Die Belagerung von Wittenberg war ein militärischer Konflikt während der Befreiungskriege. Bereits 1806 nach dem Vierten Koalitionskrieg hatte Napoleon die strategische Bedeutung von Wittenberg als Elbübergang erkannt. Der erste französische Gouverneur war General Lemarroi, der aber bereits am 21. Oktober 1806 durch General Chasseloup ersetzt wurde. Dieser war Ingenieur und baute die Festung aus. 1809 evakuierte die sächsische Regierung sogar zeitweise den Staatsschatz hier her. 1812 erfolgten weitere Verbesserungen der Anlagen. 1813 war die Festung dann ein wichtiger Sammelplatz und Nachschublager für die Franzosen, die im Osten Deutschlands kämpften.

Vorgeschichte mini|Früh­jahrs­feld­zug des Jahres 1813 Bei Beginn des Feldzuges von 1813 war der Vizekönig von Italien Eugène de Beauharnais mit 35.000 bis 40.000 Mann zur Verteidigung der Niederelbe bestimmt. Ihm gegenüber stand die Nordarmee der Russen und Preußen mit 50.000 bis 60.000 Mann unter dem Oberbefehl des Generals Grafen Wittgenstein dessen Kolonnen der Elbe immer näher rückten und schon am 26. März wurde Wittenberg durch die Spitze der Vorhut unter Generalmajor Baron Diebitsch beobachtet. Diese Beobachtung wurde bald in eine Einschließung auf dem rechten Elbufer verwandelt und am 5. März übernahm der Generalleutnant von Kleist den Befehl der vor Wittenberg stehenden russischen Truppen. Während nun die Verbündeten sich mehr und mehr am rechten Elbufer ausbreiteten und festsetzten, sammelte auch der Vizekönig seine Truppen und nahm sein Hauptquartier in Magdeburg. Zur Besetzung von Wittenberg, Dessau, Roßlau und Aken war das 2. Korps (8000 Mann) unter dem Marschall Belluno bestimmt.

Das Umfeld 1813 Am 2. April erkundete der Generalleutnant Kleist, der außer den leichten russischen Truppen, 2 Jägerregimenter, 2 schwere Fußbatterien und einige Kosakenabteilungen (sämtlich unter dem Generalmajor Diebitsch), noch 6 Bataillone, 4 Schwere Husaren, 1 reitende und 1 Fußbatterie Preußen unter seinen Befehl hatte, das Terrain. Er ließ die Festung immer enger einschließen. Roßlau war schon früher besetzt worden und man traf Vorkehrungen zum Brückenbau, der später hier unternommen werden sollte. Bei Elster oberhalb Wittenberg wurde dagegen schon am 3. ein Brückenbau begonnen. Am 4. April wurden 2 Bataillone, 1/2 reitende Batterie, 1 Schwere Husaren und 1 Kosakenregiment über die Elbe gesetzt und es gelang diesen Truppen, Dessau zu besetzen, um den wichtigen Brückenbau bei Roßlau zu decken und Wittenberg auch auf dem linken Elbufer einschließen zu können.

Am 5. April lieferte General Wintzingerode mit seinen noch vorhandenen Truppen (etwa 30.000 Mann) dem Vizekönig, der gleich stark in seiner rechten Flanke stand, bei Gommern ein siegreiches Gefecht, in dessen Folge letzterer nach Magdeburg zurückging.

Vor Wittenberg selbst war indes alles ruhig geblieben und die Vorhut des Generals Kleist hatte ihre Stellung vor der Festung und das Hauptquartier in Thießen unverändert behalten. Am 6. ging die Brigade des russischen Generalmajors Helffreich auf der während dessen fertig gewordenen Brücke bei Roßlau über die Elbe und besetzte den jenseits aufgeworfenen Brückenkopf. An demselben Tage brannten die Franzosen einen Teil der Vorstädte Wittenbergs nieder. Der Vizekönig und mit ihm der Marschall Belluno zogen sich zurück, Wittenberg blieb aber weiter besetzt.

Der General Wittgenstein ging am 9. und 10. bei Roßlau über die Elbe, um die Verbindung mit den Generälen Wintzingerode und Blücher (ersterer traf mit seinem Hauptquartier am 14. in Leipzig ein) hinter der Saale herzustellen. So hatte denn der General Wittgenstein einen Hauptteil seiner Aufgabe glücklich gelöst, aber die Franzosen waren noch im Besitz aller Elbfestungen. Es blieb daher dringend notwendig, da Wittenberg und Magdeburg eingeschlossen waren, einen dieser Plätze zu erobern, um festen Fuß an der Elbe zu fassen. Die einzige Verbindung waren sonst nur die Brücken bei Elster und Roßlau.

Erster Sturm Für eine förmliche Belagerung war weder Material noch Zeit vorhanden, man musste daher zum Überfall und Sturm die Zuflucht nehmen. Der General Wittgenstein wollte den beabsichtigten Angriff persönlich leiten. Er traf am 16. März vor Wittenberg ein und setzte den Angriff auch sogleich für den kommenden Morgen fest.L. von Plothow: Des Krieges in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814, 1. Teil.

Die Vorbereitungen an und für sich waren mustergültig, die Mannschaften und Offiziere bereit. Der Fehler lag aber darin, dass General Wittgenstein sich über die Verteidigungsfähig der Festung täuschte und die Örtlichkeiten zu wenig kannte. Die Einschließungstruppen wurden zu 3 Kolonnen formiert und begannen um 3 Uhr früh den Angriff. Nach einem sehr heftigen und blutigen Gefecht, währenddessen der auf dem linken Elbufer stehende General Kasatschowski den Brückenkopf beschoss und die dortige Besatzung verunsicherte, gelang es endlich den Angriffskolonnen, die Vorstädte zu nehmen und sich dort zu behaupten. Wahrscheinlich würden dieselben schneller und mit weniger Aufwand genommen worden sein, aber die 3. Kolonne unter dem Oberstleutnant von Steinmetz wurde aufgehalten. Die Kolonne sollte über Reinsdorf vorgehenden, stieß aber unerwartet vor dem sogenannten Eichbusch gegen 4 Uhr früh auf 2 unter dem Brigadegeneral Oudinot ausgefallene Bataillone. Nach 2 Uhr hörte das Gefecht auf und die Truppen der Verbündeten gingen etwas zurück, behielten jedoch die eroberten Vorstädte besetzt.Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814, Band 1, S. 76 f.

General Wittgenstein sah diesen Sturmangriff als misslungen und hatte dabei die Überzeugung gewonnen, dass auch eine Wiederholung keinen Erfolg haben würde. Da es weiterhin wichtig blieb, Wittenberg in Besitz zu nehmen, beschloss er, einen neuen Versuch zu wagen. Er ließ in der Nacht vom 17. auf 18. 4 Batterien aufbauen und mit 2 Geschützen bestücken. Ehe dieselben ihr Feuer eröffneten, wurde der Festungskommandant durch einen Parlamentär zur Übergabe aufgefordert. Da sich dieser auf keine Unterhandlungen einlassen wollte, begann früh um 9 Uhr die Beschießung und wurde den 18. und 19. weiter geführt. Der Feind antwortete von den Wällen aus nur schwach und ging auch nicht weiter gegen die Truppen in den Vorstädten vor. Aber mehrere Angriffe der Russen unter General Kasatschkowsky auf den Brückenkopf wurden von den Franzosen zurückgeschlagen. General Wittgenstein erkannte nun, dass Wittenberg ohne förmliche Belagerung nicht zu nehmen sei. Er gab deshalb alle Angriffe auf, begnügte sich mit der Besetzung der Vorstädte und ließ die Truppen die frühere Einschließungsstellung wieder beziehen.

Die Franzosen verloren in dem Gefecht am 17. 2 Offiziere und 126 Soldaten. Der Verlust der Angreifer war natürlich beträchtlicher.

Teilabzug am 19. April mini|links|Gedenkplakette Napoleon I. Am 19. traf im Hauptquartier Dessau des Generals Wittgenstein die Nachricht ein, Napoleon rücke mit großen Truppenmassen heran, beabsichtige sich mit dem Vizekönige zu vereinigen und dagegen die feindlichen Heere zu trennen. Demzufolge konzentrierte General Wittgenstein seine Truppen und zog sich mit dem Gros näher an die Armee des Generals Blücher. Auch General Kleist hatte diesem allgemeinen Vorrücken entsprechende Befehle erhalten. Den 20. und 21. wurden dieselben ausgeführt.

Zur Einschließung von Wittenberg unter dem Major von Sjöholmz. T. auch Sicholm verblieben nur 2 Bataillone, 1 Schwere Husaren und 1 reitende Batterie Preußen so wie ein Regiment Kosaken, ferner zur Besetzung des Brückenkopfes bei Roßlau, 2 Jägerregimenter und 1 schwere Batterie Russen.

General Kleist ging mit dem Rest seiner Truppen nach Dessau. Die Saale selbst war stark besetzt und der Vizekönig unternahm gegen diese Truppen, namentlich am 22. mehrere Vorstöße, um durch diese Bewegungen seinen Rechtsabmarsch zu verdecken. Vor Wittenberg blieb während dieses ganzen Zeitraums, Scharmützel abgerechnet, alles ruhig.

Als aber der General Kleist am 24. den Befehl erhielt, mit seinem Korps von Dessau nach Halle vorzurücken, so wurden die reitende Batterie und die Husarenschwadron von Wittenberg abgerufen, wofür dem Oberstleutnant Sjöholm ein halbes Bataillon, zwei Jägerkompanien und eine halbe 12-pfünder-Batterie Preußen überwiesen wurden. Doch der Oberstleutnant Sjöholm folgte bald seinem Korps nach Halle und wurde durch die russische Brigade des Generalmajors Harpe (2000–2500 Mann) ersetzt.

Bülow ersetzt Kleist Für den abrückenden General Kleist wurde der General Bülow mit der Einschließung Wittenbergs beauftragt, dazu mit der Deckung des Brückenkopfes bei Roßlau und die Verteidigung der niederen Saale. Der General kam mit dem 7000 bis 8000 Mann starken Korps und einigen ihm zugewiesenen Kosakenabteilungen von Magdeburg.

Das Korps Bülow wurde vor der Festung Magdeburg durch ein russisches Korps unter dem Generalleutnant Grafen Woronzow abgelöst. Bülow erreichte in den letzten Tagen des April die Gegend um Wittenberg. Ehe jedoch Bülow sich entwickeln und sich die von der eroberter Festung Spandau heranziehende Brigade des Generalmajors Thümen mit ihm vereinigen konnte, war bereits am 2. Mai die Schlacht bei Großgörschen geschlagen worden. Die Niederlage der Alliierten hatte Folgen. Kleist zog sich darauf nach Mühlberg zurück und Bülow erhielt den Befehl sich auf die Einschließung von Wittenberg und die Besetzung des Brückenkopfes bei Roßlau zu beschränken. Am 7. traf der Kleist bereits auf dem rechten Elbufer ein und brannte die Brücke bei Mühlberg ab. Was das Korps des Generals Bülow betrifft, so hatte die Vorhut desselben unter dem Generalmajor Oppen ein Gefecht bei Wettin (27. April).Friedrich Rudolph von Rothenburg: Schlachten, Belagerungen und Gefechte in Deutschland und den angrenzenden Ländern. Seit dem 1. Januar 1813 bis zum 1. Januar 1814, S. 20.

Als die Brigade Thümen Dessau am 2. Mai erreichte, brach der General Bülow früh um 3 Uhr nach Halle auf. Gleichzeitig rückt auch die 4000 Mann starke Brigade des Generalmajor Borstell, die noch bis zum 2. bei Magdeburg stand, die Elbe herauf. General Bülow hoffte, kraftvoll auftreten zu können, aber die Ereignisse bei Großgörschen zwangen ihn am 4., an die Elbe zurückzugehen. Am 5. besetzte die Brigade Thümen den Roßlauer Brückenkopf, um so den Rückzug der Arme zu sichern und entsandte noch 1 Batterie und 2 Schwadron zur Verstärkung der Einschließungstruppen von Wittenberg. Die Besatzung verhielt sich jedoch ganz ruhig. Am 11. Mai ging das ganze Korps des Generals Bülow bei Roßlau auf das rechte Elbufer und ließ nur Beobachtungspositionen am linken. Wie Wittgenstein hatte auch Bülow die Hoffnung die Festung im Handstreich nehmen zu können. So unternahm er mit der vereinigten Brigade Thümen (3 Bataillone, 1 Jägerkompanie, 5 Schwadron, 1 Batterie und zahlreichen Kosakenabteilungen) einen gewaltsamen Vorstoß gegen die Festung. Sie blieb jedoch ohne Folgen.

Vorstoß von Ney gegen Berlin mini|links|Gedenkplakette Michel Ney