Der Überfall auf die Zionskirche am 17. Oktober 1987 war ein Angriff von Nazi-Skinheads auf Besucher eines Element-of-Crime-Konzertes in der Zionskirche in Ost-Berlin. Der Überfall, die Strafprozesse und das damit einhergehende Medienecho führten erstmals zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Neonazis in der DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit führte danach eine geheime Untersuchung über Skinheads in der DDR durch. Im Umfeld der DDR-Opposition, die auch in der Zionskirche beheimatet war, bildeten sich Ende 1987 die ersten Antifa-Gruppen. Der Überfall wurde als Zäsur wahrgenommen, bereits bestehende rechtsradikale und nationalistische Strömungen im Osten Deutschlands wurden sichtbar und konnten nicht mehr unter dem Mantel des staatlich verordneten „Antifaschismus“ verschwinden.

Geschichte Punks und Skinheads in der DDR bis 1987

Es gab in der DDR in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre – besonders in Ost-Berlin – eine aktive und vielfältige Jugendkultur, zu der auch Punks und Skinheads gehörten. Nicht alle der Skinheads gehörten der rechtsextremen Szene an, die Übergänge zwischen Punks und Skins waren vor allem zu Beginn der 1980er Jahre noch fließend. Dies änderte sich ab 1983, als ein großer Teil der Skinheads die Punkbewegung verließ. Einige der am Überfall auf die Zionskirche beteiligten Skinheads waren ehemalige Punks.

In Ost-Berlin gab es 1987 einige hundert Skinheads, dazu Sympathisanten. Die Übergänge der Skinhead-Szene zu Hooligans im Umfeld der beiden Ost-Berliner Oberliga-Klubs BFC Dynamo und FC Union waren fließend. Auch wenn zwischen den Fans von BFC und Union wahrlich keine „Fanfreundschaft“ bestand, gab es zwischen den Skinheads und gewaltbereiten Fans beider Klubs auch Verbindungen. Erste organisierte Gruppen von rechtsextremen Skinheads in Ost-Berlin entstanden 1983. Die „Lichtenberger Front“ wurde 1986 in Berlin-Lichtenberg gegründet und von Ingo Hasselbach sowie dessen Freund André R. geführt. Mitglieder dieser Gruppe waren am Überfall auf die Zionskirche beteiligt, wobei Hasselbach aufgrund einer Haftstrafe das perfekte Alibi hatte.Paul Hockenos: Free to Hate: The Rise of the Right in Post-Communist Eastern Europe. Routledge, London 2013, ISBN 978-1-136-65567-8, S. 78–85.

Die evangelische Kirche der DDR bot Punks einen gewissen Freiraum, auch Auftrittsmöglichkeiten bis hin zu kleinen Festivals wie dem Alösa-Frühlingsfest an der Erlöserkirche. Dies war jedoch immer von den jeweiligen Pastoren und dem Gemeindekirchenrat abhängig, es gab nur wenige Kirchen, die als Punk-freundlich galten.Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989. Ch. Links, Berlin 1998, ISBN 978-3-86153-163-0, S. 612f. Dazu gehörte auch die Zionskirche, die zudem in der Nähe von besetzten Häusern lag. Eine gewisse Organisation dieser oppositionell gesinnten und jugendnahen Kreise über einzelne Gemeinden hinweg bot ab 1986/1987 die Kirche von Unten. Die Zionskirche mit der dort 1986 gegründeten Umwelt-Bibliothek war auch eines der Zentren der Kirche von Unten in Ost-Berlin.

Vor dem Konzert

Das Konzert der West-Berliner Indie-Rock-Band Element of Crime in der Ost-Berliner Zionskirche hatten Aktivisten der oppositionellen Netzwerke Kirche von Unten und Umwelt-Bibliothek organisiert, Letztere war in der Zionskirche ansässig. Die zentrale Person in der Vorbereitung war Silvio Meier.Dirk Moldt: „Keine Konfrontation!“ In: Horch und Guck, Heft 40 (April 2002), S. 14–25. Dessen Bruder hatte die DDR verlassen und lebte in West-Berlin – zufällig im selben Kreuzberger Mietshaus wie Paul Lukas, Bassist von Element of Crime. So kam der Kontakt zur Band zustande.„Wir wollen nicht, dass der gewählt wird, der am schönsten singt“. Interview mit Sven Regener, geführt von Lena Zade und Johannes Gernert. In: Melodie & Rhythmus, Nr. 4/2010 (September 2010). Im Juli 1987 fand der erste Auftritt von Element of Crime in der Zionskirche statt. Das Ganze wurde als „Andacht mit Musik“ deklariert, entsprechend wurde das Genehmigungswesen der staatlichen Konzertagentur umgangen. Bei diesem Konzert waren etwa 200 Zuschauer anwesend.

Nach diesem Erfolg überzeugte Silvio Meier den Gemeindekirchenrat der Zionskirche davon, in der Kirche ein größeres Konzert zu veranstalten, obwohl im Kirchenschiff gebaut wurde. Ab dem 17. September stand der Konzerttermin fest und wurde in der jugendlichen Subkultur Ost-Berlins bekannt – es gab ein von Silvio Meier handgemaltes Plakat,DDR-Gesellschaft & Nazis in der DDR, Interview-Äußerung von „Chrischi“ (Christiane Schidek, Lebensgefährtin von Silvio Meier). In: „Und die, die sterben, die werden weiter leben …“ Broschüre im Gedenken an Silvio Meier, Antifa Berlin, o. J., S. 7. (Online) ansonsten lief die Werbung über Mundpropaganda. Vorband sollte die Ost-Berliner Punkband Die Firma sein. Die Mitglieder von Element of Crime kamen erst am Tag des Auftritts aus West-Berlin mit Tagesschein über die Grenze. Um dabei nicht aufzufallen, brachten sie kein Equipment mit, sondern wollten auf den Instrumenten von Die Firma spielen. Einer der Musiker hatte zumindest sein eigenes Mundstück für die geliehene Trompete der Firma dabei.

Am 16. Oktober 1987, also am Vortag des geplanten Konzerts, kam es vor dem Haus der jungen Talente (HdjT) in Mitte zu einer Auseinandersetzung zwischen Punks und Skinheads. Daraus soll die Idee beteiligter Skinheads entstanden sein, die Sache am nächsten Tag beim Zionskirch-Konzert in größerer Runde im Sinne einer Revanche „zu klären“.Michael Rauhut: Rock in der DDR: 1964 bis 1989. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2002, ISBN 978-3-89331-459-1, S. 118 f. Das HdjT gehörte 1987/1988 ebenso wie die HO-Gaststätten Frankfurter Tor in der Warschauer Straße, Sputnik in der Greifswalder Straße, Rennsteig in der Schönhauser Allee und die Diskothek Café Nord in der Wichertstraße (Prenzlauer Berg) zu den Treffpunkten der Rechtsradikalen in Ost-Berlin.Bernd Wagner: Rechtsradikalismus in der Spät-DDR. Berlin 2014, S. 403.

Geschehen am 17. Oktober 1987 mini|hochkant|Innenraum der Zionskirche (2015). Die Bands spielten vor dem Altar, direkt unter dem Kreuz. Der Angriff fand durch das Portal rechterhand statt. Das Konzert fand wie geplant am Abend des 17. Oktober 1987 statt. Bei Element of Crime stand Sven Regener am Mikrofon. Als Vorband trat die Ost-Berliner Punkband Die Firma auf, dabei spielte Paul Landers Gitarre, Tatjana Besson den Bass und Bandgründer Frank „Trötsch“ Tröger lieferte den Gesang. Landers war später Gründungsmitglied von Rammstein, wohingegen Besson und Tröger später als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des MfS enttarnt wurden.Ilko-Sascha Kowalczuk, Arno Polzin: Fasse Dich kurz!: Der grenzüberschreitende Telefonverkehr der Opposition in den 1980er Jahren und das Ministerium für Staatssicherheit. Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, S. 889. Das Konzert war gut besucht, die Besucherzahl wurde auf 1000 bis 2000 geschätzt. Eintrittskarten gab es nicht, am Ausgang konnte man spenden. Die Bands spielten im Bereich des Altars, Besucher standen zwischen den Kirchenbänken, neben und auch hinter der Band, teils auf waghalsig erkletterten Positionen an Kanzel oder Emporen.

Zeitgleich zum Zionskirch-Konzert fand in der HO-Gaststätte „Sputnik“ im Prenzlauer Berg eine geschlossene Veranstaltung statt, bei der etwa 100 Skinheads feierten. Anlass boten ein Geburtstag sowie die Verabschiedung eines Skinheads zum zehnjährigen Militärdienst als Berufsunteroffizier. Die Kneipe in der Greifswalder Straße 204 ist ungefähr zwei Kilometer von der Zionskirche entfernt. Am Nachmittag hatte in Ost-Berlin Lok Leipzig gegen Union Berlin gespielt, am Rande gab es Prügeleien mit Skins und Hooligans. Die auf der Party feiernden Skinheads waren teilweise der Fan-Szene des BFC Dynamo zuzurechnen, doch waren auch Union-Fans da. Auch einige Skinheads aus West-Berlin feierten mit. Diese hatte Torsten B. vom Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße abgeholt und zur Party gebracht.Ost–Berliner Skins verurteilt. In: taz, 5. Dezember 1987 (Ausgabe 2379), Inland, S. 6. (Online)

Nach Ende des Konzertes leerte sich die Kirche, es waren noch etwa 500 Besucher anwesend. Kurz nach 22:00 Uhr stürmten rund 30 Skinheads wahllos prügelnd durch den Eingang des rechten Seitenflügels. Berichtet wurde der Einsatz von Schlagwerkzeugen wie zum Beispiel Fahrradketten. Dabei riefen sie Parolen wie „Keine Juden in deutschen Kirchen“ und „Kommunistenschweine“. Zuerst wichen die Konzertbesucher trotz ihrer großen Überzahl zurück. Nach einiger Zeit formierten sich kleinere Gruppen von Punks zum Widerstand und drängten die Skinheads aus der Kirche. Dabei wurden Flaschen geworfen, die teils die eigenen Leute trafen. Von Kirchenbänken wurden Holzlatten abgerissen und als Prügel genutzt. Draußen vor der Kirche gingen die Schlägereien teils weiter. Die Polizei war in den umliegenden Straßen mit mehreren Streifenwagen und vollbesetzten Mannschafts-LKW präsent, griff aber nicht ein. Die Personalien der vom Zionskirchplatz abziehenden Skinheads wurden dabei von der Polizei nicht aufgenommen.

Diese polizeiliche Passivität führte in der folgenden Zeit zu Spekulationen, die Situation sei durch die Führung von Polizei und MfS vorsätzlich herbeigeführt, zumindest jedoch bewusst geduldet worden. Diese These war seinerzeit plausibel, weil die Punk- und Skinhead-Szene bekanntermaßen durch die Stasi unterwandert war. Man konnte also davon ausgehen, dass die Behörden sowohl die Planung des Konzerts wie auch die Planung des Überfalls kannten, wenn sie diesen nicht sogar bewusst inszeniert hatten. Untersuchungen nach 1990 kamen zu dem Ergebnis, dass diese These nicht zu halten ist. Zwar wussten die Sicherheitsorgane vorher von dem Konzert, der Überfall war jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gesteuert. Stattdessen lag das Versagen der Polizei an einem fehlenden klaren Einsatzbefehl bei gleichzeitigem Mangel an Führung und Kommunikation sowie Angst der Einsatzkräfte vor dem unerwartet gewalttätigen Geschehen.

Nachdem die Skinheads den Tatort mit der Straßenbahn verlassen hatten, verteilte sich ihre Gruppe ab der Schönhauser Allee Ecke Dimitroffstraße. Ein Teil überfiel Männer auf dem dortigen Schwulentreff, ein Teil ging in eine Kneipe, und eine weitere Teilgruppe stieg in die Straßenbahn Richtung Warschauer Straße um. Zwei Konzertbesucher waren schon in der ersten Straßenbahn mitgefahren und zeigten diese Gruppe nun bei einer zu Fuß patrouillierenden Polizeistreife wegen Körperverletzung an. Die Polizisten schickten der Straßenbahn per Funk einen Streifenwagen hinterher. An der Kreuzung Dimitroffstraße/Greifswalder Straße stoppte die Streifenwagenbesatzung die Straßenbahn, holte die Gruppe Skinheads heraus und nahm die Personalien auf. So kamen die Ermittlungen in Gang.

Strafrechtliche Verfolgung Der erste Prozess gegen vier am Überfall beteiligte Skinheads fand vom 27. November bis zum 3. Dezember 1987 vor der Strafkammer des Stadtbezirksgerichts Berlin-Mitte statt. Es gab drei Hauptverhandlungstage (27. November, 30. November und 1. Dezember),Bernd Wagner: Rechtsradikalismus in der Spät-DDR. Berlin 2014, S. 125. am 3. Dezember 1987 wurde das Urteil in erster Instanz verkündet.ADN: Geringe Freiheitsstrafen für Rowdys. In: Neues Deutschland, 4. Dezember 1987. Angeklagt waren: Ronny B. (* 1965Manfred Stock, Philipp Mühlberg: Die Szene von innen: Skinheads, Grufties, Heavy Metals, Punks. LinksDruck-Verlag, Berlin 1990, ISBN 978-3-86153-007-7, S. 14.), der 22-jährige Anführer der „Lichtenberger Front“, BFC-Hooligan, 195 cm groß, dirigierte während des Überfalls die Skinheads.Der Naziüberfall auf die Zionskirche. In: Faschisten in der DDR und antifaschistischer Widerstand, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin. 14. Februar 2005. Ronny B. war Post-Angestellter mit Wohnsitz in Bernau. Sven E. (* 1967), der damals 20-jährige Angeklagte zählt zu den BFC-Hooligans. Sven E. war Glas- und Gebäudereiniger mit Wohnsitz in Berlin-Treptow.