mini|hochkant=1.5|Mit zwei Stöckchen geschlagene Rahmentrommel parai in Tamil Nadu Parai (Tamil ), auch tappu, thappu (Tamil ) und kottu, ist eine kreisrunde einfellige Rahmentrommel, die in der Volksmusik der indischen Bundesstaaten Tamil Nadu und Andhra Pradesh verwendet wird. Die bereits in der alttamilischen Literatur des 1. Jahrtausends erwähnte parai wird in Tamil Nadu hauptsächlich bei religiösen und zeremoniellen Anlässen von der niedrigstehenden Berufskaste (jati) der Paraiyar gespielt, von denen der Name der Trommel auf die Sozialgruppe Paria überging. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr die parai mit ihrem einfach konstruierten Holzrahmen und einer Membran aus Kalbshaut eine Umbewertung: Sie wurde von einer Ritualtrommel einer regionalen dörflichen Unterschicht zum kulturellen Symbol der politisch aktiven tamilischen Dalit-Bewegung. Zahlreiche Veröffentlichungen behandeln die mit der parai verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen und Konflikte innerhalb der indischen Kastenhierarchie.

Eine aus einem Metallring geformte und stets paarweise eingesetzte Rahmentrommel in den beiden Bundesstaaten heißt pirai. Die parai der tamilsprachigen Paraiyar-Trommlerkaste in Sri Lanka ist eine zweifellige Zylindertrommel.

Parai (frühere Schreibweise parrai) ist ferner eine andere Bezeichnung für die tönerne Sanduhrtrommel parang (parrang) der Muria, einer Adivasigruppe im Distrikt Bastar im zentralindischen Bundesstaat Chhattisgarh.

Herkunft mini|hochkant|Stupa von Sanchi, Westpfeiler am Nordtor. Viele Gläubige haben sich zur Verehrung des Stupa versammelt. Im Mittelpunkt ein Tänzer, der sich im Kreis dreht. In der unteren Reihe stehen sieben Musiker, von links nach rechts: zwei lange Naturtrompeten ähnlich der carnyx, ein gedoppeltes Rohrblattinstrument, eine Fasstrommel mit beiden Händen geschlagen, eine Zylindertrommel mit Stöcken auf das obere Fell geschlagen, eine große Rahmentrommel und vermutlich eine Bogenharfe vina. In der auf Sanskrit und Tamil verfassten altindischen Literatur werden Hunderte Trommelnamen erwähnt, die auf eine Form der zahlreichen Trommeltypen oder die bestimmte Funktion einer Trommel verweisen. Einer der ältesten Trommelnamen auf Sanskrit, dundubhi, der im Rigveda und in der nachfolgenden klassischen Literatur vorkommt, bezeichnete mutmaßlich eine hölzerne Kesseltrommel oder eine Röhrentrommel, die als Kriegstrommel gebraucht wurde. Heutige Kesseltrommeln sind beispielsweise das Kesseltrommelpaar nagara, die große dhamsa der Santal und anderer Adivasigruppen in Ostindien und die kleine nissanDavid Courtney: Nissan, Mawaloti, or Lohati. chandrakantha.com (Abbildung) der Muria.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 45 Neben dem Wort dundhubi, das auch funktionell für eine in Ritualen und kriegerischen Zusammenhängen eingesetzte Trommel gestanden haben könnte, war mridangam im 1. Jahrtausend der verbreitetste Name für eine Trommel. Damit waren unterschiedlich geformte Röhrentrommeln gemeint. Der dritte Trommeltyp, die Rahmentrommel, kam im alten Indien nur vereinzelt vor. In der antiken Region Gandhara im äußersten Nordwesten Südasiens gab es einfellige Rahmentrommeln, die vermutlich aus Vorderasien stammten und sich später bis nach Zentral- und Südindien ausbreiteten.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31, 33

Die Rahmentrommeln wurden überwiegend mit gebogenen Stöcken geschlagen. Auf einem Medaillon der Shunga-Zeit, das sich am Steinzaun (vedika) des Stupas von Bharhut (2.–1. Jahrhundert v. Chr.) befand, ist in der Mitte ein Elefant zu sehen, der von mehreren Affen umgeben ist. Rechts schlägt ein Affe eine Sanduhrtrommel, die an einem Riemen um seine rechte Schulter hängt, mit einem geraden Stock. Am unteren Rand, zwischen den Vorderfüßen des Elefanten, schlägt ein anderer Affe mit einem gekrümmten Stock auf eine große Rahmentrommel, die ebenfalls um seine Schulter hängt. Bei den Darstellungen mit Affen handelt es sich wohl um Szenen aus den Jatakas (Erzählungen aus den früheren Leben des Buddha). Ebenfalls große Rahmentrommeln werden an mehreren Toren des Steinzauns um den Stupa 1 von Sanchi (1. Jahrhundert v. Chr.) gezeigt. Bei einem der Trommler (Osttor, Außenseite, untere Reihe links) ist zu erkennen, dass er die senkrechte Trommel mit einem gebogenen Stock in jeder Hand schlägt, folglich wird er sie an einem Gurt um den Hals gehängt haben.Walter Kaufmann, 1981, S. 48, 62, 66 Eher eine Rahmentrommel als einen Gong zeigt auch ein Relief aus dem Stupa von Amaravati in Südindien (2. Jahrhundert n. Chr.). Das Instrument hängt an einer Stange, die von zwei Zwergen auf ihren Schultern getragen wird. Es scheint eine zweifellige Rahmentrommel zu sein, weil die Zwerge mit Stöcken und weitausholenden gestreckten Armen von beiden Seiten schlagen. Auf einer Wandmalerei in den buddhistischen Felshöhlen von Ajanta (6. Jahrhundert, Höhle 10) ist ein großes Ensemble von Musikerinnen zu sehen, die vermutlich anlässlich einer religiösen Prozession Trompeten blasen, Rahmentrommeln schlagen, klatschen und tanzen.Walter Kaufmann, 1981, S. 104, 172

Mythos In Tamil Nadu gilt die parai als das älteste Membranophon. Um ihre rituelle Bedeutung zu begründen, wird die parai im Mythos mit der kleinen sanduhrförmigen Rasseltrommel udukkai oder damaru gleichgesetzt, die als ein Attribut Shivas erscheint. Shivas Trommelschläge stellen den Urklang dar. Shiva, einer der Hauptgötter der Dalits, produziert mit dieser Trommel den Puls der kosmischen Zeit, er erschuf mit ihr das Universum und erschafft es immer wieder neu.J. Rajasekaran, David Blake Willis, 2003, S. 72

Die Trommel wird in einem Herkunftsmythos der Paraiyar eingeführt, der hauptsächlich zur Erklärung ihres niedrigen Sozialstatus dient. Die grundlegende Erzählung des Mythos lautet: Ursprünglich gab es zwei arme Brüder, die sich trafen, um an Gott zu beten. Gott trug ihnen auf, die Haut von einer toten Kuh abzuziehen. Der ältere Bruder wollte sagen: „Mein jüngerer Bruder soll es tun“, zu vernehmen war aber: „Mein jüngerer Bruder ist ein Brahmane“ (pappaan – paappaan). So wurde der jüngere Bruder zu einem Brahmanen (paappaan) und der ältere zu einem Pariyar. Obwohl sozial am unteren Rand der Gesellschaft stehend sehen sich die Pariyar dennoch gegenüber den Brahmanen in der Position eines älteren Bruders, der innerhalb der Familie im Rang gleich nach dem Vater als dem Familienoberhaupt steht. Nur ein Missverständnis degradierte also die einst gleichrangigen Paraiyar.

In einer Variante dieses Mythos heißt es: Zwei Brüder waren Priester in einem Mariyamman-Tempel. Der ältere Bruder erklärte, zu fasten und ein Schweigegelübde einhalten zu wollen. Der jüngere Brüder möge sich weiterhin um den Tempel kümmern. So verkündete er: Nan parrayan, tampi parpar, „ich bin der Trommler, der jüngere Bruder ist der Priester“ (parrayan aus parai, „Trommel“, und ar, „Person“; parpar aus par, „sehen“, also „Seher, Weiser, Priester“). Auch hier stehen beide Brüder am Anfang auf gleicher Sozialebene und der ältere Bruder, der Paraiyar, erweist sich als der aktivere der beiden.

In der folgenden Version erhält die Trommel ihre Funktion: Zwei brahmanische Brüder heißen Annan und Tampi. Annan, der jeden Tag im Tempel die Gottheit verehrt (puja), wird dazu gebracht, eine Kuh zu töten und daraufhin gezwungen, ihr Fleisch zu essen. Dadurch wird er zum Unberührbaren, weil nur ein Unberührbarer Rindfleisch isst, und muss das Dorf verlassen. Als Annan und seine Frau in einem anderen Dorf ankommen, erhalten sie dort eine Hütte und Annan wird die Aufgabe eines Dorfwächters zugeteilt, der die Gemeinde zu Versammlungen rufen soll. Um besser gehört zu werden, nimmt Annan etwas Kuhhaut und fertigt daraus eine Trommel (parai). Seitdem werden er und seinesgleichen Paraiyar genannt. Für seine Arbeit sammelt und verarbeitet Annan die Haut toter Kühe. Weil er dadurch unrein geworden ist, meidet ihn die Gesellschaft. In dieser Version sind die Paraiyar von einem ursprünglich angesehenen Brahmanenstand in Armut und Abhängigkeit gefallen. Gemäß den Ursprungsmythen gestehen die Pariyar ein, dass die Verwertung toter Rinder, der Verzehr von Rindfleisch, das Trommelspiel und die Leichenbestattung unreine verachtenswerte Tätigkeiten sind, aber erkennen diese nicht als charakteristisch für ihre Gruppe und als ursprünglich eigene Handlungen an. Die gesellschaftliche Gliederung durch das Kastensystem wird in den Mythen nicht infrage gestellt.Robert Deliege: The Myths of Origin of the Indian Untouchables. In: Man, New Series, Band 28, Nr. 3, September 1993, S. 533–549, hier S. 536–539

Paraiyar werden zu „Unberührbaren“ im indischen Kastensystem, weil sie die Felle von dem Namen nach als „unantastbar“ (Sanskrit aghnya) geltenden Kühen verarbeiten und die mit Rindshaut bespannten Trommeln mit ihren Händen schlagen. Dadurch geraten sie in Kontakt mit einer durch den Tod der Kuh entstandenen Substanz. Zu ihren rituellen Aufgaben (tholil, toril) gehört, bei Beerdigungen und anderen Familienfeiern aufzutreten. Der Begriff tholil bezieht sich nur auf Rituale von „Unberührbaren“ und anderen niedrigstehenden Dienstleistungskasten. Das Trommelspiel bringt die Paraiyar mit den Totengeistern (Tamil peey, von Sanskrit pret, „verstorben“, „abgereist“) und den übrigen Dämonen (bhuta) in Verbindung. Die peey gehören zu den unglücklich Verstorbenen, den bei der Geburt, durch einen Unfall oder durch Suizid getöteten Menschen; sie sind übelwollende unreine Geister, die ohne Vorwarnung über Menschen herfallen. Die Trommler der Pariyar haben Menschen und göttliche Wesen vor Angriffen durch die peey zu beschützen.Michael Moffatt: An Untouchable Community in South India: Structure and Consensus. Princeton University Press, Princeton 1979, S. 112f

Wortumfeld mini|hochkant|Zylindertrommel dappu und Kegeloboe mukhavina der Irulas, einer Adivasi-Gruppe in den südwestindischen Nilgiri-Bergen. Form und Verschnürung der dappu ähneln der parai in Sri Lanka. Aufnahme von 1871/72 Die Kastenbezeichnung Paraiyar ist der Plural von Paraiyan, der sich aus Tamil parai-an, „Trommel-Person“, zusammensetzt. Der Name der Trommel, parai, steht mit paraidal, „ankündigen“ in Verbindung und bezieht sich auf deren Funktion als Signal- und Ritualinstrument bei Gemeindeversammlungen, Tempelfesten, Beerdigungen und anderen familiären Anlässen. Alastair Dick, Zoe C. Sherinian: Paṟai, 2015 Aus dieser Übersetzung wurde abgeleitet, die parai habe in alttamilischer Zeit den Sieg nach einer Schlacht verkündet. Damals sei die Trommel noch nicht mit Kalbshaut, sondern von Jägern und Kriegern mit dem haarigen Fell von Wildtieren bespannt worden. Eine Etymologie setzt Paraiyar aus parai und aiyar („Priester“ oder „Brahmane“) zusammen, so werden die Paraiyar zu „Priestern der Trommel“ entsprechend ihrer mutmaßlich einst höheren sozialen Stellung. Damit soll auch die in alttamilischer Zeit vermutete sakrale Bedeutung der parai bestätigt werden.C. Joe Arun, 2007, S. 97f Im Gegensatz dazu kommt laut einer Untersuchung von 1978 unter den Tamilen im Norden Sri Lankas der umgangssprachliche Ausdruck parai paasah (wörtlich „Paria-Sprache“) mit der Bedeutung „vulgäre Sprache“ vor. Ebenso könnte dort das Erscheinungsbild eines schäbig gekleideten Menschen bei einer vornehmen Veranstaltung als parai-k-kulam („Paria-Gemeinschaft“) oder ein Hund als zu einer verachtenswerten Tierart gehörig als parai naay („Paria-Hund“) bezeichnet werden.S. Suseendiraraja: Caste and Language in Jaffna Society. In: Anthropological Linguistics, Band 20, Nr. 7, Oktober 1978, S. 312–319, hier S. 315