Gerhard Stradner (* 29. Dezember 1934 in Klosterneuburg; † 16. April 2025 in Wien) war ein österreichischer Musikwissenschaftler.
Leben Gerhard Stradner stammte aus einer musikalischen Familie. Er studierte ab 1952 Mathematik und darstellende Geometrie an der Universität Wien und an der Technischen Hochschule Wien und schloss sein Studium mit den Lehramtsprüfungen 1959 ab. Gleichzeitig studierte er an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst Wien Klarinette bei Leopold Wlach, Alte Musik bei Josef Mertin und beendete sein Studium 1966 mit der künstlerischen Reifeprüfung im Fach Blockflöte bei René Clemencic. Er beschäftigte sich als einer der Ersten mit dem Bau und dem Spiel des Stillen und Krummen Zinks, studierte ab 1971 Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Wien und Saarbrücken, ein Studium, das er 1977 bei Christoph Hellmut Mahling mit der Promotion (summa cum laude) abschloss.
Ab 1959 war er Professor an Allgemeinbildenden Höheren Schulen in Krems und Wien. Er wirkte auch als Instrumentalsolist (Renaissance-Blockflöten, Zink, Tenorgeige und Fiedel) in verschiedenen Ensembles für Alte Musik, wie Musica Antiqua Wien, Cappella Academica (Eduard Melkus), Concentus Musicus (Nikolaus Harnoncourt) und Collegium Aureum (Franzjosef Maier) mit. Er wirkte außerdem als Aufnahmeleiter bei verschiedenen Musikproduktionen mit. Sein musikwissenschaftliches Interesse bestand vor allem in Instrumentenkunde sowie Aufführungs- und Spielpraxis, Fächer, die er als Lehrbeauftragter an den Universitäten und Musikhochschulen in Wien, Graz, Salzburg, Innsbruck und Saarbrücken lehrte und zu denen er zahlreiche Publikationen verfasste. Stradner entdeckte u. a. das Vibrato beim Hamburger Cithrinchen und die Spielweise in Moll bei den Naturtrompeten.
Er war von 1981 bis Ende 1999 Direktor der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums in Wien und unterzog die Dauerausstellung der Sammlung einer grundlegenden Neuerung. Es wurde ein Konzept verfolgt, das sich am musikgeschichtlichen Ablauf orientierte. Jeder der Ausstellungssäle im Corps de Logis der Hofburg wurde einer musikhistorischen Epoche oder einer Musikerpersönlichkeit zugeordnet. Unter seiner Leitung wurden der Sammlungsbestand um zahlreiche Exponate, wie z. B. das älteste erhaltene Wiener Cembalo, erweitert und mehrere Sonderausstellungen organisiert.
Gerhard Stradner war seit 1966 mit der Flötistin Friederike Stradner, der Tochter des Komponisten Erwin Schaller, verheiratet. Die Tochter Agnes Stradner ist Barockgeigerin und der Sohn Christoph Stradner Cellist.
Publikationen (Auswahl) Unser Instrumentarium, in: Festschrift 10 Jahre Ensemble Musica antiqua, Wien 1969, S. 3 Zur Entwicklung der Geige, Ausstellung zum Kongress Violinspiel und Violinmusik in Geschichte und Gegenwart, Graz 1972, maschinschriftlich vervielfältigt Die Instrumente der Österreichischen Renaissancemusik, in: Renaissance in Österreich, Geschichte – Wissenschaft – Kunst. Horn 1974, ISBN 3-85028-017-9, S. 337–341 Musikinstrumente, in: Renaissance in Österreich. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums N.F. 57, Wien 1974, S. 194–200 Untersuchungen über den Saitenwechsel, in: Beiträge zur Aufführungspraxis. Bd. 3, Wien 1975, ISBN 3-7024-0071-0, S. 228–234 Eine Ausstellung: Zur Entwicklung der Geige, in: Beitrage zur Aufführungspraxis. Bd. 3, Wien 1975, ISBN 3-7024-0071-0, S. 314–323 Die Musikinstrumente der Bauernkriege, in: Oberösterreichische Heimatblätter. Jg. 30, 1976, S. 54–57 () Die Musikinstrumente im Steiermärkischen Landeszeughaus in Graz, in: Trommeln und Pfeifen ..., Graz 1976, S. 7–36 (= Veröffentlichungen des Landeszeughauses Graz. Nr. 6). Volksmusikinstrumente in steirischen Sammlungen, in: Musikethnologische Sammelbände. Hrsg. W. Suppan, Bd. I, Graz 1977, ISBN 3-201-01022-7, S. 141–148. Musica ex machina, in: Ars electronica im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes. Hrsg.: Linzer Veranstaltungsgesellschaft, Linz 1980, S. 155–162 Spielpraxis und Instrumentarium um 1500, dargestellt an Sebastian Virdungs „Musica getutscht“ (Basel 1511), (Dissertation), Hrsg. Othmar Wessely, Franz Födermayr, Wien 1983, Forschungen zur Älteren Musikgeschichte. Bd. 4/I, S. 469, Bd. 4/II, 28 Abb., ISBN 3-85369-515-9, S. 154 Linzer Musikinstrumente der Brucknerzeit, in: ABIL-Information (Anton Bruckner Institut Linz). Bd. 2, hrsg. von Othmar Wessely, Linz 1983, S. 2–12 Ein Portativ des frühen 19. Jahrhunderts, in: Zur Orgelmusik im 19. Jahrhundert. Hrsg. Walter Salmen, Innsbruck 1983, S. 95-99, 104, Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft, Bd. 9 Mechanische Musikinstrumente als volkskundliche Quelle, in: Bericht über den fünfzehnten österreichischen Historikertag in Salzburg 1981. Salzburg 1984 (= Veröffentlichungen des Verbandes Österreichischer Geschichtsvereine. Bd. 23), S. 272-278, 301-306 Ein neuentdeckter Violinbogen aus der Zeit um 1700, in: Jakob Stainer und seine Zeit, Bericht über die Jakob-Stainer-Tagung, Innsbruck 1983. Innsbruck 1984 (= Walter Salmen (Hrsg.): Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft. Bd. 10), S. 109–113 Wiener Instrumentenbau zur Zeit Maria Theresias, in: Musik am Hof Maria Theresias. Hrsg. R.V. Karpf, Beiträge zur Aufführungspraxis, Hrsg. J. Trummer, Bd. 6, München-Salzburg 1984, ISBN 3-87397-332-4, S. 168–178 Die Geige in Wien, in: Wiener Geschichtsblätter 40, Jg. 1985, Heft 2, S. 41–48 Streichbaßgrößen außerhalb der Norm, in: Kontrabaß und Baßfunktion, Bericht über die vom 28.8. bis 30. August 1984 in Innsbruck abgehaltene Fachtagung. Innsbruck 1986 (= Walter Salmen (Hrsg.): Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft. Bd. 12), ISBN 3-900590-00-1, S. 51–56 Musikinstrumente in Grazer Sammlungen (Grazer öffentliche Sammlungen), Hrsg. Othmar Wessely, Wien 1986 (= Tabulae Musicae Austriacae. Bd. XI), ISBN 3-7001-07536, S. 204, S. 78 Abb. Zur Stimmtonhöhe der Blasinstrumente zur Zeit Joseph Haydns, in: Internationale Joseph Haydn-Kongreß. Wien 1982, München 1986, ISBN 3-87328-045-0, S. 81–86 Die Instrumente der Wiener Schrammeln, in: Studia organologica, FS J.H. van der Meer, Hrsg. Günther Hellwig, Tutzing 1987, ISBN 3-7952-0486-0, S. 445–452 Lauteninstrumente in Österreich, in: Bericht über das 7. Symposium zu Fragen des Musikinstrumentenbaus, Zupf- und Schlaginstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts – Zupfinstrumente Michaelstein 7., 8.11.1986, Beiheft 7 zu den Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation der Musik des 18. Jahrhunderts, Michaelstein 1987, S. 62 Trommeln, Pauken und ihre Schegel in Österreich, in: Bericht über das 7. Symposium zu Fragen des Instrumentenbaus, Zupf- und Schlaginstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts – Schlaginstrumente Michaelstein 7., 8.11.1986, Beiheft 8 zu den Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation der Musik des 18. Jahrhunderts, Michaelstein 1987, S. 50–53 Die Blasinstrumente in einem Inventar der Wiener Hofkapelle von 1706, in: Studien zur Musikwissenschaft. Bd. 38, Hrsg. Othmar Wessely, Tutzing 1987, ISBN 3-7952-0555-7, S. 53–63 Sammlung alter Musikinstrumente, in: Kunsthistorisches Museum, Führer durch die Sammlungen, Wien 1988, ISBN 3-85447-308-7, S. 368–386 Die Klangwelt der Musikinstrumente in Prag um 1600, in: Prag um 1600, Kunst und Kultur am Hofe Kaiser Rudolfs II. Bd. 2, Wien 1988, ISBN 3-923641-24-9, S. 28-31, 269-277 The Evolution of the Pitch of Cornetts and Trombones at the Time of Scheidt and Buxtehude, in: Dietrich Buxtehude and Samuel Scheidt, Proceedings of the International Buxtehude – Scheidt Festival and Conference, Saskatoon 1988, S. 106–116 Beziehungen zwischen dem norditalienischen und dem süddeutsch-österreichischen Geigenbau, in: Atti della Giornata di Studio di Cultura Liutaria, Convegno Internationale a Cura dell' Ente Triennale degli Strumenti ad Arco, Cremona 1988, S. 49–62 Musik in Mantua, in: Fürstenhöfe der Renaissance, Giulio Romano und die klassische Tradition, Wien 1989, S. 266–273 Die Rohrblattinstrumente in einem Traktat von Friedrich Ponsing, Wien um 1800, in: Oboe, Klarinette, Fagott. Heft 2, Jg. 5, Juni 1990, S. 66–77 Die Klangwelt Mozarts – Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums, Hrsg. Wilfried Seipel, Wien 1991 Die Klangwelt Mozarts, in: Die Klangwelt Mozarts – Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums, Wien 1991, S. 11–23 Stimmtonhöhe, Tonarten- und Klangcharakter, in: Die Klangwelt Mozarts – Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums, Wien 1991, S. 109–121 Stimmtonhöhe, Tonarten- und Klangcharakter, in: Strumenti per Mozart. Hrsg.: Marco Tiella, Romano Vettori, Rovereto 1991, S. 284-290 (Übernahme von 55) Die Neuaufstellung der Sammlung alter Musikinstrumente, in: Neues Museum. Nr. 2 und 3, 1991, S. 67–70 Gebrauchstonvorrat und Eigenresonanz, in: Die Viola. Bd. 6, Kassel-Basel-London-New York 1991, S. 14–20, 82, 84 Zur Ausbildung verschiedener Instrumentengrößen, in: Musik und Tanz zur Zeit Kaiser Maximilian I. (= Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft. Bd. 15), Hrsg. Walter Salmen, Innsbruck 1992, ISBN 3-900590-14-1, S. 177–182 Der Einfluß des Brescianer Geigenbaus auf den österreichischen, in: Luiteria e Musica strumentale a Brescia fra Cinque e Seicento. Vol. 1, Brescia 1992, S. 107–114 Hopfner, R., Klangführer durch die Sammlung alter Musikinstrumente, Hrsg.: W. Seipel, Wien 1993, S. 154 Stellt Michael Pacher 1486 eine Stimmgabel dar?, in: Musik muß man machen, FS Josef Mertin, Hrsg. Michael Nagy, Wien 1994, S. 127–141 Six Clavichords newly acquired by the Kunsthistorisches Museum in Vienna, in: De Clavichordio, Proceedings of the International Clavichord Symposium Magnano 1993, Hrsg. B. Brauchli, S. Brauchli, A. Galazzo, Torino 1994, S. 93-97, Abb. Tab. XIV, XV. Beziehungen zwischen dem norditalienischen und dem süddeutsch-österreichischen Geigenbau, Michaelstein 1994 = Beiheft 13 zu den Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation der Musik des 18. Jhdts, zum Streichinstrumentenbau des 18. Jhdts. S. 19–26 = Neudruck von 44 Instrumentenbau, in: Musikgeschichte Österreichs. Vom Barock zum Vormärz. Hrsg. Rudolf Flotzinger und Gernot Gruber, Wien 1995, ISBN 3-205-98337-8, S. 207-209, 273-277 Instrumente der Bruckner-Zeit, in: Vom Ruf zum Nachruf, Anton Bruckner, Landesverlag im Veritasverlag, Linz 1996, ISBN 3-85214-658-5, S. 454–457 The Adaptation and Change in Function of Early Musical Instruments, in: AMIS-Newsletter of the American Musical Instrument Society, Vol. 25, Nr. 2, Juni 1996, Vermillion, 1996, S. 10–13 Instrumente Bruckners, in: Anton Bruckner, ein Handbuch. Hrsg. Uwe Harten, Residenz, Salzburg, Wien 1996, ISBN 3-7017-1030-9, S. 214–216 Der Instrumentenfundus der Wiener Hofkapelle von 1706, in: FS Christoph Hellmut Mahling zum 65. Geburtstag = Mainzer Studien zur Musikwissenschaft, Bd. 37, Hans Schneider, Tutzing 1997, Bd. 2, ISBN 3-7952-0900-5, S. 1361–1377 Spinett und Regal in Form eines Spielbretts, in: Spielwelten der Kunst – Kunstkammerspiele – Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums, Wien 1998, ISBN 3-7757-0780-8, S. 141–143 Mitarbeit bei Rita Steblin: Die Unsinnsgesellschaft. Franz Schubert, Leopold Kupelwieser und ihre Freunde. Böhlau, Wien 1998, ISBN 3-205-98820-5 Zur Entstehung von Instrumentenfamilien, in: Die Wiener Hofmusikkapelle I Georg Slatkonia und die Wiener Hofmusikkapelle. Hrsg. Theophil Antonicek, Elisabeth Hilscher und Hartmut Krones, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1999, ISBN 3-205-98923-6, S. 151–160 Hidden Instrumental Traditions in Austria, in: Musical Treasures from the Age of Revolution and Romance, Exhibition the Bowers Museum of Cultural Art, Santa Ana 1999 Horns and Trumpets in a Treatise by Friedrich Ponsing Vienna (?), c. 1800, in: Historic Brass Society Journal. Vol. 10, 1998, New York 1999, S. 14–20, , Für Aug' und Ohr – Musik in Kunst-und Wunderkammern, Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien in Schloß Ambras, hrsg. von Wilfried Seipel, Milano/Wien 1999, ISBN 3-85497-004-8