Der Beit Hadar (auch Bejt; ; ) ist ein Büro- und Geschäftshaus in Tel Aviv, im israelischen Bezirk gleichen Namens. Architekt des Baus war Carl Rubin. Der Beit Hadar ist das erste Büro- und Geschäftsgebäude in Tel Aviv, das komplett als Stahlskelettbau entstand.Edina Meyer-Maril (), The International Style Architecture in Tel Aviv 1930–1939, / (Hrsgg.), Tel Aviv-Jaffo: , 1994 / , S. 2. Zugleich war es der erste größere Bau dieser Art in Palästina.Myra Warhaftig, Sie legten den Grundstein – Leben und Wirken deutschsprachiger Architekten in Palästina 1918–1948, Berlin: Wasmuth, 1996, ISBN 978-3-8030-0171-9, S. 108. Der Bau ist eines der besten Beispiele für ein Bürogebäude im Internationalen Stil in IsraelNir Mann () und Danny Recht (), „“ (Beit Hadar), auf; abgerufen am 4. Januar 2020.Hadassah Aghion, Tel Aviv: Bauhaus & eclectic styles ['Tel Aviv: esprit Bauhaus et éclectisme', Paris: Marcus und Guysen, 2009, ISBN 978-2-7131-0284-4; engl.] Lisa Maronese (Übers.), Paris: Marcus, 2018, ISBN 978-2-7131-0348-3, S. 32. und eine Landmarke der Stadt. Der Beit Hadar ist als geschütztes Baudenkmal Teil des UNESCO-Welterbes Weiße Stadt.Michael Jacobson (), „“ (Einleitung), 1. Januar 2019, auf: , abgerufen am 4. Januar 2020.
Der Beit Hadar zeichnet sich durch klare kubische Formen aus, ein fünfstöckiger halbrunder Mittelbau bildet den Blickfang auf dem spitzen Grundstück und ist zu den anliegenden Straßen flankiert von quaderförmigen Seitenflügeln von vier Etagen. „Die Tatsache, daß Carl Rubin dabei auf die geometrischen Körper Quader und Halbzylinder zurückgriff, sowie die Anordnung der Fenster lassen seine heimliche Liebe zu Erich Mendelsohns Architektur in Deutschland erkennen.“ Dies hebt schon 1935 die Fachzeitschrift HaBinjan baMizrach haQarōv () hervor.הַבִּנְיָן בַּמִּזְרָח הַקָּרוֹב, Band 3 (August 1935), S. 8. Heller Putz und horizontale Fensterbänder des Beit Hadar sind typisch fürs Bauen in Anlehnung ans Bauhaus.
Lage Der Beit Hadar steht auf der spitz zulaufenden Ecke der Derech Menachem Begin (), dort mit der Nr. 19, mit dem Rechov haRakkevet (da Nr. 22; ) und einer Stichstraße, die den Innenhof erschließt. Dieses Grundstück liegt in Ramat haScharon, einem Viertel im Stadtteil 5, der Lev Tel Aviv und nördliche alte Vororte Jaffas umfasst und mit den Stadtteilen 3, 4 und 6 den Stadtbezirk Mitte von Tel Aviv bildet. Das Grundstück liegt an einer stark befahrenen Kreuzung.
mini|links|Ramat haScharon (mit lila Linie umrissenes Gebiet mit der Nr. 6940): Beit Hadar unter der Bahnkurve erkennbar an seinen Hausnummern 19 und 22, etwas rechts der roten Nummer 131, Plan von 1958 Das Grundstück lag damals zwar keine 80 Meter von der Stadtgrenze, jedoch logistisch höchst zentral. Am Rechov haRakkevet nördlich gegenüber war der Bahnhof Tel Aviv, den die Palestine Railways 1920 einrichteten, als sie die Bahnstrecke Jaffa–Jerusalem von Schmal- auf Normalspur umstellten. Die Gegend befand sich Mitte der 1930er Jahre in rapidem Wandel zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt des Landes, im Mai 1942 eröffnete 650 Meter weiter südlich der von Werner Wittkower und Nachum Zelkind erbaute zentrale Busbahnhof Tel Aviv.
mini|Beit Hadar, vorm Südentree: Lampe mit Aufdruck Derech Petach Tiquah 19, unterm Halteverbotsschild der neue Straßenname als Anschlag, 2014 Die an der Südostseite des Beit Hadar anliegende Straße ist die historische Route von Jaffa,Vgl. den Eintrag zu dieser historischen Landstraße (הדרך ההיסטורית יפו–שכם) in der hebräischen Wikipedia. die hier die Bahn quert und nordostwärts durch die ausgedehnten Zitrusplantagen via Petach Tiqwah nach Nablus führt, heute die Regionalstraße 481 ().
Im Stadtgebiet trägt diese alte Landstraße seit 2001 den Namen Derech Begin, davor hieß sie Derech Petach Tiquah () und noch früher Derech Schchem (), nach dem Zielort. Entsprechend bildete der Bauplatz den perfekten Umschlagplatz für eingehende Anlieferungen von Plantagen per Lastwagen bzw. Transport nach Jerusalem per Bahn. Die Bahngesellschaft Rakkevet Jisrael legte 1970 die Bahnstrecke in diesem Abschnitt still und verlegte den Bahnhof im Streckenverlauf um zweieinhalb Kilometer nach Südosten zum neuen Südbahnhof.
Geschichte Mitte der 1930er Jahre vereinigten sich mehrere Verbände von Zitruspflanzern () zum Pardes Syndicat (), dessen Teilhaber etwa 80 % der palästinensischen Zitrusplantagen innehatten. Der Pardes vertrat damit nicht nur wichtige Arbeitgeber, sondern auch einen bedeutenden Wirtschaftssektor, der im Zenith seiner Entwicklung stand. Das Pardes Syndicat beschloss, sich eine innovative und elegante Vertretung zu errichten, die Mitgliedern und Mitarbeitern Gastlichkeit und Arbeitsbedingungen böte, wie man sie bis dahin im Lande noch nicht gesehen hatte.
Der Pardes erwarb das 2,2 metrische Dunam große Grundstück, brachte es in die neu gegründete Liegenschaftsgesellschaft Chevrat Beit Hadar ein und verkaufte Minderheitsbeteiligungen daran an andere Investoren, um den teuren und ehrgeizigen Bau seiner modernen Hauptverwaltung zu realisieren.Michael Jacobson (), „“, Kap. 4 ‹›, 1. Januar 2019, auf: , abgerufen am 4. Januar 2020. Mordechai Qirjati (), Vermesser, Zitruspflanzer in der Saron und Bruder des Bauhaus-Schülers und Architekten Schmuʾel Mesteczkin, erledigte die Vermessung des Grundstückes.
mini|Stahlskelett der Firma Hamalchim, 1936 Die Chevrat Beit Hadar hatte 1934 die vier Architekten Carl Rubin, Richard Kauffmann (Ende der 1920er Jahre Rubins Chef in JerusalemNitza Metzger-Szmuk (), Bauhaus Tel Aviv Site Plan / תֵּל־אָבִיב מַפַּת הָאֲתָרִים, Boʿaz Ben-Menasche (; Übers.), Tel Aviv-Jaffa: , 1994, Abschnitt 2.), Dov Kuczynski und Josef Neufeld (einst Rubins Kommilitone in Wien) zu einem beschränkten Wettbewerb um den Bauauftrag geladen. Die Kandidaten entwickelten noch 1934 ihre Entwürfe und 1935 dann wählte die Jury aus und gab Carl Rubin (1899–1955) den Vorzug vor Kauffmann, Kuczynski und Neufeld.
Anschließend übernahm Rubin die Bauleitung, der nach seiner Zeit 1931/1932 als Mitarbeiter im Architekturbüro Erich Mendelsohns in Berlin sich in Tel Aviv als selbständiger Architekt niedergelassen und durch erste Bauten die Aufmerksamkeit von Bauherren und Publikum auf sich gezogen hatte. Das Stahlskelett errichtete die Firma Hamalchim ().Nitza Metzger-Szmuk (), בָּתִּים מִן הָחוֹל – אַדְרִיכָלוּת הַסִּגְנוֹן הַבֵּינְלְאֻמִּי בְּתֵּל־אָבִיב: 1931–1948, Tel Aviv-Jaffa: , 1994, ISBN 965-05-0724-8, S. 301. Parallel zum Bau des Bürogebäudes war der in der Stadt gut vernetzte Rubin auch damit befasst, das Wohnhaus von Zina und Meʾir Dizengoff, Tel Avivs Bürgermeister, für die Nutzung durchs Kunstmuseum Tel Aviv umzubauen, das am 23. Februar 1936 eingeweiht wurde. Am 28. Februar 1936 wurde dann der Beit Hadar fertig übergeben.
mini|Östlicher Bahnsteig des Bahnhofs mit Blick zum Beit Hadar, 1944 Hauptnutzer war das Pardes Syndicat, das neben Lobbyarbeit sich auch praktisch um Zitrusexporte mühte (). Es ging darum, Vermarktung und Ausfuhr von Zitrusfrüchten (Hauptimporteur war Britannien) zu fördern, sowie Mindestpreise und Standards für Verpackung und Transport dieses Obstes festzulegen. Der Versammlungssaal des Pardes im halbzylindrischen Mittelflügel wurde für Tagungen und Konferenzen der Pflanzer genutzt bzw. auch an andere Veranstalter vermietet. Der Pardes hielt in diesem Saal zudem Besprechungen mit anderen Unternehmen oder Interessenvertretungen ab, wie der Rat für Zitrusvermarktung oder die Histadrut.
Zu den Mietern gehörten im Nordflügel die Vertretung der Pharmafirma Bayer AG, im repräsentativen, durch große im halbzylindrischen Baukörper rundum verlaufende Schaufenster transparenten Geschäftslokal logierte ein Ford- und Lincoln-Händler und im Südflügel die Druckerei Dfus Schocham.Nitza Metzger-Szmuk (), בָּתִּים מִן הָחוֹל – אַדְרִיכָלוּת הַסִּגְנוֹן הַבֵּינְלְאֻמִּי בְּתֵל־אָבִיב: 1931–1948, Tel Aviv-Jaffa: , 1994, ISBN 965-05-0724-8, S. 300. Weitere Mieter der ersten Stunde waren eine Außenstelle des palästinensischen Departements der Landwirtschaft und Fischerei (Department of Agriculture and Fisheries), der Veterinärdienst für den Distrikt Lydda (in den Jahren 1939–1948/1953 einer der Distrikte im Mandatsgebiet) und ein Restaurant. Paul Wolpert und Gattin, geb. Bloch, zuvor Mitinhaber von Wolpert & Bendix Tuche (Berlin, Molkenmarkt 9/10Joachim Schlör, Tel Aviv - vom Traum zur Stadt: Reise durch Kultur und Geschichte, Frankfurt am Main: Insel, 1999, (= Insel Taschenbuch; Band 2514), ISBN 978-3-458-34214-4, S. 238.) eröffneten und führten das Restaurant Beit Hadar, gleichen Namens wie das Haus, Tochter Gerda Porter (1920–2003) gehörte als mithelfendes Familienmitglied zur Belegschaft.Joachim Schlör, Tel Aviv - vom Traum zur Stadt: Reise durch Kultur und Geschichte, Frankfurt am Main: Insel, 1999, (=Insel Taschenbuch; Band 2514), ISBN 978-3-458-34214-4, S. 239. Tags Restaurant war das Etablissement abends Bar mit Musikkapelle und gut besucht durch britische Soldaten nach Dienst.Joachim Schlör, Tel Aviv - vom Traum zur Stadt: Reise durch Kultur und Geschichte, Frankfurt am Main: Insel, 1999, (=Insel Taschenbuch; Band 2514), ISBN 978-3-458-34214-4, S. 240.
Um ihre Sicherheitskräfte bewegen zu können, die ausrückten, zunehmende Gewaltakte im Heiligen Lande zu bekämpfen, richteten britische Mandatsbehörden 1940 ein Netz gesicherter Verkehrsachsen ein, eine davon die Landstraße Jaffa–Nablus, wobei für deren israelischen Abschnitt, die Landstraße 481 auch Jabotinsky-Achse () genannt, die Bezeichnung Achse weiterlebt. Entlang der sicheren Achsen () wurden in Abständen von einem bis fünf Kilometern britische Posten eingerichtet, als ein solcher wurde 1940 der Beit Hadar und ein Nachbarhaus beschlagnahmt und mit einer Verbindungsstelle der Palestine Police belegt. Eigentümer und Mieter mussten die Häuser und Geschäfte räumen, mit Ausnahme des Restaurants Beit Hadar, es blieb aber ohne Wolperts, sondern in britischer Hand und diente den vielen britischen Beamten und Soldaten als Gaststätte und abends als Ort des Zeitvertreibs. Die Räumungen im pulsierenden Geschäftszentrum der Stadt quittierten manche Einheimische mit offener Feindseligkeit gegenüber dem Beit Hadar und seiner Besatzung.
mini|Soldat der Airborne Division im Ordnungseinsatz, während Tel Avivis nach Aufhebung einer Ausgangssperre zum Brotkauf drängen, 3. August 1946 Angesichts des Terrors antibritischer Untergrundorganisationen war das Gebäude ab Anfang 1946 durch Stacheldraht gesichert.Vgl. „“, in: , den 10. Februar 1946. Wegen vieler Morde an Briten legten sie schließlich ihre Einrichtungen und Wohnstätten in besonders geschützten Zonen zusammen (von Einheimischen als Bevingrad oder im Falle Tel Avivs als Metzudat Tel Aviv (Zitadelle), von Briten als Wingard bezeichnet), das Viertel rund um den Beit Hadar wurde seiner strategischen Lage wegen selbst Sicherheitszone, darin auch das Hauptquartier eines Fallschirmbataillons der 6th Airborne Division und im Versammlungssaal das Militärgericht für den Distrikt Lydda.
Am 23. April 1946 verübte die Irgun (EtZe"L) einen Ablenkungsanschlag aufs Zollamt am Bahnhof, was die britischen Kräfte vom Beit Hadar band, während Irgunisten unter Führung Dov Béla Grüners (; 1912–1947) den blutigen Hauptschlag zum Waffenraub gegen das Tegart-Fort der Polizei in Ramat Gan führten, zwei Polizeiposten weiter nordöstlich an der Sicherheitsachse der Landstraße nach Nablus. Dabei kam am Zollamt ein Irgunist durch eine von ihm fehlgezündete Handgranate ums Leben.
mini|Nordflügel des Beit Hadar (li.) und Nachbarhaus Beit Westinghouse am Rechov haRakkevet, 2014 Im Februar 1947 beschlagnahmten die Mandatsbehörden zusätzlich die südlich benachbarte Häuserzeile Rechov Miqueh Jisraʾel Nr. 13 bis 23 sowie den Beit Westinghouse im Rechov haRakkevet 20 für Regierungsbüros und Soldatenwohnungen, wodurch die bisherigen 500 Bewohner und Nutzer binnen 36 Stunden diese Bauten räumen mussten. Am 26. Februar 1947 beschossen LeCh"I (die Kämpfer um Israels Freiheit) den Beit Hadar.