Die Grabsteine des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Regensburg dokumentieren die Bedeutung dieser Gemeinde in Aschkenas. Man schätzt, dass auf dem mittelalterlichen Friedhof während der rund 300 Jahre seines Bestehens über 4000 Beisetzungen stattfanden. Nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus der Reichsstadt im Jahr 1519 wurden die Friedhofsmauern von den Regensburger Bürgern niedergerissen und die Grabsteine geraubt. Einige Hausbesitzer brachten solche hebräischen beschrifteten Grabsteine als antijüdische Trophäen an den Außenmauern ihrer Häuser an und erläuterten diese Maßnahme explizit in mehreren Fällen durch erklärende Beischriften. Dem Grabstein wurde dadurch eine neue Bedeutung zugewiesen und er pries nun die Vertreibung der Juden und hielt die Erinnerung an die Vertreibung – in zeitlicher Abfolge genau – auf triumphierende Weise fest, In diesem Fall am Beispiel aufgezeigt für den Bürgermeister Caspar Amman, der den Grabstein der jüdischen Frau Gnennelin mit einer solchen Beischrift versehen ließ.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 498.
In einem anderen Fall wurde der Grabstein der Jüdin Gutel mit einem Loch versehen und diente dann nach 1533 als Abort im Regensburger Rathaus für die zum Tode verurteilten Todeskandidaten. „Hier wurde in bes[onders] widerwärtiger Weise die Funktion von Spolien als Trophäen fortgeschrieben.“Jürgen Wiener: Spolie. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Band 12. Sp. 376–380, hier Sp. 379.
Neben den im Stadtbild sichtbaren Steinen tauchen im Laufe der Zeit immer wieder auch zwischenzeitlich unsichtbar gewordene, als Baumaterial genutzte Grabsteine auf. Insgesamt sind im Stadtgebiet von Regensburg mehr als 100 solcher Grabsteine und Fragmente bekannt.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 486 Anm. 6. Es sind aber nicht alle davon heute noch vorhanden und so gut erhalten, dass der Name des Verstorbenen und das Todesjahr ablesbar sind. Auffällig und mit dem Materialwert nicht erklärbar ist die überregionale Verschleppung von Grabsteinen; sie finden sich in einem Gebiet, das dem Einzugsbereich der Wallfahrt zur Schönen Madonna von Regensburg entspricht.
Geschichte des mittelalterlichen Friedhofs Außerhalb der damaligen Stadtmauer von Regensburg, im Südwesten vor dem damaligen Vorgängertor des späteren Peterstors, hatte die jüdische Gemeinde bereits 1210 ein Grundstück erworben, um es als Friedhof zu nutzen. Eine kontinuierliche Bestattungspraxis bis zur Vertreibung der Juden im Jahr 1519 ist durch erhaltene und datierbare Grabinschriften nachweisbar. Die älteste Inschrift stammt aus dem Jahr 1217/18, die jüngste aus dem Jahr 1516.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 491. Wahrscheinlich hatten sich christliche Steinmetze entsprechende Fachkenntnisse angeeignet, um für jüdische Auftraggeber die hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen anzufertigen. Genaueres über diese Kooperation und eventuelle Mitwirkung von Juden bei der Herstellung der Grabsteine ist nicht bekannt.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 493. Das von einer Mauer umschlossene jüdische Friedhofsgelände betraten Christen wohl nur selten (wie etwa bei der Anlieferung eines neuen Grabsteins). Das Gelände des jüdischen Friedhofs war den Blicken von Christen entzogen und unterschied sich dadurch erheblich von den zeitgenössischen christlichen Friedhöfen, die, zentral gelegen, bei jedem Kirchgang durchschritten wurden und auch Orte religiöser oder profaner Versammlungen waren.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 106.
1519 zwang der Stadtrat von Regensburg die jüdische Gemeinde, die Stadt zu verlassen. Die vertriebenen Juden versuchten danach auf dem Rechtsweg, die Wiederherstellung des Zustands vor der Ausweisung zu erreichen. In ihrer Supplikation (Bittschrift) an das Regiment zu Innsbruck verwiesen sie nicht nur auf ihre widerrechtliche Vertreibung, sondern auch auf die Zerstörung ihrer Synagoge und ihrer Wohnhäuser sowie auf die Zerstörung des Friedhofs. Besonders die Begräbnisstätte versuchte die jüdische Gemeinde zu sichern, denn nicht nur die Grabsteine waren entwendet worden, auch einige Leichname waren ausgegraben und geschändet worden. („[Man hat] die toten leich ausgraben lassen, dieselben umbschlayfen, darein hauen, stechen, das wider alle gesatz und natur ist. …“Zitiert nach: Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 189, Anm. 134.). Die Rechtsstreitigkeiten endeten mit einem kaiserlichen Schiedsspruch vom 17. Mai 1521: Eine Rückkehr der jüdischen Gemeinde ließ sich nicht realisieren, zumal die Gemeindeglieder mittlerweile an verschiedenen Wohnorten lebten. Für den Verlust ihres Eigentums mussten sie eine Entschädigungszahlung akzeptieren. Einzig in Bezug auf ihren Friedhof erhielten die jüdischen Antragsteller Recht: die Totenruhe sollte gewahrt bleiben.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 191.
Die christliche Bevölkerung von Regensburg widmete das Friedhofsgelände nach dem Abräumen der Umfassungsmauer und der Grabsteine symbolisch um, indem sie dort mit drei Kreuzen einen Kalvarienberg errichtete.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 189.
Lage des jüdischen Friedhofs mini|Unbebautes Gelände vor den Stadtmauern, zwischen Peterstor und St. Emmeram. Süden ist oben. (1700) Aus historischen Quellen ist nur die ungefähre Lage des Friedhofs im weitläufigen Gelände der „Emmeramer Breiten“ bekannt. 1877 wurden bei Kanalbauten südlich der Maximilianstraße ein Grabstein und mehrere Bestattungen freigelegt.Keine Spur vom jüdischen Friedhof. In: regensburg.de, Stadt Regensburg, 25. Juli 2018, aktualisiert am 18. Oktober 2018, abgerufen am 23. März 2021. In einem zeitgenössischen Pressebericht heißt es: „Die Leichen waren in Holzsärge gebettet, deren Reste noch nachweisbar sind, und liegen meistens sehr oberflächlich, mit der Sohle des Grabes 2 bis 3 Fuß unter der Erde …“Der alte jüdische Friedhof zu Regensburg. In: Alemannia Judaica. Abgerufen am 21. März 2021 (Zeitungsscan zu Grabungen auf dem Gelände des mittelalterlichen jüdischen Friedhofes 1877). Bei den rund 30 Bestattungen wurden einige wenige Kleinfunde (Kleidungsapplikationen, Anhänger, Nägel) gemacht, „über den Skeletten, in die Erde gesunken, lag noch ein gebrochener Grabstein mit hebräischer Inschrift.“
2009 grub ein Team unter Leitung des Stadtarchäologen Lutz Dallmeier am Ernst-Reuter-Platz, im Grünbereich zwischen Maximilianstraße und Kepler-Monument. In der Fürst-Anselm-Allee stieß man bei der Grabung unter dem Humus auf Grab-Gruben, die dem ehemaligen, von 1210 bis 1519 bestehenden jüdischen Friedhof zugeordnet werden konnten. Hier befand sich die Nordostecke des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs. Die Archäologen öffneten die vorgefundenen Gräber nicht. In Koordination mit der Jüdischen Gemeinde Regensburg und dem Committee for the Preservation of Jewish Cemeteries in Europe regelte die Stadt Regensburg, dass der Bereich der Gräber bei geplanten künftigen Bebauungen des Platzes ausgespart bleibt. 2018 untersuchten Archäologen das nördliche Areal vor dem Regensburger Hauptbahnhof vor den auch dort geplanten Baumaßnahmen, ohne in diesem Bereich auf Spuren des mittelalterlichen Friedhofs zu stoßen.
Liste erhaltener Grabsteine Die Grabsteine des jüdischen Friedhofs wurden nach 1519 entwendet und in Regensburg als Baumaterial genutzt (eine größere Zahl von Steinen dürfte zum Bau der Neupfarrkirche gebraucht worden sein). Teils wurden sie wie antijüdische Trophäen mit deutenden Inschriften versehen an Fassaden zur Schau gestellt. „Über ihre hebräischen Schriftzeichen klar erkennbar, wenn auch nicht in früherer Bedeutung erschließbar, verwiesen die einstigen Grabmale auf ein jüdisches Leben, dessen man sich bewusst entledigt hatte.“Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 500.
In den folgenden Jahrhunderten trat die judenfeindliche Abzweckung der Steinsetzungen in den Hintergrund, es blieb aber das Bewusstsein wach, dass es sich um hebräische Schrift und daher um „Judensteine“ handelte. Auch nach Renovierung oder Neubau wurde den Grabsteinen wieder ein Platz an der Fassade oder im Eingangsbereich zugewiesen, auch zog man die Buchstaben mit Farbe nach. Die Steine waren zu einem Teil der Hausgeschichte geworden.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 501. +OrtAufstellungsortTodesjahrVerstorbene(r)VaterBeschreibungBildRegensburgHistorisches Museum.1217/18DavidJosephDer hier als Vater genannte Joseph ist vermutlich mit einem Joseph identisch, der beim Kauf des Friedhofsgrundstücks als Zeuge auftrat.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 357.Eva Haverkamp-Rott, Astrid Riedler-Pohlers: Regensburg – Mittelalterliche Metropole der Juden. Regensburg 2019, S. 32.KelheimKloster Trauntal. ()1220VronaMoseAn der Außenmauer zur Donau.140x140pxChamMarktplatz 2. ()1230MirjamEphraimRathaus. Am Erker im 1. Stock. Unter der hebräischen Inschrift wurde auf dem Grabstein nachträglich eine Inschrift angebracht, die in deutscher Sprache an die Vertreibung der Juden aus Regensburg 1519 erinnert.Eva-Maria Bast, Heike Thissen: „Judenmahnstein“ in luftiger Höhe. Geheimnisse der Oberpfalz: Eine hebräische Inschrift am Chamer Rathaus erinnert an die Regensburger Jüdin Mirjam. In: Mittelbayerische Zeitung. 8. Dezember 2015, abgerufen am 23. März 2020 (Artikelanfang frei abrufbar).140x140pxWartberg ob der AistSchloss Haus ()1236GretaGerschomWand in der Eingangshalle.Neuburg an der DonauSchlossmuseum.1241EstherAbrahamKelheimDonaustraße 16. ()1249OrgiaJudaFassade der Stadtapotheke. Ein Relief mit der Darstellung einer „Judensau“ und deutschsprachiger Inschrift befand sich früher ebenfalls an dieser Fassade: „Anno dni 1519 iar worden die iuden zu rengspurg ausgesch[a]fft.“ Die Judensau-Darstellung wurde im 19. Jahrhundert von der Fassade abgenommen, aber im Hausflur gelagert. Angehörige der US-Streitkräfte veranlassten anscheinend 1945 die Entfernung.Susanne Härtel: Wie sich die Dinge präsentieren. Auf den Wegen jüdischer Grabsteine aus Regensburg. 2012, S. 499.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 259, 265.140x140pxRegendorfSchloss Regendorf. ()1249SabbataiMenachemFassade an der Westseite im Eingangsbereich des südlichen Schlosshofs. Der Bauherr war Reichsmünzmeister Martin Lerch.RegensburgDomplatz. ()1251JerachmielSimchaDom St. Peter. Fußboden im nordöstlichen Seitenflügel des Kreuzgangs.Susanne Härtel: Jüdische Friedhöfe im mittelalterlichen Reich. Berlin/Boston 2017, S. 358.RegensburgHistorisches Museum.1252PlumeJosephOriginal des Steins, der sich an der Hausfassade des Gebäudes Vor der Grieb 1 im 2. Obergeschoss befand; dort wurde eine Kopie des Steins angebracht.140x140pxTegernheimKirchstraße 18.