Als Kofferträger (porteurs de valises) werden in Frankreich jene vorwiegend französischen Intellektuellen bezeichnet, die während des Algerienkriegs in Frankreich die Aktivitäten der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (Front de libération nationale, FLN) unterstützten. Der Begriff Kofferträger leitet sich von der wohl wichtigsten illegalen Unterstützung für die FLN im französischen Mutterland ab: dem in Koffern ausgeführten Transport von Geld und falschen Papieren. Nach diesem französischen Vorbild konstituierten sich in den späten 1950er Jahren auch in Deutschland Netzwerke zur Unterstützung der FLN.
Francis Jeanson und das Réseau Jeanson Francis Jeanson (* 7. Juli 1922 in Bordeaux; † 1. August 2009 in Arès) war ein französischer Philosoph, der zum Freundeskreis um Jean-Paul Sartre gehörte und von 1951 bis 1956 die Zeitschrift Les Temps Modernes leitete. 1955 brachte Jeanson zusammen mit seiner damaligen Frau die antikoloniale Schrift L'Algérie hors-la-loi (Algerien geächtet) heraus, die die beiden an die Seite der FLN führte.Catherine Simon: Francis Jeanson Am 2. Oktober 1957 fand im HausArnaud Folch: Guerre d'Algérie: le temps des “porteurs de valises”, Valeurs Actuelles, 23. Oktober 2019 der Jeansons ein Treffen statt, das als die Geburtsstunde des Jeanson-Netzwerks gilt. Die Anwesenden, Freunde der Jeansons aus dem kommunistischen, christlichen und sozialistischen Milieu, wollten künftig für den Transport und die Unterbringung von FLN-Kämpfern sorgen sowie Waffen, Propagandamaterial und Geld transportieren.
Die Aktivitäten der Gruppe riefen in Frankreich heftige Gegenwehr hervor. Während deren Mitglieder vorgaben, die Werte eines republikanischen Frankreichs retten zu wollen, die durch das Kolonialsystem verraten worden seien,Benjamin Stora: Francis Jeanson, un intellectuel engagé’’, in: Histoire colonial et postcolonial, 14. August 2009 wurden sie in der Nationalversammlung von dem Abgeordneten Jean-Marie Le Pen beschuldigt, das Geschäft feindlicher Geheimdienste zu betreiben. Im Februar 1960 wurde das Netzwerk aufgelöst;Bei Leggewie heißt es abweichend dazu: „An einem Novembertag 1960 flog das Netz im Raum Lyon auf.“ (Claus Leggewie: Kofferträger (Buch), S. 9) Zu dem Zeitpunkt lief aber bereits der Prozess. am 5. September 1960 werden sechs Algerier und achtzehn Franzosen angeklagt. Francis Jeanson konnte sich vorher absetzen, wurde aber in Abwesenheit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Bis zu seiner Amnestie im Jahre 1966 lebte er im Untergrund.
6. September 1960, einen Tag nach der Prozesseröffnung gegen die Mitglieder des Jeanson-Netzwerks, erschien unter dem Titel „Déclaration sur le droit à l’insoumission dans la guerre d’Algérie“ (Deklaration über das Recht zur Dienstpflichtverweigerung im Algerienkrieg) das Manifest der 121, in dem Intellektuelle, Universitätsangehörige und Künstler ihre Solidarität mit den Angeklagten zum Ausdruck brachten. Ein Teil von ihnen wurde daraufhin aus öffentlichen und staatlichen Anstellungsverhältnissen entlassen, gegen weitere wurde Anklage erhoben. Während des Prozesses wurde auch der Begriff Kofferträger für die Mitglieder des Jeanson-Netzwerks geprägt. Er geht zurück auf einen Solidaritätsbrief, den Sartre in der Verhandlung verlesen ließ. Über dessen Zustandekommen berichtete Mourad Oussedik:Über Mourad Oussedik existiert bislang nur ein Artikel in der französischen WIKIPEDIA: :fr:Mourad Oussedik
Die Anfänge der deutschen Algeriensolidarität Auch in Westdeutschland entwickelte sich eine Solidaritätsbewegung für Algerien, deren verschiedene Akteure unter dem Begriff Kofferträger zusammenfasste. Im Gegensatz zu Frankreich stand in Deutschland der Begriff Kofferträger aber nicht für ein bestimmtes Netzwerk, sondern vielmehr für eine Vielzahl von Personen und Gruppen, die überwiegend unabhängig voneinander die algerische Unabhängigkeitsbewegung unterstützten. Diese Unterstützung entwickelt sich seit dem Ende der 1950er Jahre.
Dieser „pathetische Orgelton der verordneten deutsch-französischen Aussöhnung“, der keine Kritik an der französischen Politik duldete, hatte nach Leggewie seine Ursache im deutsch-französischen Verhältnis der frühen Nachkriegsjahre.
Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass die Bundesrepublik dennoch zu einem relativ sicheren Rückzugsort für viele Kader des FLN werden konnte und dieser in Bad Godesberg eine Quasi-Botschaft unterhielt.Claus Leggewie: Kofferträger (Buch), S. 43 ff. Dem FLN „wurde aufgrund eines informellen politischen Arrangements zwischen weitsichtigen Kreisen der westdeutschen Außenpolitik, kooptierten sozialdemokratischen Oppositionspolitikern und seiner halboffiziellen diplomatischen Vertretung de facto politisches Asyl gewährt; der FLN quittierte dies mit weitgehendem politischen Wohlverhalten und respektierte die westdeutsche Forderung, den politischen Terrorismus aus der Bundesrepublik fernzuhalten.“Claus Leggewie: Kofferträger (Aufsatz), S. 184
Die am 1. November 1954 gestartete Offensive des FLN gilt als Start des algerischen Unabhängigkeitskrieges. Der aber wurde in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit lange Zeit kaum oder überwiegend pro-französisch wahrgenommen. Ausnahmen: Gert von Paczensky, der damalige außenpolitische Ressortchef der Welt, und Bernt Engelmann, Reporter des Spiegel. Erst mit den französischen Atombombenversuchen in der Sahara rückte auch der Algerienkrieg mehr in den Fokus einer kritischen Öffentlichkeit.
Leggewie verweist auf einen Artikel in der Zeitschrift Das Argument vom November 1959, in dem erstmals die französischen Atomversuche thematisiert worden seien. In der Folge sei das Engagement zur Unterstützung der algerischen Unabhängigkeit stetig gewachsen, womit Leggewie zunächst einmal auf die politischen Aktivitäten im akademischen Milieu verweist. Denn bereits im gleichen Monat war im Spiegel ein Artikel von Si Mustapha-Müller erschienen, in dem dieser über die Arbeit des von ihm geleiteten Rückführungsdienstes für Fremdenlegionäre berichtete, dessen Aufgabe es war, in Algerien Fremdenlegionäre zur Desertion aufzurufen und in ihre Heimatländer zurückzubringen.Algerien. Wer desertiert, muss Alemani rufen – Die Flucht aus der Fremdenlegion. In: Der Spiegel 36/1959 vom 2. September 1959 Vorausgegangen war dem am 14. September 1959 eine erste Pressekonferenz von Si Mustapha-Müller in Westdeutschland,Klaus Polkehn: Die Mission des Si Mustapha – ein Deutscher kämpft für Algerien, in: Wolfgang Schwanitz (Hrsg.): Deutschland und der Mittlere Osten im Kalten Krieg, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2006, ISBN 3-86583-144-3, S. 40 und Klaus Vack datiert den Beginn der Aktivitäten zur Unterstützung des algerischen Befreiungskrieges durch einige Landesverbände der Naturfreundejugend Deutschlands (NFJD) gar auf das Jahr 1958.Klaus Vack: Die Algerien-Solidarität der Naturfreunde-Jugend, S. 104 Ihren Höhepunkt erreichten die Solidaritätsaktionen für die Algerische Unabhängigkeit dann in den frühen 1960er Jahren und ebbten 1962 nach den Verträgen von Évian, die das Ende des Algerienkriegs bedeuteten, ab. Für die Herausbildung des Internationalismus in der westdeutschen Linken spielten sie eine wichtige Rolle, wenngleich „im Vergleich zur Vietnam-Generation […] die Kofferträger eine kleine radikale Minderheit“ waren.Claus Leggewie: Kofferträger (Buch), S. 203
Akteure und Aktionen Die zuvor erwähnte Unterstützung des Rückführungsdienstes für Fremdenlegionäre war sicherlich eine der spektakulärsten und wirkmächtigsten Aktionen der Algeriensolidarität. Doch darüber hinaus gab es eine Vielzahl von Einzelpersonen sowie kirchliche, gewerkschaftliche und politische Gruppierungen, die die sich in der Bundesrepublik für die algerische Unabhängigkeit engagierten. Ihre „Dienstleistungen“ richteten sich, so Leggewie, nach dem Mustcr der französischen Kofferträger und erstreckten sich auf „- die Überlassung von Wohnungen und Lagerräumen für kurzfristige Aufenthalte gesuchter und flüchtiger Personen, für Geheimtreffen und die Lagerung von Propagandamaterial und Papieren,- die legale Beschaffung oder Fälschung von Personaldokumenten und sonstigen Papieren, Druck und Vertrieb von Flugschriften, Broschüren o.ä.,- Kurierdienste, d. h. Transporte von gesuchten oder gefährdeten Personen, auch grenzüberschreitend,- Information der Presse und Öffentlichkeit, Beeinflussung und Informierung eines potenziell sympathisierenden Kreises liberaler, christlicher und linker Persönlichkeiten und ‚Meinungsmacher‘, Vermittlung offiziöser Kontakte an staatliche und Parteiorgane, Verbindungen zu linken Parteien und Organisationen.“Claus Leggewie: Kofferträger (Aufsatz), S. 171–172
Abgeleitet aus diesen Dienstleistungen unterscheidet Leggewie bei den westdeutschen Unterstützern zwischen Propagandisten, Aktivisten und Brigadisten.Claus Leggewie: Kofferträger (Aufsatz), S. 172 Zu den Propagandisten zählt er die schon erwähnten von Paczensky und Engelmann, aber auch Volker Schlöndorff, der sich selber dazu bekannte, ein Kofferträger gewesen zu sein.Interview mit Volker Schlöndorff: „Ich war ein Kofferträger“, Süddeutsche.de, 10. September 2007 Sein Debütfilm von 1960, Wen kümmert’s?, erhielt keine Freigabe von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK). „Der Film wurde nicht freigegeben und zwar aus politischer Rücksicht gegenüber einer befreundeten Nation, deren gerechten Krieg in Algerien es der Bundesrepublik nicht anstehe, zu kritisieren. Ein schöneres Lob als dieses offizielle Verbot hätte ich mir nicht erträumen können. Das ansonsten belanglose Filmchen […] bekam dadurch unerwartete Bedeutung.“Volker Schlöndorff Werke: «Wen kümmert's»
Einige weitere Protagonisten der Algeriensolidarität sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden.
Vom DDR-Flüchtling zum FLN-Aktivisten Der 1954 als Fünfzehnjähriger aus der DDR geflüchtete Ulrich Kusserow, der später offiziell den Vornamen Mourad annahm, lernte im Dezember des gleichen Jahres in Berlin Si Mustapha-Müller kennen und blieb mit diesem in den Folgejahren in Kontakt. Er bezeichnete sich selber als „toten Briefkasten“, der immer wieder Pressematerial aus Tetouan erhalten und verschickt habe. Im Juni 1958 erhielt er einen Brief aus Tetouan, dem Sitz des Rückführungsdienstes, in dem er aufgefordert wurde, sich für einen direkten Einsatz in Frankreich oder Nordafrika bereitzuhalten. Das scheiterte zunächst am fehlenden Reisepass, doch nach einer absolvierten Grundausbildung bei der Bundeswehr konnte er im März 1959 mit Si Mustapha-Müller und weiteren FLN-Vertretern in Köln zusammentreffen. Ende des Jahres machte sich Kusserow dann auf den Weg nach Tetouan, wo er bis 1962 für den Rückführungsdienst arbeitete. Nach dem Ende des Befreiungskrieges zog er nach Algerien, kehrte aber nur wenige Monate später wieder nach Marokko zurück. „Das neue Algerien, das sich ideologisch am Ostblock orientierte, konnte mir, dem politisch anerkannten DDR-Flüchtling, keine Heimat bieten.“
Kusserow war im Rückführungsdienst vor allem für die deutsche Korrespondenz zuständig und hatte tiefe Einblicke in die westdeutsche Kofferträger-Szene, die er auch mit einem Rundbrief versorgte, dem Mitteilungsblatt des Rückführungsdienstes für desertierte Fremdenlegionäre.Mourad Kusserow: Flaneur zwischen Orient und Okzident, Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 2002, ISBN 3-927069-59-0, S. 67