Ernst Behm (* 24. August 1902 in Heiligenbeil; † 1. Juli 1990 in der Nähe von Stockholm) war deutsch-schwedischer Pädagoge, politischer Aktivist und Emigrant. Er war ein bereits in der Weimarer Zeit wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD verfolgter Pädagoge, der 1933 zunächst nach Dänemark und 1935 nach Schweden emigrierte. Zusammen mit seiner Frau Agnes Behm-Barow war er dort im Verband deutscher Lehreremigranten aktiv und arbeitete mit Willy Brandt zusammen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er nur für eine kurze Zeit nach Deutschland zurück und lebte dann bis zu seinem Tode in Schweden.

Behms Leben bis zur Emigration Behms ostpreußische Jahre Der in Ostpreußen geborene und aufgewachsene Ernst Behm stammt aus einer politisch aktiven Arbeiterfamilie. Sein Vater, Julius Behm (* 1871), ein Eisenbahner, war Kreistagsabgeordneter der SPD.Die ausführlichsten Informationen über Ernst Behm stammen von Siegfried Bresler, der am 18. Oktober 1988 in Sollentuna ein Interview mit ihm führte. Soweit nachfolgend keine anderen Angaben gemacht werden, stammen die verwendeten Informationen aus dem Artikel von Bresler (siehe: Quellen).

Ernst Behm absolvierte nach seiner eigenen Schulausbildung in den Jahren 1917 bis 1923 eine Ausbildung zum Volksschullehrer, zu der ab 1921 ein zweijähriger Besuch des Lehrerseminars in Lyck gehörte. Probleme erhielt er dort, nach dem bekanntgeworden war, dass er im Jahr 1922 der KPD beigetreten war. Trotz mehrerer Versuche, ihn zu entlassen, konnte er aber seine Ausbildung abschließen und am 23. Februar 1923 die Erste Lehrerprüfung ablegen.Personal-Karte Ernst Behm (siehe: Quellen)

Nicht wegen seiner politischen Aktivitäten, sondern aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Situation wurde er mit dem Abschluss seiner Ausbildung arbeitslos und übersiedelte im Laufe des Jahres 1923 nach Berlin. Ebenfalls noch 1923 war er Mitglied der 1921 gegründeten Gewerkschaft Deutscher Volkslehrer und Volkslehrerinnen (GDV) geworden.Hildegard Feidel-Mertz und Hermann Schnorbach erwähnen in ihrem Buch Lehrer in der Emigration, S. 227, Behms Mitgliedschaft in der GDV und in der Allgemeinen Freien Lehrergewerkschaft Deutschlands (AFLD), während es im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945 (siehe: Quellen) heißt es, er sei ab 1923 Mitglied in der Gewerkschaft deutscher Volksschullehrer gewesen. Da es einen Verband dieses Namens nicht gab, kann damit nur die GDV gemeint gewesen sein.

Zwischen Barkenhoff und Thüringen Behm, der sich mit dem Gedanken trug, in die Sowjetunion zu gehen, erhielt von einem KPD-Genossen den Rat, für die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) zu arbeiten und eine Stelle in der gerade erst gegründeten Kinderheim Barkenhoff anzutreten. Dort sollten sich „bedürftige Arbeiterkinder, deren Väter oder Mütter aus politischen Gründen im Gefängnis saßen oder in den politischen Kämpfen der frühen 20er Jahre gefallen ware, erholen […] und eine sozialistische Erziehung erfahren“.Siegfried Bresler: Ernst Behm – Lebensweg eines politischen Pädagogen, S. 42 Behm folgte diesem Rat und betreute die erste Gruppe von 18 Kindern, die ab September 1923 für sechs Wochen auf den Barkenhoff kam. Neben einer politischen Erziehung im Sinne der KPD hatten diese Kinder dort auch vielfältige Möglichkeiten zur praktischen Mitarbeit in den vorhandenen Werkstätten, dem Garten und in der Küche. Angelehnt an das russische Modell der Produktionsschule konnte Behm erstmals Ansätze einer Arbeitsschule praktizieren.

Behms Engagement auf dem Barkenhoff dauerte vorerst nur bis zum Oktober 1923, da er für sich hoffte, am Aufbau eines fortschrittlichen Schulsystems in Thüringen mitwirken zu können. Dort war es 1923 zur Bildung einer Landesregierung aus SPD und KPD gekommen, und diese Arbeiterregierung schien mit der Greilschen Schulreform auch dem Pädagogen Behm verlockende Perspektiven zu vermitteln. Allerdings endete diese rot-rote Koalition bereits im November: Am 6. November 1923 wurde Thüringen mit der Reichsexekution belegt, die Reichswehr marschierte ein und setzte die Regierung ab. Behm, der eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte, wurde zwei Wochen vor Weihnachten während des Unterrichts von Angehörigen der Reichswehr verhaftet und blieb bis März 1924 in einem Weimarer Gefängnis.

Für Ernst Behm war das das Ende seiner Karriere im öffentlichen Schulwesen, und er kehrte wieder auf den Barkenhoff zurück. Dort arbeitete bereits der Pädagoge Karl Ellrich, und mit diesem zusammen konnte Behm das Konzept des Arbeitsunterrichts weiter ausgestalten und kindgerechte Formen des politischen Theaters und der politischen Diskussion entwickeln. Doch sowohl gegen ihn als Person als auch gegen die angebliche politische Beeinflussung der Kinder auf dem Barkenhoff wurde seitens der konservativen Presse schnell mobil gemacht, und der Landrat stellte die RHD vor die Alternative, entweder Behm zu entlassen oder die Einrichtung zu schließen. Um das Heim zu retten, verließ Behm im Februar 1925 nach Rücksprache mit führenden KPD-Genossen den Barkenhoff.Behm stand unter polizeilicher Beobachtung; eine Akte hierzu befindet sich im Staatsarchiv Stade: Rep 174 Osterholz Fach 1 / Nr. 20 – über den Barkenhoff-Lehrer Ernst Behm

Reformpädagogik und KPD-Opposition Die nächsten Jahre waren für Ernst Behm durch unterschiedliche Arbeitsverhältnisse geprägt. Er arbeitete nach seinem Weggang vom Barkenhoff zunächst einige Monate in der Berliner Jugendfürsorge und wechselte dann auf Redakteursstellen bei kommunistischen Regionalzeitungen in Stettin und Königsberg. Am 11. Juni 1928 erhielt er dann erstmals eine Lehrerstelle an der 34. Volksschule in Berlin-Lichtenberg. Er interessierte sich für die Arbeit des entschiedenen Schulreformers Fritz Karsen und versuchte dessen reformpädagogische Modelle, die sich an der Karl-Marx-Schule in der Praxis bewährten, auch auf seine Tätigkeit in der Volksschule zu übertragen. Das hieß für ihn, die Fächergrenzen zu überwinden und das Konzept der Arbeitsschule und des Gesamtunterrichts zu intensivieren. Er gab aber auch wieder – wie früher schon in Thüringen – Weltanschaulichen Unterricht, der den Religionsunterricht ersetzte und daneben politische Verhältnisse zum Gegenstand des Unterrichts machte. Damit dürfte er sich ganz auf der Linie des Deutschen Freidenker-Verbandes bewegt haben, dessen Mitglied er 1928 geworden war.Ernst Behm, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945 Am 16. Juni 1931 legte er die Zweite Lehrerprüfung ab.

Neben seiner schulischen Arbeit war Behm weiterhin in der KPD aktiv und arbeitete nach wie vor in der RHD mit. Er näherte sich aber mehr und mehr dem Kurs der KPD-Opposition (KPD-O) an und lehnte die Sozialfaschismusthese ab. Im Jahr 1929 wurde er aus der KPD ausgeschlossen und schloss sich nach einem Zwischenspiel in der KPD-O 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) an. Nach der sogenannten Machtergreifung wurde er von seiner bisherigen Schule entfernt und am 26. April 1933 an eine andere Volksschule versetzt. Diese Episode endete am 1. Oktober 1933: Unter Berufung auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde Ernst Behm entlassen. Im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration heißt es, er habe zuvor schon in Berlin illegale Tätigkeiten für die SAPD ausgeführt und sei „auf Anweisung der SAPD-Reichsltg.“ nach Kopenhagen geflüchtet. Bresler berichtet dagegen von einem gegen Behm erlassenen Haftbefehl. Den Gestapo-Leuten, die ihn verhaften wollten, habe er dank einer Warnung durch seine Frau nach Dänemark entkommen können.Siegfried Bresler: Ernst Behm – Lebensweg eines politischen Pädagogen, S. 44

Exkurs: Agnes Barow Ernst Behms Hinweis auf seine Frau, die ihn 1933 vor der drohenden Verhaftung gewarnt habe, verweist auf eine Unbekannte, und auch eine erste Ehe findet in keiner Quelle eine Erwähnung. Bekannt ist lediglich Behms zweite, 1948 geschlossene Ehe mit Agnes Barow (* 14. Juli 1897 in Berlin-SchönebergBBF-Datenbankeintrag: Agnes Barow – † 1974 in Schweden). Nach Dünzelmann ist sie in Berlin-Lichtenberg aufgewachsen und sei von 1928 bis 1934 als Lehrerin tätig gewesen.Anne E. Dünzelmann: Stockholmer Spaziergänge – Auf den Spuren deutscher Exilierter 1933–1945, S. 54–55 Ihre in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) archivierte Personal-Karte ergibt allerdings ein etwas differenzierteres Bild. Demnach hatte sie bereits im Oktober 1918 am Oberlyzeum Neukölln, dem heutigen Albert-Schweitzer-Gymnasium, die Lehrbefähigung für Höhere Schulen erworben.Personal-Karte Agnes Barow Nicht auf der Personal-Karte, sondern im Datenbankeintrag wird auf vertretungsweisen Unterricht in Volksschulen in Berlin-Oberschöneweide verwiesen, bevor sie dann für die Zeit vom 1. Juni 1920 bis zum 30. April 1925 an der Berthold-Otto-Schule in Berlin-Lichterfelde eine Anstellung fand. Bei dieser noch heute existierenden SchuleWebsite der Berthold-Otto-Schule handelte es sich jedoch um keine staatliche Schule, sondern um die von ihrem Namensgeber privat gegründete Hauslehrerschule, eine der bekanntesten Reformschulen der Weimarer Zeit. Nach Ketelhuts Darstellung hatte sie sich als Berufsanfängerin am Lyzeum überfordert gefühlt, stand kurz vor einem Zusammenbruch und wurde durch einen befreundeten Lehrer in die Familie Otto eingeführt und an der Schule angestellt. Für sie, die die an normalen Schulen vorherrschende Lehrweise ablehnte, sei dadurch ein Traum in Erfüllung gegangen.Klemens Ketelhut: Berthold Otto als pädagogischer Unternehmer, S. 268 ff.

Weshalb Agnes Barow im Jahr 1925 die Berthold-Otto-Schule verließ und was sie in den nachfolgenden dreieinhalb Jahren machte, ist ebenso unbekannt wie die Identität von Hans Barow, der, ebenso wie Agnes Barow, im Findbuch zum Nachlass des Reformpädagogen Berthold Otto (1859–1933) Erwähnung findet.Findbuch zum Nachlass des Reformpädagogen Berthold Otto (1859–1933). Die Archivdatenbank der BBF weiß über ihn nur: „Barow, Hans. Cand. phil. Wirkungsorte: Ratzdorf <Kreis Guben>, Halle <Saale>“. ()

Im Jahr 1928 kreuzen sich dann die Wege von Agnes Barow und Ernst Behm: Am 1. Oktober 1928, etwa vier Monate nach Behm, erhielt sie ebenfalls eine Stelle an der 34. Volksschule in Berlin-Lichtenberg, und wie Behm wurde sie 1933 versetzt. Vom 1. Mai 1933 an unterrichtete sie an der 32. Volksschule in Berlin-Kaulsdorf, bevor sie am 1. September 1935 freiwillig aus dem Schuldienst ausgeschieden sei. Sie habe ebenfalls illegal für die SAPD gearbeitet und sei 1935 nach Schweden emigriert. Über Barows weiteren Lebensweg gibt es nur einen kurzen Beitrag von Dünzelmann: „In Stockholm war sie aktives Mitglied in der Lehrergemeinschaft und dem FDKB. Im November 1944 stimmte sie ebenfalls für einen Beitritt der SAP[D] in die SOPaDe. 1945 gehörte sie dem Demokratiska hjälp kommittén för Tyskland an und half beim Verschicken der Hilfsgüter. 1948 heirateten sie und Ernst Behm, beide lebten zuletzt in Sollentuna.“Zur Mitgliedschaft Barows im Verband deutscher Lehreremigranten siehe: Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 227. Vom FDKB gab es je nach Exilland mehrere Landesorganisationen; die schwedische wurde gemäß Biograqphischem Handbuch 1944 von Ernst Behm mitgegründet. Beim Demokratiska hjälp kommittén för Tyskland handelte es sich um eine von mehreren Hilfskomitees in Schweden, die zumeist von deutschen Emigranten gegründet worden waren. Siehe: Robert Bohn, Jürgen Elvert, Karl Christian Lammers (Hrsg.): Deutsch-skandinavische Beziehungen nach 1945, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07320-5, S. 151, Anmerkung 60

Emigration und Nachkriegszeit Emigrant in Dänemark und Schweden