Die Graburg im nordhessischen Ringgau ist ein Bergstock aus Muschelkalk, der über einem Sockel aus Röt liegt. Naturnahe Kalkbuchenwälder, Felsen und Bergstürze prägen das Gebiet in besonderer Weise. Wegen ihrer „landschaftlichen Schönheit und Eigenart“ sowie ihrer Bedeutung als Lebensraum für seltene und bestandsgefährdete Tier- und Pflanzenarten wurde die Graburg in dem Jahr 1915 als Naturdenkmal und ab Mai 1965 als Naturschutzgebiet unter besonderen Schutz gestellt.

Als Wuchsort einer Vielzahl seltener Pflanzenarten wird die Graburg pflanzengeografisch zu den bedeutendsten Naturschutzgebieten in Hessen gezählt. Die hier vorhandenen zahlreichen Vegetationseinheiten gelten als wertvoll für Forschung und Lehre. Als besonders schutzwürdig werden auch die orchideenreichen Kalkmagerrasen, der hessenweit größte Eibenbestand, die großen Bergstürze mit ihren Blaugrashalden sowie die zahlreichen Höhlen in den Felsbereichen als Winterquartiere für gefährdete Fledermausarten angesehen.Paul Krämer, Gerlinde Straka: Grunddatenerfassung zum FFH-Gebiet „Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn“. Bearbeitungszeitraum vom Mai bis November 2003 und Mai bis Dezember 2006. Planungsbüro für Naturschutz und Wald (PNW).Sieglinde und Lothar Nitsche: Naturschutzgebiete im Werra-Meißner-Kreis und Kreis Hersfeld-Rotenburg. In: Naturschutzgebiete in Hessen, schützen-erleben-pflegen. Band 3, S. 122 f.

Geografische Lage Die Graburg liegt im hessischen Werra-Meißner-Kreis in den Gemarkungen der Ortsteile Weißenborn und Rambach der Gemeinde Weißenborn sowie in den Gemarkungen der Ortsteile Rittmannshausen und Netra der Gemeinde Ringgau. Ihre höchsten Erhebungen, die aus der eineinhalb Kilometer langen und siebenhundert Meter breiten Hochfläche ragen, sind die hohe Rabenkuppe im Westen und die östlich gelegene hohe Schäferburg.

Das Schutzgebiet befindet sich im „Geo-Naturpark Frau-Holle-Land“ und wird in der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg dem Nördlichen Ringgau (483.43) zugeordnet. Nach Süden fällt der Bereich in die langgestreckte Netra-Ifta-Talung (483.42) ab. Sie gehören als Teileinheiten zu den Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens (483). Nördlich grenzt der Schlierbachswald (357.91), der dem Fulda-Werra-Bergland (357) zugerechnet wird, an die Graburg an.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde.

Klima Der durchschnittliche Jahresniederschlag im Gebiet beträgt 700 mm. Der niederschlagsreichste Monat ist der Juli mit 80 bis 90 mm. Dagegen werden im März, als untere Grenze, nur noch 30 bis 40 mm erreicht. Eine Jahresdurchschnittstemperatur zwischen 6,5 und 7,5 °C. deutet auf einen schwachen subatlantischen Klimaeinfluss hin. Deutlich extremeren Klimabedingungen sind die exponierten Felsfluren und Blaugrashalden mit den angrenzenden Schluchtwäldern ausgesetzt.

Unterschutzstellung Naturdenkmal Bereits in der Anfangszeit des staatlichen Naturschutzes in Nordhessen erhielt die Graburg den Status als ein zu schützendes Naturdenkmal. Eine Verfügung der königlichen Regierung der damaligen preußischen Provinz Hessen-Nassau stellte das Muschelkalkplateau mit seinen Felshängen im Jahr 1915 vor „zerstörenden Eingriffen“ unter Schutz. Später – seit 1924 – wurden auch größere Bereiche der Graburg aus der forstlichen Nutzung genommen.Marcus Schmidt: Die Pionierphase des staatlichen Naturschutzes in Nordhessen in: Jahrbuch Naturschutz in Hessen. Band 14/2011/2012; abgerufen am 19. März 2023. Mit der III. Nachtragsverordnung zur Sicherung von Naturdenkmalen im Kreise Eschwege vom 23. Oktober 1937 wurde mit Zustimmung der höheren Naturschutzbehörde die Graburg in das Naturdenkmalbuch eingetragen. Damit hatten der „Erlen-, Buchen- und Ahornbestand“ und die „unzugänglichen Klippen und urwüchsigen Bäume an den steilen Hängen“ den Schutz des Reichsnaturschutzgesetzes erhalten.III. Nachtragsverordnung zur Sicherung von Naturdenkmalen im Kreise Eschwege. In: Amtsblatt der Regierung in Kassel. Ausgabe 44 vom 30. Oktober 1937, S. 254 f.In der Liste der Naturdenkmale des Werra-Meißner-Kreises hat die Graburg die Nummer ND 636.604 mit einem Ausweisungsdatum vom 23. Oktober 1937.

Naturschutzgebiet Mit Verordnung vom 24. Mai. 1965 der höheren Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium in KasselDie Verordnung ist am Tage nach ihrer Bekanntmachung im Staatsanzeiger für das Land Hessen vom 5. Juli 1965 in Kraft getreten. wurden rund 180 Hektar der Graburg in das Landesnaturschutzbuch eingetragen und damit erneut unter den Schutz des noch geltenden Reichsnaturschutzgesetzes von 1935 gestellt.Verordnung über das Naturschutzgebiet „Graburg“ im Staatsanzeiger für das Land Hessen, Nr. 27/1965 vom 5. Juli 1965, S. 782 f. Im November 1988 folgte mit einer auf 341,0 Hektar vergrößerten Fläche eine erneute Ausweisung als Naturschutzgebiet. Das zu schützende Gebiet umfasste nun die Hochfläche der Graburg, von der Rabenkuppe im Westen bis zur östlich gelegenen Schäferburg und mit eingeschlossen das südlich liegende Königental und der hohe Manrod. Das Naturschutzgebiet hat die nationale Kennung 1636003 und den WDPA-Code 6970.„Graburg“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 19. März 2023. Zweck der Unterschutzstellung war es, die „Magerrasen, Kalkfelsfluren, edellaubholzreiche Blockschutt- und Hangwälder, geophytenreiche Laubmischwälder, Erlen-Eschen-Wälder und Feuchtwiesen mit den hier lebenden, zum Teil sehr seltenen und stark gefährdeten Tier- und Pflanzenarten zu erhalten und zu fördern.“Zitiert aus der Verordnung über das Naturschutzgebiet „Graburg“ vom 9. November 1988 im Staatsanzeiger für das Land Hessen, Nr. 48/1988 vom 28. November 1988, S. 2585 f. Auch sollten mit gleicher Verordnung zwei natürliche Bergstürze unterschiedlichen Alters geschützt werden, denen wegen ihrer Geomorphologie hohe wissenschaftliche Bedeutung zukommt.

Natura 2000-Gebiet Mit dem östlich angrenzendem Naturschutzgebiet „Dreiherrenstein-Eschenberg-Kreuzerberg“ und dem Bereich um den hohen Schieferstein im Westen bildet die Graburg das Fauna-Flora-Habitat-Gebiet „Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn“.„Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn.“ In: Weltdatenbank für Schutzgebiete; abgerufen am 19. März 2023. Die Festsetzung der Gebietsgrenzen und der Erhaltungsziele erfolgte mit der „Verordnung über die Natura 2000-Gebiete in Hessen“ im Jahr 2008.Verordnung über die Natura 2000-Gebiete in Hessen im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen, Teil I, Nr. 4, vom 7. März 2008. In dem europäisch vernetzten Schutzgebietssystem Natura 2000 hat das FFH-Gebiet die Nummer 4826-305 und eine Größe von 634,5 Hektar.Steckbrief des FFH-Gebiets 4826-305 „Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn“ auf der Website des Bundesamtes für Naturschutz (BfN); abgerufen am 19. März 2023.

Als außergewöhnlich wird in dem FFH-Gebiet das Vorkommen von dreizehn Lebensraumtypen angesehen, die als von gemeinschaftlichem Interesse gelten und für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Sie spiegeln die große biologische Vielfalt des Gebietes wieder. Drei dieser Lebensraumtypen wurden als prioritär eingestuft, was heißt, dass sie vom Verschwinden bedroht sind und dass eine besondere Verantwortung für ihre Erhaltung besteht.Liste der in Deutschland vorkommenden Lebensräume des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie. In: Deutschlands Natur; abgerufen am 19. März 2023. Mit ausschlaggebend für die Ausweisung zum FFH-Gebiet war auch das Vorkommen der Fledermausarten Großes Mausohr und Kleine Hufeisennase sowie der Orchidee Frauenschuh. Sie sind nach dem Anhang II der FFH-Richtlinie stark gefährdete und streng geschützte Arten, für die ebenfalls besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen.Liste der in Deutschland vorkommenden Arten des Anhangs II der Fauna Flora Habitatrichtlinie. In: Deutschlands Natur; abgerufen am 19. März 2023.

Geologisch schützenswertes Objekt Als schützenswertes Geotop wird die Naturlandschaft der Graburg im Landschaftsrahmenplan Nordhessen geführt. Hier sollen mithilfe des Hessischen Naturschutzgesetzes einzelne Naturschöpfungen und natürliche Landschaftsteile, die wegen ihrer „Seltenheit, Eigenart oder Schönheit“ als Teil des erdgeschichtlichen Naturerbes gelten, besonders geschützt werden.Geologisch schützenswerte Objekte im Landschaftsrahmenplan Nordhessen auf der Webseite des Regierungspräsidiums Kassel; abgerufen am 19. März 2023.

Kernfläche Naturschutz Im Bereich der Graburg und des Schiefersteins wurden im Rahmen der hessischen Biodiversitätsstrategie Artenvielfalt. Die Hessische Biodiversitätsstrategie. In: umwelt.hessen.de des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz; abgerufen am 19. März 2023. in den 2010er Jahren insgesamt 39,2 Hektar zu sogenannten Kernflächen erklärt und stehen damit nur dem Naturschutz und nicht mehr der Holznutzung zur Verfügung. Diese ausgewählten Waldflächen sollen sich in Zukunft unbeeinflusst entwickeln können, damit die Defizite an Beständen der Alters- und Zerfallsphasen behoben werden, um die Artenvielfalt von Alt- und Totholzbewohnern zu verbessern. Damit das angestrebte Acht-Prozent-Ziel erreicht werden kann, ist eine weitere Ausweisung von rund 230 Hektar der Staatswaldflächen in dem Graburggebiet geplant. Gegen diese von Naturschutzverbänden begrüßten Stilllegungspläne formierte sich in den betroffenen Kommunen Widerstand, da Konflikte bezüglich der Nutzung und Zielvorgaben befürchtet werden.Tobias Stück: Drei Kommunen wollen mit rechtlichen Schritten gegen Urwaldpläne vorgehen. In: Werra-Rundschau vom 9. März 2019; abgerufen am 19. März 2023.

Geologie mini|Der Aussichtspunkt „Anger“, oberhalb einer Abrisskante, bietet einen weiten Blick über Weißenborn bis zu dem Schlierbachswald und den Werrabergen. Der Ringgau gehört zu den westlichen Ausläufern der Muschelkalkplatten, die das Thüringer Becken umranden. Diese erstrecken sich hier vom Nordwesten Thüringens bis nach Hessen. Ihre Hochflächen liegen im Durchschnitt zwischen vierhundert und fünfhundert Metern Höhe. Vorsprünge in der Nähe des Plattenrandes ragen noch höher hinauf. Den Ringgau trennte einst die Werra von seinem ursprünglichen Gesteinsverband der Randplatten und schuf mit ihm einen Zeugenberg, der in seinem Zentrum durch einen tektonischen Grabenbruch zerschnitten wird. Die lang gestreckte „Netra-Ifta-Talung“, in der im Westen die Netra zur Sontra und im Osten die Ifta zur Werra fließen, teilt den Ringgau in einen nördlichen und südlichen Bereich.

Im nördlichen Bereich bildet die Graburg das Mittelstück. Sie besteht überwiegend aus dem Oberen und Unteren Wellenkalk des Unteren Muschelkalks. Diese Gesteinsschichten sind aus den Ablagerungen eines Flachmeeres vor mehr als zweihundert Millionen Jahren entstanden. In der Zeit des Erdmittelalters war die Region von einem tropischen bis subtropischen Randmeer bedeckt, das nur schmale Verbindungen zum Weltmeer hatte. Die markanten, weithin sichtbaren Felsen sind Abrissflächen der Muschelkalkscholle. Bis hinab zum Waldrand am Fuß der Hänge hat abgerutschtes Kalkgestein den darunter lagernden Oberen Buntsandstein, der Röt genannt wird, überdeckt. Als geomorphologisch bedeutend gelten die Kalk-Felsbänder, die sich bandartig entlang der Hangobergrenzen ziehen. An vielen Stellen sind durch Muschelkalk-Bergstürze und -Bergrutsche entstandene Hänge vorhanden, die in Deutschland nirgends so häufig vorkommen sollen, wie in dem Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der neben dem Ringgau auch die Gobert und die Wanfrieder Werrahöhen gehören.