mini|Julius Konrad Otto, Kupferstich von August Christian Fleischmann, 1728 Julius Konrad Otto, auch Julius Otto, geboren als Naphtali Margolioth (; * 12. September 1562 vermutlich in Prag; † 1649 oder eher um 1655/56 in Edinburgh) war Professor für hebräische Sprache an der Akademie Altdorf und der Universität Edinburgh, vermutlich auch Professor extraordinarius für Hebräisch an der Universität Gießen.

Einen Teil seines Lebens verbrachte er im Osmanischen Reich. Während vieler Jahre auf Wanderschaft war er unter anderem in Nürnberg, Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main, Butzbach, Bozen, Kempten im Allgäu, Straßburg und Worms als privater Hebräischlehrer tätig. Otto stammte aus dem Judentum und gehörte im Laufe seines Lebens nacheinander der römisch-katholischen, der evangelisch-lutherischen, der reformierten und der presbyterianischen Kirche an, vielleicht unterbrochen durch eine zwischenzeitliche Rückkehr zum Judentum.

Leben Herkunft Julius Konrad Otto (Naphthali Margolioth)Nach hebräisch מרגלית margalith „Perle“, vgl. etymologisch verwandt margaríta, lateinisch margarita „Perle“ und den jüdischen Familiennamen „Perlmann“; Leopold Zunz: Namen der Juden. Eine geschichtliche Untersuchung. Gerstenberg, Leipzig 1837, S. 71. soll nach einer zeitgenössischen Notiz ein Sohn von Martin Philipp (Otto) und Maria Magdalena in Wien gewesen sein.Andreas Calagius: Natales Illustrium Virorum, Foeminarum, Urbium, Academiarum, Et Monasteriorum. Friedrich Hartmann, Frankfurt an der Oder 1609, S. 287 (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen). Spätere Literatur ist von dieser Darstellung abhängig. Jedoch sind weder christliche Vornamen seiner jüdischen Eltern noch Wien als Geburtsort wahrscheinlich. Prozessakten und eine Verbindung zum Bistum Würzburg deuten auf eine Herkunft der Familie aus dem württembergisch-fränkischen Raum hin. In einer Publikation bezeichnete sich Julius Otto als Pragensis (= aus Prag stammend). Er selbst führte seine Abstammung zurück auf Rabbi Jakob Margolioth (יעקב מרגליות) (* um 1430; gest. um 1492),Aus Lucca, auch Jakob Joseph Jaffe genannt Margolioth (יפה-מרגליות), gestorben in Worms.Jacob Margolioth of Nuremberg. In: Isidore Singer, Cyrus Adler (Hrsg.): The Jewish Encyclopedia, Bd. VIII., Funk und Wagnalls, New York 1904, S. 328. Hochmeister der Juden zu Nürnberg,Regest einer Urkunde Kaiser Friedrichs III. vom 22. November 1487, ausgestellt in Nürnberg (Digitalisat bei Regesta Imperii Online). und seinen Sohn Rabbi Eisek (Isaak ben Jakob) Margolioth (אייזק מרגליות) (* um 1456; gest. 1525),Aus Worms; Adolf Kohut: Der alte Prager jüdische Friedhof. Brandeis, Prag 1897, S. 97. Oberrabbiner von Prag.Gali Razia. Occultorum Detectio. Sebastian Körber, Nürnberg 1605 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München); Johann Duber, Stettin 1613 (Google-Books). Ein Teil der Familie emigrierte wegen der Verfolgungen in Deutschland und Böhmen nach Krakau und in andere polnische Städte. Ihr bedeutendster Vertreter war Samuel Margolioth (* um 1512; gest. 1551), der 1527 von König Sigismund I. zum Senior der großpolnischen und masowischen Juden ernannt wurde.Urkunde von 1527, ausgestellt in Krakau; Philipp Bloch: Der Streit um den Moreh des Maimonides in der Gemeinde Posen um die Mitte des 16. Jahrh. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums 47 (1903), S. 153–169, 263–279 und 346–356, bes. S. 349–351 (Digitalisat im Internet Archive) Wahrscheinlich war auch er ein Vorfahr von Naphthali Margolioth. Einer der Söhne Samuel Margolioths, Antonius Margaritha, trat 1521/22 wie Naphthali Margolioth zum Christentum über und lehrte in Augsburg, Leipzig und Wien Hebräisch.

Aufenthalt im Osmanischen Reich Julius Konrad Otto schrieb um 1642 rückblickend auf sein Leben, er habe – offenbar als Jugendlicher – „vier Jahre in einer vertrauten Weise (familiariter) mit den Juden in JerusalemMit „Jerusalem“ könnte hier auch das „Jerusalem des Balkans“ Saloniki gemeint sein, wo eine der großen, sephardisch geprägten Gemeinden des Osmanischen Reiches bestand; Georg Bossong: Die Sepharden. Geschichte und Kultur der spanischen Juden. Beck, München 2016, S. 74f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). zusammengelebt; und (dann) zwölf Jahre in Istanbul-Edirne … gelehrt“. Naphthali Margolith hat nach eigener Darstellung „von Jugendt auff“ seine „zeit mit studieren und lesen … zugebracht inn heiliger Schrifft und im Talmud, wie auch in andern Rabinischen Büchern“.Gali Razia. Occultorum Detectio. Sebastian Körber, Nürnberg 1605, Praefatio ad lectorem (= Vorwort an den Leser). Für seine Studien habe er „Reisen in fremde Länder unternommen, nicht nur ein oder zwei, sondern viele Jahre, und zwar in verschiedene und die entlegensten Teile der Welt“.„Quam ad rem non unius et alterius, sed multorum annorum et quidem in varias et remotissimas mundi partes peregrinationibus usus sum“; Grammatica Hebraea. Catharina Dietrich, Nürnberg 1605, Vorwort. Er wurde „zu einem Rabbi geordnet“ (ordiniert; vgl. → Semicha) und hat „die Bibel, den Talmud und anderer alten Rabbinen schrifften erkleret vnnd außgelegt“.Gali Razia. Occultorum Detectio. Sebastian Körber, Nürnberg 1605, Widmungsvorrede an Christian II. von Sachsen. Otto bezeichnete sich auch später noch selbst als jemand, der „einst bei den Juden ein Rabbi“ (Rabbi olim apud Judaeos) gewesen ist.Grammatica Hebraea. Catharina Dietrich (Theodericus), Nürnberg 1605.

Taufe in Würzburg und Konversion in Nürnberg Am Dreifaltigkeitsfest (27. Mai) 1600 wurde Naphthali Margolith mit Unterstützung von Bischof Julius Echter von Mespelbrunn in Würzburg getauft,Prozessakten, 1602-1618. In: Alexander Brunotte, Raimund J. Weber (Bearb.): Akten des Reichskammergerichts im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Inventar des Bestands C 3, Bd. VII. Kohlhammer, Stuttgart 2005, Nr. 4867 (W 4733), S. 288f. wahrscheinlich in der Kirche St.-Kilian des u. a. für die Judenmission gestifteten Juliusspitals.Conrad Rieger: Beiträge zur Geschichte Unterfrankens, zur Literaturgeschichte und Geschichte der Medizin aus dem Archiv der Psychiatrischen Klinik zu Würzburg. Kaubitz, Würzburg 1910, bes. S. 23–31 mit Abb. des Ölbildes einer Würzburger „Judentaufe“ (Original Kriegsverlust) von 1611 (Digitalisat im Internet Archive); Ulrich Wagner: Geschichte der Stadt Würzburg, Bd. II. Theiss, Stuttgart 2004, S. 766. Er nahm den christlichen Namen Julius Konrad Otto an. Als weitere Namenspatrone (Taufpaten) neben dem Bischof selbst kommen etwa die Domherren Konrad Ludwig Zobel von Giebelstadt (1582–1662), Konrad Friedrich von Thüngen, Otto Friedrich Schutzbar genannt Milchling oder Otto Heinrich von Gebsattel († 1619) in Frage, von denen die ersten drei auch als Rektoren der Universität Würzburg amtierten. miniatur|Sprachdidaktisches Konzept von Elias Hutter am Beispiel von Jes 40,8|180px In Nürnberg wurde er unter dem Einfluss des Pfarrers an St. Sebald Mag. Johannes Fabricius (1560–1636)Aus Fürth, Theologe und Rechenmeister, Sohn von Johann Baptista Fabricius (1532-1578); Matthias Simon: Nürnbergisches Pfarrerbuch. Die evangelisch-lutherische Geistlichkeit der Reichsstadt Nürnberg und ihres Gebietes. Verein für Bayerische Kirchengeschichte, Nürnberg 1965, S. 60. evangelisch. Otto handelte mit Schmuck und arbeitete in der Druckerei von Elias Hutter als Lektor für die hebräische Sprache. Der Nürnberger Stadtrat genehmigte Hutter 1601 die Errichtung einer Sprachschule für Hebräisch, Griechisch und Latein,Lore Sporhan-Krempel, Theodor Wohnhaas: Elias Hutter in Nürnberg und seine Biblia in etlichen Sprachen. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 27 (1986), S. 157–162 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). an der wahrscheinlich auch Julius Konrad Otto unterrichtete. Hutters originelles Konzept des Sprachunterrichts, das von Otto übernommen wurde, basierte auf der Ontologie des Aristoteles.Elias Hutter: Offentlich Außschreiben, An allgemeine Christliche Obrigkeit, derselben Lande, Städte, Kirchen, Schulen, Lehrer, zuhörer, auch alle fromme Eltern vnd Kinder. Hutter, Nürnberg 1602, Bl. 53, 62 u. ö. (Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden); Peter O. Müller: Deutsche Lexikographie des 16. Jahrhunderts. Walter de Gruyter, Berlin 2011, S. 267–283, bes. S. 269 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).

Aus Nürnberg korrespondierte Otto mit Johann Buxtorf (יוחנן בוקשדורף) in Basel.Brief „von einem gelehrten Rabbi“ aus Nürnberg, an Johann Buxtorf in Basel, um 1600/03. In: Johann Buxtorf: Institutio epistolaris Hebraica. Ludwig König, Basel 1629, S. 357–359. Er erwähnte dabei in einem Brief u. a. Amandus Polanus, Elias Hutter (אליאז הוטר) als ausgezeichneten Hebraisten, einen bemerkenswert hebräischkundigen Engländer (הענגלענדר), der in Basel gewesen war – gemeint ist Hugh Broughton (1549–1612)1598 auf einer Studienreise in Basel belegt. –, die aristotelische Philosophie (הפילוסופיאה אריסטוטלוס) und den Krieg in Ungarn (המלחמות שבאונגריא).

Johann Konrad Otto heiratete 1602 in Nürnberg Margaretha, die Witwe von Joachim Lotter.

Überfall in Michelbach an der Heide 1602 warf Julius Konrad Otto seinem Verwandten Jaudas (Judas), dessen Schwiegersohn Klein-Michael und seinem Bruder Groß-Michael aus Michelbach an der Heide und anderen Juden aus Crailsheim und Hengstfeld vor, ihn unter einem Vorwand nach Michelbach in das markgräflich-ansbachische Gebiet gelockt und ihm dort Kleinodien, Geld, Dolch und Rapier abgenommen zu haben. Sie hätten ihn auch wegen seines Übertritts zum Christentum geschlagen, misshandelt und versucht, den ebenfalls getauften Juden Samuel FriderichSamuel Friedrich Brenz aus Osterberg, später in Breitenau, ursprünglicher Name Löw, verballhornt: Friedrich Franz aus Ittingen (= Öttingen), 1601 im ansbachischen Feuchtwangen getauft, verfasste Jüdischer abgestreiffter Schlangen-Balg. Balthasar Scherf, Nürnberg 1614 (Google-Books). zu engagieren, um ihn ermorden zu lassen. Die Beamten des Markgrafen Georg Friedrich I. von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach im Oberamt Crailsheim Vogt Simon von Haym genannt Eisen (1560–1619), Kastner Wolf Frosch († 1627/31) und Amtsschreiber Philipp Vogtherr (* um 1561; † 1605) führten daraufhin eine Untersuchung durch, bei der in Hengstfeld Wertgegenstände beschlagnahmt und Marx (Mordechai), dessen Sohn Coppel (Jakob) und Berlein (Issachar) wegen Raubes verhaftet wurden.

Johann Konrad von Wollmershausen (1576–1640) zu Amlishagen und Burleswagen, dessen Vater den Juden Marx und Berlein zu Hengstfeld 1598 einen Schutzbrief auf zehn Jahre verkauft hatte,Freiheits- und Schirmbrief des Hans Werner von Wollmershausen (1561–1600) zu Amlishagen und Burleswagen für die Juden Marx und Berlein zu Hengstfeld auf zehn Jahre, 1598. In: Alexander Brunotte, Raimund J. Weber (Bearb.): Akten des Reichskammergerichts im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Inventar des Bestands C 3, Bd. VII. Kohlhammer, Stuttgart 2005, Nr. 4867 – Q 7, S. 288f, bes. S. 289. strengte einen Prozess vor dem Reichskammergericht gegen Markgraf Georg Friedrich I. von Brandenburg und seine Beamten an.Hans Gräser: Die Niederadelsfamilie von Wollmershausen. Crailsheimer Historischer Verein, Crailsheim 2018, S. 192–209, bes. S. 200 (PDF bei Crailsheimer Historischer Verein e. V.). Nach dem Tod von Georg Friedrich I. 1603 lehnte dessen Nachfolger Markgraf Joachim Ernst von Brandenburg-Ansbach die weitere Beteiligung am Verfahren ab, weil er nicht direkter Universalerbe seines Vorgängers sei, sondern das Lehen kraft Singularsukzession (Einzelrechtsnachfolge) als Stammlehen (ex pacto et providentia) empfangen habe.Der nächste gemeinsame Vorfahr von Georg Friedrich I. und Joachim Ernst von Brandenburg war Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenburg (1414–1486).

Professor in Altdorf mini|350px|Ehemalige Universität Altdorf