Gunnar Kaiser (* 9. Juni 1976 in Köln; † 12. Oktober 2023) war ein deutscher Lehrer, Schriftsteller, freier Journalist und Webvideoproduzent. Seine kritischen Beiträge vor allem während der COVID-19-Pandemie waren umstritten. Neben zwei Sachbüchern, die Plätze auf Bestsellerlisten erreichten, schrieb er den Roman Unter der Haut, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Leben und Wirken Kaiser studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität zu Köln, absolvierte ein Lehramtsreferendariat und arbeitete anschließend als Lehrer für Deutsch und Philosophie in Bonn und Köln. Zuletzt war er am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Bonn tätig. 2021 gab er den Lehrerberuf auf, um sich seiner publizistischen Tätigkeit zu widmen.

Ab 2001 schrieb er Beiträge für den Schweizer Monat,Alle Beiträge von Gunnar Kaiser. In: Schweizer Monat (März 2020 bis März 2021). die Neue Zürcher Zeitung,z. B. Gunnar Kaiser: Vorwärts zur neuen Staatsordnung: Warum Intellektuelle in der Corona-Zeit das kritische Denken kritisieren. In: Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2020. Die Welt, Jüdische Allgemeine, taz, Berliner Zeitung, StadtRevue und literaturkritik.de. Außerdem schrieb er für den 2010 eingestellten Rheinischen Merkur. In Literaturzeitschriften erschienen Kurzgeschichten und Gedichte von Kaiser. Daneben betrieb er den Kultur-Blog KaiserTV. Zunächst standen literarische und philosophische Themen im Mittelpunkt. Rezensionen verfasste er unter anderem für Literaturkritik.de.

Kaisers Roman Unter der Haut erschien 2018 im Piper Verlag. Das Ende Januar 2022 im Rubikon Verlag erschienene Sachbuch Der Kult, das die angebliche Wandlung Deutschlands zu einem totalitären Staat mittels der Coronamaßnahmen beschreibt,Deborah Ryszka: Kultur-Kompass: „Der Kult. Die Viralität des Bösen“. In: achgut.com, 30. Januar 2022 erreichte im Februar 2022 in der Rubrik Sachbuch (Paperback) Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste und Platz 1 auf der Bestsellerliste des Börsenblatts. Im März 2022 folgte das impfkritische Sachbuch Ethik des Impfens im Europa Verlag, das kurz darauf Platz 15 der Spiegel-Bestsellerliste in der Rubrik Sachbuch/Hardcover belegte. Posthum erschien 2024 das Werk Die Abschaffung des Menschen: Wie das Metaversum uns überflüssig macht.

Auf seinem YouTube-Kanal KaiserTV veröffentlichte er mehrere Videos pro Woche. Der Kanal hatte 2022 etwa 258.000 Abonnenten. Am 10. Juli 2021 wurde der Kanal ohne genaue Begründung gesperrt. Am 13. Juli erließ die 28. Zivilkammer des Landgerichts Köln eine einstweilige Verfügung gegen die Sperre. YouTube müsse Verstöße gegen Richtlinien demnach konkret aufschlüsseln.

2022 gab Kaiser sein Krebsleiden bekannt,, Interview von Gunnar Kaiser mit Jens Lehrich, rubikon.news, 30. März 2022. dem er 2023 erlag. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Kölner Melaten-Friedhof.

Die Publizistin Heike-Melba Fendel ist Kaisers Stiefschwester.Andrea Hanna Hünniger: Corona-Maßnahme: „Aber Gunnar! Es ist doch so: Die Meinung kommt vor dem Fall!“ In: Welt vom 29. April 2021, abgerufen am 28. September 2026

Roman „Unter der Haut“ Sein 2018 erschienener Roman Unter der Haut wurde unter anderem ins Französische (Dans la peau), Griechische (Kátō apó to dérma), Italienische (Nella pelle), Spanische (Bajo la piel) und Türkische (Derinin altında) übersetzt. Er schildert die Geschichte des Literatur-Studenten Jonathan Rosen, der die Verführungskünste erlernen möchte, und seines Verführers und Mentors Josef Eisenstein. Im New York des Jahres 1969 führt Eisenstein Rosen in die Abenteuer der Liebe ein. Der narzisstische Übervater macht den Studenten völlig von sich abhängig und manipuliert ihn nach seinen Wünschen. Im Laufe der 500 Seiten umfassenden Darstellung wird die Vorgeschichte Eisensteins aufgeklärt.

Christoph Schröder konstatierte in seiner Rezension im SWR2 Lesenswert Magazin vom 17. Mai 2018, der Autor blase seinen „sinistren Helden“ zu einer diabolischen Figur auf und scheue dabei auch nicht die Kolportage. Eine Vielzahl von „Schauer- und Trash-Elementen“ würden zusammengerührt. Kaiser lasse keinen Knalleffekt und auch keine Geschmacklosigkeit aus. Am Ende exkulpiere sich der Autor selbst, indem er in einer Reflexion über Literatur und Wahrheit die Trivialität der Romanhandlung dem Helden selbst zuschreibt.

Cornelia Wolter schrieb in der NRZ, im Roman gehe es um Schöngeistiges, klassische Musik und Popmusik, Bücher und die Kunst der Buchbinderei. Josef Eisenstein wirke zuweilen „wie eine Kopie von Patrick Süskinds Jean-Baptiste Grenouille“. „Dass die erste Frau, mit der Jonathan Rosen schläft, ausgerechnet Gretchen heißt und die Rolle von Eisenstein als Faust’scher Mephisto damit gleich manifestiert wird, wirkt etwas zu dick aufgetragen, auch wenn es sich später aufklärt.“

Werner Schandor rezensierte in der Wiener Zeitung, der Roman sei ein „….literarisches Schwergewicht, opulent und gelehrt wie Umberto Ecos Der Name der Rose, von verstörender Schönheit wie Patrick Süskinds Das Parfüm und rotzig-trotzig erzählt wie Philip Roths Portnoys Beschwerden.“ Kaisers Schilderungen seien „dreidimensional und lebendig“. Kapitel für Kapitel tauche man tiefer in sehr unterschiedliche Welten ein: zum einen die Metropole New York im Zeichen der sexuellen Befreiung auf dem Höhepunkt der Flower-Power-Ära, zum anderen die untergehende jüdische Welt von Berlin im Dritten Reich. Ebenso beeindruckend sei das Wissen um die „Schwarze Kunst“ und seine Schilderung obskurer Sammlerkreise. Der Autor wird als wortgewandt und stilsicher bewertet, „nur selten – etwa bei der Charakterisierung von Eisensteins Helfer, einer Mischung aus Quasimodo und Silas, dem Killer aus Dan Browns „Sakrileg“ – trägt Kaiser etwas dick auf.“

Janet Kinnert empfahl den Roman in Kultur24.berlin als „unterhaltendes Konglomerat an Jean- Baptiste Grenouille aus Süskinds Das Parfum, ein Hauch von Das Schweigen der Lämmer und eine Hinwendung in das Berlin der 1990er.“

In l'Opinion rezensierte Bernard Quiriny, Kaiser mische den Initiationsroman mit bibliophiler Fantasie, den Thriller mit dem historischen Fresko. Der Leser tauche manchmal in das Manhattan von Philip Roth ein und beginne manchmal eine beliebte Saga a la Carlos Ruiz Zafon.

Kontroversen Während der COVID-19-Pandemie vertrat Kaiser eine regierungskritische Position, zu seinem Auftritt auf einer Demonstration in München am 26. Juni 2020 kommentierte Sabine Buchwald (Süddeutsche Zeitung), Kaiser baue ein Bedrohungsszenario auf. Er behaupte, man wolle „den Menschen als freies und vernunftbegabtes Wesen abschaffen“. Er habe insbesondere „die Intellektuellen“ zum Widerstand gegen „Repression“ und den „Imperativ der Technik“ aufgerufen.

Appell für freie Debattenräume Milosz Matuschek (NZZ und Schweizer Monat) attestierte Gunnar Kaiser, er haben den Widerspruch der Maßnahmen hinsichtlich Beerdigungen, Schulen, Unternehmen und Restaurants gegenüber den Antirassismus-Demonstrationen im Juni 2020 auf den Punkt gebracht. Es sei ein kolossales Eigentor zugunsten der geschmähten Skeptiker gewesen, die sich zu Recht fragen, wie gefährlich denn dann das Virus wirklich sei.

Als Beitrag zum Thema Cancel Culture verfasste Kaiser gemeinsam mit Matuschek am 1. September 2020 den Appell für freie Debattenräume, der ihn einem breiteren Publikum bekannt machte. Philipp Bovermann und Felix Stephan bezeichneten in der Süddeutschen Zeitung am 29. September 2020 den Brief zum Aufruf der Unterzeichnung des Appells als „obskur“. Der Brief, der unter deutschsprachigen Künstlern, Akademikern, Intellektuellen die Runde mache, zeichne „ein düsteres Bild vom Zustand der Öffentlichkeit mit Einsatz alarmistischer Theatralik.“

Rezeption und Kritik

Mediale Rezeption

Ablehnend Die der FDP nahestehende Friedrich-Naumann-Stiftung distanzierte sich von Gunnar Kaiser, nachdem sie ihn ursprünglich als Moderator hatte gewinnen wollen.Andreas Rosenfelder: Skandal um Naumann-Stiftung: „Die Person Gunnar Kaiser“. In: Welt Online, 17. Dezember 2020. In der NZZ vom 23. Dezember 2020 diskutierte Kaiser mit dem Stiftungsvorsitzenden Karl-Heinz Paqué über den Vorwurf der Nähe zu Verschwörungstheorien. Paqué bescheinigte Kaiser, er bewege sich mit seiner Kritik am angeblichen Plan eines «Great Reset» habe er weit jenseits der liberalen Demarkationslinie Martin Rhonheimer beschreibt im Rückblick kritische Rückmeldungen zu Paqué in den Leserkommentaren und berichtet über Kaisers Gegendarstellung. In dem Punkt der Bedeutung der Grundrechte und ihrer Gefährdung durch die Lockdowns stimmt er Kaiser zu.

Mladen Gladic (Die Welt) warf Kaiser am 29. Januar 2021 vor, eine rote Linie überschritten zu haben. Kaiser habe auf Facebook die Frage hinsichtlich der Corona-Pandemie gepostet, ob ältere Menschen ein paar Lebensjahre mehr verdient hätten, wenn sie die Einschränkungen anderer und ihre desaströsen Konsequenzen „hinnehmen und freudig akzeptieren“.

In einem Artikel des Tagesspiegel vom 21. Mai 2021 verglichen Andreas Busche und Hannes Soltau in Zusammenarbeit mit Antischwurbler den „rechten Libertären“ Kaiser und Paul Brandenburg und analysierten ein Gespräch beider zum Thema Grundrechtseinschränkungen im Vorfeld der Video-Aktion „Alles Dichtmachen“. Bei beiden liefe es oft auf den „Punkt“ hinaus, dass Menschenleben gegen Freiheitsrechte „ausgespielt“ würden.

Sabine Buchwald (SZ) charakterisierte Kaiser anlässlich seines Auftritts bei einer Protestveranstaltung auf dem Königsplatz am 27. Juni 2020: Der Philosoph und Publizist habe ein Bedrohungsszenario aufgebaut: Man wolle den Menschen als freies und vernunftbegabtes Wesen abschaffen. Kaiser habe zu mehr Widerstand, besonders der Intellektuellen aufgerufen, gegen die von ihm wahrgenommene Repression und den „Imperativ der Technik“ (Zitat).

Die Quarks Science Cops vom WDR (deutsch Wissenschaftspolizisten) „ermittelten“ am 17. Juli 2021 im „Fall Kaiser.“ Kaiser ist in ihrem Ergebnis „am Ende nur das intellektuelle Feigenblatt einer Gemeinschaft, die sich von wissenschaftlicher Evidenz verabschiedet hat.“ Die Science Cops vom WDR bezogen sich in ihrem Beitrag auf Kaisers Kritik am Tragen von Masken, an den Maßnahmen der Regierung, dem PCR-Test und auf seine Medienkritik.

Zustimmend Hans-Jürgen Jakobs (Handelsblatt) konstatierte am 13. Mai 2021, die „Deformation der Debattenkultur“ sei der vielleicht bedrohlichste Kollateralschaden dieser Krise. „Sie sorgt dafür, dass wesentliche Pfeiler unseres Systems brüchig werden.“ Polarisierung, Aggression und Hysterisierung seien die Merkmale dieser Fehlentwicklung. In der Welt der „normierten Mittelstandsgesellschaft“ wolle niemand stigmatisiert werden. Dagegen stünden Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser mit ihrem Aufruf für freie Debattenräume.

Martin Rhonheimer (NZZ) charakterisierte Kaiser im Dezember 2021 als einen seit Jahren bekannten Verteidiger der politischen und wirtschaftlichen Freiheit und als Kritiker kulturrevolutionärer Programme, wie sie von Anhängern der Neuen Rechten, insbesondere der identitären Bewegung, verbreitet würden. Im Dezember 2020 sei er jedoch überraschend auf „Abwege“ geraten. Er habe sich in der Corona-Zeit zum Ideologen entwickelt. Rhonheimer berief sich auf das Streitgespräch Karl-Heinz Paqués mit Kaiser. Besonders alarmierend fand er Kaisers Darstellung der MRNA-Impfung als Gentherapie. Demagogisch sei der Vergleich mit verbrecherischen medizinischen Experimenten des NS-Regimes.

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