(Vincenza) Giulia Masotti, genannt La Dori, Signora Giulia oder Giulia Romana (ca. 1650 wahrscheinlich in Rom – 26. Juni 1701 in Wien) war eine italienische Opernsängerin (Sopran). Sie gilt als größte Primadonna und höchstbezahlte Sängerin der 1660er und 1670er Jahre.
Leben
Rom und Venedig 1650–1673 Giulia Masottis genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, aber laut Totenbeschauprotokoll soll sie bei ihrem Tode im Jahr 1701 in Wien 50 Jahre alt gewesen sein.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. In: Journal of Seventeenth-Century Music. Band 17 (2011), Nr. 1, 2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 2.2.
Giulia war eine Schülerin von Giacomo Carissimi in Rom und wurde zunächst von der Fürstin Margherita Brangiforte di Butera gefördert.Valeria De Lucca: The Power of the Prima Donna: Giulia Masotti‘s Repertoire of Choice. In: Journal of Seventeenth-Century Music. Band 17 (2011), Nr. 1, 2015, online (Abruf am 27. Dezember 2019), Abschnitt 2.1. Sie sang zunächst für die kultivierten Kreise des römischen Adels, und zu ihren Mäzenen gehörten der toskanische Botschafter (oder Resident) Torquato Montauto und Mitglieder der Familie Medici,Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 2.1. Fürst Lorenzo Onofrio Colonna (1637–1689) und seine Gemahlin Maria Mancini und später die Kardinäle Sigismondo und Flavio Chigi.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 2.3.
Valeria De Lucca wies darauf hin, dass Giulia möglicherweise schon 1661 in der Oper Orontea von Antonio Cesti (Musik) und Giovanni Filippo Apolloni (Libretto) auftrat, vermutlich zuerst in Rom im Palazzo Colonna und noch im gleichen Jahr in Florenz (wo eine nicht genau identifizierte „Giulia“ zu den Sängern gehörte).
1662 hörte sie ein Agent der Medici in einem Konzert in Montautos Haus und fand ihren Gesang „exquisit“; er beschrieb sie außerdem als junges Mädchen, das zwar nicht hübsch war, aber sehr gute Manieren hatte. Nur wenige Monate später, für den Karneval 1662–63, wurde sie von dem venezianischen Adligen und Impresario Abbé Vettor Grimani Calergi nach Venedig engagiert, wo sie im Teatro San Luca mit blendendem Erfolg in Cestis Oper La Dori als Primadonna debütierte. Trotz ihres offenbar sehr jungen Alters wurde ihr Part nach ihren Wünschen geändert, weil sie mehr allegro – also lebhafte Arien mit Läufen und Koloraturen – singen wollte, „und nicht affettuoso“.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 3.9. Von dem enthusiastischen Jubel des Publikums berichtete ihr Bühnenpartner, der Kastrat und primo uomo Giuseppe Ghini:
Auch ein anderer Augenzeuge berichtete, die neue Sängerin aus Rom habe die bisherige Diva Caterina Porri ausgestochen, „so sehr hat sie gefallen, und ganz sicher kann man nicht mehr besser sein, weder stimmlich, noch in der Darstellung der Gefühle (affetti).“„Sopra l’altre cose vi è una donna nuova venuta di Roma c’ha tolto tutto il vanto a Caterina Porri, tanto è piaciuta, e certo non si può migliorare nè in voce, nè in rappresentazione d’affetti“. Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 3.10. Von diesem ihrem Debüt blieb Giulia auch der Spitzname „La Dori“.Valeria De Lucca: The Power of the Prima Donna: Giulia Masotti’s Repertoire of Choice. … 2015, online (Abruf am 27. Dezember 2019), Abschnitt 7.2.
Zurück in Rom, wurde sie von dem Impresario Grimani Calergi und anderen aristokratischen Gönnern mit Briefen belagert, damit sie wieder nach Venedig komme, aber sie beklagte sich immer wieder, dass ihr die Reise zu anstrengend sei, und über ihre angeschlagene Gesundheit.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 3.14. Nach einigem Hin und Her kehrte sie in der nächsten Saison 1663–64 doch nach Venedig zurück und sang im Teatro SS. Giovanni e Paolo in der Oper Rosilena von Giovanni Battista Volpe und in Francesco Cavallis Scipione affricano.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 3.15.
Auch in den nächsten Jahren versuchte man, sie nach Venedig zu engagieren, aber sie lehnte immer aus den gleichen Gründen ab. Erst als man ihr immens hohe Gagen anbot,Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitte 3.16 bis 4.2. war sie bereit, für den Karneval 1666–67 wieder nach Venedig zu kommen. Diesmal sang sie in Pietro Andrea Zianis Alciade und wieder in Cestis La Dori, die man in letzter Minute als Ersatz für eine andere Oper auf den Spielplan setzte, die Giulia Masotti nicht gefallen hatte.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 4.3.
In Rom im August 1668 sang sie nachweislich in einer Serenata bei Kardinal Flavio Chigi,Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 5.4. und trat im Karneval 1669 mit großem Erfolg in Venedig im Teatro San Luca in Cestis Oper L’Argia auf, wobei ihre Interpretation der Arie Duri lacci Argia sciogliete (im dritten Akt) so sehr gefiel, dass man sie für wertvoller erachtete als eine erfolgreiche (!) Oper an einem Konkurrenz-Theater.Valeria De Lucca: The Power of the Prima Donna: Giulia Masotti‘s Repertoire of Choice. … 2015, online (Abruf am 27. Dezember 2019), Abschnitt 5.3.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 5.
Von 1670 bis 1673 trat sie weiterhin in Venedig in der Oper auf. Da sie nun zwischen den Spielzeiten im Veneto auf einem Landgut der Grimani blieb, hatte sie keine Probleme mehr wegen der anstrengenden Reisen und ihrer Gesundheit.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 6.1. Außer den Brüdern Giovanni Carlo Grimani und Vincenzo Grimani, die die Theater der Familie leiteten, gehörte zu ihren venezianischen Mäzenen auch „Nicoletto“ Dolfin. 1670–71 sang sie im Theater San Giovanni e Paolo in den Opern La Semiramide und L’Heraclio von Pietro Andrea Ziani. Da die erstere beim Publikum keinen Erfolg hatte, wurde sie kurzfristig wieder gegen Masottis Lieblingsoper und den Publikumserfolg La Dori von Cesti ersetzt.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 6.3, 7.1 und 7.2. Der Agent des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Calenberg berichtete: „...Giulia Romana ließ uns Wunder hören, die sie … mit mehr Süße und Nektar vortrug als in der ersten Oper.“Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Abschnitt 7.2.
1671–72 hatte sie Auftritte in Zianis Attila und Pagliardis Caligula delirante. Die letzte Oper, die sie in Venedig sang, war der nicht sehr erfolgreiche Domitiano (im Karneval 1673) von Giovanni Antonio Boretti, der kurz vor der Premiere starb.Beth L. Glixon: Giulia Masotti, Venice and the rise of the prima donna. … 2011/2015, sscm-jscm.org, Table 2 „Giulia Masotti’s Operatic Appearances in Venice, 1662/63–1672/73 “ (erreichbar von Abschnitt 10.1)
Wien 1673–1701
Bereits 1666 berichtete Antonio Cesti, der für den Kaiserhof arbeitete, dass man in Wien beabsichtige, Giulia Masotti als Sängerin für Margarita Teresa, die erste Gemahlin Leopolds I., zu engagieren.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online (Abruf am 27. Dezember 2019), Abschnitt 2.1. Diese Pläne wurden jedoch erst nach dem Tode von Margarita realisiert. Zunächst trat Giulia bei den Feierlichkeiten zur offiziellen Verlobung von Leopold mit seiner zweiten Frau Claudia Felicitas am 5. September 1673 in Innsbruck auf; am 15. Oktober sang sie dann bei der eigentlichen Hochzeit in Graz.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 2.2. Ein anonymer Augenzeuge berichtet (aus Innsbruck):
Nach der Hochzeit reiste Giulia in einer Sänfte und in Begleitung von Antonio Maria Viviani, dem Musikmeister der neuen Kaiserin, von Graz nach Wien, wo sie etwa Anfang Dezember ankam. Für ihre Anstellung in der Kammermusik der Kaiserin erhielt sie jährlich eine Summe von 1500 Florin plus verschiedene Naturalien, Feuerholz und Geschenke. Dies war zwar keine „astronomische Summe“, aber mehr, als die meisten anderen Musiker und Musikerinnen am Kaiserhof verdienten.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 2.4. Zu ihren Kollegen und Kolleginnen gehörten einige Sänger, die sie vermutlich aus Venedig kannte, und die Geigerin Theresia Schmelzer, Tochter des Vice-Kapellmeisters Johann Heinrich Schmelzer, sowie ein „singendes Mädchen“ („una ragazza che canta di Musica“).Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 2.4 und 2.5.
Als Primadonna des Wiener Hofes sang Giulia in den kaiserlichen „Hauskonzerten“ häufig zusammen mit dem hochbezahlten Kastraten Vincenzino (eigentl. Vincenzo Olivicciani), manchmal auch gemeinsam mit der musikalischen Kaiserin Claudia Felicitas höchstpersönlich.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 4.1.
Es sind auch einige größere Opernauftritte nachgewiesen: Zum Geburtstag des Kaisers sang sie am 9. und 10. Juni 1674 die Rolle der Eraclea in Antonio Draghis und Nicolò Minatos Il ratto delle Sabine, neben Vincenzino. Leopold selber berichtete in einem Brief an Graf Harrach: “Die Giulia hat sich in tutta perfettione gehalten”.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 4.2 (zu Vincenzino 4.3) Ein anderer Zuhörer vermerkte, dass die Mitwirkung von Frauen bei dieser Oper etwas ganz Neues am Kaiserhof war.
Nach der Geburt des ersten Kindes von Leopold und Claudia Felicitas sang Giulia am 30. Oktober 1674 die Rolle der „edlen Vestalin Claudia“ in der Festa teatrale Il fuoco eterno custodito dalle Vestali, mit einem Text von Minato und Musik von Antonio Draghi, Kaiser Leopold, und J. H. Schmelzer. Zu den Sängern gehörten unter anderem die Kastraten Vincenzino, „Clemente“ (Clemens Hader) und „Franzl“ (Adam Franz Günther, Sohn des Organisten Karl Günther an der Michaelerkirche in Wien).Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online, Abschnitt 4.4. Es ist denkbar, dass Giulia auch in anderen Opernproduktionen des Wiener Hofes auftrat, aber ohne dass dies in den zeitgenössischen Korrespondenzen oder Libretti erwähnt wird, denn es war im 17. Jahrhundert nicht üblich, dass die Interpreten in einem Libretto aufgelistet wurden.
Auch nach dem Tode von Claudia Felicitas am 8. April 1676 blieb die Sängerin in Wien und wurde nun der kaiserlichen Hofkapelle zugeteilt.Janet K. Page: Sirens on the Danube: Giulia Masotti and Women Singers at the Imperial Court. … 2015, online (Abruf am 27. Dezember 2019), Abschnitt 4.5.