasse, Hof- und schließlich Crevennastraße 8.
Jugend und Studium 1920 legte Margret Boveri als „Externe“ ihr Abitur am Realgymnasium ab. Da sie noch keine klaren Berufsvorstellungen hatte, nahm sie zunächst Klavierunterricht in der Meisterklasse von Hermann Zilcher, dem Leiter des Würzburger staatlichen Musikkonservatoriums. Daneben immatrikulierte sie sich am 20. Oktober 1920 an der Universität Würzburg für die Fächer Englisch, Italienisch, Geschichte, Germanistik und Zoologie. Als Brotberuf fasste sie eine Tätigkeit als Lehrerin ins Auge, obwohl sie keine besondere Neigung dazu empfand. Vom Studienbetrieb war sie enttäuscht. Trotzdem legte sie in den Fächern Deutsch, Geschichte und Englisch am 29. April 1924 das Staatsexamen ab. Nach dem einjährigen Referendariat an der Oberrealschule absolvierte Boveri das Studienassessorexamen für Deutsch. Zum Schuldienst konnte sie sich allerdings nicht durchringen. Motiviert durch eine finanzielle Unterstützung ihrer Mutter, versuchte sie im Herbst 1925 ohne große Ambitionen eine Fortsetzung ihres Geschichtsstudiums in München. Im Sommer 1927 unterbrach sie dieses, um als Sekretärin an das Zoologische Institut in Neapel zu gehen. Im Oktober 1929 kehrte sie nach Deutschland zurück und setzte ihr Studium an der Hochschule für Politik in Berlin fort, wo sie in der Rotdornstraße 2 im Ortsteil Friedenau eine Mansardenwohnung bezog. Im November 1929 immatrikulierte sie sich außerdem an der Friedrich-Wilhelm-Universität für Neuere Geschichte und Philosophie.
In Neapel hatte Boveri den afroamerikanischen Zoologen Ernest Just kennengelernt, der am Zoologischen Institut als Gastprofessor tätig war. Zwischen den beiden entwickelte sich ein Verhältnis, nachdem Boveri sich in den siebzehn Jahre älteren verheirateten Wissenschaftler verliebt hatte. Trotz der Ablehnung dieser Liaison durch ihren Freundeskreis dauerte die Beziehung noch bis in die gemeinsame Berliner Zeit und endete erst, als Just, seit Januar 1930 am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem tätig, im Sommer 1931 seiner zukünftigen Frau Hedwig Schnetzler begegnete.mini|Berliner Gedenktafel am Haus Opitzstraße 8 in Berlin-SteglitzEnde 1929 begann Boveri mit ihrer Dissertationsarbeit bei Hermann Oncken zum Thema Persönlichkeiten und Apparat der außenpolitischen Geschäftsführung unter Sir Edward Grey. Ende September 1930 konnte sie eine Neubauwohnung in Berlin-Lichterfelde in der Neuchateller Straße 19 beziehen und sich hier ungestört ihrer Arbeit widmen. Das Promotionsverfahren schloss sie am 9. Juni 1932 mit der Gesamtnote „cum laude“ ab. Boveri zeichnete darin ein negatives Bild der englischen Außenpolitik. Auch Edward Grey habe einfach die deutschfeindliche Politik seiner Vorgänger fortgeführt und durch seine Vorliebe für Frankreich noch verschärft.
Karriere als Journalistin während der Zeit des Nationalsozialismus Im März und April 1933 unternahm Boveri in Begleitung von drei Freunden eine Automobilreise durch Marokko, Algerien und Tunesien. Die Zäsur durch die nationalsozialistische „Machtergreifung“ und die schon 1933 begonnenen Veränderungen der Presselandschaft sah Boveri zunächst gelassen. Eine Exil-Existenz schloss sie kategorisch aus – auch noch als Bekannte und Weggefährten von den Säuberungsmaßnahmen der neuen Machthaber betroffen wurden und sie selbst Erfahrungen mit der Gestapo sammeln musste. Sie war entschlossen, ihren gewünschten Einstieg in die Publizistik zu realisieren, und hatte hierbei einen günstigen Zeitpunkt getroffen, da durch den mit dem neuen Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933 eingeführten Ariernachweis Redakteur- bzw. Journalistenstellen, die bis dahin deutsche Juden innehatten, in erheblichem Maße frei wurden. Am 9. Dezember 1933 beantragte sie ihre Aufnahme in den Reichsverband der Deutschen Schriftsteller. Die Bewerbung für eine Festanstellung bei ihrer Wunschzeitung, der Frankfurter Zeitung (FZ), scheiterte jedoch, so dass sie am 27. August 1934 schließlich als Volontärin in die außenpolitische Redaktion des Berliner Tageblatts eintrat, dessen Chefredakteur Paul Scheffer sie förderte und mit dem sie ein Leben lang in enger Verbindung blieb. Im Auftrag des Berliner Tageblatts nahm sie im Sommer 1935 an einer Gruppenreise deutscher Journalisten nach Athen teilVgl. ihren Bericht: 12 deutsche Journalisten auf einem griechischen Schiff. In: Neue Athener Zeitung, 21. Juli 1935, S. 1 und 4. und bereiste 1936 Malta, Ägypten und den Sudan. 1938 folgte eine große Orientreise, finanziert durch die Frankfurter Zeitung und den Atlantis Verlag, die sie mit ihrem Buick unternahm und die sie in die Türkei, nach Jordanien, in den Libanon, den Irak und den Iran führte. Literarische Früchte ihrer Reisen waren neben Zeitungsreportagen die Bücher Vom Minarett zum Bohrturm und Ein Auto, Wüsten, Blaue Perlen.
Von 1939 bis zum Verbot der Zeitung 1943 war sie Auslandskorrespondentin der Frankfurter Zeitung (FZ) in Stockholm und New York. Auf eigenen Wunsch kehrte sie – mitten im Zweiten Weltkrieg, nachdem man sie nach Kriegseintritt der USA zeitweise in New York als „feindliche Ausländerin“ interniert hatte – im Mai 1942 nach Europa (Lissabon) zurück, wo sie ihre Tätigkeit für die FZ sofort wieder aufnahm. Sie veröffentlichte in der FZ nunmehr auch antisemitische Beiträge, etwa: Landschaft mit doppeltem Boden. Einfluss und Tarnung des amerikanischen Judentums.Frankfurter Zeitung, Mai 1943, Nr. 268 und 269. Die Schärfe der Beiträge sei auf redaktionelle Eingriffe zurückzuführen, erklärte sie nach dem Krieg.Günther Gillessen: Auf verlorenem Posten. Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich. Berlin 1986, S. 479 f. Am 20. Juli 1941 wurde ihr die Kriegsverdienstmedaille, das war die erste Stufe der fünfstufigen von Hitler gestifteten Auszeichnung Kriegsverdienstkreuz, verliehen.Klee 2007, S. 71. Nach dem Verbot der FZ durch das NS-Regime nahm Boveri eine Tätigkeit als Verfasserin von Berichten in der deutschen Botschaft in Madrid auf. Sie kehrte im März 1944 wieder nach Berlin zurück und war als freie Mitarbeiterin der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich bis Kriegsende tätig. Sie wohnte im Vorderhaus der Charlottenburger Wundtstraße 62 IV. am Lietzensee, die aber durch einen Bombenangriff am 3. Februar 1945 schwer beschädigt wurde, so dass sie kurz nach Kriegsende, in die Thielallee 13 in Berlin-Dahlem umzog. Bis zu ihrem Tode lebte sie als freie Journalistin in Berlin.