Das Kastell Nag el-Hagar (lat. möglicherweise Praesentia) ist ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für rückwärtige Sicherungs- und Überwachungsaufgaben im südlichen Grenzgebiet der Provinz Thebaϊs zuständig war. Diese Provinz wurde während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) im Jahr 298 n. Chr. nach der Aufgabe des Dodekaschoinos eingerichtet.Raoul McLaughlin: The Roman Empire and the Indian Ocean. The Ancient World Economy & the Kingdoms of Africa, Arabia & India 2014, ISBN 978-1-78346-381-7, S. 67. Die Überreste der Garnison, die auch als Repräsentationsort eines bedeutenden Beamten gedient haben muss, wurden am Ostufer des Nils, nahe dem Dorf Nag el-Hagar im Gouvernement Assuan in Oberägypten, entdeckt und in mehrjährigen Kampagnen zwischen 1984 und 2017 teilweise ergraben.

Name und Lage Die Identifizierung des Kastells mit dem Garnisonsort Praesentia, an dem das spätrömische Staatshandbuch Notitia dignitatum die Legio III Diocletiana verortet, ist zurzeit noch unsicher.Notitia Dignitatum occ. 31, 33

Die zuständigen römischen Strategen planten die Anlage rund 45 Kilometer hinter der damals neu eingerichteten südlichen Reichsgrenze in Ägypten, die nahe bei Philae verlief. Rund 30 Kilometer südlich des Kastells lag Syene (Assuan), das nun zur Grenzstadt geworden war. Die nächste nördlich der Fortifikation gelegene Stadt war das rund 17 Kilometer entfernte Omboi (Kom Ombo). Eine zivile dörfliche Ansiedlung wurde für den Bau des spätantiken Kastells planiert.

Forschungsgeschichte Die ersten Forschungskampagnen wurden von der Ägyptischen Altertümerverwaltung, Abteilung Assuan, durchgeführt. Sie standen von 1984 bis 1985 unter der Leitung des Chefinspektors Mohi ed-Din Mustafa und wurden von 1986 bis Januar 1989 unter dessen Nachfolger Usama Abdel Wareth fortgesetzt.Michael Mackensen, Mohamed El-Bialy, Alexander von Kienlin, Hans-Christoph Noeske, Florian Schimmer, Barbara Seeberger, Maike Sieler: The Late Roman Fort at Nag el-Hagar near Kom Ombo in the province of “Thebaïs” (Upper Egypt). Report on the first season of the Egyptian-Swiss Joint Mission. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 62, 2006 (2007) S. 161–195; hier: S. 162. Schwerpunkt dieser Grabungen war ein kleiner, schlecht erhaltener Palast (Palatium) im Bereich der südwestlichen Praetentura (Vorderlager) des Kastells. Die Grabungen konnten seine Funktion jedoch nicht sicher klären.Alexander von Kienlin: Die Kirchen von Nag el-Hagar. In: Alejandro Jiménez-Serrano, Cornelius von Pilgrim (Hrsg.): From the Delta to the Cataract. Studies Dedicated to Mohamed el-Bialy. Brill, Leiden 2015, ISBN 978-90-04-29344-1, S. 108–131; hier: S. 110. Außerdem wurden die vielfältigen nachträglichen Veränderungen und offensichtlichen Entwicklungen im Bereich der Innenbebauung nicht erkannt. Das Schweizerische Institut für ägyptische Bauforschung und Altertumskunde in Kairo erhielt damals den Auftrag, zusammen mit der Altertümerverwaltung die vorgefundenen Baubefunde zu dokumentieren und letztendlich zu publizieren.

Um einer immer stärker drohenden Zerstörung des Kastells vorzugreifen und eine Veröffentlichung der Forschungsergebnisse möglich zu machen, führten die Schweizer im Februar und März 2005 ein kurzes Dokumentationsprojekt durch. Die Finanzierung übernahm die Münchener Universitätsgesellschaft, Verein der Freunde und Förderer der Universität München. Erhaltungsprobleme bereiteten die teilweise ergrabenen Gebäudereste im Inneren der westlichen Kastellhälfte samt der dortigen Umfassungsmauer durch die am östlichen Nilufer und zwischen den Ruinen wachsenden Palmen. Die Ostseite der Fortifikation wiederum wurde durch das expandierende moderne Dorf bedroht. Zudem waren Teile der nördlichen, östlichen und südlichen Umfassungsmauer sowie die nordöstliche und südöstliche Kastellecke zuletzt Opfer von mutwilligen Zerstörungen geworden.

Dieser Grabung folgte 2006 ein längerfristiges Kooperationsprojekt zwischen der Altertümerverwaltung, Inspektorat Assuan, und dem Schweizerischen Institut für ägyptische Bauforschung und Altertumskunde in Kairo zur weiteren Erforschung der Fortifikation und des dazugehörigen Lagerdorfs (Vicus). Die Leitung wurde in die Hände des deutschen Provinzialrömischen Archäologen Michael Mackensen unter Mitarbeit des Ägypters Mohamed El-Bialy vom Inspektorat Assuan gelegt. Jetzt sollten offene Fragen aus der Vorgängergrabung geklärt und als neue Zielsetzung die im östlichen Lagerareal gelegenen Mannschaftsbaracken sowie das Stabsgebäude (Principia) untersucht werden.Alexander von Kienlin: Die Kirchen von Nag el-Hagar. In: Alejandro Jiménez-Serrano, Cornelius von Pilgrim (Hrsg.): From the Delta to the Cataract. Studies Dedicated to Mohamed el-Bialy. Brill, Leiden 2015, ISBN 978-90-04-29344-1. S. 108–131; hier: S. 110–111. Mackensen leitete die Grabungen in den Jahren 2005, 2006 und 2008. Die Untersuchungen von 2009 übernahm die Archäologin Regina Franke.Michael Mackensen, Regina Franke: Eine Mannschaftsunterkunft im tetrarchischen Kastell Nag al-Hagar bei Kom Ombo (Oberägypten). In: Christa Ebnöther, Regula Schatzmann (Hrsg.): Oleum non perdidit. Festschrift für Stefanie Martin-Kilcher zu ihrem 65. Geburtstag (= Antiqua 47), 2010, S. 81–94; hier: S. 84. Das Schweizerisches Institut unter der Leitung von Cornelius von Pilgrim stand den Ausgräbern als administrativer und logistischer Förderer zur Seite und half dem hinzugezogenen Bauforscher Alexander von Kienlin von der TU München bei seiner Tätigkeit.Nicolas Grimal, Emad Adly, Alain Arnaudiès: Fouilles et travaux en Égypte et au Soudan, 2008–2009. In: Orientalia. Pontificium Institutum Biblicum. 78, 2 (2009), S. 185. Die ersten Kampagnen 2006,Mohamed El-Bialy, Michael Mackensen, Jörg Faßbinder, Alexander von Kienlin, Manfred Stephani: Report on the Second Season of the Egyptian-Swiss Joint Mission at the Late Roman Fort at Nag el-Hagar (Upper Egypt). In: Annales du Service des Antiquités de l’Égypte 81, 2007, S. 39–51; hier: S. 39. 2008 und 2009 finanzierte die Gerda Henkel Stiftung, 2008 zusätzlich die Münchener Eleonora-Schamberger-Stiftung.Eintrag im Stiftungsverzeichnis. Diese Stiftung übernahm auch die Förderung der Kampagnen von 2011 bis zum Abschluss des Kooperationsprojekts am 15. Februar 2014. Franke übernahm anschließend die abschließende Aufarbeitung und Auswertung der Grabungen. Die topographische Vermessung der Befestigungsanlage und die Erstellung eines Höhenschichtenplans wurden von Manfred Stephani von der TU München vorgenommen, während Jörg Faßbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege die geomagnetische Feldbegehung übernahm. Eine letzte Grabungskampagne fand von 11. bis 27. März 2017 statt.

Baugeschichte Datierung mini|420px|Die oströmische Provinzeinteilung Ägyptens um 400 n. Chr. Später kamen durch erneute Teilungen zwei weitere Provinzen hinzu (Augustamnica II und Thebais II). Da eine Bauinschrift bislang nicht entdeckt werden konnte, beschränkt sich die Datierung auf das geborgene Münzmanterial und die Keramik. Auch die ergrabenen Ostraka bieten keine Hinweise auf eine zeitliche Bewertung. Das exakte Entstehungsdatum des Kastells bleibt damit bisher ebenso unbestimmt wie der Zeitpunkt, an dem die hier stationierte reguläre römische Militäreinheit Nag el-Hagar zuletzt verlassen hat. Somit ist bisher ebenso ungeklärt, wann sich die Bevölkerung in den Kastellmauern niederließ und die archäologisch greifbare Transformation von einem Garnisonsort zu einer Zivilsiedlung begann.Michael Mackensen, Mohamed El-Bialy, Alexander von Kienlin, Hans-Christoph Noeske, Florian Schimmer, Barbara Seeberger, Maike Sieler: The Late Roman Fort at Nag el-Hagar near Kom Ombo in the province of “Thebaïs” (Upper Egypt). Report on the first season of the Egyptian-Swiss Joint Mission. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 62, 2006 (2007) S. 161–195; hier: S. 170. Mutmaßungen gehen von einer militärischen Nutzung des Kastells bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts oder gar bis gegen Mitte des 6. Jahrhunderts aus. Bei einem Schnitt durch den Kastellgraben ließ sich nachweisen, dass dieser noch bis in die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts regelmäßig gereinigt wurde. Mit dem Ende der Garnison wurden militärische Gebäude umgenutzt, teilweise abgebrochen und Neubauten innerhalb des Kastellgevierts errichtet.Regina Franke: Demonstration kaiserlicher Macht am Nil – Das spätrömische Kastell Nag’al-Hagar bei Kom Ombo in Oberägypten. In: Antike Welt 5, 2012, S. 57–65.

Wie die 2005 vorgenommene konkretisierte Auswertung der ab 1984 geborgenen Feinkeramik verdeutlicht, kann die Gründung der Garnison ins frühe 4. Jahrhundert oder sogar in die Zeit um 300 n. Chr. verortet werden.Mohamed El-Bialy, Alexander von Kienlin: Report on the third season of Egyptian-Swiss joint mission at Nag El-Hagar. In: Annales du Service des Antiquités de l’Égypte 82, 2008, S. 61–66; hier: S. 64. Das Problem mit der zwischen 1984 und 1989 in Nag El-Hagar aufgesammelten Keramik war bei dieser Auswertung jedoch, dass die so wichtige Möglichkeit einer Stratifizierung unmöglich gemacht wurde, da es die damaligen Ausgräber versäumt hatten, die Tonwaren mit Fundzetteln oder ähnlichem zu versehen. Daher ist unter anderem unbekannt, wann und wo diese Stücke entdeckt wurden.Michael Mackensen, Mohamed El-Bialy, Alexander von Kienlin, Hans-Christoph Noeske, Florian Schimmer, Barbara Seeberger, Maike Sieler: The Late Roman Fort at Nag el-Hagar near Kom Ombo in the province of “Thebaïs” (Upper Egypt). Report on the first season of the Egyptian-Swiss Joint Mission. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 62, 2006 (2007) S. 161–195; hier: S. 170–171. Die Keramik umfasste sowohl Fragmente der afrikanischen Red-Slip-Ware (ARS) aus Zentral- und Nordtunesien als auch der ägyptischen Red-Slip-Ware A (ERS A). Die Bandbreite der identifizierbaren ERS-A-Fragmente entsprach weitgehend derselben wie die der ARS-Ware und reichte vom 4. bis 7. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt im 5. und 6. Jahrhundert lag.Michael Mackensen, Mohamed El-Bialy, Alexander von Kienlin, Hans-Christoph Noeske, Florian Schimmer, Barbara Seeberger, Maike Sieler: The Late Roman Fort at Nag el-Hagar near Kom Ombo in the province of “Thebaïs” (Upper Egypt). Report on the first season of the Egyptian-Swiss Joint Mission. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo 62, 2006 (2007) S. 161–195; hier: S. 181. Insgesamt bot die ARS trotz der genannten Schwierigkeiten gute Datierungsansätze, da sich diese hochwertige Feinkeramik, die in großen Mengen nach Nag el-Hagar importiert worden war, chronologisch außerordentlich gut verorten lässt.