mini|Das sogenannte „Lesemännchen“ mit dem Slogan „mehr lesen, wissen, können“, Leuchtreklame des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels an der Prager Straße (2017)Die Literaturpolitik in der DDR war ein Teil der Kulturpolitik der DDR und der damit verbundenen staatlichen Zensur. In allen Bereichen war sie von den weltanschaulichen Ansichten der politischen Führung mitbestimmt. In ihren Grundlagen, vor allem hinsichtlich der Rolle der DDR-Literatur als Teil des Klassenkampfes, blieb sie während des Bestehens der DDR unverändert, wurde aber im Lauf der Zeit verschieden interpretiert. Durch die Auswirkung der jeweils dominierenden Interpretationen kam es auch zu literaturpolitischen Strömungen, die unter den Schlagworten als „Literaturgesellschaft“ und „Leseland“ über längere Zeit wirksam waren.

Geschichte Die Kultur- und Literaturpolitik der DDR war wesentlich von einer ideologischen Perspektive der Staatsführung bestimmt und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das literarische Leben in der DDR. Dies führte einerseits zu einer intensiven Förderung der Literatur, engte sie andererseits inhaltlich aber ein, da sie ihr eine Berechtigung nur als Teil des Klassenkampfes zusprach. Eine planmäßige und koordinierte Steuerung und konsequente Durchsetzung dieser Vorgaben allerdings konnte sich in den Kompetenz- und Machtstreitigkeiten zwischen Staat und Partei und den verschiedenen literaturpolitischen Ansichten in der Partei nicht entwickeln, was zu willkürlichen und erratischen Eingriffen führte.

Diese Streitigkeiten spiegelten sich immer wieder auch in Autonomiebestrebungen durch Autoren, Verlage und Leser. Einem Selbstbestimmungsrecht der am literarischen Leben und Lesen in der DDR Beteiligten wurden jedoch enge Grenzen gesetzt. „Den Autoren machte man Vorschriften, was und wie sie schreiben sollten; den Verlegern und Lektoren, was sie zu veröffentlichen hatten; den Buchhändlern, was sie verkaufen sollten; und den Lesern schließlich, was sie lesen durften und was nicht.“ Trotz zeitweisen Liberalisierungen und den Versuchen einzelner Akteure, solche Vorgaben zu unterlaufen, blieben angesichts der autoritären Lenkung, der Zensur der Literatur sowie der Bespitzelung von Autoren die Parole der „Demokratisierung“ und die Idealkonstruktion „Literaturgesellschaft“ unglaubwürdig.

Die DDR-Literatur hatte zentrale sozialpädagogische Aufgaben zu erfüllen und erfuhr dementsprechend starke Beachtung. Von hoher Bedeutung war das System einer Lesesozialisation, die bereits vom Kindergarten an begann. Ein schulischer Deutschunterricht, der belletristische Texte in den Mittelpunkt stellte und geförderte Theaterbesuche begünstigten einen hohen Stellenwert der Literatur, insbesondere der eigenen Gegenwartsliteratur. In einer relativ einförmigen gelenkten Medienlandschaft behielten Bücher eine mediale Sonderstellung, auch da in der DDR kaum Konkurrenz durch andere Freizeitangebote entstand.

Situation nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor die Leipziger Buchmesse 1945 ihren Status als „unumstrittene Hauptstadt des Buchhandels in der ganzen Welt“.Börner, Härtner 2012, S. 29 f. Den Verlagen wurde signalisiert, dass man sich dem „kommunistischen Zugriff“ nur werde entziehen können, indem man den abziehenden US-Streitkräften in ihre westdeutsche Besatzungszone folgte. Am 12. Juli 1945 verließen unter anderen bedeutende Verlage wie Brockhaus, Teubner, Thieme und Insel mit dem amerikanischen Militärkonvoi die Stadt. Nachdem die Rote Armee am 2. Juli 1945 Leipzig übernommen hatte, erließ die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) am 25. September 1945 den SMAD-Befehl Nr. 51 zur „Wiedererrichtung und Tätigkeit der Kulturinstitutionen“. Existierende Verlage wurden verstaatlicht; einige Verlage, darunter der Aufbau-Verlag, der Henschelverlag und der Verlag Neues Leben wurden neu gegründet.Börner, Härtner 2012, S. 15–18.

Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und frühe DDR In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde im Zeichen der „antifaschistisch-demokratischen Erneuerung“ eine weitgespannte Sammlung aller „fortschriftlichen“ Kräfte angestrebt, möglichst unter Einbeziehung des Bürgertums, speziell im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Gleichzeitig wurde im Zuge der sich anbahnenden Verfestigung der deutschen Teilung bereits 1948/49 ein volksdemokratisch-sozialistisches Konzept nach sowjetischem Muster erarbeitet. Dies ging einher mit dem Abbau von sozialen Bildungsprivilegien, indem die Bildungsgüter allen Volksschichten gleichermaßen zugutekommen sollten.

Der Literatur in der DDR wurde von Anbeginn „eine zentrale und begründende Funktion beim Aufbau und bei der Ausgestaltung des Sozialismus zugewiesen.“ Sie war Bestandteil der Bemühungen, sozialistische Verhältnisse zu schaffen und sollte die „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ verwirklichen helfen.Wolfgang Emmerich: Die Literatur der DDR. In: Wolfgang Beutin und andere: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Achte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart und Weimar 2013, S. 515.

Am 5. November 1945 wurden in der Sowjetischen Besatzungszone erste Volksbuchhandlungen eröffnet.Ulrich Kuhirt (Hrsg.): Kunst der DDR. 1945-1959. E. A. Seemann Verlag Leipzig, 1982 Das Leipziger Börsenblatt für den deutschen Buchhandel veröffentlichte später einen Artikel als Orientierungsgrundlage für den Volksbuchhandel. Die Instruktion umfasste 15 Punkte: der Volksbuchhändler sollte für seine kulturpolitische Erziehungsaufgabe an sich selbst wie auch an seiner politischen und fachlichen Bildung unermüdlich arbeiten; die Buchhändler sollten durch gründliche Literaturkenntnis das deutsche Volk so beeinflussen können, „dass sich Krieg und Faschismus nicht wiederholen“; die der Leserschaft bereitgestellten Bücher sollten „Humanismus und Frieden“ zum Inhalt haben; tragender Gegenstand der von den Buchhändlern bevorzugten Literatur sei das „Heldentum der Arbeit in einer gerechten Gesellschaftsordnung“; der Blick der Menschen sei zu erweitern und ihre Wertschätzung für Literaturen anderer Völker sei zu entwickeln; Hauptzielgruppen seien die „arbeitenden Menschen in Stadt und Land“. „Kommen diese nicht oder noch nicht zum Volksbuchhändler, dann geht dieser zu ihnen in die Betriebe und Dörfer.“ Besonderer Wert wurde schließlich auf die fortwährende Bestückung der Buchhandlungen mit den „wichtigsten politischen Schriften“ gelegt.Börner, Härtner 2012, S. 40 f.

Im Mai 1953 beschloss das ZK der SED die „Verbesserung und Verstärkung des parteieigenen Buchhandels“ mit Auswirkungen auch auf den Volksbuchhandel. Lesen sollte ein gesamtgesellschaftliches Anliegen werden. Parteien, Gewerkschaften, Jugendverband und weitere Organisationen vom Kulturbund der DDR bis zu den Kleintierzüchtern waren nun gehalten, im jeweils eigenen Einflussbereich das Lesen zu fördern und passende Bücher auszeichnen zu lassen. In den zu gründenden und gut auszustattenden Betriebsbüchereien sollten die Werktätigen mit kostenlosen Lektüreangeboten versorgt werden. Dem für den Versandhandel zuständigen Buchhaus Leipzig wurde speziell die Intensivierung des Wirkens auf dem Lande aufgetragen unter dem Motto: „Das Buchhaus bringt das Buch ins Haus.“ Jedes gewünschte Buch des Sortiments sollte den Bestellern portofrei zugehen. Nicht nur als Erntehelfer, sondern auch bei der Bücherverbreitung kamen Jugendliche zum Einsatz.

Die FDJ führte 1958 die Aktion „500.000 Bücher aufs Land“ durch, bei der schließlich 650.000 Bücher abgerechnet wurden. Im Jahr darauf gab es die „Tage des Buches auf dem Land“.Börner, Härtner 2012, S. 52–54 und 69.

Bechers „Literaturgesellschaft“ mini|Johannes R. Becher, seit 1954 erster Minister für Kultur der DDR, auf dem IV. Schriftstellerkongreß der DDR (1956) Bereits 1950, unmittelbar nach Gründung der DDR, hatte Johannes R. Becher, seit 1954 erster Minister für Kultur der DDR, den Begriff der '„Literaturgesellschaft“ geprägt, der bis in die 1970er Jahre grundlegend die Literaturpolitik der DDR beschrieb. Er charakterisierte damit die Vorstellung, dass das Wesen der Literatur in der DDR als kollaborative Bemühung zwischen Autoren und Autorinnen, Verlagen, Redaktionen, Lektoraten, Buchhandel und Leserschaft zu begreifen sei, die dann die Literatur zur „geistigen Großmacht“ werden lasse. Die Instanzen der Produktion und der Vermittlung von Literatur hätten dabei einen Auftrag der Arbeiterklasse umzusetzen, der den politischen Charakter ihrer Arbeit festlegte. Eine Bedingung der Teilhaberschaft in diesem gedachten Gesamtrahmen (und andernfalls Ausschlusskriterium) war, sich mit dem als historisch notwendig Erkannten zu identifizieren.

Mit der Literaturgesellschaft formulierte Becher die Vision einer zukünftigen Vergesellschaftung der Literatur- und Kunstkommunikation. Er stellte die Literaturgesellschaft dem kapitalistischen Literaturbetrieb gegenüber, in dem die von ihm favorisierten direkten Beziehungen der Instanzen zueinander immer erst über die ökonomische Komponente des „Betriebes“, dem Literaturmarkt, vermittelt würden. Diese wollte er ausschließen, denn der Betrieb sei inhärent kunstfremd und degradiere Literatur zum Kunstgewerbe ohne Auftrag, bestimmt von subjektiver Willkür und leerer Spielerei.

Ulbrichts Vorgaben (1958) Die grundlegenden Weichenstellungen für Zielvorgaben und Organisation des Lektüreangebots in der DDR fallen in den Wirkungszeitraum Walter Ulbrichts in Partei und Staat. Die im Formalismusstreit 1951 vollzogene explizite Abkehr von formalen Aspekten der modernen Kunst wurde damit begründet, dass die Kunst „ihren humanistischen und demokratischen Charakter“ verliere, wo die Frage der Form selbständige Bedeutung gewinne. Stephan Hermlin brachte das auf die Formel: „Der Formalismus ist also der malerische, musikalische, literarische Ausdruck des imperialistischen Kannibalismus, er ist die ästhetische Begleitung der amerikanischen Götterdämmerung.“Wolfgang Emmerich: Die Literatur der DDR. In: Wolfgang Beutin und andere: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Achte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart und Weimar 2013, S. 527.

Zur für die DDR maßgeblichen Kunstrichtung wurde der in der Sowjetunion entwickelte Sozialistische Realismus. Bevorzugtes Sujet war hier die sozialistische Produktion – im Falle der Literatur mit einem vorbildhaften Helden, der den Lesern als Identifikationsfigur dienen konnte.Wolfgang Emmerich: Die Literatur der DDR. In: Wolfgang Beutin und andere: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Achte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart und Weimar 2013, S. 528.

mini|Erwin Strittmatter (rechts) bei jungen Arbeitern der Leuna-Werke während der 1. Arbeiterfestspiele 1959 Auf dem V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 gab Ulbricht die Parole aus, „die Trennung zwischen Kunst und Leben, die Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ sei zu überwinden. Die in Staat und Wirtschaft bereits herrschende Arbeiterklasse müsse nun auch „die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen.“ Einerseits waren professionelle Autoren kaum dafür zu gewinnen, sich länger in die praktische betriebliche Arbeit einbinden zu lassen. Nachdem dann auf dem Bitterfelder Weg 1959 die Losung „Greif zur Feder, Kumpel!“ ausgegeben wurde, entstanden Hunderte von Zirkeln schreibender Arbeiter, zu denen sich später auch Angestellte sowie Lehrer und Schüler gesellten. Sie produzierten im Kollektiv Texte mit dem Fokus auf die je eigenen Interessenlagen.Wolfgang Emmerich: Die Literatur der DDR. In: Wolfgang Beutin und andere: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Achte, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart und Weimar 2013, S. 530.

Folgen der Biermann-Ausbürgerung mini|Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung bei einer Pressekonferenz in Amsterdam (1977)