mini|Der Invalidendom in Paris, eines der Hauptwerke des klassizistisch geprägten Barock in Frankreich (1679–1708)|alternativtext=Frontale Farbfotografie eines viergeschossigen Kuppelbaus mit goldenen Ornamenten und einer langen Spitze mit Kreuz auf der Kuppel. Beide oberen Geschosse bestehen aus einem schmaleren Rundbau mit Säulenfassade. Beide unteren rechteckigen Geschosse haben Säulen, Figuren, Reliefs und ein Giebelfeld. Die Eingangstür besteht aus goldenen Ornamenten. Der Vorplatz hat einen breiten Weg mit Rasen und an beiden Seiten stehen Nebengebäude von den hinteren Häusern.
Mit dem Begriff des klassizistischen Barock (auch Barock-Klassizismus, barocker Klassizismus, , historisch „Französische Renaissance“) wird eine Ausrichtung in der barocken Kunst und Architektur beschrieben, die sich in ihrer rationaleren Gestaltungsform von der stark ornamental-bewegten, gefühlsbetonten und dramatischeren Variante des Barock unterscheidet. Die Epoche umfasst das gesamte 17. und den Beginn des 18. Jahrhunderts bis etwa 1750. Klassizistische Erscheinungsformen ab etwa 1750 gehören bereits der Epoche des eigentlichen Klassizismus an und können auch bei Übergangsformen oder Mischungen mit dem vorhergehenden Spätbarock oder Rokoko nicht mehr korrekt als klassizistischer Barock eingestuft werden.
Malerei Innerhalb der Epoche des Barock, d. h. vom Ende des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, gab es in der Malerei verschiedene Strömungen, wie z. B. den eher düsteren und harten Tenebroso-Stil der Anhänger des Caravaggio (Caravaggisten) oder den überschwänglichen und farbig leuchtend bunten Stil von Rubens und seinen Anhängern. Andere Maler huldigten einem gemäßigteren und eleganten klassizistischen Ideal, das sich einerseits stärker an der Kunst der Antike, aber auch an bestimmten Vorbildern und Idealen der Renaissance orientierte, wie z. B. an der Kunst Raffaels oder dem Frühwerk Tizians.
mini|Guido Reni: Entführung der Helena, Louvre, Paris|alternativtext=Ölgemälde einer Gruppe mit römischen Soldaten und Frauen in römischen Kleidern, in deren Mitte eine Frau in heller Kleidung geht. Die Frau steigt von links kommend eine Stufe herunter und wird von einem Soldaten am Arm geführt. Links vorne hält ein dunkelhäutiger Junge einen Affen an der Leine, der von einem Hund betrachtet wird. Rechts vorne steht eine Putte mit Pfeil und Bogen. Rechts oben fliegt eine Putte mit Trompete und im Hintergrund ist das Meer mit Schiffen zu sehen. Typisch für klassizistische Barockmalerei ist auch ein eher glatter Farbauftrag und ein Ausgleich von Disegno und Kolorit; extrem malerische Wirkungen wie ein pastoser Farbauftrag, flüssiger Pinselstrich oder flirrende, beinahe impressionistische Wirkungen, wie man sie bei dem mittleren und späten Tizian, bei Tintoretto, Rubens, Velázquez und der Madrider Malerschule findet, werden vermieden.Eine Ausnahme stellt Poussin dar, der malerische Wirkungen in der Nachfolge Tizians miteinbezieht, aber nie „impressionistisch“ wird. Stattdessen ein klares Disegno bevorzugt. Die Malerei ist hell, mit ausgewogenen, nicht allzu bewegten Kompositionen und einem durchaus leuchtenden, aber ebenfalls harmonisch ausgewogen, gelegentlich auch kühlen Kolorit – also kein Übergewicht von warmen, aber auch lauten Rot- und Gelbtönen, wie z. B. bei Rubens, und möglichst keine hässlichen Figuren, wie oft bei Caravaggio. Vermieden wird außerdem ein in der Barockmalerei gelegentlich anzutreffendes hochdramatisches „Durcheinander“ oder Handgemenge in der Komposition (z. B. Rubens, Guercino).
Diese klassizistische Richtung der Malerei markierte ursprünglich den Beginn des Barock und entstand gegen Ende des 16. Jahrhunderts als Gegenströmung zum Manierismus, der mit seinen oft gekünstelten Posen und gesuchten Farbwirkungen von einigen als unnatürlich empfunden wurde. Einer der frühesten und radikalsten Vertreter eines neuen, schlichteren und geordneten Klassizismus mit Rückgriffen auf Raffael war der einflussreiche Cavalier d’Arpino in Rom.Gioia Mori: Die römische Malerei im 16. Jahrhundert (Unterkapitel Tendenzen des ausgehenden 16. Jahrhunderts), in: Rom – Kunst und Architektur, Könemann, Köln 1999, S. 486–488. In Bologna suchten die Brüder Agostino und Annibale Carracci und ihr Cousin Lodovico nach einem natürlicheren und realistischeren Stil, den sie unter anderem aus einer Rückbesinnung auf die Antike und die Ideale der Renaissance zu realisieren versuchten. Zugleich sollte ihre neue Kunst jedoch nicht nur eine Nachahmung sein, sondern zeigte mehr Bewegung und Dramatik als die Renaissance.
Die Carracci hatten viele Schüler und Anhänger, die man als Bologneser oder emilianische Schule bezeichnet, und die vor allem auch in Rom wirkten. Darunter befanden sich Guido Reni, Giovanni Lanfranco und Domenichino, die als Gegenpol zum gleichzeitig modernen Caravaggismus eine tendenziell lichterfüllte und heitere Malerei pflegten, mit Figuren, die einem klassischen Schönheitsideal entsprachen, und die neben Ölgemälden auch bedeutende Freskendekorationen schufen.Zu den bedeutendsten Vertretern des barocken Klassizismus zählen außerdem Andrea Sacchi und die Franzosen Simon Vouet, Eustache Le Sueur und Nicolas Poussin, die alle mindestens zeitweise in Rom lebten. Poussin betrieb sehr genaue Studien über die antike Kunst. Seine eigene Malerei war anfangs noch relativ bewegt und barock, entwickelte sich aber sehr bald in eine ruhigere und rationalere Richtung, die zum Inbegriff des Klassizismus und zum Vorbild für die französische Kunst des späten Louis-treize und der gesamten Ära des Louis-quatorze wurde. Dabei bezog Poussin durchaus auch malerische Wirkungen in der Nachfolge Tizians mit ein, wird aber nie „vor-impressionistisch“. Daneben wirkten ebenfalls in Rom die Landschaftsmaler Francesco Albani und Claude Lorrain, die in ihre Landschaften häufig Szenen der Mythologie oder biblische Gestalten einfügten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – also im Hochbarock – folgte eine neue Malergeneration mit dem römischen Protagonisten Carlo Maratta – einem Schüler von Sacchi – ebenfalls einem klassizistischen Ideal. Man spricht auch vom römischen Klassizismus.
In manchen Fällen konnte ein Maler der Epoche auch verschiedene Phasen durchleben, so hat z. B. der ungewöhnlich vielseitige Neapolitaner Luca Giordano als Caravaggist begonnen, schuf dann lange Zeit Werke, die eher unter dem Einfluss Pietro da Cortonas standen und als Inbegriff des Barock gelten können, man findet bei ihm aber auch (etwa nach 1680) Gemälde, die klassizistischer beeinflusst sind.
Gelegentlich wird auch die holländische Malerei von kühl beobachtenden Genremalern wie z. B. Jan Vermeer als klassisch oder klassizistisch bezeichnet.
Architektur Zeitliche und räumliche Einordnung Der klassizistische Barock in der Architektur geht in seiner Konzeption auf die Theorien Leon Battista Albertis und Andrea Palladios zurück.Wilfried Koch: Baustilkunde. S. 239. Er bediente sich Ausdrucksmitteln, die in der Antikenrezeption der Renaissance wurzeln und zur Grundlage des späteren Klassizismus wurden, ist zeitlich aber von beiden klar zu trennen und setzt rund ein Jahrhundert früher als der Klassizismus im eigentlichen Sinne an.Pevsner, Honour, Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. S. 351. Diese Kunstform war vor allem für die Baukunst EnglandsHans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden. S. 217. Kohlhammer, 1990, ISBN 3-17-011072-1. und FrankreichsWilfried Koch: Baustilkunde. S. 318.Hans Koepf: Baukunst in fünf Jahrtausenden. Kohlhammer, 1990, ISBN 3-17-011072-1, S. 186. prägend und dauerte von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts an, die Übergänge vom Barock in den Klassizismus geschahen fließend. Das Potsdamer Neue Palais etwa, 1763–69 entstanden, kombiniert die monumentale Form eines klassischen Barockpalasts mit beschwingten Rokoko-Interieurs und zahlreichen klassizistischen Dekorformen.
Außerhalb des deutschsprachigen Raums wird der „eigentliche“ Klassizismus (d. h. der Stil von Mitte des 18. bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts) als „Neoklassizismus“ bezeichnet, dagegen bezeichnet Neoklassizismus im Deutschen die klassizistischen Strömungen im 20. Jahrhundert.
Stilmittel Typische Gestaltungsmittel für Gebäudefassaden waren Bauformen, die direkt aus der Renaissance übernommen wurden: der Tempelarchitektur entlehnte Dreiecksgiebel, Kolonnaden, sowie Säulen und Pilaster in Kolossalordnung – diese auch oft in doppelter Verwendung. Ebenfalls üblich waren die häufige Verwendung von Naturstein und der Verzicht auf farbigen Verputz.
Auffällig ist zwar die additive Verwendung von geometrischen Grundformen wie Rechteck, Kreis oder seltener Oval, zugleich aber der Verzicht auf Schwünge in Fassaden und Grundrissen, den sonst charakteristischen Kennzeichen der Barockarchitektur. Als typisch barocke Kennzeichen – und damit im Gegensatz zum späteren Klassizismus – sind üppiger Figurengeschmuck aus Skulpturen, Ziervasen oder Trophäen zu finden, auch ist im Profanbau das Pavillonsystem verbreitet.
Verbreitung Klassizistischer Barock Frankreichs
mini|Die Ostfassade des Louvre (1668–1682)|alternativtext=Frontale Farbfotografie eines langen, zweigeschossigen Gebäudes mit einer belebten Straße im Vordergrund. Das Obergeschoss ist mit Säulen durchzogen und hat in der Mitte Reliefs und ein Giebelfeld mit Szene. An beiden Seiten befinden sich vier runde Reliefs und zwei große Rundbogenfenster. Über allen Fenstern hängen kleine Giebelfelder und über der Eisentür liegt ein Rundbogen mit Relief. Der Begriff des Baroque wird in Frankreich gewöhnlich für die stark bewegte barocke Kunst im übrigen Europa – besonders in Italien und Spanien – verwendet, während die französische Variante dort zumeist als Classicisme bezeichnet wird. Daher leitet sich auch die deutsche Bezeichnung der französischen Klassik ab. Die Architektur des Barock in Frankreich lehnte sich zunächst an italienischen Vorbildern an, entwickelte sich dann jedoch in einer strengeren Variante weiter. Der klassizistische Barock wurde unter der Regierungszeit Ludwig XIV. durch François Mansart eingeführt und blieb bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grundlage der französischen Architektur.Pevsner, Honour, Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. S. 209.
Die strenge Variante des Baustils erschien als passendes Ausdrucksmittel, um die Regierungsform des Absolutismus verkörpern. Zu den bekanntesten Architekten dieser Zeit zählen Louis Le Vau, Claude Perrault und Jules Hardouin-Mansart. Zu den bedeutendsten und stilbildenden Werken dieser Epoche zählen der Ostflügel des Louvre, das Schloss von Versailles (besonders die Gartenfassade), das Grand Trianon, und bei den Sakralbauten Kirche und (ehemaliges) Konvent Val-de-Grâce, der Invalidendom und die Kirche St.-Sulpice in Paris, deren Innenraumgestaltung Vorbild wurde für nahezu alle Barockkirchen Frankreichs, so z. B. die Kathedrale von Nancy.
Klassizistischer Barock Englands
mini|hochkant=1.3|Aufriss von Blenheim Palace|alternativtext=Kupferstich der Frontalansicht eines Schlosses mit verschiedenen Gebäudeteilen. Säulenfassaden und Giebelfelder mit Szenen sowie Figuren sind zu sehen. Auf den Dächern sind Figuren und Ornamente angebracht. Ein Maßstab und ein englischer Satz stehen unter dem Bild.