Leachim († vor 1151 in Venedig) war der Sohn des venezianischen Dogen Domenico Michiel, der ihn zusammen mit einem wohl nicht verwandten Domenico als Vizedoge von 1122 bis 1125 in Venedig vertrat. Dies war notwendig, da der Doge persönlich eine Flotte gegen Byzanz und ins Heilige Land führte. Der Name Leachim stellt ein Anagramm des väterlichen Namens dar. Leachim starb wohl vor 1151 und hinterließ zahlreiche Nachkommen.

Seine eigenhändige Unterschrift als „vice dux“ erscheint in einer Urkunde. Das Amt des Vizedogen wurde letztmals von einem Sohn Enrico Dandolos ausgefüllt. Bis ins frühe 17. Jahrhundert war Leachim weitgehend in Vergessenheit geraten, da er in der venezianischen Chronistik keinen Platz fand. Erst die Edition einer Urkunde des Klosters San Giorgio Maggiore änderte dies.

Herkunft und Familie Leachims Vater lässt sich nicht eindeutig Personennamen zuordnen, die in zeitgenössischen Dokumenten auftauchen. Daher ist seine Herkunft nicht eindeutig zu klären, mithin auch nicht die Leachims. Domenico Michiel war möglicherweise Sohn jenes Giovanni, der im Jahr 1100 die große Flotte kommandierte, die ins Heilige Land fuhr, und Neffe des Dogen Vitale Michiel. In einem Notariatsakt von 1104 erscheint allerdings auch ein Domenico Michiel, Sohn des Pietro, der ein Bewohner der venezianischen Gemeinde San Cassan war. In einigen Dokumenten der Jahre 1151 und 1160 erscheint ein Leachim, Sohn des Michiel, und auch dieser war Bewohner von San Cassan. Die übereinstimmende Gemeinde macht eine Identifikation jenes Domenico Michiel von 1104 mit dem gleichnamigen Dogen plausibel. Dann wäre der spätere Vizedoge Leachim allerdings ein Enkel des besagten Pietro und nicht des Giovanni, Sohn des Vitale.

Unter den Zeitgenossen finden sich zwei weitere Männer, nämlich ein Vizedoge, der mit Leachim Venedig von 1122 bis 1125 regierte, während der Doge Domenico Michiel abwesend war, sowie ein iudex, der 1125 erscheint, zusammen mit besagtem Michiel und ein anderer Michiel, Giovanni, auch dieser iudex und Unterzeichner einer Urkunde in der das Kloster Ss. Trinità di Brondolo die Rechte der Söhne des iudex Andrea Michiel anerkennt, unter denen sich wiederum ein anderer Domenico Michiel befand. Dabei handelte es sich um Eigentum, das dem Kloster nach dem Tod des Vaters zurückgegeben wurde. So ist es nicht möglich mit Sicherheit zu belegen, welchem ramo oder Zweig der großen Michielfamilie der Doge angehörte. Die Namensvettern lassen sich nicht mit Sicherheit mit dem Dogen identifizieren.

Seine Frau Victa, deren Existenz nur durch die Chronik Andrea Dandolos belegt ist, also erst Mitte des 14. Jahrhunderts, brachte eine gemeinsame Tochter namens Adelasa zur Welt, die den Nachfolger Michiels auf dem Dogenstuhl heiratete. Als weiteres gemeinsames Kind gebar sie den Sohn Leachim.

Kriege des Vaters gegen Byzanz und im Heiligen Land, Vizedoge (1122–1125) Im Jahr 1120 erreichten Gesandte des Patriarchen von Jerusalem und König Balduins II. neben anderen christlichen Hauptstädten auch Venedig. Sie suchten dort um Unterstützung nach, denn im Jahr zuvor war die Armee des Fürstentums Antiochia in der Schlacht auf dem Blutfeld durch die Armee des Emirs von Aleppo, Ilghazi, vernichtet worden. Auch war Michiel durch einen Brief Papst Calixtus’ II. dringend zur Hilfe aufgefordert worden.

Doch zunächst wollte der Doge das Verhältnis zum byzantinischen Kaiser klären. Kaiser Alexios I. hatte in seinen letzten Jahren das Reich auch für die Konkurrenten aus Pisa und Genua geöffnet, und das Verhältnis zu den Kreuzfahrerstaaten war gespannt. Nach dem Tod des Kaisers hatte sich der Doge 1118 an dessen Nachfolger Johannes II. gewandt, um das große Privileg (Chrysobullon) von 1082 erneuern zu lassen. Doch der Kaiser lehnte dessen Erneuerung ab, woraufhin der Doge alle venezianischen Händler anwies, nach Venedig zurückzukehren.

mini|Die Kreuzfahrerstaaten um 1135

Im August 1122 stach eine Flotte von 100 Schiffen, 15.000 Mann stark, und unter persönlicher Führung des Dogen, in See. Sie griff das byzantinische Korfu an, doch der Hauptort widerstand der Belagerung. Als im Frühjahr die Nachricht von der Gefangennahme Balduins II. die Venezianer erreichte, brachen sie die Belagerung ab und fuhren ostwärts. Am 30. Mai 1123 besiegten sie vor Askalon eine Flotte des ägyptischen Sultans und, nach Wilhelm von Tyros, entschied das Heer, Tyros anzugreifen. In Jerusalem kam es zum Abschluss des Pactum Warmundi. Dieses Pactum sah vor, dass Venedig in jeder Stadt des Königreichs Jerusalem ein eigenes Quartier erhalten sollte. Hinzu kam weitgehende Abgabenfreiheit, die Erlaubnis die dortigen Maße und Gewichte zu benutzen sowie die rechtliche Aufsicht über seine Bürger. Letzteres sollte auch für die Fälle gelten, in denen es zum Streit mit Nichtvenezianern kam. Damit waren die Venezianer der königlichen Gerichtsbarkeit entzogen. Entsprechende Privilegien sollten auch für das Fürstentum Antiochia gelten. Außerdem sollte Venedig jeweils ein Drittel der noch zu erobernden Städte Tyros und Askalon erhalten sowie von deren Territorien. Nachdem König Balduin am 2. Mai 1125 aus der Gefangenschaft befreit worden war, bestätigte er diese weit reichenden Privilegien. Tyros ergab sich nach vier Monaten Belagerung. Angeblich war die Begeisterung so groß – dies behauptet jedenfalls die Historia ducum Venetorum aus dem 13. Jahrhundert –, dass man dem Dogen die Krone des Königreichs Jerusalem anbot. Nach diesen umfassenden Erfolgen fuhr die Flotte heimwärts.

Die Flotte näherte sich auf der Rückfahrt Rhodos, dessen Hauptstadt belagert wurde, dann wurden Inseln der Ägäis geplündert. In Dalmatien hatten die Ungarn die Städte unterworfen, doch nun erzwang der Doge die Herausgabe von Traù und Spalato. Die Venezianer siegten zudem bei Belgrado. Im Juni 1125 kehrte die Flotte nach fast drei Jahren nach Venedig zurück. Erst 1126 teilte der Kaiser dem Dogen mit, er sei bereit, die Verträge wiederherzustellen. Über die Jahre nach diesen Erfolgen erfahren wir wenig. Zwischen Ende 1129 und Anfang 1130 trat Domenico Michiel von seinem Amt ab und zog sich ins Kloster San Giorgio Maggiore zurück. Dort starb er und wurde auch beigesetzt.

Der Vizedoge Leachim unterschrieb eigenhändig eine Urkunde mit „Ego Leachim Michael vice dux manu mea subscripsi“.Marco Pozza: Gli Atti originali della cancelleria veneziana, Bd. I: 1090–1198, Il Cardo, Venedig 1994, S. 53; Luigi Lanfranchi: S. Giorgio Maggiore, Comitato per la pubblicazione delle fonti relative alla storia di Venezia, 1968, S. 318–320, hier: S. 320. Warum er seinem Vater nicht im Amt folgte, sondern sein Schwager, ist unklar.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Genauso wie Andrea Dandolo in seiner Mitte des 14. Jahrhunderts entstandenen und bald für die Historiographie Venedigs maßgeblich gewordenen Chronica per extensum descriptaEster Pastorello (Hrsg.): Andrea Dandolo, Chronica per extensum descripta aa. 460–1280 d.C., (=Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 231–237 (Digitalisat, S. 230 f.). den Dogensohn Leachim mit keinem Wort erwähnt, so schweigt auch die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini – 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 58–60. Auch Pietro Marcello nennt ihn 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk, „Domenico Michiele Doge XXXIIII.“ im Abschnitt über seinen Vater ebenso wenig.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 62–65 (Digitalisat). Dies hängt mit der starken Abhängigkeit der venezianischen Geschichtsschreibung vom Werk des Dogen Andrea Dandolo zusammen.

Nach der Chronik des Gian Giacomo Caroldo,Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 128–133. (online). die er 1532 abschloss, fragten die Venezianer den Dogen um seine Meinung, und die „general concione“ wählte nach seinem Vorschlag Pietro Polani zu seinem Nachfolger, nicht seinen Sohn.

mini|Wappen des „Domenico Michiel“ nach Vorstellungen des frühen 17. Jahrhunderts. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein, später wurden rückblickend auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein solches Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen.Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert: „Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Heinrich Kellner erwähnt die Anekdote, die zur Aufnahme der im Wappen sichtbaren Münzen führte: „als im auff den Schiffen Gelt mangeln wolt“, „ließ er aus Läder Müntz machen/bezalt seine Leut damit/an Golt und Silbers statt“.

Der Frankfurter Jurist und Richter Heinrich Kellner beschreibt in seiner 1574 erschienenen Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben,Heinrich Kellner: Chronica das ist Warhaffte eigentliche vnd kurtze Beschreibung, aller Hertzogen zu Venedig Leben, Frankfurt 1574, S. 25v–27r (Digitalisat, S. 25v). zwar die Taten des „Dominicus Michiel“, der 1120 „Hertzog worden“. Doch von einem Vizedogen (oder gar von zweien) berichtet auch er nicht. Da Kellner stark von Marcellus abhängt, überrascht dies allerdings nicht.

In der Übersetzung von Alessandro Maria Vianolis Historia Veneta, die 1686 in Nürnberg unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, S. 200–208 (Digitalisat). glaubt der Autor, „keine Feder / so klug und wohl geschnitten dieselbe auch seyn mag / seinen unvergleichlichen hohen Verstand und heldenmüthige Verrichtungen wird genugsam rühmen und beschreiben können.“ Auch die ledernen Münzen, „welche er Michelotti genennet“, erwähnt der Autor, ebenso wie die Übernahme der Münzen in das „Wappen“ der Falier, zudem, dass ihm 1129 „Petrus Polanus“ im Amt folgte. Doch weder die Aufrechterhaltung der Michiel-Vorherrschaft in der Abwesenheit des Dogen, noch die Frage der Goldbeschaffung für den Tausch gegen die Ledermünzen erwähnt er, noch beantwortet er die Frage, warum der Schwiegersohn zum Nachfolger wurde, nicht sein Sohn.

mini|Wappen der Michiel an der Burg von Serifos, erbaut 1433, fotografiert 2016. Es zeigt die „Münzen“, die Doge Michiel ausgeben ließ.

Historisch-kritische Darstellungen