Futur Drei ist ein Coming-of-Age-Film von Faraz Shariat, der am 23. Februar 2020 im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin seine Premiere feierte und am 24. September 2020 in die deutschen Kinos kam. Der autobiografische Spielfilm erzählt von Parvis, dem Sohn zweier Exil-Iraner, der in Deutschland aufgewachsen ist und sich zwischen seiner iranischen Herkunft und seinem Leben als junger schwuler Mann in einer deutschen Kleinstadt bewegt. Nach einer Verurteilung zu Sozialstunden in einer Flüchtlingsunterkunft lernt er die iranischen Geschwister Bana und Amon kennen, wobei er sich in Amon verliebt – eine Begegnung, die sein Verständnis von Zugehörigkeit, Herkunft und Liebe grundlegend verändert.

Handlung Parvis ist Sohn von Exil-Iranern und lebt mit seinen Eltern in Hildesheim. Seine Eltern akzeptieren stillschweigend, dass er schwul ist, zeigen aber klar auf, dass sie andere Vorstellungen für sein Leben hatten. Er vergnügt sich in dieser Zeit mit schnellen Dates und langen Clubnächten. Nach einem Ladendiebstahl muss er in einem Wohnprojekt für Flüchtlinge seine 120 Sozialstunden als Übersetzer ableisten. Dort wird er anfangs seltsam beäugt, weil er mit seinen blondierten Haaren sonderbar wirkt und sich bei einigen Aufgaben auch nicht sehr geschickt anstellt. Er nimmt auch an Gesprächen teil, in denen über den weiteren Aufenthalt der Bewohner entschieden werden soll, und übersetzt, da er die arabischen Dialekte der Bewohner oft nicht versteht, absichtlich fehlerhaft, um Abschiebungen zu verhindern.

Er lernt den iranischen Flüchtling Amon kennen, der dort mit seiner Schwester Banafshe auf Aufenthaltserlaubnisse wartet. Von den anderen jungen Männern im Projekt wird Amon aufgefordert, keinen Kontakt mit dem Sonderling zu pflegen. Amon versteht nicht sofort, dass Parvis kein Bewohner des Projekts, sondern nur für seine Sozialstunden dort ist. Amon bewohnt ein Zimmer gemeinsam mit seiner Schwester, die schnell bemerkt, dass ihr Bruder Parvis mag, und ein wenig nachhilft, dass sie sich näher kommen. Nach einer gemeinsamen Partynacht gehen die drei zusammen zu ihm nach Hause. Amon hilft dem völlig betrunkenen Parvis beim Baden, und ein erster Kuss folgt. Banafshe erfährt von der Mutter die Hintergründe ihrer Flucht und wie der Neuanfang in Deutschland für sie damals war. Später erzählt sie ihrem Sohn, sie hätten sich all das in Deutschland nur für ihn aufgebaut.

Ein Projektmitarbeiter empfiehlt Banafshe eine Schutzehe, weil ihr die Abschiebung droht, und bietet sich sofort an, sie zu heiraten, wobei er allerdings sexuell übergriffige Bemerkungen macht, die an einer altruistischen Motivation zweifeln lassen.

An dem Tag, an dem Parvis das letzte Mal im Projekt arbeitet, wird Banafshe gewarnt, dass die Polizei auf dem Weg ist, um ihre Abschiebung zu veranlassen. Sie will das Projekt verlassen, doch Parvis bringt sie und ihren Bruder erst einmal aus der Stadt heraus. In: firststeps.de. Abgerufen am 7. Januar 2020.Futur Drei. In: filmstarts.de. Abgerufen am 7. Januar 2020.

Produktion

Regie führte Faraz Shariat, der gemeinsam mit Paulina Lorenz auch das Drehbuch schrieb. Es handelt sich nach einem Dokumentarfilm und einigen Kurz- und Werbefilmen um Shariats Spielfilmdebüt. Zudem produzierte er mit dem von beiden gegründeten Filmkollektiv JÜNGLINGE den Film. In: firststeps.de. Abgerufen am 8. Februar 2020. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist autofiktional, hat jedoch starke biografische Züge.Sophia Zessnik: „Futur Drei“ ist die queere Coming-of-Age-Geschichte, auf die du gewartet hast. In: ze.tt, 25. Februar 2020.Regisseur: Film- und Fernsehbranche sollte diverser werden. In: Süddeutsche Zeitung, 17. Februar 2020. Auch Shariat wuchs als iranischer Migrant in zweiter Generation in Deutschland auf, und er musste 2015 selber Sozialstunden wegen Ladendiebstahls in einem Hildesheimer Hotel ableisten, wo minderjährige Geflüchtete untergebracht waren. Weil es an Dolmetschern fehlte, habe er Amts- oder Arztgespräche übersetzen müssen, in denen es um existenziell wichtige Fragen gegangen sei. Auf einmal sei er sich seiner Privilegien als in Deutschland Geborener bewusst geworden, so Shariat.Christina Sticht: Queer und stylish im Flüchtlingsheim: Premiere für „Futur Drei“. In: queer.de, 19. Februar 2020.

Zum Filmtitel erklärte Shariat: „Wir haben uns überlegt, wie man eine filmische Sprache entwickeln kann, die sich traut, eine Gesellschaft zu formen, anstatt sie zu reproduzieren. Eine Sprache, mit der man über die Zukunft spricht, die es aber eigentlich nicht gibt: Die nächste Zeitform wäre das Futur Drei.“Juule Kay: Filmtipp: Warum „Futur Drei“ die Zukunft des deutschen Kinos ist. In: Vogue, 24. Februar 2020.

Der Film erhielt Produktionsförderungen von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein in Höhe von 20.000 Euro und von der Nordmedia – Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH in Höhe von 100.000 Euro und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien eine Verleihförderung von 20.000 Euro.

Eidin Jalali, der die Rolle des Amon spielt, gibt mit Futur Drei sein Filmdebüt. In: firststeps.de. Abgerufen am 8. März 2020. Banafshe Hourmazdi spielt dessen Schwester Banafshe, und Benjamin Radjaipour übernahm die Rolle von Shariats Alter Ego Parvis. Jürgen Vogel ist in einer Nebenrolle als Projektmitarbeiter Jan zu sehen, der Banafshe zu einer Schutzehe rät und sich selbst gleich als Kandidaten ins Spiel bringt. mini|hochkant=1.7|Einer der Drehorte: die Gegend um die Tonkuhle in Hildesheim Shariat hatte von seinem Vater rund 40 Stunden Videomaterial mit Aufzeichnungen aus seiner Kindheit in den 1990er Jahren bekommen, die er teilweise in seinen Film einbaute.Sophia Zessnik: Berlinale-Regisseur über Autobiografie: „Es war wichtig, Grenzen zu setzen“. In: taz.de, 23. Februar 2020. Die zu Beginn verwendeten Homevideoaufnahmen zeigen den Regisseur als kleinen Jungen in einem Sailor-Moon-Kostüm tanzend.Andreas Busche: „Futur Drei“ auf der Berlinale: Queer und postmigrantisch in der Kleinstadt. In: Der Tagesspiegel, 23. Februar 2020. Sein Vater und seine Mutter, Mashid und Nasser, sind in dem VHS-Material ebenfalls zu sehen und spielen im Film zudem die Eltern der Hauptfigur.

Die Dreharbeiten fanden an 29 Drehtagen zwischen dem 6. AugustDrehstart für WIR von Faraz Shariat. In: josthering.de, 6. August 208. und dem 10. September 2018 in Hildesheim, in der Kulturfabrik Löseke und an der Tonkuhle,FIRST STEPS Award 2019: FUTUR DREI ist „Abräumer des Abends“. In: nordmedia.de. Abgerufen am 7. Januar 2020. sowie in Hannover, GronauSetbesuch in Gronau: „Futur Drei“. In: nordmedia.de. Abgerufen am 7. Januar 2020. und Göttingen statt.

Ab 23. Februar 2020 wurde der Film im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin in der Sektion Panorama vorgestellt und feierte hier seine Premiere, wo er auch im Rahmen des Teddy Awards, einem eigenen Wettbewerb, gezeigt wurde.Filme 2020: Futur Drei. In: teddyaward.tv. Abgerufen am 10. Februar 2020. Anfang Juli 2020 wurde der Film beim Galway Film Fleadh online vorgestellt. In: galwayfilmfleadh.com. Abgerufen am 7. Juli 2020. Ab Ende August 2020 wurde er beim virtuell stattfindenden Outfest Los AngelesDino-Ray Ramos: Outfest Los Angeles Sets 'The Obituary of Tunde Johnson', 'Monsoon', 'Two Eyes' And More For Virtual LGBTQ Film Fest. In: deadline.com, 10. August 2020. und beim Molodist International Film Festival, das in einer Hybridversion stattfand, im Wettbewerb vorgestellt.150 films: International film festival “Molodist” announced the program. In: cinema.in.ua, 8. August 2020. Im September 2020 steht er im Programm der Queerfilmnacht.Queerfilmnacht online. In: queerfilmnacht.de. Abgerufen am 15. April 2021. Mitte September 2020 wird er im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig vorgestellt. In: filmkunstmesse.de. Abgerufen am 22. August 2020. (PDF; 426 KB) Ein Kinostart in Deutschland erfolgte am 24. September 2020.Starttermine Deutschland. In: insidekino.com. Abgerufen am 24. September 2020. Ende September 2020 wird er auch beim LGBT Film Festival in Polen gezeigt In: lgbtfestival.pl. Abgerufen am 15. April 2021., Ende November, Anfang Dezember 2020 im Rahmen von Crossing Europe Extracts, einem Coronavirus-Pandemie-bedingten Alternativprogramm mit Online-Angebot und einer Reihe von physischen Events im Kino. Ebenfalls im Dezember 2020 soll er beim Les Arcs Film Festival vorgestellt werden.Fabien Lemercier: Close to 100 European films are set to grace the Les Arcs showcase. In: cineuropa.org, 19. November 2020.

Rezeption Altersfreigabe In Deutschland wurde der Film von der FSK ab 16 Jahren freigegeben. In der Freigabebegründung heißt es, Migrationserfahrung, experimentierende Sexualität, Freundschaft und erste Liebe würden differenziert und glaubhaft geschildert. Kinder unter 16 Jahren könnten durch die deutliche, teils offensive Darstellung von Sexszenen, besonders im Kontext von Sex-Dating, irritiert und überfordert werden, doch 16-Jährige seien in ihrer Entwicklung bereits weit genug, um diese Aspekte in die Entwicklungsgeschichte der Hauptfigur einzuordnen und sie eigenständig zu bewerten.Freigabebegründung für 'Futur Drei'. In: spio-fsk.de. Abgerufen am 26. September 2020.

Kritiken Der Film stieß bislang auf die Zustimmung aller Kritiker bei Rotten Tomatoes bei einer durchschnittlichen Bewertung von 7,6 der möglichen 10 Punkte.

Sofia Glasl von der Süddeutschen Zeitung schreibt, Faraz Shariat schicke sein Alter Ego Parvis auf eine Erkenntnisreise, auf der er sich nicht nur seiner Wurzeln bewusst werde, sondern diese zu einer Rückeroberung seiner Identität nutze. Er lade dabei die klassische Story des Coming-of-Age-Films mit einer Selbstermächtigung auf: „Das ist eine wichtige Kehrtwende im deutschen Film – weg von Betroffenheitserzählungen und Feelgood-Komödien, die Geschichten von Flüchtlingen oder Migranten entweder emotional ausschlachten oder als Gagmaschine benutzen.“ Migrationserfahrungen dreier Generationen kommunizierten in Futur Drei in vibrierenden Bildern miteinander, und Shariat füge Homevideos aus seiner Kindheit, Parvis' offen gelebte Sexualität, das Einfamilienhaus in der Provinz, die Transitwelt im Flüchtlingszentrum und wilde Partynächte zu einem rauschhaften Sog aus Emotionen, Erfahrungen und Ästhetiken zusammen.

Andreas Busche vom Tagesspiegel schreibt, wie der Film eine Poesie aus Bildern und Sprache finde, ohne in das Sujet des Problemfilms zu verfallen, sei für ein Do-it-yourself-Debüt außergewöhnlich. Er spricht von einem doppelten Coming-out, einem queeren und einem kulturellen.

Sophia Zessnik vom Onlinemagazin ze.tt findet, das Ergebnis sei beeindruckend, nicht nur der vielschichtigen Perspektiven wegen, die zeigten, dass deutscher Film auch anders könne als heteronormative Geschichten weißer Figuren zu erzählen, auch die visuelle Ästhetik mache Futur Drei außergewöhnlich: „Halb Musikclip, halb dokumentarisches Homevideo wächst der Film noch während der Handlung – bis er am Ende ein echtes Arthouse-Meisterwerk wird.“

Thomas Abeltshauser von epd Film schreibt, der Film atme in jedem Moment das Leben: „Nichts Falsches oder bloß Behauptetes in den Dialogen, aber auch den auffallend unpeinlich inszenierten Party- und Sexszenen. Da waren ganz offensichtliche Talente am Werk, die von ihrer Lebenswirklichkeit erzählen und denen kein Fernsehredakteur und keine Filmförderung reingeredet haben.“ Weiter zitiert Abeltshauser Banafshe, die bei einer Wanderung in die Weite des Landes, das sie bald werde verlassen müssen, rufe: „Uns gehört die Welt!“, auch wenn es in dem Moment niemand außer den dreien höre.Thomas Abeltshauser: Kritik zu Futur Drei. In: epd Film, 28. August 2020.