Ein Massenprozess war im Sprachgebrauch der DDR das Synonym für ein Big-Data-Projekt des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) über die Bürger der DDR. Das dort angesiedelte Archiv, die Abteilung XII,Roger Engelmann, Bernd Florath, Helge Heidemeyer, Daniela Münkel, Arno Polzin, Walter Süß: Das MfS-Lexikon. 4. aktualisierte Auflage, Ch. Links Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96289-139-8, S. 25 f., Online-Version. nahm 1979 noch 5,95 Millionen Überprüfungsanforderungen an, 1986 waren es mit 12,8 Millionen mehr als das Doppelte. Die Bewältigung dieser Aufgabenlast hieß im Ministerium quasi die kompletten 1980er Jahre hindurch „Massenprozess“.

Die Mitarbeiterzahl der Abteilung XII wuchs im Verhältnis zu den gestiegenen Anträgen nur gering. Der Stellvertreter Erich Mielkes, Generalmajor Gerhard Neiber, forderte auf einer zentralen Dienstkonferenz am 7. Juli 1986,

Das Archiv versuchte, die Massenprozesse vor allem dadurch in den Griff zu bekommen, dass es den Ausbau der Elektronischen Datenverarbeitung ab ca. 1980 mit dem Projekt SAVO (System der automatischen Vorauswahl)SAVO war das erste Computersystem des Stasiarchivs. Später wurde daraus SIRA – System der Informationsrecherche der HV A. stark vorantrieb. Jedoch nahm die Bespitzelung von DDR-Bürgern durch IMs auf Anweisung des Ministeriums so drastisch zu, dass – abgesehen von auch aus anderen Archiven bekannten Problemen mit der Digitalisierung – die Massenprozesse oft im Datenchaos endeten. Mit der Wende und der damit verbundenen Auflösung der DDR verschwand auch dieser Begriff.

Literatur Philipp Springer: Die ganz normale Abteilung XII. In: Philipp Springer, Karsten Jedlitschka (Hrsg.): Das Gedächtnis der Staatssicherheit. ISBN 978-3-525-31033-5, S. 113 ff. Rüdiger Bergien: „Big Data“ als Vision: Computereinführung und Organisationswandel in BKA und Staatssicherheit (1967–1989). In: Zeithistorische Forschungen Heft 2, 2017, S. 258–285.

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