Das Hamburger Gewerbehaus am Holstenwall 12 ist seit 1915 der Sitz der ehemaligen „Gewerbekammer“ und heutigen Handwerkskammer Hamburg.

Erfordernis und Standortwahl Das Gebäude wurde nicht von der Gewerbekammer als Handwerksorganisation errichtet, sondern von der Freien und Hansestadt Hamburg in Abstimmung mit der Gewerbekammer konzipiert und finanziert. Das Hamburg-Wappen über der Jahreszahl der Fertigstellung oberhalb der Eingangstür ist dafür das damals übliche Zeichen für „Staatsbauten“ gewesen. Für diesen Staatsbau war der Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft vom 10. Juli 1912 zur Freigabe der Baukosten in Höhe von 911.300 Mark notwendig. Hintergrund war die prekäre soziale Lage in der Stadt und das Erfordernis, den Arbeitssuchenden „Arbeitsnachweise“ zu geben. Dies geschah im Innungsflügel, in Form einer offenen Galerie über 6 Ebenen mit einem direkten Zugang von der Straße in die im Souterrain eingerichtete Wartehalle für Arbeitssuchende.

Der Vorstand der Gewerbekammer wollte, wie den Protokollen der Baudeputation zu entnehmen ist, dass die Stadt Hamburg das neue Gewerbehaus auf einem Grundstück mitten in der Innenstadt errichtet, am liebsten am Valentinskamp/Gänsemarkt (dem Standort der von 1923 bis 1926 gebauten Finanzbehörde). Der von der Stadt vorgeschlagene Standort in Hammerbrook am Nagelsweg wurde wegen der Nähe zum 1906 fertiggestellten Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof abgelehnt. Als Baugrundstück wurde immerhin ein städtisches Grundstück vorgesehen, das noch innerhalb des Wallrings in der Neustadt lag – am Holstenwall. Dieser Straßenzug war nach Aufhebung der Torsperre 1860 zu einer breiten Ringstraße ausgebaut worden. Hier sollten ähnlich wie in anderen Städten und wie schon zuvor im altstädtischen Teil der Ringstraße nahe dem Hauptbahnhof verschiedene repräsentative Gebäude errichtet werden.

Hierfür waren nach der Entfestigung des Walls für die Neubebauung des Holstenwalls nur bestimmte Baugattungen zugelassen worden. Dazu gehörte auch Wohnungsbau, aber nicht sog. Kleinwohnungen, wie sie von der Abraham Philipp Schuldt-Stiftung schon in der Zeit vor der Choleraepidemie von 1892 vom Architekten Hinrich Fitschen geplant wurden. Baulich im Kontrast zu den Wohnungen im bisherigen Gängeviertel entstanden die Wohnungen von „Schuldts Stift“ auf der Rückseite der Ringstraßenbebauung. Zunächst wurden die Wohnzeilen Hütten 2–12 und Pilatuspool mit zwei Kopfbauten fertiggestellt. Sie stellen die heutige rückwärtige Bebauung des Gewerbehauses dar (weitere Kleinwohnungen von der A. Ph. Schuldt-Stiftung Neumayerstraße, Poolstraße, Seewartenstraße und Zeughausstraße).

Im Ringstraßenabschnitt südlich des damaligen Holstenplatzes (heute Johannes-Brahms-Platz) war das Interesse an den neu geschnittenen Parzellen für Repräsentativbauten geringer als im Bereich bis zum Gorch Fock-Wall. Südlich der 1904–1908 entstandenen Musikhalle (heute Laeiszhalle) (Architekt Martin Haller und Emil Meerwein am „Holstenplatz“, später „Karl Muck-Platz“, seit 1997 „Johannes Brahms-Platz“) entstanden vor 1910 ganz unterschiedliche Neubauten.

Als am 28. April 1910 der Antrag in der Hamburgischen Bürgerschaft zum Bau des Gewerbehauses am Holstenwall 12 gestellt wurde, war dies die einzige Baulücke und das letzte freie städtische Grundstück. Es war von dem Grundstücksnachbarn, dem Glasgroßhändler Wilhelm Völker als Lagerplatz genutzt worden. Seine Kündigungsfrist betrug einen Monat. Die Entscheidung der Finanzdeputation erfolgte am 23. September 1911, die Senatssitzung fand am 21. Juni 1912 statt und am 10. Juli 1912 gab die Bürgerschaft nach turbulenter Parlamentsauseinandersetzung der Freigabe von 911.300 Mark statt. Der damalige Leiter des Hochbauamtes Fritz Schumacher, der hier als Architekt tätig wurde, bezeichnete später die Verwirklichung des Raumprogramms für das 2500 m² große Grundstück mit einer bebaubaren Fläche von ca. 1700 m² als „wahren Zauberkasten“. Das Raumprogramm gemäß Beschlussvorlage für die Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft von Juni 1912:

Für die Gewerbekammer waren ein kleiner Sitzungssaal, vier Amtszimmer, sechs Geschäftszimmer und zwei Aktenräume vorgesehen. Für die Gewerbeförderung wurden zwei Räume für theoretische Meisterkurse, vier Räume für praktische Meisterkurse, Amts- und Dozentenzimmer, sowie ein Lesesaal und ein Ausstellungsraum vorgesehen. Für die Versammlungen und die Sitzungen der Innungen wurden drei Sitzungssäle (für bis zu 450 Personen, für 150 bis 200 Personen und für 80 bis 100 Personen), sowie acht Sitzungszimmer für 20 bis 50 Personen vorgesehen. Die Aufsichtsbehörde für die Innungen erhielt ein Amtszimmer für den Präses. Die Innungen erhielten 26 Räume für Sekretariate, Krankenkassen und die „Arbeitsnachweise“ sowie drei Archivräume.

Zusammenfassend heißt es in dem Buch „Hamburger Staatsbauten von Fritz Schumacher II. Band“Karl Schaefer-Lübeck, Seite 24, Verlag Der Zirkel, Berlinhttps://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fmets.sub.uni-hamburg.de%2Fkitodo%2FPPN1802593578&tx_dlf%5Bpage%5D=29&cHash=18de988bcf4097e6400da7a8423f5dceDas Buch enthält über das Gewerbehaus 13 ganzseitige und 24 halbseitige Fotos von 1921 https://dfg-viewer.de/show?tx_dlf%5Bdouble%5D=0&tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fmets.sub.uni-hamburg.de%2Fkitodo%2FPPN1802593578&tx_dlf%5Bpage%5D=182&cHash=1c10fe69bd18309793a62e159b418e69 „Alle diese Räume haben durch mancherlei Stiftungen der Innungen einen besonderen Charakter bekommen. Die Glasfenster im großen Sitzungssaal. (Prof. Czeschka), die Holzverkleidungen anderer Säle, Gemälde an den Wänden, Brunnen in den Vorräumen, Öfen, Uhren, Beleuchtungskörper und Türgitter sind mit besonderer Liebe durchgeführte Stiftungen der verschiedenen Gewerbe. Sie alle sind vom Architekten des Baues im Einklang mit den Raumgestaltungen entworfen. Zwei Räume, der Saal der „Bauhütte“ und eine Trinkstube sind als Gesamtleistung vom Architekten H. Aug. Meyer geschaffen.“

Von besonderer sozialpolitischer Bedeutung für die Entstehung des Gewerbehauses und die Finanzierung durch die Stadt war im sog. Innungsflügel die im Tiefparterre unter Straßenniveau gelegene ca. 350 m² große „Wartehalle für Arbeitssuchende“. Für die zu erwartenden Menschenmengen sollte die Wartehalle von der Straße aus ins Gebäude und dann über den Innenhof im Kreislauf geführt werden.

Die Bauzeit vor und während des 1. Weltkriegs Geplant war die Bauzeit von zwei Jahren:

Beginn der Erdarbeiten und der Fundamentierung 1. September 1912 Fertigstellung des Rohbaus am 1. Oktober 1913 und die Übergabe des fertigen Baues am 1. Oktober 1914.

Das Hamburger Fremdenblatt gab am 16. Juli 1914Seite 5 bekannt, dass wahrscheinlich die ArbeitsnachweiseDie dringend erforderliche Arbeitsvermittlung für Handwerker durch die Innungen diente als Begründung für die Errichtung des Gewerbehauses als "Staatsbau" und die Büros der Innungen am 1. April 1915 in das neue Haus übersiedeln können, dagegen die Sitzungen erst am 1. Oktober 1915 dort beginnen können. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte sich die Fertigstellung um einige Monate verzögert. Tatsächlich konnten ab 1. April 1915 die ersten Innungen einziehen (Buchdrucker und Klempner) und erst 1916 konnte auch Thilo Hampke, der Syndikus (heutige Amtsbezeichnung: Hauptgeschäftsführer) der Gewerbekammer seine neuen Räume beziehen, ebenfalls die Bibliothek, Patentschriftensammlung, Aufsichtsbehörde für die Innungen und die meisten Innungen, für die am Holstenwall ein Büro vorgesehen war (vgl. Adressbuch-Einträge für die Jahre 1915 und 1916). Deshalb ist als Datum über der Eingangstür das Jahr 1915 genannt und unterhalb des Hamburg-Wappens deutlich zu erkennen.Die Handwerkskammer feierte das Jubiläum für das Gewerbehaus allerdings erst 102 Jahre später am 11. Juli 2017

Auch wenn 1915 noch nicht alle Räume im Innenausbau fertiggestellt waren, wurde das Gewerbehaus sehr rasch von den Innungen und auch von der Gewerbekammer in Nutzung genommen. So berichtet die Neue Hamburger Zeitung am 30. Oktober 1915 von der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung im 1. Stock. Der Hamburgische Correspondent kündigte am 9. April 1916 den Umzug der Patentschriftensammlung und der Bibliothek von den Großen Bleichen 61/63 ins Gewerbehaus an und am 6. August 1916 wird auf die Meisterkurse im Gewerbehaus hingewiesen. Im Juni 1916 hielt Fritz Schumacher im Gewerbehaus die Rede „Ausblicke für die kunsttechnische Zukunft unseres Volkes“ auf der Wanderversammlung des deutschen Gewerbeschulverbands.Gustav Schiefler: Eine Hamburgische Kulsturgeschichte 1890–1920. S. 454: Die Neue Hamburger Zeitung berichtet am 11. Dezember 1916 von der Eröffnung der Weihnachtsmesse des Hamburger Gewerbevereins im Großen Saal. Als Redner sprachen u. a. Bürgermeister Werner von Melle und der Vorsitzende des Gewerbevereins Johannes Hirsch. Formell wurde der langfristige Mietvertrag zwischen der Stadt Hamburg als Vermieterin und der Gewerbekammer am 4. September 1917 unterzeichnet. Er war befristet auf 20 Jahre (also bis 1937). Dieser Mietvertrag wurde 1937 umgewandelt zu einem Erbbaurechtsvertrag mit einer Laufzeit von 75 Jahren – also bis 2012. Die Vertragsänderung wurde am 3. Dezember 1937 feierlich in und vor dem Gewerbehaus begangen, und zwar als besonderes politisch zu verstehendes Geschenk der neuen Herren Hamburgs für das Handwerk. Entsprechend wurde die Feier gestaltet.

Der damalige Kammerpräsident Arnold Petersen war Mitglied der NSDAP und seit 1936 Mitglied im Reichstag. Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann kam zu diesem Ereignis in die Handwerkskammer, bei der auch Marmorbüsten von Adolf Hitler und des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg auf kleinen Podesten in der Vorhalle enthüllt wurden. Für diese Veranstaltung war vor dem Gewerbehaus ein Podium aufgebaut und das Gewerbehaus wurde von großen Scheinwerfern angestrahlt. 3000 Fackelträger am Straßenrand entlang des gesamten Holstenwalls und insgesamt 30.000 Handwerker waren mobilisiert worden.siehe Berichterstattung in Hamburger Nachrichten, 30. Nov. 1937Hamburger Nachrichten vom 4. Dezember 1937 Uebergabe des Gewerbehauses an das Handwerk

Im Jahr 1989 konnte die Handwerkskammer Hamburg das Grundstück plus Gebäude von der Freien und Hansestadt Hamburg kaufen, damit im Innenhof eine dringend notwendige Tiefgarage errichtet werden kann. Nachdem die Einrichtungen der stillgelegten großen Lüftungsanlage unterhalb der Dachhaut demontiert war, konnte auch das Dachgeschoss für Büro- und Seminarräume ausgebaut werden. Mit der bisherigen Laufzeit des Erbbaurechtsvertrags bis 2012 wären diese umfangreichen Investitionen nicht erfolgt.

Seit der Neufassung des Hamburger Denkmalschutzgesetzes im Jahre 2013 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Bauliche Veränderungen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche bauliche Veränderungen im Hamburger Gewerbehaus vorgenommen, sie betreffen sowohl die Innenräume, aber auch teilweise die Fassade (z. B. Ludwig Kunstmanns goldene Medaillons mit sechs verschiedenen Koggen).

Eingangshalle mini|Die Eingangshalle und das Haupttreppenhaus (Situation heute) mini|hochkant|alternativtext=Totalansicht des Brunnens in der Eingangshalle, Perspektive leicht schräg von links vorn|Der Fortunabrunnen von Artur Storch, Aufnahme von 1921 mini|Die doppelseitige Uhr über der Eingangstür zur Eingangshalle mini|Die ursprünglichen Hängelampen in der Eingangshalle mini|Im Haupttreppenhaus: Eines der Fenster mit Innungszeichen, hergestellt vom Glasermeisters Ewald Kerlin in den 60er Jahren