Museologie (auch „Museumswissenschaft“ oder „Museumskunde“ genannt) „umfasst die Beschreibung, Klassifizierung und Erklärung sämtlicher für das Musealphänomen maßgebenden theoretischen Grundlagen und praktischen Verfahren, Methoden, Techniken und Hilfsmittel. Da das Arbeitsfeld der Museologie wie das anderer Grunddisziplinen umfassend ist, bedient sie sich auch einer Vielzahl von Methoden. Zu ihnen gehören vor allem Beobachtung, Befragung, Erhebung, Messung, Deutung, Ableitung, Vergleich, Schlussfolgerung, Verallgemeinerung und Erklärung.“Friedrich Waidacher: Handbuch der allgemeinen Museologie. Böhlau, Weimar/Wien 1999, S. 31f.
Die Begriffsableitung „Museologe“ bezeichnet zum einen Angehörige dieser Wissenschaft, das sind diejenigen, die sich theoretisch und auf der wissenschaftlichen Basis der Museologie mit Musealität (s. u.) und Museum an Universitäten oder Fachhochschulen beschäftigen, zum anderen diejenigen Personen, die nach entsprechender wissenschaftlicher Ausbildung museologische Ansätze in die Museumspraxis einbringen. Das bedeutet, dass nicht automatisch alle an Museen beschäftigten (Fach-)Wissenschaftler Museologen sind.
Geschichte Die erste Quellenschrift zur Museumstheorie und Museumskunde Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi stammt von Samuel Quiccheberg (1529–1567). Er wird deshalb auch als „Vater der Museologie“ bezeichnet.Friedrich Waidacher: Handbuch der Allgemeinen Museologie. Wien [u. a.] 1999, S. 84. In diesem Traktat wird ein Konzept für ein ideales Museum („Theatrum“) beschrieben.
Ein weiterer wichtiger Mitbegründer der Museologie war Johann Daniel Major (1634–1693). Er schrieb beispielsweise das Werk Unvorgreiffliches Bedenken von Kunst und Naturalienkammern insgemein und führte den Terminus Tactica Conclavium ein. Dies bezeichnet die Wissenschaft, wie Kunst- und Naturalienkammern, die Vorläufer der modernen Museen, eingerichtet werden sollen.
Kaspar Friedrich JencquelKaspar Friedrich Jencquel: Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlichen Anlegen der Museorum oder Raritäten-Kammern. Michael Hubert, Leipzig / Breslau 1727, S. 199 (online). (1679–1729) schuf mit seiner Publikation Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum oder der Raritätenkammern, ein grundlegendes Werk der Museologie der damaligen Zeit. Louis-Sébastien Mercier stellt 1771 in L'An 2440, rêve s'il en fut jamais am Vorabend der Französischen Revolution die Ordnungskonzepte der zentralisierten Museen Frankreichs dar (Louvre).
Im Jahr 1839 wurde der Begriff Museologie erstmals von Georg Rathgeber (1800–1875) verwendet, der damit eine wissenschaftliche Museums- bzw. Sammlungsbeschreibung bezeichnete. Johann Georg Theodor Grässe plädierte als Herausgeber der Zeitschrift für allgemeine Museologie und verwandte Wissenschaften – später unter dem Titel Zeitschrift für Museologie und Antiquitätenkunde sowie verwandte Wissenschaften – 1883 in einem Artikel über „Die Museologie als Fachwissenschaft“„Die Museologie als Fachwissenschaft“. Zeitschrift für Museologie und Antiquitätenkunde sowie verwandte Wissenschaften (Dresden) 6, Nr. 15; 17 (1883): 113–15; 129–31. http://digital.slub-dresden.de/id407977015-18830000. dafür, die Museologie als eigene Disziplin zu betrachten.Enrico Hochmuth und Ines Keske: „Alma mater et Museologie non grata: Über die Akademisierung einer jungen Wissenschaft“. CURIOSITAS Zeitschrift für Museologie und museale Quellenkunde 9–10 (2010 2009): 3–19, https://www.denkmal-buch-geschichte.de/image/data/Curiositas/1-6-09-10.pdf, S. 7.
In bewusster Distanzierung hierzu nannte Karl Koetschau seine ab 1905 erscheinende, stark praxisorientierte Fachzeitschrift Museumskunde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Musealphänomen umfassend wissenschaftlich reflektiert und nicht mehr als Institutionengeschichte, sondern als Ideengeschichte aufgefasst. Wichtige Impulse hierfür gingen von dem 1946 gegründeten International Council of Museums (ICOM) aus.Guido Fackler: „Die Museumswissenschaft ist erwachsen geworden“: Zur Fachgeschichte der Museologie, zur Museumsausbildung und zum Würzburger Studienangebot. In: Deutscher Museumsbund (Hrsg.): Museumskunde (Band 79, Heft 2). Berlin 2014, S. 40.
In Köthen (Sachsen-Anhalt) wurde am 1. September 1954 eine Fachschule für Museumsassistenten gegründet, die in den folgenden Jahrzehnten mehrere Namensänderungen und Standortwechsel durchlief. Bereits 1956 wurde sie in das Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels verlegt und 1957 in Fachschule für Heimatmuseen umbenannt. 1966 erfolgte eine erneute Umbenennung in Fachschule für Museologen und ihr Umzug nach Leipzig. Die Fachschule war lange Zeit die einzige Ausbildungsstätte für Museologen in Europa und spielte eine entscheidende Rolle in der Ausbildung von Museologen in der DDR. Sie bot eine praxisnahe Ausbildung, die Fachwissenschaft, Museologie und Didaktik verband. Trotz hoher Qualität der Ausbildung blieb ihr der Status einer Fachhochschule zu DDR-Zeiten verwehrt. Nach 1990 wurde sie als Institut für Museologie weitergeführt und schließlich in die neu errichtete Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig integriert.
Um die Abgrenzung von der praxisorientierten Museografie und Museumskunde und zugleich für die wissenschaftliche Legitimierung der Museologie haben sich ab den 1960ern u. a. Zbyněk Stránský (1926–2016)Christian Müller-Straten: The Contribution of Zbynek Z. Stransky to Museology within the Frame of the Brno Museology School. In: Museum aktuell, Januar 2007, S. 19–22. und Peter van Mensch verdient gemacht. Fortgeführt und ausgeweitet wurden diese Arbeiten im deutschsprachigen Raum u. a. durch Friedrich Waidacher, dessen Handbuch für Allgemeine Museologie als eines der Standardwerke für die moderne Museologie gilt, und des Weiteren durch Guido Fackler, der ein umfassendes museologisches Studienangebot vom Bachelor bis zur Promotion an einer deutschen Universität, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, etablierte.Guido Fackler: „Die Museumswissenschaft ist erwachsen geworden“: Zur Fachgeschichte der Museologie, zur Museumsausbildung und zum Würzburger Studienangebot. In: Deutscher Museumsbund (Hrsg.): Museumskunde (Band 79, Heft 2). Berlin 2014, S. 40–44.
Musealität Als ureigener Forschungsgegenstand der theoretischen Museologie gilt weniger das Museum, sondern vielmehr die „Musealität“. Unter Musealität wird je nach Ansatz verstanden: „eine spezifisch erkennende und wertende Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit“Friedrich Waidacher, auch in diesem Punkt nach Zbynek Z. Stránský in: Handbuch der allgemeinen Museologie. Böhlau, Weimar/Wien 1999, S. 34. Dies ist gleichbedeutend mit der Annahme einer anthropologischen Konstante, dass der Mensch Dinge als Zeugnisse bestimmter Sachverhalte auswählt, aufbewahrt und der Gesellschaft vermittelt. Im Lauf der Geschichte äußert sich diese Konstante in unterschiedlichen Formen, zuletzt im Phänomen „Museum“. die einem Objekt durch Aufnahme in eine museale Sammlung zugewiesene Qualität als Erinnerungsträger die Eigenschaft von einem gegenständlichen „Kulturerbe“, in einer Realität eine andere zu dokumentieren.
Es wird deutlich, dass sich diese drei Ansätze grundsätzlich nicht ausschließen, sondern ergänzen.
Aufgabe der angewandten Museologie ist es, die Musealität vor dem Hintergrund eines bereits existierenden oder zu schaffenden Sammlungskonzepts zu erkennen, herauszuarbeiten und zu vermitteln (siehe auch Museumspädagogik). Dies kann entweder im verdichteten Medienverbund einer Ausstellung mehrerer Objekte, am einzelnen Objekt oder mittels sekundärer Medien (Publikation, Film, Audio, Internet …) erfolgen. Museologie ist nicht zu verwechseln mit praktischer Museumskunde, die sich z. B. Fragen der Bestandserhaltung, Konservierung, der Dokumentation und Inventarisierung, des Leihverkehrs und der Vermittlung (Museumspädagogik) widmet.
Sammlung, Sammlungsstrategien, Inventarisierung Eine der vorrangigen Aufgaben von praktisch tätigen Museologen ist es, in Abstimmung mit den Fachwissenschaftlern, Restauratoren und benachbarten Institutionen, Strategien für die Sammlungstätigkeit des jeweiligen Museums zu entwickeln. Es ist anhand eines konkreten Sammlungskonzepts zu entscheiden, ob und nach welchen Kriterien ein Objekt in die Sammlung des Museums aufgenommen werden soll. So können Objekte als Repräsentanten einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Region oder einer Entwicklungsreihe gesammelt werden. Weitere Sammlungskriterien sind Einzigartigkeit, Seltenheit, Häufigkeit, materielle Beschaffenheit und Wert.
Nach dem formal-juristischen Akt der Registrierung im Eingangsbuch erfolgt meist zeitversetzt die Inventarisierung, in der alle relevanten wissenschaftlich recherchierten Daten zum Objekt erfasst und mit verwaltungstechnischen Angaben (z. B. Aufbewahrungsort, Ausleihdaten) versehen werden. Im besten Fall ist die dabei erfasste Datenmenge weitaus größer als die in Ausstellungskatalogen abgedruckten Inhalte.
Ordnungsprinzipien Ein Museum ist ein Raum zur Aufnahme von Gegenständen, ein Kulturbehälter, der einer begehbaren inneren Ordnung bedarf, wobei die räumliche Anordnung nicht notwendigerweise die Systematik der jeweiligen Bezugswissenschaft abbilden muss. Bei näherer Betrachtung zeigt sich nämlich, dass dies zum einen nur bei wenigen Wissenschaften möglich ist, zum anderen Präsentationen, welche die Systematik zum alleinigen Ausgangspunkt haben, kaum besucherfreundlich sind.
Die Museumswissenschaft befasst sich seit Johann Daniel Major als Ordnungswissenschaft mit der systematischen oder didaktischen räumlichen Anordnung musealer Gegenstände im architektonischen Raum des Museums. Grundlage sind Ordnungskonzepte, die den einzelnen Gegenstand in den Sinnzusammenhang des zeitlichen, räumlichen, materiellen oder qualitativen Ordnungsgefüges einbetten. Dadurch werden Epochen und großräumige und globale Zusammenhänge zu überschaubaren Präsentationen exemplarischer Gegenstände reduziert. Die Gliederung nach Epochen oder Periodisierungen erlaubt eine synchronistische Geschichtsdarstellung.
Hieraus ergibt sich auch die Differenzierung von Dauerausstellung und Ausstellung auf Zeit sowie die Trennung von Ausstellungshalle, Schausammlung und Studiensammlung und Magazin. Andererseits bedingt die Präsentation der Gegenstände deren Bewachung, Erhalt und Konservierung, Beschriftung und Beleuchtung sowie verschiedene Techniken der Veranschaulichung und Vermittlung.
Die räumliche Ordnung kann zeitliche Abfolgen wiedergeben (Antike – Mittelalter – Neuzeit – Moderne) und dadurch Entwicklungen sichtbar machen, wie auch naturhistorische Museen Entwicklungslinien durch entsprechende Anordnungen der Sammlungsbestände nachvollziehbar machen (siehe: Phylogenese). Materialklassen zusammenfassen, und so die Entwicklung besonderer Technologien zeigen, wie dies in den Glas-, Keramik- und Porzellan-Abteilungen von Kunstgewerbemuseen und Technikmuseen, Waffen- und Instrumentensammlungen geschieht. Daher ist auch die Numismatik auch eine Museumswissenschaft. Kontinente und Länder in ihren Entwicklungen zusammenfassen, wie es Abteilungen für Europäische Kunst oder Präkolumbische Kultur, für Italienische Malerei oder Holländische Kunst in den kunst- und kulturgeschichtlichen Museen leisten und Volkskunde- und Freilichtmuseen durch topografische Ordnung. qualitative Ordnungen, z. B. nach künstlerischen Schulen durch eine Anordnung nach den Hauptmeistern und ihrer Werkstattwirkungen, eine Anordnung, der viele Gemälde- und Graphiksammlungen folgen. Andere qualitative Ordnungen unterscheiden zwischen Monumentalwerken und Kleinkunst, zwischen Hochkunst und Alltagsgegenstand, Medien vom Werbemittel über das Plakat bis zur Zeitung, Technologien vom Handwerk bis zur Großindustrie.